Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2788 (1.12.1926)
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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SeSs 8 Nr. 8758 Wim, Mittwoch Memr Morgenzertttttg 1. Dezember 19W JÜDISCHE WEIT Jas Wische Snftget in New gort. Bon De. K. Mlamed. Jude sein und speziell in Amerika Jude sein, ist kein büliger Artikel. Mit der Summe an Geld, welche die vier Millionen Juden in Amevrka jährlich für jüdische Zwecke ausgeven, könnte das ga.»ze Budgm der Schweizer Republik und der bulgarischen Monarchie gedeckt werden. Die amerikanischen Juden lassen sich ihr Judentum sechsmal so viel kosten rote die Franzosen. ihren Militarismus. Die französische militärische Maschinerie belastet jeden französischen Bürger mit einer jährliche« Steuer von sechs Dollar, während jeder Jude in Amerika durchschnittlich 30 bis 40 Dollar im Jahre für sein Judentum opfert. Dieser Betrag ist so groß» daß er hinreichen würde, das Budget eirreö jüdischen Staates in Palästina zu decken, der eine Bevölkerung von fünf bis sechs Millionen besäße Die Newyorker jüdische Gemeinde allein gibt für die Erhaltung jüdischer Institutionen, Organisationen, öfferüliche und prrvate Mische Einrichtungen der verschiedenen un:n folgende Riesensummen aus: für Wohltätig, keitszwecve 2ö Millionen Dollar, für jüdische Erziehung f> Äciuronen Dollar, zur Unterstützung von Verwandte« in Europa 10 Millionen Dollar, für rein r-ligiöso Zwecke 10 Millionen Dollar, für Palästina 2 Millionen Dollar, für kultureue Unternehmungen in Amerika, Europa und Palästina i Million Dollar, zusammen also 46 Mü. lionen Dollar jährlich In Newyork bestehen 4000 jüdische Vereine. Diese Vereine haben ein GesamtLuüget von rund 15 Millionen Dollar jährlich Außerdem schicken die Ne»vyorker Juden jährlich ihren Verwandten und Freunden m Osteuropa 10 Millionen Dollar, was natürlich auch auf das Gebiet der Wohltätigkeit fällt, so daß wir zu einem Wohltätigkitsbudget der Newyorker jüdischen Gemeinde von 25 Millionen Dollar im Jahre gelangen. Schon im Jahre 1911, als Amerika bloß 2.6 Millionen Juden zählte, veröffentlichte der russische Minister für Post- und Telegraphenwesen eine Statistik, aus der zu ersahen war, daß die amerikanischen Juden ihren Verwandten und Freunden in Rußland jährlich 26 Millionen Rubel überweisen. 1 Million Rubel pflegte unterwegs in Vertust zu geraten, teils wegen schlechter Adressierung, zum größeren Teile jedoch infolge der Diebstähle der russischen Postbeamten Damals, im Jahre 1911, war die Not in Rußland gewiß nicht so groß wie heute in dm osteuropäischen Ländenr, und die Juden in Amerika warm nicht so vernrög^nd wie heute. Außerdem betrug die Zahl der Juden in Amerika damals 2.5 Millionm, während wir heute in Amerika vier Millionen Juden haben, Haben nun die amerikanischen Juden damals zur Unterstützung ihrer Verwandten in Rußland allein 12 Millionen Dollar jährlich Erwiesen, so kann mit Sicherheit angenommen werden, daß sie heute, wo di. Not so groß ist, die Juden in Amerika sich wirtschaftlich so emporgearbcitet haben und ihre Zahl vier Millionen beträgt, zumindest das Doppelte, d. h. 26 Millionm Dollar im Jahre nach Europa überweisen. Heute schlicken auch , österreichische, ungarisch«, rumänische und selbst deutsche Juden in Amerika — was früher nicht der Fall gewesen ist große Summen aus Amerika. Im allgemeinen kann angerwmmen werden, daß Nvvyork die Hälfte der Beträge für sämtliche amerikanisch-jüdischen Unternchmungen ausbringt. Wollen wir jedoch den Anteil der Newyorker Juden mit nur 40 oder gar 86 Prozent der gesamten aufgebrachten Beträge zur Grundlage nehmen, so kommen wir doch zu dernSchlusse» baß die Summe von 35. Millionen Dollar für Newyork nicht übertrieben ist. Im Verlaufe der letzten elf Jahre haben die amerikanischen Juden geschaffen und an Geldmitteln ausgegeben: für das Joint Distribution Committee 63 Millionen Dollar, für das Palästina-Aufbauwerk durch die amerikanischen Zionisten 83 Millionen Dollar; 20 Millionen Dollar wurden in ganz Amerika von Landsmannschaften, Gruppen und Vereinen gesanunelt und durch besondere Delegierte nach Europa übersandt, so daß zusammen 106 Millionen Dollar oder durchschnittlich 19 Millionen Dollar im Jahre aufgebracht wurden.! Von diesen 195 Millionen Dollar hat die Newyorker Judenschast allein rund 40 Millionen oder jährlich l Millionen Dollar beigetragen. Dazu kommt noch rund eine Million Dollar jährlich, dje an etwa 20 europäisch« Jeschiwoth, verschiedene Kultur« und Erziehungsanstalten, den alten Jischuw in Palästina geschickt werden, so daß baS jüdische Newyork für philantropische Zwecke, Hilfsaktionen, Zionismus, Unterstützung von Verwandten in Europa, für jüdische Erziehung und Kultunmtsrrrchmungen in anderen Ländern die Summe von 40 Millionen Dollar im Jahr verwendet. Newyork besitzt 1000 jüdische Bethäuser, 70 größere und kleinere Talmud-Thora-Schulen, drei Rabbiner-Seminare, fünf Lehrerseminare, 90 Sabbatschulen, fünf Jeschiwoth, darunter di: große Jeschtmah Rabbi Jizchai el Chanan usw. Diese verschiedenen Lehr- und Erziehungsanstalten verschlingen jährlich nicht weniger als 6 Millionen Dollar. Die 1000 jüdischen Bethäuftr von Newyork haben 150 Kantoren, 460 Rabbiner und 73 Tempelchöre auszuhalten. Der Minimalgehalt für einen Kantor ist 3090, der Maximalgehalt 10.000 und der Durchschnittsgchalt 5000 Dollar für das Jahr. Die Durchschnittskosten für einen Tempelchor betragen 5090 Dollar jährlich. Netoyork gibt für Kantoren allein etwa 1.5 Millionen Dollar jährlich aus und keinen uirgefähr gleich höhen Betrag für Rabbiner; die Erhaltung der Bethäuser kostet an die 10 Millionen Dollar jährlich So beläuft sich das jüdische Budget in Newyork allein auf 53 Millionen Dollar jährlich Mit diesem riesigen Betrag könnte die Regierung eines Landes mit fünf bis sechs Millionen Einwohnern geführt werden, aber bei dieser riesigen Summe, welche die amerikanischen Juden für ihre Zugehörigkeit zum Judentum ausgeben, ... erhalten 80 Prozent aller jüdischen Kinder in Amerika keinerlei jüdische Erziehung... Tod eines lovjckhrkgen Rabbiners. In Goletta (Tunis) ist der Ortsrabbiner Sadani Uz an, oer seit 75 Jahren sein Rabbineramt versah, kurz vor Vollendung seines 190. Lebensjahres verfio.ben. Cr hinterläßt sieben Söhne und Töchter, von denen die jüngste 67 Jahre alt ist, sowie eine sehr große Zahl von Enkelkindern. Die Gemeinde traf große Vorbereitungen zur Feier seines IR). Geburtstages, als ihn der Tod ereilte. Die Ehrenlegion kür einen MiLchen Führer .in Tunis. Die französische Regierung hat Herrn Viktor Bessie, dem jüdischen Mitglied des tunesischen Parlaments und der tunesischen Handelskammer den Orden der Ehrenlegion verliehen. ES ist dies das dritte Mal seit der französischen Okkupation von Tunis, daß ein einheimischer Jude diese Auszeichnung 'echält. Bisher wurden der Großrabbinw von Tunis und der Präsident der jüdischen Gemeinde von Tunis durch Verleihung des Ordens der Ehrenlegion ausgezeichnet. Sühne und Kunst. „Viktoria." Theater in der Zosifftadt. ouu Seifenblase steigt Ms, iNenMckenden Farben schillernd. Schade, daß sie sich allmählich zur Bleikugel verdichtet, anstatt rechtzeitig zu zerspringen. Diese Farce von W. S. Maugham bezieht den Heiterkeitsstoff aus den Verlustlisten des Weltkrieges. Aehnlich wie Bahrs Einakter „Der Selige". Die Bertvertung amtlich beglaubigten Schützengrabentodes für ein leicht se'chürztes Spiel ist eine arge Rohheit. Als nmn kurz nachldem Zusamm'nüruch in Wien einen „Pceislinkstanz um den Baufuchs für die Kriegsblinden" veranstaiten wollte, hat allgemeiner Protest diese Vergnügung verhindert. Jetzt dürften nicht einmal Angehörige von Verschollenen (nicht zu reden von denen, die anr Grabe des unbekannten So'baten eine Blume nied.'r'cgten) durch peinliche J eenassociallonen beim Besuch von „Viktoria in ihrem Amüsement gestört sein. Viktoria hat nach der Trauer über den Heldentod des ersten Gatten einen zweiten geheiratet. Während sie mit einem dritten anbanbelt, krmmt der Totgeglaubte erste zurück. Beide Gatten, der gegenwärtige und der verflossene, suchen sich aus dem Staub zu machen und der dritte, ein Kriegsgewinner, führt Viktoria h.'im. Diese dünne Handlung ist dem Äkrtor Borwand zu einem pretiösen, ironisch' satyrischen Lustspiel und Prof. Reinhardt .Anlaß, seine besten Regiekünste zu üben. Das Spielchen wird musikalisch untermalt, mit Pantomimen und Tänzen ausstafsiert, über leider auf fast drei Stunden gestreckt. Die Musik von Misch« Spoliansky ist reizend. Die gesamte Operettenliteratur der letzten Jahre wird durch das zart melodische Parlando, die keimenden Arien, die spitzig-witzigen Coup etphrasin, die rythmisch-beschwingten EnsernblefÜtzchen der Spv'Ländischen Partitur ausgewogen. Und wie die Akteure, von Reinhardt geleitet, zu dieser Musik sprechen, agieren, tanzen, singen. das ist tatsächlich ein großes Ergötzen. Im ersten Mt.. Dann wich das Vergnügen durch Wiederholungen, Drohungen, loerlaufende Szenen sehr vermindert. Dev brillante Schluß macht vieles wieder gut. Frau DarvaS als Kolombine im Gesellschaftskleid urch Neglige nach Vorschrift tanzlustig und herzlos, berückend und berechnend, ist außerordentlich. Hans Thimtg überrascht durch respektable Tanzkünste. Hermann T h i m i g ulld R o m b e r g sind lustig. Herr 'Romano w s k y und die Werbeziel zwerchfellerschütternd, die feine Terwin- Mvissi ist eine Meisterin der Pointe und die Gesamtauffühmng (trotz ihrer bedenk-ichen Länge) ein begrüßenswerter und geglückter Versuch, dem OperettenunsiM durch ein neues Kuüstgenre Schach zu bieten. A. Vtn de« Aeitter«. Durgtheater. Morgen, 7 Uhr: „Dorr Carlos" (Abonnement vierte Gruppe). Akademiethcater. Morgen, halb 8 Uhr: ,-Spiel im Schloß" (Abonnement sechste Gruppe). Operntheater. Morgen, 7 Uhr: ,Dio Macht des Schicksals" mit Margit A n g e r e r als Gast. Volksoper. Morgen, halb 8 Uhr„Tosc a" mit Charlotte D a h m e n in oer Titelrolle. — Sonntag, nachmittags, zum ersten Maler „Aschenhrödel". Kammerspiele. Heute, 19 Uhr 10 Min., Tanzabend (Sascha Äeontjew). Bühne der Jungen. Die Ausführung von August Strindbergs ^Scheiterhaufen" findet Samstag, den 4. Dezember, um 8 Uhr abends, in den gurrst spie len", 1. Bez., Riemergasse 11, statt. Bortrag über Mvreel Proust. De. Erwin Ri eg er «Paris) halt über Einladung des Kulturbundes heute, Mittwoch, den 1. Dezember, halb acht Uhr abends im Bortragsfaal, 1. Bez., Annagaffe 6, einen Vortvag über den französischen Dichter. Komponist A. Wormser in Paris gestorben. In Paris starb dieser Tage im Aller von 70 Jahren der Tondichter Andre Adolf Wormser. Der Verstorben« nahm einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der frangüsvschen Musik ein. Besonders erfolgreich war er mit seinem Ballett „Etotlv" und der komischen Oper »Enfant Prorigue". Auch als Kouzertpianist war er sehr angesehen. Wormser wurde in Paris geboren und erzogen. Wiener GesangSkunst im Ausland. AuS Manheim wird uns berichtet: Die Wiener Sängerin Maria Selin erzielte hier mit ihrem Arien- und Liederabend bei Publikum und Prelle lebhaftesten Erfolg. Die Kritik rühmt der Künstlerin reiches Stimmaterial, verbunden mit ungewöhnlichem technischen Könne» und großes Gestaltungsvermögen nach. „Das Lächeln der Penaten", ein neuer Roman von S. G. Koldenheyer, ist soeben in der Buchhandlung R. LÜwit, Wien, 1. Bez., Rotenturmstr. 90* emgetrofsen. KolbenheyerS künstlerisches GlaubenSbnenntnis, gegeben in der EnDenttvicklüng eines schöpferischen Musikers, wird in diesem Buch dargestellt. Serichtssaal. Moranlkh ,« 7 Fahre« schwere» Kerkers dervrtellt. Sechs Mvnacke Kerker für die Hohldampf. 7- MstMe Moranfly freisefproche«. Am gestrigen zweiten VerhaMungStag gegen den Einbrecherkönig Moransky und seine Hehlerinnen wurde als Zeuge zuerst Konrad Ad am ns, der Schwiegersohn des, Ehepaares Krispl verhört. Er gab an, daß die Ghelevte, seit vierzig Jahren ein Juwelengeschäft in Grog hetreiben, das Ende 1928 einen Wert von 130.000 Goldkronen hatten Im Juli 1926 machte das Ehepaar eine Vergnügungsreise i n s Ausland und während Weser Zeit würde das Geschäft von Moransky geplündert. Der Juwelier erlitt infolge der Aufregungen einen Schlaganfall und das schwere Gallensteinleiden der Frau Krispl verlschlimmerte sich derart, daß sie sich bis zum heutigen Tage nicht ganz erholen konnte. Sie sind beide heute gänzlich ruiniert und können sich nur durch Komm Wonsv eEu-fe über Wasser halten. Der Vorsitzende fragt« hierauf Moransch, ob er zur Schade»Sgutmachung bereit sei, worauf dieser erwiderte: ..Ja, aber nur unter der iBsdrngung, daß ich nicht der Täter bin." Regierungsrat Dr. Hauke, der Moransky bei. der Polizei einvernommen hatte, sagte auS, daß dieser sich in den sechzig Verhören immer wieder auf den Standpunkt gestellt hat, daß er nicht der Täter sei. Einmal hat er die Hoffnung ausgedrückt, es werde ihm gelingen zu entspringen, dann würde er dem Geschädigten und der Polizei eine Karte auö Amerika schicken. Moransky: ^sch habe nicht von Entspringen, sorwern nur von Fveigchen gesprochen." Der Sachverständige, Juwelier Prinz, erklärte in seinem Gutachten, daß die bei Moransky vyrgefundenen Bücher und Zeichnungen von Pretiosen es ermöglicht haben, die aus Einbrüchen stammenden Schmuckstücke eimvandfrei zu agnoszieren. Moransky hat in seinem Goschäift auch reell gekaufte Ware um ungefähr eineinvierte! Milli a r den gehabt. Sein ganzes Warenlager haste einen Schätzwert von sechseinhalb Milliarden. Hofrat W i l d n e r, der Vorstand der daktyloskopischen Mteilung der Wiener Polizeidirektion, erklärte mit Bestimmtheit, daß die Fingerabdrücke, di« man in dem Geschäft des Juwelier Krispl gewann, mit denen Moranftys durchaus übeveinstimmen. Ein Irrtum sei vollkommen auSgeschloll«». In später Nachtstunde wurde das Urteil geMt. JuLiuS Moransky wurde des Perbrechens des GewohnheitSdiebstahles schuldig erklärt und zu sieben Jahren schweren Kerkers verurteilt.. Nach Verbüßung der Strafe wird er landesverwieisen. Das Urteil gegen Valerie Hohldamps lautete auf sechs Monate einfachen Kerkers wegen DiebstahliSteil- Pwism- 0. des ' Palfisfinafilmes »Aus der Kinderwelt Palästina»“ am Sonntag, 5. Dezember, %11 Uhr vorm., im Centralkino, II.,Taborstr. 8, verbunden mit einer Makkabäerfelar* Festredner: Dr. David Rothblum, Kulturrefer. d. zion, Landeskomitees. Mitwirkende: Violinvirtuose Albert Lang, Oberkantor Oerson Margulies, Mirjam Schnabel- Höflich u. a. — Das Reinerträgnis fließt zum Teil dem Keren Kajemeth zu. Vorverkauf: Keren Kajemeth, I„ Kärntnerstraße 28; Löwit, I,, Rotenturmstraße 22; Bücherstube Rath, 11., Taborstraße 20a; Kartenbüro Aida, II, Tabörstraße 1—3. Kinder Haben Zutritt« D$5B