Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2788 (1.12.1926)
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2788 Wien, Mittwoch Tagesbericht. „Sl«e Ratzel von heut'." In unserer morgigen Ausgabe beginnen wir mit Sem Abdruck dieser hinreißend erzählten Novelle von Kurt Münzer. Ein schönes Judenmädchen übersiedelt nach dem Zusammenbruch mit ihren Eltern aus dem Osten nach Berlin. Der Vater gelangt allmählich zu großem Reichtum. Das Mädchen ergibt sich mit ungeheurem Eifer den Studien. Ihr Lehrer, ein Christ, verliebt sich in sie, findet Gegenliebe, aber keine Erhörung. Als aber Nahe! mit einem reichen Wischen Industriellen verheiratet werden soll, flieht sie mit dem Lehrer in die Schweiz. Er liebte sie, solange sie sich ihm versagte, er verläßt sie, nachdem er sie genossen hatte. Als die Leidenschaft befriedigt war, trieb den Blonden die „SclMrblutlgikeiL und Rassenm-elancholie der Jüdin", wie er sich später bei ihr rechtfertigt, zu anderen ihm wesensverwandten Frauen. Sie aber, von ihm Mutter geworden, spricht — unr ihn nicht zu binden — die erste Lüge ihres Lebens, und gibt vor, ein anderer habe sie geschwängert. Nahel, sich dessen bewußt, Trägerin des neuen Geschlechts zu sein, kommt nieder und nennt den Knaben David: „Sie ersehnte den Dag, wo sie, selbständig, unabhängig, Verufsmensch und soziales Mitglied, offen Mutter sich bekennen würde. Ihr Zukunftsgefühl hob sie aus die Wolken. Sonne lag auf dem Kind und Glanz war Der ihm." — So schließt diese wunderschöne fesselnde Erzählung des bedeutenden jüdischen Romanciers. Sie wird unseren Lesern willkommen sein. Me mtzfteriSse Krankheit. Aus Paris meldet I. T. A.: In Paris traten jetzt, am stärksten unter den ans Rußland und Polen emgowanderten Juden, Kraickhcitserschvimnigen aus, die mysteriösen Ursprungs sind. Den von der Krankheit Befallenen müssen die angegriffenen Gliedmaßen am.putiert werden. Das letzte Opfer der Krankheit ist Dr. Joachim M a r s h a k, ein bekannter, aus Kiew eingöwanderter Pariser Arzt, dem beide Beine amputiert werden mußten. Rund 500 Fälle sind bis jetzt untersucht worden. In der Regel werden Männer zwischen 25 und 50 Jahren. von der Krankheit befallen. Bei Frauen kommt das Leiden fast nicht vor. Die Krankheit führt den Namen „Buergers Krankheit", nach Dr. Leo Buerger aus New Jork, der das Leiden zuerst untersucht hat. Dr. Marshak glaubt, die Erreger der Krankheit seien gewisse Mikroben, die in-Brot enthalten^ sind; es gäbe kein, anderes Heilmittel, als das kranke Glied zu amputieren. „Matin" widmet dieser mysteriösen Erscheinung einen Leitartikel und führt aus, eS sei eine spezifisch jüdische Krankheit. Demgegenüber stellt Dr. Marfhaks ärztlicher Mitarbeiter, ein Böllbliutfranzose, fest, daß auch er und andere Franzosen von der Krankheit Ves-'llen wurden. Me große PalSftina-Ai S tellung in New York. Aus Jerusalem wird berichtet: Die Verwaltung der Ausstellung und Messe Palästinas und des Nahm Ostens in Tel-Awiw hat Vorbereitungen getroffen, um in Verbindung mit dem United 1 Palestine Appeal in New Dork eine große Ausstellung palästinensischer'Erzeugnisse zu veranstalten. Nne ßhanulah-Reise. Von M. Riwesmann. (eluS dem RuMchen.von N. Sonvowitsch.) Man sagt, daß die Men nrürrisch sind und gerne Nus die Jugend schimpfen. Ihr nckißt wissen, daß ich schon meine 60 Jahre hinter mir habe, und doch liebe ich die Jugend und die SHubci* von Herzerr. Als nran meine Channele, meine Errkelilr, verschickt hatte, sagten alle Bekannten: So ists recht! Ein jüdisches Mädchen muß nicht überall dabei sein, WissenSie, was ich darauf erwidert habe? Ich sagte: Wascht euch die Hände, bevor ihr von meiner Channele redet! Ich habe ihr Geld dahingeschickt, und au ihren lieben, süßen Bliesest konnte ich mich gar nicht satt lesen. ' Warum? Weil nur ich wußte, daß es solche Mädchen wie sie nicht alle Tage gibt. Gewiß, Gott wollte mich nicht auf meine .alten Tage trösten. . . Sie >oar ein schwaches, zartes Mädchen, und dort war eS sehr kalt... Ustd Sehnsucht .hatte sie... . Alles nach Seinem Willen!. Gott hat gegeben, Gott hat genommen, gesegnet sei Gottes. Name. Ja, worüber sprachen wir . doch? Ich glaube darüber, daß die Men mürrisch sind? Ich bin auch manchmal mürrisch... Es tut mir . leid, daß die Jugend so schwach im Glauben ist... Gewiß, all die Gymnasiasten, Studenten, Doktoren, Juristen sind gelehrte Leute; aber, war denn, ein Ra mb am, gesegnet sei das Andenken des Gerechten, weniger gelehrt? Und doch schämte. er 'sich nicht, zu sagen: „Ich bin vollkommen überzeugt von der Ankunft des Messias, uich ungeachtet seines langen Ausbleibens harre ich dennoch täglich seiner Ankunft!" Und die jetzigen jungen Leute? Ich könnte schwören, daß mancher Student mehr an die Elektrizität glaubt, als au den 'Messias. Und dieser Unglaube bringt manches Unglück... Wavnm lächeln Sie? Sie glauben nicht? Da haben Sie «««er Merge«Wtt««s t Dezember 1m Seite » Las tznde der Lentralbank. LSr«attftritte im Nati»«alrat. — Die Galerie «uh gerSnmt werden. Die Angestellten der Zentralbank deutscher Sparkassen Hallen sich gestern in großer Zahl auf den Galerien des Nationalrates eingesunden, um der Verabschiedung des Zentralbankgesetzes beizuwohnen. Die Abgeordneten der verschiedenen Parteien hatten ihnen versprochen, bei der zweiten Lesung noch einige Verbesserungen durchzusetzen, die ihnen auch die in Zusatzkollektivverträgen erworbenen Rechte hinsichtlich der Abfertigungen und der Ruhegenüsse sichern sollten. Da der Finanzminister jedoch erklärt hatte, nicht noch mehr für die Zentralbank aufwenden zu können, begnügten sich die Vertreter der Majorität, welche vorher den Beamten alle möglichen Zusagen gemacht hatten, damit, Resolutionsan - tage zu stellen, während die Sozialdemokraten, die schließlich auch für die Durchführung von meritorischen Anträgen nicht , die geldliche Bedeckung äufbringen müssen, die Angestelltenforderungen in Form von Minor itätsvoten vor das Haus brachten. Als diese Minoritätsvoten abgelehnt wurden, setzte auf den Galerien ein wohlvorbereiteter Krawall ein, der den Präsidenten zwang, die Sitzung zu unterbrechen und die Galerien räumen zu lassen. Bei der zweiten Lesung des Gssetzes gab der Sozialdemokrat Richter die Erklärung ab, seine Partei werde nicht für das Gesetz stimmen, weil sie die Mehrheitsparteien aus der Verantwortung nicht freigeben wolle. Die Insolvenz , der Zentralbank sei vom Finanzminister ausdrücklich festgestellt worden. Es sei nun höchste Zeit, daß sich auch der Staatsanwalt nm das Ergebnis der Untersuchung kümmere. Wenn Dr. Seipel letzthin gesagt habe, es werde sich bei den Wahlen darum handeln, ob , Kienböck oder Breiterer die Finanzen in Oesterreich führen soll, so greife seine Partei das Wort gerne auf. Die Annahme dieses Gesetzes werde dm österreichischen Spareinlegern 15. Jahre Gelegenheit geben, darüber nachzudenken, ob das System Kienböck i>der das System Breitner angewendet werden soll. Der Christlichsoziale Dr. O d e h n a l meinte, man solle heute noch nicht voreilig nach dem Sta^sanwalt rufen. Dieser werde noch immer in dem Augenblicke zurecht . kommen, wo der Untersuchungsausschuß die Konsequenzen aus den Berichten der Kuratoren gezogen haben wird. Der Großdeutsche Dr. Hampel faselte davon, daß es Kreise in Oesterreich gegeben habe, die ein Interesse daran hätten, , den letzten Rest der arischen Mittelbank/' zugrunde zu richten. - ' Äbg. Sever: „Den Samt Scanner werden Sie nicht losbringen!" - Dr. Hampel: „Der wird mich persönlich sehr wenig beschweren. Es' gibt einen anderen Namen, S i g i Basel! Der ist für Sie viel unangenehmer als der Samt Bronner für uns!" Dr. Bauer: „Das ist der Mann> dem der Minister Schür ff die hunderte Milliarden ausgeliefert hat:" Abg. Zarboch: „Bon dem der Herr Eldersch eine Pension bekommt!" Dr. H a m p e l schloß, seine Partei werde verlangen, daß auch in der Frage der Postsparkasse eine vollständige Klarstellung erfolgt. Dr. Bauer: „Man muß endlich dem Herrn Schürff auf seine Verbrechen kommen!" Abg. A l l i n a sagte, das arische Sparkapi- Löwenfranzbrannfwein . SohtttitB&rke. mit Menthol «beseitigt üblen Mund» geruoh und Sohweißbilbildungl geberall erhältlich. ooocxxxxxxyYxyvyyyxxxxxaoQQOooooooooooa tal, von dem Dr. Hampel gesprochen hat, haben die Parteifreunde der Großdeutfchen und der Christlichfozialen, die die Verwalter dieses Kapitals waren, zur Strecke gebracht. Sie haben dieses arische Bankkapital dazu verwendet, um ch Börsespekulationen mit Ostjuden zu tätigen. Sie haben es zur Frankenspekulation verwendet. Bei der Abstimmung wurde beim § ö das sozial d em o k r a t i s ch e Minoritätsvotum abgelehnt. Mg. Allina schrie darauf in den Saal: „Graßdeutscher WortLruch!" Die Galerie sMNdierte ihm mit stürmischen Pfuirufen. Präsident Miklas gab wiederholt das Glockenzeichen und ermahnte die Galerie, sich in keiner Weise in die Verhandlungen des Hauses zu mischen. Als Abg. Dr. Mataja gegen die Störung der Verhandlungen protestiert«, riesen ihm di? Sozialdemokraten und dann auch die Galerie unausgesetzt „M i z z i Schmidt!" zu. Da das Toben der Galerie nicht nachließ, unterbrach Präsident Miklas die Sitzung. Die Ordner und Diener des Hauses drängten die Besucher aus dem Saal, worauf dann vor leeren Galerien die Abstimmung fortge setz t und die Zentralbanknovelle in zweiter und dritter Lesung beschlossen wurde. Um halb 7 Uhr abends trat der Bundesrat Msammen und beschloß, gegen die Zentralbanknovelle keine n Einspruch zu erheben. Damit ist die Novelle in Gesetzeskraft erwachsen. Mit dem heutigen Tage beginnt die Liquidierung der Zentralbank' deutscher Spar-/ kassen. Was W ftSdtische» Steuer« brwsea. , Wie zu erwarten war, hat sich das budgetär angenom». mene Jahresdefizit der Gemeinde Wien für 1925 in einen Ueberschuß verwandelt. Der Rechnungsabschluß pro 1925, den Stadtrat Breitner gestern dem Finanzausschuß, vorlegte, ergibt Gesamteinnahmen -von 460/5 Millionen Schilling und Gesamtausgaben von 403,9 Millionen Schilling, so daß ein GebarungsÜberschuß von 56,6 Millionen Schilling herauskommt,«tvährend H«iw Breitner im vorigen Jahre ein Defizit von.59 Millionen Schilling zu erächnsn für notwendig erachtet hätte. Der Finanzreferent fühlte sich auch bemüßigt, die glückliche Korrektur" zu erklären, indem er sagte, der Bund habe Abgabenertragsanteile in der Höhe von 37 Millionen Schilling aus früheren Jahren (die ja doch im Budget vorgekommen sein muffen) cndlidj ^zahlt. Die Einnahmentabelle ergibt, daß es der GemeindeverivaÜung gelungen ist, um zirka 20 Millionen mehr an Steuern aus. der durch und durch passiven Wirtschaft der Wiener Bevölkerüng herauszubringen, als im Blödst .vorgesehen war; dies motiviert d-r Finanzreferent mit Preissteigerungen. Der Stand der eigenen Gelder der Gemeinde war am 31. DrMrsiber 1935 zirka 66 Milliv- | nen Schilling. ein Beispiel... Es wurde hier ein junger Manu krank,/ es zeigte 'sich ein Geschwür aus seinem ^Rücken, er ging zum Arzt, der sagte ihm, daß das Krebs sei. Er kam vom Arzt, ich sah ihn an, — er sah schrecklich aus... ' i Ich sprach ihm zu: Verliere den Ä)tuL reicht, weiß denn der Arzt alles? Gott, sagte ich, ist der beste Arzt. „Nein," sagte er, „der Arzt weiß alles." Er gvärnte sich... Ging wie ein Schatten umher, dachte immer nach. So oft ich ihn betrachtete, tat mir das Herz tveh: ein junger Baum, schade . . . Täglich las ich seiner Genesung wegen ein paar Kapitel Tehillim. Er aber ging und erhängte sich.... Einen Zettel hinterließ er seiner Mutter: „Ich.wollte den Menschen nicht zur Last falten." Kannten unsere.Väter keine Krankheiten? Aber sie glaubten an Gott und' er half. Ich könnte euch rwch vieles erzählen, aber ich weiß nicht, ob ihr mir glauben werdet. Und ich muß immer wieder sagen: Die jetzigen jungen Leute können nicht glauben. . Und cf;, wie gut wäre es für sie, tvenn sie, wie es sich gehört, beten könnten! Uebrigens, ich bin kein Prediger: ich spreche nur so zum Beispiel. Ich will nicht mehr von anderen Leuten sprechen, ich will Ihnen lieber erzählen, was mir passiert ist, und Sie werden selbst urteilen, ob es einen Gott im Himmel gibt, oder nicht. Sie wissen doch, daß ich einen gebildeten Schlviegersohn habe, einen Ingenieur. Er lebt in K. Meir« Tochter schreibt mir ungefähr zweimal jährlich, aber er nie. Schon öfter wollte ich nach K. fahren. 'Ich wollte 'sehen, wie sie dort leben. Mer mein Schwiegersohn ließ es nicht zu; ich darf in Knicht leben, sagte er, das heißt ich habe kein Wohnrecht. . . Ich..füjjr also nicht hin, aber oft dachte ich: Wird K. verloren gehen, wenn ich für eine oder zwei Wochen komme, um meine Tochter wrd meine Enkel zu sehen? Wird die dortige Polizei gleich erfahren, daß der alte Jude Chäim gekommen ist? Ich habe dies! auch an meine Tochter Und an meinen Schwiegersohn ges schrieben, aber sie wollten irichts davon hören... Gerade jetzt schrieb meine Tochter, ist es so streng geworden, wie noch nie. Man holt einfach die jJiwen von der Straße und transportiert 'sie nach ihrer Heimat. Wenn man ve-4 denkt, welches Unglück! Nu, werden sie mich fassen... fves- * fett werden sie mich nicht, ttttfo ich werde meine Tochter'ttntd meine Enkel zu sehen bekommen. Ich bin Gott fei. Dank'nicht. mehr jung. Noch ein paar Jahre, und dann ist Schluß . Sterben und das eigene Kind nicht Wiedersehen! Aber mein Schwiegersohn und meine Tochter zitterten vor meinem Kommen, wie vor'Feuer. Die Bekannten rieten auch nicht zum. Hinfähren. Gewiß, ein anderer an meiner Stelle wäre längst hingefahren, aber ich verschob es von einem Tag zum anderen. Einmal begegnete ich auf der Straße einem Bekannten, der. eben von K. gekommen lvar. Ich sing sofort . an, ihn auszufvagen, was meine Tochter ruck» meine Enkel machen; er antwortete mir, aber ich merkte, daß er meinen Fragen answich Das Herz des Vaters istj ein Prophet. Ich beschoß, sofort nach K. zu reisen. Ich fuhr. Ich dache unterwegs: Was auch passiert sein möge, ich werde es mit meinen' Augen zu^ehen bekommür. iJe Wer Ich K.'kamj, desto banger wurde es mir ums Herz. Ich hatte ein Vorgefühl, daß etwas Schimmes passiert fei. Und was glauben Sie? Ich fand meine Tochter schwer krank... Man erlaubte mir nicht, zu ihr zu gehen, und als mein Schwiegersohn mich erblickte, lvurde er ganz schwarz vor Zorn: „Was habt Ihr gemach?" sagte er händeringerÄ. „Fahret sofort zurück, man kann Euch finde«, und dann bin ich verloren..." „Aengstige dich nicht ttckd retze «ch nM auf!" fitze ich ihm. „Ich bin kein Dieb und kein Mörder!" — „Wer wißt Ihr denn nicht, daß ein Jude ohne 'Wohnrecht schling mer ist, , als ein Dieb?" -» ,Ach will es nicht wissm, ich bin zu meiner Tochter gckommm. lmd gehä nicht', bis Gott ihr Genesung schickt." — „Mer .ihr Zustand wird sich schlimmem, wenn sie erfahrt, daß Mv Mo fcfo"