Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-12-02 · Heft 2789 (2.12.1926) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2789 (2.12.1926)
Date
1926-12-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981876--28331-3016356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mm, Donnerstag Seite 3 Ofener MfesenMim»_e. Dq-Er »ao Falsche Huadett-Schilling-Noten. klar FSlscherweMStte Io Me« ausgeh-ben. eingerichtet habe. Schäffler, der verhaftet wurde, ge* Am 22. November gab ein Gast in einer Weinhalle auf der Lerchenfelderstraße eine falsche Hunder-Schilling- BanEnote aus. Die Fälschung, die nicht besonders gut gelungen ist, wurde zu spät bemerkt und die Note erst nach einigen Tagen dem Sicherheitsbureau Übergeben. Dienstag erschien Nun ein etwa 3g- bis 40jähriger, gut gekleideter Mann in einer Tabaktrafik im 6. Bezirk und bezahlte seinen Zigaretteneinkanf mit einer Hundert-Schilling-Note, die jedoch die Verkäuferin sofort als f a l s ch erkannte, weshalb sie den Mann anhalten ließ. Er legitimierte sich als der Papierverbreter Eugen Happel, in Ottakring wohnhaft. Bei der Einvernahme behauptete er anfangs, die falsche Banknote in Zahlung erhalten zu haben, mußte aber, nachdem er als der Mann agnosziert worden war, welcher in der Weinstube den falschen Hunderter ausgegeben hatte, zugeben, daß beide Noten aus seinem Besitz stammen. Eine Hausdurchsuchung bei Happel bestärkte den Verdacht, daß er un mittelbar an der Fälschung beteiligt sei und durch weisere Erhebungen wurde festgestellt, daß Happel, zusammen mit dem 32jährigen Obsthändler Erhard Schäffler, ebenfalls einem Ottakringer, in einem vor kurzem angeblich als Papiier- und Obsllager gemieteten Magazin in der Kirchengasse eine Fälscherwerkstätte für Hundert-Schilling-Noten stand, daß er das Unternehmen, zu dem ihm Happel zugeredet hatte, mit 4000 Schilling finanziert habe. Die Werkstätte war tteü und gut eiligerichtel. Man fand außer Papiervorrat, dessen Sorte dem echten Notenpapver ähnlich ist, auch lithographische Steine, darunter einen mit der bereits vollständig gezeichneten Aversseite der Note, sowie sonstige Behelfe, ferner eine große Zahl halbfertiger Noten und drei vollständig herge st eilte Falsifikate. Unter dem Verdacht, an den Fälschungen entfernt beteiligt zu sein, wurde auch der 30jährige, in der Brigittenau wohnhafte Privatbeamte Franz S k l e n a r verhaftet. Die Fälscherbande führte, wie aus den Funden in ihrer Werkstättc hevvorgeht, genau Buch über ihre Betriebsausgaben. Bisher wurden zirka 4400 Schilling in das Unternehmen investiert; der Betrieb hat sich also nicht gelohnt, da nur fünf Falsifikate her gestellt und davon nur eines angebracht wurde. Bei dieser Gelegenheit sei bemerktdaß im August und Oktober 1V25 je eine falsche Hundert-Schilling-Note im Verkehr ststgestellt wurde, die in ähnlicher Ausführung, wie die jetzt gefundenen Falsifikate, jedoch bei weitem mehr gelungen hergestellt waren. Die Herkunft dieser falschen Hunderter ist bis heute n i ch t e r m i t t e l t.. ” Tagesbericht. Nicht gedacht soll er werde«! Ern englischer Sozialist war in Men. Parteivorstand und Zentralorgan des Proletariats, die sonst so freundlich zu jedem Genossen sind, nahmen den Engländer nicht zur Kenntnis. Das ist erklärlich. Der englische Sozialist interessiert sich für die Judenfrage und kämpft sogar für den Zionismus. Er sieht ihn als eine im besten Sinne sozialisttsche Bewegung an, die in den Orient neu« revolutionierende Begriffe von der Würde des Manschen und der Arbeit tragt. Der englische Sozialist findet sogar, daß in Palästina neue Ausdrucks- und Wirtschaftsformen sozialistischen Charakters erstehen. Er spricht in öffentlichen Versammlungen begeistert von diesen jüdischen Arbeitern, denen es vergönnt ist,, neue Werte zu schaffen^, und die in ihrem Enthusiasmus, in dem Gefühl, das der Sozialismus doch im Proletariat wecken will, gerne Mühsal und Entbehrung, Krankheit und Tob, das Risiko der Arbeit auf sich nehmen. Das ist ein Verbrechen, das Parteivorstand und Zentralorgan durch hartnäckiges Totschweigen bestrafen. Je nun, sie müssen es tragen, und sie tragen cs, so sehr, daß sie von dem Totschweigen selbst nichts wissen. Der Bannbezirk ist freilich sehr klein. Er deckt sich mit der Republik Oesterreich. Hier aber ist er gut durchgebildet, und er erstreckt sich auch auf de!l britischen Sozialisten, der in seiner heimischen Partei immerhin einiges bedeutet. Er war dort Minister für Volkswohlfahrt, und er hat auch als Parlamentarier dem Horthy-Kurs auf die Finger gesehen. Parteivorstand und Zentralorgan sind aber sehr böse auf den Gast. Er setzt sich für Juden ein! Man denke! Nicht gedacht soll er werden! Parteivorstand und Zentralorgan sind allerdings stark beschäftigt. Sie haben mit der Abfindung zu tun, die Genosse Eldersch vom. Hammerbrot-Bosel bezogen hat, und mit HerM Doktor Grucner, dem Schloßherrn von Itter. Das ist tvichtig. Es muß ja bewiesen werden, daß der Kren der bürgerlichen Presse nicht notwendig ist.. Grucner erhielt schwere Strafe. Er mußte das Referat Eldersch' über die Postsparkasse und Zentralbank anhören (und durfte nicht lacken), und er mußte dann versprechen, sich zu bessern. Er hat Verdienste um diee Partei, denn er hat doch anno Sturm den Juden keine Einreiseerlaubnis nach dem heiligen Land Tirol gegeben. Wenn dies nicht in der Konduitenliste stünde, hätte er dreißigmal abschreiben müssen: „Ich soll kein Schloß kaufen!" Es sind also wichtige Gründe, dia den Parteivorstand und das Zentralorgan hindern, von der Anwesenheit und den Vorträgen des Colonel Wedgewood dem Proletariat Mitteilung zu machen. Nur der „Abend" hält sich nicht an diese Schlveigepflicht. Er rülpst den Genossen kräftig an. Herr Wedgewoob hat bitterlich geweint, als er wieder abreiste, und er hat gesagt er werde das nicht überleben, daß der kaiserliche Rat Colbert ihn verachtet. Neuwahlen in Sowvtnchland. Moskau, 30. November. Mr Vorstand des allrussischen ZentralexekutivMsschusses hat beschlossen, die Neuwahlen in die Sowjets in bin: Zeit vom 1. Jänner bis 1. April nächsten Jahres durchzuführen. .'.SB .■■LBB5HBLJHJLL!' "■ Bismarck und Lassalle Der royalistifche Republikaner und der Sozialist. Emil Ludwigs Bismarck-Buch ist >oeben im Verlag Ernst Rowohlt in Berlin erschienen. An Geschlossenheit und Wucht der Darstellung übertrifst Ludwig hier sein Kalser-Wil- Helm-Buch. Das ist leicht zu erklären. Denn er will ja das Leben und Wirken einer schon in die Legende reichenden Persönlichkeit dem heutigen Geschlecht näher bringen. Das Buch, dessen eingehende Würdigung wir uns Vorbehalten, wird denn auch ungleich nrehr Aufsehen auf'sich ziehen, als die Biographie. Wilhelms, obzwar es bei dieser an rüpelhaftem Lärm wahrlich nicht gefehlt hat. Als Probe von Ludwigs schttderiwer Gewandtheit lagen wir hier einen Teil aus dem Werke folgen, der zwischen dem. Jahre 1866 und 1970 spielt und das Zusammentreffen Bismarcks mit Laffalle zum Inhalt hat. . . . Massiv und schwer an Körper und Stimmung. kuppelköpfig, in langsam vorschroitendem Gange, nach langer Ouvertüre, im Vorblick auf viele. Jahrzehnte, den. großen deutschen Bildgießern ähnlich, die auf ihre figurenreichen Werke ein Menschenalter wandten, die Phantasie durch Sachlichkeit gezähmt, Worte wägend und Taten vorbereitend, lieber mit Größen rechnend als mit Ideen: so stand Bismarck, der Realist, mit fast 50 Jahren am Beginn seines Werkes, gerade auf der Schwelle. Schlank, elegant und zitternd wie ein halbgezähmter arabischer Hengst trat neben ihn der Morgenländer,^ lang'köpfig, sprühend, kaum Vierzig und doch schon dicht vor dem Ende einer ungebärdig durchrannten Bahn, ein großer Zeichner, der in blendenden Skizzen seinen Formtrieb erschöpft, Phantastisch und gedankenvoll, entlaufen aus der Schule der Ideen, ins Tätige verschlagen, doch auch hier mehr mit dem hinreißenden Worte fechtend, den Blick in die Zukunft gerichtet. Jener war ganz aus der Scholle emporgsdiehen, Vorkämpfer seiner Klasse, nach einer Abenteurerjugend zu den ge- Wossenen Formen des Lebens und Besitzes zurückgelangt, aus denen er stammte, und doch als Staatsmann gefühllos, bereit, mit jedem Volk und jeder Staatssorm Verbrecherjagd auf dem Sache. Aufsehenerregender Ranbanfnll in der Inneren Stadt. .In der Inneren Stadt erregte gestern die Jagd nach emem Verbrecher großes Aufsehen. Polizei. Und Feuerwehr mußte aufgcbvtenwerden, um den Flüchtling überDächer zu verfolgen, bis seine Verhaftung gelang. Ueber den Fall erfahren wir folgendes: I Gestern um die Mittagszeit kam zu der im 1. Stock des Hauses Himmelpfortgasse 12 wohnhaften Frau Marie Oehler, der Gattin eines Rauchfangkehrergehilfen, ein Schulkamerad des Mannes namens Leopold Hofer, der ebenfalls" Rauchfangkehrer ist, und wollte den damals abwesenden Gatten sprechen. Die Frau war gerade damit beschäftigt, die Mahlzeit fertigzustellen, Und sprach mit dem Gast, der obwohl persönlich beginnt, in seinem Wesen äußerst verdächtig vorkam, nur wenige Worte. Ms sie sich bei der Arbeit bückte, zog Hofer einen großen Stein aus' der Tasche unb schlug damit der Frau auf das Hinterhaupt. Die Ueberfallene Äef laut um Hilfe und im nächsten Augenblick war der Fremde über die Stiege entkommen. Me Nachbarschaft wurde alarmiert' und die Verfolgung "des Flüchtigen aiifgenommen. Es wurde festgesteltt, daß er, statt ausdie Straße zu eilen, durch einen Seitenausgang in ein leeres Jnstallateurgeschäft gelanat war und von dort in das Haus Himzu gehen, wenn sie der seimgen nutzte; dieser als Jude und Bürger ohne Heimat, in zäher Jugendarbeit emporgeklettert, bekämpfte seine Klasse und sein Erbe, entzündete das leichtbewegte Herz an dem Aufschwung der Nation, zu der er rassemnäßig, und an dem Aufschwung der Klasse, zu der er klassenmäßig nicht gehörte. Bismarck opferte nichts, als er begann, Lassalle gefährdete alles, jener festigte Stand und Stellung, dieser verlor in Gefängnissen Freiheit und Gesundheit, und wenn jener mit 32 begann, im Stil seiner Kreise zu konkurrieren, so hatte der jüngere gleichzeitig mit 22 begonnen, den Stil der Seinigm in allem zu verleugnen. Und doch wurden beide von den gleichen Impulsen bewegt: Stolz, Mut und Haß hat den jüdischen Sozialisten wie den pommerschen Junker zum Handeln getrieben, in beiden haben diese Motive den Willen zur Macht erzeugt, keiner hat sich gefürchtet, keiner den übergeordneten Meyschen ertragen, keiner im Grunde geliebt. Wie Bismarck'das mächtigere Oesterreich stärker haßte, als er Preußen liebte, so hat auch Lassalle weniger mit denk vierten Stand gefühlt als gegen den. dritten; deshalb hat jener unter preußischen Junkern, dieser unter heran fg-ekommenen Führern keine Freunde gesucht oder gar gefunden, jener lebte nicht höfisch, dieser nicht volkstümlich, beide waren von Galle voll gegen die Beschränktheit ihrer Stände und ähnelten einander auch in Ironie, und Zynismus. Aber durch seine stabile Basis war Bismarck zeitlebens zu dienen verurteilt: er hatte den König gewählt, Lassalle die Menge. Wohnte jener in einem festen Schlosse, so hörte er doch immer über sich die Schritte eines Mannes, unter dem zu wohnen sein Schicksal war; dieser hörte niemand über sich, aber sein Schloß ivar von Lust und seine Nerven zitterten stärker vom Winde der Zukunft als von den Reihungen her Realität, die Bismarcks Nerven ruinierten. Waren beide künstlerische Naturen, so war doch der Aeltere Schachspieler gegen andere Mächte, her Jüngere nrehr Schauspieler seiner selbst, weshalb jenen Ehrgeiz, bissen Eitelkeit stärker beseelte. So kam es, daß Lassalle sich an Erfolgen und Aussichten berauschen konnte, in denen er eine fernere melpfortgasse 10 geflüchtet war. Er eilte, die Stiegen des Hauses hinauf und gelangte von dort, als Kaminfeger im Klettern geübt, über eine Mauerbank auf das Dach. Inzwischen wurde die Feuerwehr alarmiert, die sich an den Verfolgung des Flüchtigen beteiligte. Einen Sicherheitswachmann gelang es, den Hofer,'der sich in einem 'KaminWrsammenkauert hatte, Ms dem Dache des Hauses, Himmebpfortgässe 10 ausfindig zu machen und ihn mit vorgehaltenem Revolver zu zwingen, sich gefangen zu geben. Mittleriveile hatte sich eine ungeheure Menschenmenge in den umliegenden Gassen angh'alnme"t, die den verhafteten "Atten-- tztäter lynchen wollte, weil das Gerücht verbreitet w-dr,'daß er eine Frau habe ermorden wollen. Die Wache konnte ihn nur mit Mühe vor der Menge retten. 's ' Auf der Polizei gab Hofer an, er habe sich'zu dem Attentat nur Ms drückender Not hinreißen lassen. Den Stein,, der die Größe eines Kindskopfes hatte, wollte er nur'deshalb bei sich getragen haben, wn) er mifdenr'Platze, Auf'beny er zu jlhlafen pflegte, ihn als Waffe gegen einen 'bi-ssigen Hund benützen wollte. Der PlM Ku dem Raubüberfall sei Wy plötzlich gekommen, als er bemerkte, daß Frau Oehler z w e i Brieftaschen in ihrer Verwahrung hatte. In dem Besitze Hofers fand man außerdem vier Patronen.^ Den. dazü gehörigen Revolver will er verkauft haben. Frau Dehler hat durch den Hieb Mt dem Stein eine scharfkantige Wunde am Scheintel erhalten, die jedoch leichter Natur'ist. Hofer! wird dem Landes gericht eingeAiedert. ' ’ ' Zukunft vor sich sah als Bismarck, der weniger, aber Festeres wollte und deshalb mehr Geduld entwickelt hat. Darum hat einer den andern um das Doppelte an JahreN überlebt, und doch ist Lassalle reicher gewesen an Augenblicken des Glückes. Auch in der Nachtwelt. Als sie sich trafen, erkannten sie wechselseitig ihren Wert, bevor ihn die Welt erkannte. Wäre Bismarck damals, im Jahre 1863, im Duell mit Dirchow gefallen, sein Name hätte höchstens den Rang von Radowih, der längst vom Volke vergessen ist; Lassalle, obwohl ein Jahrzehnt jünger, fiel in denselben Anfängen seines Werkes, das zunächst ganz zu verschwinden drohte, und dennoch stoht sein Name im Bundesliede von Millionen Menschen aller Völker. Er scheiterte und wurde weltberühmt/ weil er die Ideen von übermorgen verwirklichen wollte; Bismarck gelangte an sein Ziel von morgen, sein Denkmal blieb im Lande. Was schließlich beide zusammengeführt hat, war der Kampf gegen das Bürgertum: gegen die Verfassung wollte Bismarck die Macht, Lassalle die Masse mobil machen, jener hatte Waffen in Händen, mit denen er Menschen zwangsweise bekleidete, dieser Menschen, die vergeblich nach Waffen riefen. Beide Männer wollten im Grunde Diktatur unter ihrer Leitung, beide haßten den Freihandel der Waren und Gedanken und . ihre Träger, die Liberalen. Bis in die Schlagworte ähneln sie einander: Bismarck, September 1863: ,,daß Rechtsfragen leicht zu Machtfragen werden." Lasfalle, April 1863: „Verfassungsfragen sind ursprünglich nicht Rechtsfragen, sondern Machtfragen. Geschriebene Verfassungen sind nur dann von Wert und Dauer, wenn sie Ausdruck der in der Gesellschaft bestehenden Machtverhaltniffe sind." Und wie sich Bismarck herausredet, genau so Lassalle, als man ihn angreift: daß nicht etwa Macht vor Recht gehen solle! Die sei kein ethisches Postulat, nur Bekräftigung einer historischen Tatsache. So machtpolitisch fühlte auch Lassalle, daß er Sickingen, sein' Spiegelbild, in einem Drama verkünden ließ: „Denn alles Große, was sie jemals wird Vorbringen, Dem Schwert allein verdankt es sein Gelingen!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.