Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2790 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 2 Wien, Freitag Wiener Mvrsenzettnns «MlWe »der jüdil-e ««leihe. —y, Wien, 3. Dezember. 0,uc Anleihe von viereinhalb Ml i)nen Pfund ist vom englischen Unterhaus für die Palästina-Regierung bewilligt worden. Der englische Kolonienminlster hatte im Sommer die Vorlage persönlich vor d^m FinanzmtSschi,ß> vertreten und damals auf die günstige Entwick.'ng Palästiiias vermiesen, die es rechtfertige, daß man der weiteren Zukunft mit Verträum entg«-gensehe. Der Minister hatte es dama s nicht unterlassen, die Verdienste der PaAsti m-Regierung um d^is Gedeihen des Landes zu betonen und er hob auch mit Wärme hervor, daß sich dieses Mün^.-atsgebiet des Friedens erfreue. Seine Darlegungen wnr'en von dem Ausschuß mit einer kurzen D.'batte beantwortet, in der mehrere Redner der Arbeiterpartei sich nach dem Stande der sozialen Gesetzgebung und nach dem Verhältnis zwischen Arabern und Juden erkundigten Die Tatsache, daß das Land Mandatsgebiet ist, wurde in ihrer politischen Färbung nicht berührt. Es ist aber sehr notwendig, dies jetzt zu tun, wo Außer dem Anleihepwjekt der englischen Regierung auch die Erklärungen Wedgewvods und Jabotinslhs vorlieg n. die nach dem Wschluß einer Reise durch Palästina abgegeben wurden. Zu. ihnen gesellen sich die Stimmen aus der jüdischen Bevölkerung. Der Terror aller dieser Ausführungen ist der de Unzufriedenheit mit der Art, in der die Verwaltung arbeitet. Die Schwierig?.iren Eng'ands seien nicht unterschätzt; aber es will sehr oft scheinen, als ob sie manchmal zu stark betont werden, um nur den eigentlichen Zweck des Mandates zu überiönen. Es ist ein langer Weg von „Palästina so jüdisch wie England englisch" des Ministerpräsidenten Lloyd George über das Kulturzentrum, des Churchillschen Weißbuches bis zur Gleichberechtigungsthese der jüngsten Zeit, die sich in der Aufstellung des Arierparagraphen im Grenzko.ps manifestiert. Diesen Weg mußten wir mi-gehen und es besteht heute die stärkste Besorgnis in Palästina und innerhalb des Zionismus, daß diese Zielrichtung auch weiter in Geltung bleiben wird. Der JeruVemer Berichterstatter der „Wiener Mvrgenzeltung" führt in jedem seiner sicherlich verantwortungsbewußten Briefe eine Menge von Tatsachen an, die diese Sorgen bekräftigen, und wir können hier in Wien in der „Reichspost", die aus dem lateinischen Patriarchat in -Jerusalem informiert wird^ die nur schwach verhüllte Freude über die jüdische Unzufriedenheit annonciert sehen. Wenn man nun . von der Anleihe auf dcm britischen Geldmarkt hört, so kann man sich beä Eindruckes nicht erwehren, daß Palästina zumindest nicht einmal wie -ein Glied des britischen Bundesstaates behandelt müb. Dein im Kriege besiegten Deutschland wurde eine Frist von 60 Jahren für seine Reparationen gesetzt; der Republik Oesterreich wurde die GeNerachypothek für zwanzig Jahre gestundet.- Palästina jedoch, das noch nicht entwickelte und noch sehr mangelhaft organisierte Wirtschaftrgebi't, mußte bereits nach sieben'ädriger Arbeit seinen.Budgetüberschuß von 1,2 Mi iionen an den englischen Fiskus abführen, eine Dumme, die im Lande selbst außerordentlich großen Nutzen hätte bri ngen können. Das Land muß jetzt aus der Anleihe wieder zrvei Millionen zurückzahlen und dies inmitteneiner schweren Wirtschaftskrise, die es unbedingt gefolgert hätte, daß jeber Schilling produktiv verwertet wird. Bon der aus der Anleihe verbleibenden Restsumm-' werden zum größten Teil militärpolitische Investitionen vorgenommm; man spricht von dem ÄUsbau des Haifaer Hastns zu beherrschender Marinestation im. Mittelmeer und von Ei'enbah bautm. Mer es ist einstweilen noch unbekannt, welcher Art diese B m!eit sind, wann sie beginnen und ob sie die jüdische Arbeiterschaft werden alimentieren können. ES ist jrdenfalls aber auffällig, baß die Frage, ob der große Hafen in Haifa oder in dem ägyptischen. Port Fuad errichtet werden soll, urplötzlich wieder auftaucht, nachdem sie schon entschieden schien und daß auch schon Zweifel daran bestehen, ob die Petroleumleitung von Mvssul nach Haifa zustandekommen wird. Palästina ist Mandatsland, dazu bestiinmk, die Heimstätte für das jüdische Volk zu werden. ES-ist klar, daß alle Bestimmungen über die Ausschließung und Produktivierung — so begrüßenswert sie. an sich sind — doch im Einklang mit bett jüdischen Bestrebungen stehen müssen. CS wäre deshalb vorzuziehen gewesen, daß die Anleihe für Palästina auf einem anderen Wege erfolgt wäre, in einer Weise, die zugleich vor der Welt die Probe erbracht hätte, ob die jüdische Arbeit, die ja allein Palästinas Gedeihen verbürgt und den Frieden sichert, des Vertrauens wert ist. Eine durch dm Völkerbund, garantierte Anleihe, ähnlich wie die Änsickwlungsankeihen für Griechenland und Bulgarien, «Her zum Zweck der Aufrichtung der Mischen Heimstätte, wäre ungleich imposanter, aber auch ungleich produktiver gewesen. In diesem Blatte hat Robert Stricker wiederholt diesen Gedanken vertreten, aber d,ie zionistische Organisatkon, die zu ihver weltpolitischen Position so wenig Vertrauen hat, daß sie sich um sie gar nicht kümmert, setzt lieber ihre Hoffnungen Ms reiche amerikanische Iudm, die, selbst den besten Witten vorausgesetzt, nicht im entferntestm die Merbekraft für Pa- Astina darstellen, die eine Garantie des Bö Verbundes in sich schließt. Es wird viel Aufmerksam'eit der zionistischen Exekutive notwendig sein, um wenigstens aus dieser englischen,'nicht jüdischen Anleihe, die schließlich doch aus der Wischen Arbeit basiert ist, die notwendig» Kräftigung der Mischen Produktion herauszuholm. IabotiM i« Berlin. Die Forderavg »ach vee Wisch»» Mehrheit m Palästina. Berlin, 1. DegenBer. (I: T. Ä.) Sonntag mittags sprach hier dcr aus Wien eingetroffene Führer der Zionisten-Revlsionisten Wladimir Jabot ins ky vor einem sehr zahlreichen PiMkum Über seine Eindrücke in Palästina. Der ganze Sinn des Zionismus, sagte der Redner, liegt \ti der Schaffung einer jüdischen Mehrheit, sonst bleibt die jüdische Siedlung in Palästina ein Ghetto in anderer Fora., und Ghettos haben wir genüg. In Palästina lebcn rund 700.000 Araber und noch keine 200.000 Juden. Die natürliche Dermchrung des arabischen Elementes schreitet infolge der Besserung der arabischen Position rasch vorwärts. Die Politik des Zionismus muß darauf gerichtet sein, schon ln einer Generation die jüdische Majorität zur Tatsache, werden zu lasten. Ohne diese ist alle Anstrengung, ist alle Energie und alles Talent nutzlos vertan. Jabotinsky führte Beispiele an, wie die aufkeimende jüdische Industrie im Lande durch die Verständnislosigkeit und den schlechten Willen der Administrationsbehörden an allen Ecken und Enden g.hemint wird. Er nannte die Austeilung und Verwendung der Vlereinhalb-MillioneN'Pfund-Anleihe der Palästina-Regierung sinnlos. Er kritisierte die Methoden der Verwaltung im einzelnen und führte an, daß z. B. im Bezirk R a m l e h, wo die Juden etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, kein einziger Jude als Beamter tätig ist. Im Bezirk Jaffa mit mehr als der Hälfte jüdischer Bevölkerung, gibt es in der oberen Beamtenschaft keinen Juden, in der niederen Beamtenschaft 6 Prozent Juden. Es wächst eine neue arabische Jugend heran mit ihren eigenen Heldenidealen; sie wird von jungen arabischen Lehrern in 200 Regierungsschulen erzogen; die kommende Fellachen-Generation wird ganz anders geartet sein, als die jetzige. Wenn nicht bis dahin die jüdische Position durch eine sichere Mehrheit gefestigt ist,' so wird alk:s nutzlos vertan sein. Eine Schutzmacht existiert in Palästina nicht mehr. Die Landkau fverhältnisse sind für die jüdische Kolonisation denkbar ungünstig. Das Neutralisationsgesetz und die Methoden seiner Anwendung sind unter jeder Kritik. Die jüdische Bevöterung trifft deshalb keine Anstalten, sich naturalisieren zu lassen. Es ist die^ ' ein stummes Plebiszit .dcs jüdischen Volkes. , Der Redner entwickelte sodann das. revisionistische Minimalprogramm (besten Grundzüge er in dem Interview in der „Wiener Movgenzeitung" vom 28. November erläutert hat) und forderte dann die ungesäumte politische Offensive des Zionismus. Er ist überzeugt, daß die Idee der Sittlichkeit und G e r e ch ti g k e i t die Welt erobert. Es ist eine dem Ghetto-Schmutz entsprungene Meinung, daß alle „Gojim" Judenhaster seien und nie etwas sür die Juden tun werd.n. Die Völker haben die Welt geschaffen, die materielle und die sittliche Welt. Die sittliche nicht zuletzt. Wenn die Gerechtigkrlt und die Moral, auf unserer Seite ist, so wird und mußes uns gelingen, das britischeBolk und die anderen Völker, den Völkerbund, von unserem Recht zu t'vberzeugen. Man zwingt die Welt heute > nicht mit der Faust, sondern mit dem Gewissen. Das jüdische VoK wird nicht erfolglos an die Völker der Erde appellieren. Jabotinsky schloß: Man schicibt die Schuld am Mißerfolg zum Teil auf das jüdische Volk, zum Teil auf das Land, zum Teil auf England.. Ä l l e s falsch. Das Volk ist gut, das Land ist gut, apch England ist gut; schlecht ist die Leitung, und die kann man ändern. Keine Aenderuug des Gemrindewah^geseheS. Jerusalem, 1. Dezember. Die P a l ä st i n a - R e g i er u n g gibt bekannt, daß das am 12. Oktober verkündete Gesetz betreffend Wahlen in die Gemeinden unverändert bestehen bleibt. Somit sind alle Abänderungsvorschläge des Waad Leumi betreffend Gewährung des Wahlrechtes an die Frauen und Herabsetzung des Wahlalters, sowie um Gewährung des Wahlrechtes auch an kl^ne Steuerzahler, abgelchnt. Rede» Sokokow» «nd Lvpenhekmers i« granffiKt. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) a. M., 2, Dezember. Auf seiner Durchreise nach London hielt sich d->r Pväschmt der zionistischen Exekutive, Herr Ncchum Sokolow, in Frankfurt a. M. auf. Ihm zu Ehren fand ein von der Frankfurter zionistischen Organisation vevausiaffeter Brgrüßungsabend statt. Bü dieser Veranstaltung, die der Werbung für den Keren Hajessod galt, sprach Sokolow arlssührlich über das Grundproblvm der zionistischen Idee. AuS seinen geschicht- *'S)en Erinnerungen konnte er berichten, wie stark gerade die Wiederbelebung her hebräischen Sprache bei den maßgebenden Politikern der Entenle-Näch'e während des Krieges für die Erlangung der Bal'ourdck arasion gewirkt habe. Eingehend würgte Sokolow die außerordentlichen Leistungen der südafrikanischen Juden sür den Pa» lästknaaufbau sowie die Tätigkeit Weidmanns in Am^i'a. z GS gelang an diesem Abend, die neue Keren Kajeskod-Mton 3. Dezember 1SZ6 Nr. 2780 H? ng % 1,1 ^WWDWWW^!'» M 1 I11 "Bö NIZZA1* mlon r. Af«i«« »««nt Ganz neu, mir modernstem Komfort elflgerlchtefc ßrstklassige, streng koscher» Küche unter Aufsicht des Rabbi* Illustriert» Prospekte auf Verlangen kostenlos wt mit besoliderem Crsotge zu beginnen, denn öS wurden spontan 30.000 Mar? ge^cilM t. Dann sprach Franz Oppenheimer, der sich entschieden gegen die Auslegung seiner Reben in der antizionistischen Presse wandte. Er äußertesichin durch ausoptimistischer.Weise. Allerdings sei er der Meinung, daß die Entwicklung eine gewisse Zeit bc nötige. Das Fundament sei die Lärchwivtschüft. Er selbst sei Optimist und k>ime trotz aller zeitweiligen Differenzen deshalb immw wieder zur Arbeit am Zionisinus zurück, weil er von der hohen menschlichen und Übernationalen Mission der zionistischen Bewegung überzmsi sei. Die Renaissance des jüdischen Volkes könne dev Menschheit die stärkst.n Werte geben. < Außerdem folgten Ansprachen deS Pväsibenien der Frankfurter zionistischen Organisation, Ingenieur Grünstein, des Gemeinde abbiners und Vorsitzenden der Miscachi-Organisation, Dr. Hoffmann, Und deS Herrn Berger vom Kcrcn Hajessod, der für die herziiche Aufnahme in Frankfurt a. M. dankte. 6fr Ronald Star«' MWed von Palästina. Jerusalem, 26. November. (I. T. A.) Die jüdische Gemeinde von Jerusalem gab zu Ehren des scheidenden Jerusalemer Gouverneurs Sir Ronald S t o r r s, der nach Cypern versetzt wurde, um dort sein neues Amt als Oberkommisiür anzulreten, einen Abschiedsabend. Ansprachen hielten Vertreter des jüdischen Ecmeinderates, des Waad.Leumi und der Sephardischen Gemeinde. . .. , In seiner Dan-krede sagte Sir Ronald S t o r r s u. a.: „Ein britischer Beamter in Palästina steht neben den sonstigen Vcvwaltungsproülemen einem ganz einzigartigen Problem gegenüber, und da sind Fehler nicht zu vermeiden." Er wünsche aber, daß die Amresenden es wüßten, daß er Palästina als Freund^ verlasie. Er wünsche der jüdischen nationalen Idee den besten Erfolg und werde, wo immer es sei, an ihrer Verwirklichung mittuu. (Sir Storrs, der arabischer Mlunst ist, hat sich -wahrend seiner Amtstätigkeit in Palästina als entschiedener Gegner des jüdischen Aufbauwerkes betätigt. — Die Red.) Ile Gerüchte Wer Attentate, auf 9Ruffo!fnl Rom, 2. Dezember. In -Jt-alien liefen , heute Gerüchte über ein neues, auf Mussolini verübtes Attentat um. Alle Nachrichten darüber sind ober völlig aus der Luft gegriffen. Mussolini hat den ganzen heutigen Tag mit Besprechungen über die neue Gowerkschaftsordnung und über deir bevorstehenden Piäsektenschüb, im übrigen aber gänzlich unbehelligt, verbracht. Äslidge «n» Lontz Lommh. ‘ Ging, oben des Kriegsbeils: Washington, 2. Dezember. Wie die Blätter berichten, ist dicstr Tage der formelle Friede zwischen den Bereinigten Staaten und — dem Stamm der Seminolew- Indianer in Florida abgeschlossen worden. Der Häuptling dos Stanmies, der nur noch aus 800 Männe r n besteht, hat an den Präsidenten Coolidge sin Schreiben gerichtet, worin er der Regierung der Vereinigten Staaten her Vorschlag macht,, den s.eit,l687 bestehenden Kriegszustan-d zwischen den Seplinolen-Jndlanern und den Vereinigten Staaten zu beenden. Der casus belli sür die Seminolen bestand darin, daß die Truppen der Vereinigten Staaten den Häuptling O s c e o l a gefangen nahmen, als dieser mit weißer Fahne zur Zeit eines Waffenstillstandes in ein Lager der amerikanische Truppen kam. Der Krieg der amerikanischen Regierung gegen den Jndianerstamm kostete in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts viele Millionen Dollar und zahlreiche Menschenleben. Die Semin-olen-Jndianer wurden nie gänzlich besiegt und bewahrten bis in die Gegenwart ihre volle Unabhängigkeit, ohne die Union anzuerkennen und ihr den Treueid zu leisten. Mit seinem an Coolidge gerichteten Brief gibt der jetzige Häuptling Tony Tommy zu erkennen, daß die Sem in ölen bereit sind, das Kriegsbeil endgültig zu begraben, die Regierung der Vereinigten Staaten anzuerkennen und mit ihrem Präsidenten die Friedenspfeife zu rauchen. Berstnvekungen in der Mechollovatifchea Liplomalie. Prag, 2. Dezemiber. Dsr Deutsche Nachrichtendienst mes!det: Der bevollmächtigte Mn-iister Dr. Girsa geht als diplomatischer Vertreter nach Warschau und wird gleichzeitig die Vertretung bei den baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland übernehmen. An Stelle Dr. GirsaS, der bisher den Wutzenmintster Dr. Benesch in seiner AkloesenW vertrat, wird der bisherige Berliner Gesandte Dr. Krosta nach, Prag berufen. W>siterS werden in. die Präger Zentrale der Gesandte ln Gchtveden, Dr. Ra Lims ky, und der Gesandte in Jugoslawien, Seda, berrrfen. «