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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-02 · Heft 2789 (2.12.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2789 (2.12.1926)
Date
1926-12-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gelte 4 Wien, DonwerSta- 9StMW 8. D-rembik 10K Jh. 2789 Krkre int Slallonalrat. Im Nationalrat geht jetzt allewie am GchnÜtk. Der Budgetausschuß hat Ostern nach einer sehr gründlichen Beratung bie Kapitel „Innere-" und „Aeußeres" des Budgetvoranschlages angenommen, und eS steht zu erwarten, daß der Voranschlag etwa Ende nächster Woche in- Plenum gebracht und Mn in der dritten Dezemberwoche verabschiedet werdm ivird. Di.se Wendung der Dinge trat ein, nachdem Dr. Seipel die Parole der Opposüion: „Sozialversicherung oder vor* zeitige Neuwahlen" aufgegrlffen hat. Nach der Lnthüllungskampagne der letzten Monate scheinen nämlich in allen Parteilagern diejenigen Abgeordneten Ober-» wasser bekommen zu haben, denen die versprochene Reinigung des öffentliche» Lebens nur Ungelegenheiten bereiten könnte. Für eine Hinausschiebung de -Termineder Neuwahlen werden daher von recht- und links Opfer gebracht. De. Seipel bewilligt die Verlängerung der Ärveitslosenunterstühung um eia weiteres Jahr, verspricht die Sozialversicherung mit Staatszuschuß usw. Die Sozialdemokraten stellen dafür ihre ganze KorruptionstötungSkampagne ein, lassen das Budget und noch manch andere Regierungsvorlagen durch Bemerkenswert war in der gestrigen Sitzung des Budgetausschusses d.r konziliante Ton, in dein sich die Beratung abwickelte. Dr. Eisler beweihräucherte das Werk des verflossenen Kanzlers Dr. Ramek, die Berfassungsreform, ja er bemängelte es sogardaß mit der Sache nicht mehr Aufhebens gemacht wird. Nicht einmal die Kontroverse über die verschiedenen Parteigarden — hier republikanischer Schutzbund, dort Frontkämpfer —- ließ di: Leidenschaften ausflammen. Die Christlichfozialen frotzelt:» zwar die Sozialdemokraten mÜtzitt- »veisen auf die Linzer DiltaturdcÜatte. Diese gaben aber zu verstehen, daß sie es mit der Diktatur nicht so ernst meinen. Derselben Anschauung war schließlich auch Dot- Seipel, der immerhin die Pastorale Mahnung hinzusetzte, daß man doch im Ausland die stanographischm Protokolle dis Linzck Parteitages vielleicht nicht ganz genau lese und baß dort tnsolgtzdessm leicht «ine ungünstige Meinung über Oesterreich entstehen könnte. Augenblicklich herrscht holder Friede und süße Eintracht unter den Nationalratspartcien. Die Furcht vor dem Urteil M Wähler scheint eben den Mgeordneten. ein wenig bange gemacht zu haben. r« «ereimnvtzM rav der Sra« Sans«, v-vkieot. Exhumierung der Leiche. Am 17.. Dezember 1SS0 starb unter rätselhaften Umstünden die Lljährig« Tochter der Burgsck-auspielerin Babette Devrient-Rsinhold, Frau Dust Hauser-Devrient. Allgemein wurde angenommen, daß ste Selbstmord verübt habe. Zwei Jahre später erfuhr die Mutter, daß ihre Tochter durch Trinken einer Zyankali lösung aus dem Leben geschieden sei, wag durch einen A b s ch i e d s b r i e f der Tochter erhärtet zu sein schien. Die Mutter will aber auf den ersten Blick erkannt haben, daß die Schrift der Tochter gefälscht war. Cs wurden nun all-e Hebel in B wegnng gesetzt, Aufklärung über den Tod der jungen Frau zu schaffen. Verschiedenartige Gerüchte gaben dem Gatten der Verstorbenen, Dr. Ernst Hause r, die Schuld an dem Tode. Gestern vormittags um 9 Uhr wurde von der Staatsanwaltschaft auf Ecfuchen der Mutier der Leichnam der Verstorbenen auf dem Döblinger Fri'dhof a u S der Grult gehoben. Aus den Fugen des Sarges rann eine Flüssigkeit, von der hie Gen.Würzte eine Probe zur Untersuchuttg an sich nahmen. Tie Ocffnung des Sarges erfolgte im gerichtSm-edizinischen Institut. Die Untersuchung der Leichenteilc wird, wie verlautet, längere Zeit in Anspruch nahmen. Was lehrt die Wiener Anden ihre Statistik? Bon dr. Leo Solshammer. Gassen wir -die Ergebnisse unserer statistischen Untersuchungen, die in der „Wiener Morgenyeitung"*) veröffentlicht waren, zusammen, so müssen wir zunächst feststellen, daß die Juden Mens alle jene Eigenschaften, m gutem wie in schlechtem Sinne, austveisen, die wir bei einer jeden großstädtischen Bevölkerung beobachten können, das sind: geringere Zahl der Ehe- Mietzungen, verminderte GeburtenMer, erhöhte Ausirittsbewegung. starker Drang nach Bildung, größeres Verlangen nach Befriedigung kultureller und künstlerischer Bedürfnisse usw. Nichtsdestoweniger bildet die Judenschaft Wiens eine in sich geschlossene Ganzheit, die sich von den Nichkjuden nicht bloß durch ihre G v - danklichkeit, ihre Konfession und (was nicht von allen.zugestanden werden will) durch ihre Nationalität, sondern auch durch mehrere, nur bei ihr zu beobachtende Eigenschaften abheibt. Schon die Medlungssorm der Juden ist eine ganz andere als die der Nichtjuden. Von. den 891.618 Juden Wiens wohnen in vier Bezirken OLeoipMstadt, Alsergrund, Innere Stadt und Brigittenau) allein 111.606; also ungefähr in einem Fünftel der Wiener Bezirke leben mehr als 60 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens. Wenn wir die vier weiteren judenstarken Bezirke Mariahilf, Neubau, Josefstadt und Döbling dazunahmen, so ergibt sich, daß d r e i V i e rt el der gesamten jüdischen Bevölkerung in diesen acht Bezirken konzentriert ist. Es tritt also auch hier das 'hei dm Juden in der ganzen Welt zu beobachtende , Bestreben der Konzentration, mw zwar nicht blotz in den einzelnen Kulturzentren, sondern innerhalb derselben, auf einem ganz engen Gebiet, das von Juden bereits stank besiedelt ist, zutage. Beyivke mit geringer Mischer Bevölkerung nehmen nicht nur nicht an Zahl zu, sondern vermindern sich von Jahrzehnt zu JahW'bnt, wie es zum Beispiel die Bezirke Simmering und Floridsdorf zeigen. Die von den Juden bmonzugten Bezirke gehören zu denjenigen, die die schlechtesten Wohnverhältnisse ausweisen. Wir besitzen keine ssfigiellen statistischen Erhebungen darüber, wieviel jüdische Haushalte es in Wien Mt. Im Jahrs ISIS wurde vom Jüdischen Natiandrst der Versuch gemacht, die Kleinwohnungs-Verhältnisse der Juden im 3- und 30. Bezirk zu ermitteln; das Resultat war ein erschreckendes: Mehr als fünf Personen kamen auf einen Raum. In der Tat kann man lediglich auf Grund oberflächlicher Beobachtung die Behauptung aufstellen, .daß di« Juden in den schlechtesten Wohnung« Verhältnissen Wiens leben. Di« durch die Gemeinde Mm geschaffenen neuen Wohnungen kommen für die jüdische Bevölkerung fast gar nicht in Betracht. Obwohl eine die Konfession HMÄ- #) „Die Juidm Wiens«, eine statistische Studie, vervstentlicht in der „Wien« MvMWiwng* von, SS. Suli, U S., SS. und 29. August, IS. und B. September, Y., 31. und 80. DWofi}* 1866. sichttgende Zählung der in den neuen Gemeiudehäusern unterig>?brachten Parteien nicht vorhanden ist, so kann doch erfahrungsgemäß ohne-weiters angenommen worden, dah nicht einmal 1 Prozent dieser Wohnungen süd'scher, Familien zugöwiesen worden sind. Die jüdische Bevölkerung ist demnach gezwungen, nicht nur in den schlechtesten Wohnungen m\S unglaublichem Belag zu leben, sondern auch die t e u e r st e n M i e t p r a i f e zu bezahlen, wenn sie überhaupt zu einer Wohnung kommen will. Der Zuwachs der jüdischen VevMerimgszahI innerhalb der Jahre 1010—1923 ist um 8.9 Progent kleiner als in dem vorang?gangenen Jahrzehnt 1900—4910, und cs ist zu erwarten, daß die andauernd erschwerte Zuwand entngsmöglicljkeit auch weiterhin auf die jüdische BevölkerungsMer drücken wird. Bei keinem Bevölkerungsteile Wiens kommen die nachteiligen Wirkungen der GinwincherungS- und Aufenthaltsbrsiimmungen sowie des Inlandsarbeiterschutzes so zu-m Ansdrucke, wie bei den Inden. Die Zahl dcr E h e s ch l i e tz u n g e n ist bei einer großstädtischen Bevölkerung an und für, sich niedriger, als hei einer agrarischen oder kleinstädtischen. Sie ist aber bei dm Juden noch außerdem bedeutend kleiner als bei den Nichitjuden und in stetigem Mnchmen begriffen. Dazu kommt, daß die Zahl der im n i ch t h e i r a t 3 - fähigen Alter stehenden Personen hei den Juden stets größer ist, als bei der übrigen Bwülftrung. DieMischehen wachsen hei den Juden ununterbrochen an. Obwohl die auch für Nichtjuden ln den kleinen Orten bestehenden Hemmungen und Hindernisse in der Großstadt in Wegfall kommen, ist die Zahl her gemischten Ehen nichtsdestoweniger im Jahre 1933 zehnmalso groß als bet den NickMuden. Als verstärkendes Moment mtt der nur bei den Juden zu beobachtende bedeutend« Abgang an Frauen hinzu.' Mährend bei der nichtjüdlschen Bevölkerung ein, wenn auch kleiner, Gebmtenübersch'uß konstatiert werden kann, finden wir bei der Mischen Bevölkerung ein fortwährende» Sinken der Geburten* zi ffer. dagegen m stet i ges Anwachsen der Todesfälle, so daß seit dem Jahrs 1910, mit wenigen, durch die krährend der Inflationszeit eingetretenen Berhättnisse hervorgerufenen Ausnahmen, kein Geburtenüberschuß mehr vorhanden ist. Beunruhigend muß auch die stetige Zunahme der A u s t r i t t e aus dem Judentum wirken. Im Jahre 1939 war ihre Zahl doppelt so groß als in dem Jahrfünft 1901-4906, das ungefähr eine Generation zurückltegt. Wenn auch bei der nichtjüdlschen Bevölkerung, und da speziell bet der katholisch«^ in den ersten Nachkriegsjahren ein erhebliches Anwachsen der Austritte zu beobachten war (vornehmlich auf die freldenkerische Propaganda der Sy-iakdömokratm zurücksuführen und auf die in Oesterreich noch immer geltende Gesetzgebung, wonach katholisch geschiedenen Personen die Wiederverehelichung nicht gestattet ist), so scheint doch bet der nichMdischett DevSSükUNg der Sättigungspunkt erreicht zu sein. Die Jude« ftttve« früher als dt« übrige Bevölkerung. Wir konnten feMllm, daß in der Altersklasse unter 10 Jahren mehr Juden vorhanden sind als Nichtjuden, daß dagegen das Vekhältnis in den Altersklassen von 80 bis 40 und 40 bis 50 Jahren bej den Juden ein ganz anderes ist als bei den Nichlijuden, und daß schließlich viel weniger Juden ein Alter von 60 bis 70 oder gar über 70 Jahren erreichen. Auch im S ch u l b e s u ch kommt die Sonderstellung der Juden den Nichtjuden gegenüber -um Ausdrucke. Hrer dürfte wohl vor allem die den Juden angeborem Hochschätzung der reinen Geistigkeit, beziLhungsweise das Streben, sich mit rein geistigen Problemerr zu beschäftigen, bie Ursach« hiafür sein. Ebenso ist die Kriminalität der Juden gang anders geartet, als die der Nichtjuden; bei den Juden erstreckt sie sich fast ausschließlich auf VerufZ.delikte. Wenn es auch richtig ist, daß die jüdische Bevölkerung keine einheitliche WirtschaftsgMwe bildet oder — mit anderen Worten ausg.'dvückt — daß die Juden nirgends und somit auch nicht in Wien einen geschlossenen WirtschafLSkörper bilden — ist doch dasEndziel der zionistischen Bewegung die Schaffung eines gsschllossenen Wirtschaftskörpers! —- wenn wir also innerhalb der jüdischen Masse fast die ganze reichhaltige Lagerung der auch sonst bei den anderen Völkern vorhandenen Berufs- und Standesschichten finden. so ist dennoch das zahlenmäßig e V e r h a l t n i S, in welchem die einzelnen Vevölkcrungsschichien innerhalb der Judenhekt zueinander stehen, ein ganz a n d e r e S als bei d«r nichtjüdischen Bevölkerung. Zunächst sei hier nochmals mit der Legende, die auch bei jüdischen Schriftstellern ihren Eingang gefunden hat, aufgeräumt, daß bei den Juden viel weniger Personen berufstätig sind als bei den Nichtj-uden. In Wien ist ihre Zahl sogar etwas größer als die der Nichtfuden (64.09 Prozent gegeM'ber 69.09 Prozent). Auch die Zahl der im Haushalte mittätigen Personen ist bei den Inden viel größer als bei den Nichtjuden (46.33 Prozent gegenüber 49.76 Prozent). Lediglich die Zahl der Baruflosen ist bei der jüdischen Bevölkerung etwas höher > als die der nichtjüdischeu (10.4 Prozent gegenüber 7.76 Prozent), eine ganz selbstverständlich? Erscheinung. weil, wie wir bereits konstatiert l)aben, in der Altersstufe bis zu 10 Jahren bei den Juden viel mehr Personen vorhanden sind als bei den NickMuden. In der Kategorie Industrie und Gewerbe" ist der Anteil der JrHen, viel, niedriger als der der nichtjüd'schen Bevölkerung, wogegen das . umgekehrte Verhältnis in der Kategorie „Handel und Verikehr" zu beobachten ist. Auch die Anteilnahme der^ Juden in der Kategorie der „freien Berufe" ist eine viel stärkere als bei der sie umgebenden Bevölkerung. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier ausführlich auseinanderzufttzen, wie es überhaupt zu dieser ganz eigenartigen Berufs- und Standesschichtung derJuden gekommen ist, die im Endeffekt ein ganz entgegengesetztes Bild bietet als die der niMüdischen Bevölkerung. In Kürze sei nur darauf hingewiesen, daß unter den rechtlichen und wirtschaftlichen Verl-ältnissen im Mittelalter und sodann in den frülh- und spätkapitalistischen Zeitp'rioden die Juden förmlich dazu gezwungen wurden, die Träger der G e l d w i r ts cha f t zu sein, wählend die nichtjüdische Bevölkerung fast ausschließlich hie Träger der Naturalwirtschaft stellte. Der Jude war immer und üb.'rall gezwungen, jene ökonomischen Funktionen zu erfüllen, die von der Ortsbevölkerung noch n'cht genügend erfüllt werden konnten. In dem Moments, wo die Ortsbevölkerung so weit war, dah sie selbst diese Funktionen auSiiben konnte, war der Jude überflüssig und mußte zum Wanderstab greifen. Darin ist vor attem der Grund der fortwährenden Judenwanderungen zu erblicken, während die von vielen Mischen und nichtjüdlschen nationalökonomischen Schriftstellern alS Ursache angesehenen politischen Gesetzgebungen und Pogrome lediglich als verstärkende Momente für diese Emigration in Betracht kommen. Wir wiederholen sicherlich einen bekannten Gemeinplatz, wenn wir änMren, daß die Zukunft der Stadt Wien nur darin zu erblicken ist, daß ste den U m s ch l a gplatz für den Handel nach dem Osten, bzw. in dis Levante bilden m^ß: daher auch das Beistrchen nach dem Ausbau des Donauhafens zum Freihäfen. Wird dieser Grundsatz a!S richtig anßefehsn» so ist die gan-e WrifchaftSpottttk, die jetzt betrieben wird, samt allen in Ihrem Gefolge ergriffenen wirtschaftlichen Maßnahmen jedem veniünftigen Menstk-n unverstän-dlich, richten ste sich doch fast zur Gänze gegen den Handelsstand. Daß dabet die Mische Bevölkerung Wiens am fchlech« testen davonkonMt, weil ste den größten ProMtfatz in dieser Wirtschaftskategarie stellt, ist klar. Als eine von den Mischen Nattonalökonmnen bereits als feMchend angesehene Theorie galt vor dem Kriege die von der Poale-Zion ausgestellte Tl)eoris von der sogenannten „Nichtprsletarisierung" des jüdischen Arbeiterstandes, die auch noch heute statistisch belegt werden kann, wonach die jüdische Arbeitevschaft fast überhaupt nicht in der Jndu-

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