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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-01 · Heft 2788 (1.12.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2788 (1.12.1926)
Date
1926-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ^ten,'Mittwoch Rentable Landwirtschaft. Boa Dr. Fritz LSrvevstein, Jerusalem. Die Erkenntnis, daß die Erreichung unseres Endziels ur Palästina in erster Linie vom Gelingen der landivlrtschaftlichen Kolonisation abhängig ist, ist ersreulichorweise Gemeingut fast der ganzen zionistischen Bewegung ge» blieben. Zur Zeit der vierten Alijah freilich versuchten gewisse rechtsbürgerliche Kreise eine Ideologie der sttvtischm Kolonisation zu schaffen, die dm Versuch machte nicht um dm unbestriüe.»en Nutzen städtischer Kolonisation zu erweisen, sondern in ihr die Grundlage des ganzen Aufbaus sehen zu können meinte. Der Traum ist verflogen und stärker als je empsirrderi wir heute, daß das, was das Palästina von 1986 von dem von 1918 unterscheidet, trotz TÄ-Awiw, im Grunde das Werk das jüdischen Landarbeiters gewesen ist und gerade jetzt, wo die wirtschaftliche Krise über das Land geht, sind es unsere Kwuzoth und Mofchawim, die trotz Defiziten und aller anderen sonstigen Mängel feststehen. Die Erörterung von Probleme» unserer landwirtschaftlichen Kolonisation kann somit von vorneherein des Interesses sicher sein. Wer es muß gesagt werden, daß das Interesse der zionistischen Oefsentlichleit im ganzen weit mehr den sozialen als den wirtschaftlichen Problemen der Kolonisation zugewandt ist. Erörterungen, die das innere Leben de^ Kwuzah oder dar Ausbau eines Moschaw zum Gegenstand haben, dürfen der Anteilnahme weitester Kreise sicher sein. Eigentliche Fragen der Landwirtschaft aber, darunter so grundlegende Fragen wie die von Sos kin begonnene Diskussion, die doch die Grundlagen unseres Kolouisationswerkes in Zrveisel ziehen, sind dm meisten interessierten Zionisten ziemlich fern. DaS ist natürlich kein Wunder. Die Entscheidung für oder gegen die . Kwuzah wird als Weltanfchauungsfrage «mpfunden und unterliegt deshalb dem Urteil jedes einzelnen; die Möglichkeiten der Tabakkultur unterliegen nur dem Urteile des Fachmanns. Run gibt es freilich ein Problem, das durchaus als das zentrale Problem unserer Landwirtschaft anzusprechen ist und in dem sich die soziale und die wirtschaftliche Linie schneiden: in der Frage der Rentabilität. Nicht als weltanschauungsmäßiger Gegner kommunistischer Siedlungen z. B. bekämpft Oppenheimer die große Kwuzah, sondern weil er an ihr wirtschaftliches Gedeihen nicht glaubt die eine durchaus ruhige und vorurteilsfreie Debatte ermöglichen, was bei Weltanschauungsgegensätzen nicht der Fall zu sein pflegt. Und wenn auf dsr letzten Tagung der Achduth Haawodah das Problem deS ,Kibbuz arzi" (Krfammenfaffung mehrerer, an verschiedenen Stelle» des Landes gelegener Kwuzoth zu einer Wirtschaftseinheit) zur f Diskussion gestellt wurde, so konnte man beobachten, daß' wirtschaftliche Gesichtspunkte neben sozialen eine recht erhebliche Rolle spielten. Vor allem, die Gegner des Kibbuz arzi, so Lewkowitz aus En Charod, operieren mit dem Argument der Unwirtschaftlichkeit des, Kibbuz arzi. Und es ist charakteristisch dafür, wie ernst heute das Problem der Rentabilität in den Arbeiterschaft empfunden wird, daß auch die Gegenrichtung, als deren Wortführer etwa Mosche Schapira im „förnireS" angesehen werden kann, mit großem Ernst zu erweisen suchen, daß der Kibbuz arzi durchaus wirtschaftlich geführt und zur Rentabilität gebracht werden kann. Freilich wird in demselben Artikel ei» Gedankengang ausgeführt, der heute in den weitesten Kreisen der Arbeiterschaft lebt, und bei allen RentabllüätsdiSkussionm berücksichtigt werden sollte. „Die Wirtschaftlichkeit", schreibt der Verfasser unter anderem, ,Hie sich der Selbstarbeit widersetzt und mit billigen Arbeitskräften arbeitet, ist antiziomjüsch. Titte Wirtschaftlichkeit, die nur sich selhst i sieht, ist für den Gedanken der Gleichheit gefährlich den wft alle ohne Unterschied der Parteien erstreben. Unsere Wirtschaftlichkeit hat klare zionistische und sozialistische Ziele. Die Frage ist nicht nur, wie die Wirtschaft sich selbst tragen kann, sondern auch, ob die Wirtschaft nach ihrer Konsolidierung imstande ist, die nationalen Aufgaben zu erfülle», um derentwillen sie geschaffen wurde." Uns scheint, daß man solchen Gedanken gerade in einem Augenblick Gehör schenken sollte, da der Schrei nach der Rentabilität wieder von allen Seiten ertönt. Es ist in der zionistischen Presse aller Länder und Parteien sehr bedauert worden, daß das Oppenheimev'sche Gutachten nicht veröffentlicht wurde und daß statt dessen die Oeffentlichsoit auf Vorträge und Berichte über sie angewiesen war. ES darf hinzugefügt werden, daß auch die Veröffentlichung des Memorandums deS Agronomen Dyk, d« mit Oppenheimer zusammen den Zustand der Siedlungen untersucht und darüber vom landwirtschaftlichtechnischen Gesichtspunkt auS geurteilt hat, sehr erwünscht wäre. Man wird finden, daß Oppenheimer bet der Besprechung der R-ntabilltätssrage merkwürdig schnell über eine Frage hinweg geht, die sonst als entscheidend empfunden wich, und doch wohl auch ist. Er führt etwa aus, daß die unpünktlich eingehenden und ausstehenden Zahlungen des Keren Hajessod vor allem deshalb zu bedauern sind, well diese Tatsache als - Entschuldigung benutzt wird, und es so ermöglicht, daß man die wahren Gründe für die mangelnde Rentabilität, die Oppenheimer bei der Kwuzah bekanntlich im Mangel an fachmännischer Leitung und in d« Zählnng,'nach Köpfen statt nach Leistung MW, nicht «kennt, und doch scheint «S uns, als tmn mm niemals in Europa auf den Gedanken kommen würde, Rentabtlüät von einem Unternehmen zu verlangen, das noch gar nicht den im Plan vorgesehenen StatuS «reiche bat. Wenn bei der Gründung einer Siedlung Mischen den Wiener Worgenzeiinng Siedlern und de« Keren Hajessod 80.000 Pfund als der Betrag festgesetzt wurde, der in die Siedlung zu investieren tväre, und wenn «ach fünfjährigem Bestehen dies« Siedlung nur etwa dis Hälfte diese- Betrages eingezahlt worden ist, so scheint uns di-S, wenn man überhaupt unter solchen Umständen die Rentabllitätsfrage anschneidet, jedenfalls das wichtigste Moment für die bisher ausge- Bticfen* Rentabilität jit sein. Die UngedlÄ, mit der die zionistische Oessentlich-» kett wirtschastliche Resultate d« Kolonisation zu sehen wünscht, ist sehr verständlich aber die zionistische Oeffentlichkeü soll nicht verkennen, daß eSdie ungenü g enden Eingänge des Keren Hajessod sind, die heute die Stellung dieser Fragen noch fast als verfrüht erscheinen lassen. DaS sott nicht heißen, daß man mit dieser Generalentschuldigung jede Ueberprüfung drr Wirtschaflsgcharung ablehnen soll. Aber das geschieht auch nirgends. Niemand wird heule leugne,:, daß unstte Siedlungen das Rentabilität-Problem mit größtem Ernst betrachten, daß wieder und wieder gerechnet wird, wo etivas zu sparen ist, daß man mit peinlichster Genauigkeit ausrechnet, was pro Tag und Kopf gebraucht wird und man auf d« schon erwähnte» Kvnfwenz der Achduth Haawodah d«artige Fragen mit größter Sachlichlühkett behandelte. Freilich, auch hier gilt der Satz, daß Atrtschastlichkeit keinen absoluten Wert Lar stellt und wenn Oppenheimer die großen Kosten der Kindererztehung tadelt, so liegt hier sicherlich einer derjenigen Ausgabenposten vor, too man aus unwirtschaftlichen Gründen, namentlich aus sozialen, nicht sparen wird. Wenn so einerseits das fehlend« „full equipment" da Siedlungen die Stellung der Rentabilüätssrage unmöglich macht, so muß auch auf rein landwirtschaftlichtechnischem Gebiete beziveijelt werden, ob wir das Experimentierstadium bereits verlassen haben. Oppercheimer hat eine feine Unterscheidung zwischen dem Landarbeiter, dem Bauern und dem Agronomen durchgesührt und der Mehrzahl unserer Landarbeiterschaft nicht die Fähigkeit zu eigen« Führung einer Bauernwirtschaft, kaum einem aber die Fähigkeit zur Leitung eines komplizierten genossenschaftlichen Betriebes zugetraut. Ist das richtig, so muß zugegeben werden, daß nicht die Kwuzoth und Moschawim über den Wirtschaftsplan entscheiden können, sondern nur die wenigen Fachleute, die im Dienste da Zionistischen Exekutive und ihrer Versuchsstation sowie des Keren Kajemeth arbeiten. Und nun vergegenwärtige man sich etlva Soskins Kritik an dem Gedanken, in Palästina Ackerbau und Milchwirtschaft treiben zu wollen, Gddanken, die nach seiner Ansicht Nur als absurd zu bezeichnen sind und vergleiche sie etwa mtt D y k s Anschauungen, der nach Oppenheimer einer der ersten landwirtschaftlichen Fachleute Europas ist unp gerade süp so verpönteWirtschaftssystem eintritt, das ja sp^iell im Emek heute vorherrscht, der Laie kann hier nur bescheiden abwarten, bis die Fachleute sich geeinigt haben. Aber sind schließlich die Si^rler von Nahalal oder die Chawerim von En Charod daran schuld, wenn die Fachleute sich nicht einigen können, welche - Wirtschaftsform man anraten soll? SüMch Wische Sufammerrarbell in Palästina Der Dortrag Colonel Wedgewoods im Gosiemaai. Gestern abends sprach Colonel Weidgewood zu einer Massenversammlung in den Sofinsälen über daö Thema ,-WaS erwartet die Kulturwelt vom jüdischen Palästina?". Oberrabbiner Professor Dr. ChajeS feierte in feiner Eröffnungsansprache Colonel Wodgowood als alten Freund der Juden und deS Zionismus und begrüßte den Gesandten Englands, der zu dem Vorträge erschienen war. In seiner englischen Ansprache, die von Frau Dr. Nadja Stern ins Deutsche 'übertragen wurde, führte Colonel Wedgewood unter anderem aus: „Wer die Kritik meiner Person im heutigen ,Merrd" gelesen hat und mich nun im Smoking sieht, könnte tatsächlich meinen, ich sei nicht mehr M'ltgiüd der Labour Party und des englischen Parlaments. Ich bin es aber tatsächlich und bin als England« stolz auf die Zusammenarbeit mU de» Jude» beim Aufbau Palästinas. Ich habe bekanntlich schon vor dem Kriege zionistisch gedacht und gearbeitet, und kann darauf verweisen, daß viele Männer in England, auch solctz. die der konservativen Partei angeboren, für die zionistische Sache sehr aktiv tätig sind." Colonel Wedgewood verwies ferner auf die Bemühungen der P u r i t a n e r, die vor 300 Jahren nach Amerika gingen, um sich dort cmzusiedeln. ES bedurfte eines Zeitraumes von 20 Jahren, bis sie dis Zahl von äv.000 erreichten. Die Juden haben dagegen binnen acht Jahren 90.000 neue Einwanderer nach Palästina gebracht. Hinter den jüdischen Einwanderern stehen aber die beiden großen Fonds, der Keren Kajemeth und der Keren Hajessod. Aber nicht der zahlenmäßige Erfolg der jüdischen Kolonisation in Palästina allein sei maßgebend, sondern die große Umwandlung der jüdischen Menschen, der Heimatlosen, der durch die Pygrpm». Vertriebenen, die in Palästina sich mit dem Sl cks r da u beschäftigen. ,Zch ging nach Palästina", sagte Colonel Wedgewood, „um Bedeutendes zu sehen. Meine E r w a r t u n - I. I&$e'm8et 19Z6 Nr. 2788 KLUB RADIKALER ZIONISTEN fc.":.,". i ....... -'8ir;g===a==s«giaBBaeggagm5«amttaBagMHes» Heute Mfttftoeh. den 1. Dezember 1926, um bald 9 Uhr abends, im Geld Atlishof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klubversammlung Tagesordnung: Der Fall Sehwaribarth Referent: Dr. J. Waldmann Freie Aussprache. — Im Landesverband organisierte Zionisten als Oäste willkommen ll gen wurden aber weit übertroffen. Die Kolonien, die ich besucht habe, können zwar noch nicht immer die Anleihen, die sie erholten haben, zuEzahlen, sie sind aber fast durchwegs aus dem Zustand wachsen der zu einem erwachsener Kolonien geworden. Die ganze Welt kann von Palästina lerne», wie man Zusammenarbeiten ES ist eine freiwillige Zusammenarbeit, nicht wie in Rußland zum Beispiel eine auS Zwang." Colonel WedgewoodS Ideal in der Politik besteht darin, daß der Mann und insbesondere der Landwirt für sich selbst arbeiten soll. In England gibt es zwei Klassen von Landwirten. Solche, die für sich selbst arbeiten und solche, die andere Arbeiter beschäftigen. Alber", fuhr Wedgewood fort, „wir haben von Euch zu lernen: wir sollen in England manches emführen, was tn Palästina schon besteht." Colonel We-tgewood betonte nochmals, daß er der Ansicht sei, daß die englische Regierung nach der Balfourdeklaration zuviel Neutralität an d.n Lag gelegt habe, und daß man mit -Neutralität > nichts schassen könne. Er verwies aber zugleich auf S y r i e n, wo Frankreich auf große Schwierigkeiten stoße, die die Vorsicht der englische« Regierung verständlich machen könnte. Die W?lt hat von Palästina zu erwarten, daß dort ein freies Volk auf freiem Land - ersteht. Vor und nach seiner Rede wurde Colonel Wedgswood von dom überaus zahlreich erschienen Publikum s-ärmisch gefeiert. . . Colonel Wedgewood ist gestern um 11 Uhr nachtS n^ch Zürich abgereist. Auf dem Bahnhof hatten sich der e n g l i s ch e G e s a n d t e, ferner das Präsidium des zioniisti schon LawdeskomltseS. und^tüe. Präsidien heS Keren Hajessod und Keren Kajemeth, sowie zahlreiche- Zionistm eingefunden^ Ser Bau des Sasens von Haifa verschoben? Jerusalem, 30. November. (TeL-Comp.) Die palästinensische Regierung'hat die für den Beginn sdss WinlerS geplanten Arbeiten für den Hafenbau kn Haifa au'f unbestimmte Zeit vertagt. Offiziell wird als Gcund dafür angrg bm, daß mit den Arbeiten erst nach der Zeichnung der palästinensischen Anleihe begonnen werdm soll, deren "Genehmigung 'durch das englische Parlament für Ende 1926 oder Anfang 1927 zu erwarten ist. Nach Mitteilungen von unterrichteter Seite ist die Berzüge'.ung darauf zurückzuführen, daß Eng and eS im Augenblick nicht für opportun hält, sich wirtschaftlich in Palästina festzusegen, bevor dessen politische Stellung endgültig fixiert ist. Bisher ist die Form noch nicht gefunden, die eine Einordnung des Landes in das Staatsgebilde ermöglicht, das England im Mittleren Osten aufzubauen gedenkt. Vorläufig stehen den englischen Wünschen zwei Schrierigkeiten gegenüber: Der Aus'leich der jüdischen urid arabischen'Interessen uuo die Versfich'rmgm. 1>re England den Zionisten gegenüber durch die B a l s o u r- Dell a r a t i o n übernommerr hat. Vorausgesetzt, daß die Mitteilung über die Verschiebung des Hafenbaues auf Wahrheit beruht, wird die Verzögerung der Hasenbauarbeiten'in Hais« damit zusammenhängon, ^»aß der Wettstreit der zwei Interessenten gruppen, der Verfechter des Hafenprojektes für Haifa und der Anhänger des Planes, Port Fuad zu einem Zentralhasen auszubauen, noch immer nicht endgültig entschieden ist. Die englische Regierung neigt grundsätz'ich dem Haisa-Prosekt zu und» es hieß erst kürzlich in einem Londoner 'Bericht/daß sich die Negierung bereits endgültig für dm HafmauSbau in Haifa festgelegt habe. Nun tratm die Interessenten des Port Fuad- Untemehmens, wie wir bereits berichet haben, in letzter Zeit mit dem Projekte einer Gisen'bahnlin'ie von Port Fuad bis Bagdad, even'uell bis Teheran hervor, ein Plan, desim Durchführung geeignet nÄre,>le Bedeutung des Zentralhafens in Haifa zu vermindern. Welche Gründe immer aber für di« Verschiebung deS Beginnes der Arbeiten maßgebend sein m'chen. so ist eS doch sicher, daß sie nicht in innerpoljttschen Ursachen zu suchen sind, wie es auch lächerlich ist« anzunehmen, daß England sich j mals seiner, in der Balfourdek'aratton dem Völkerbund und den eS auch lächerlich ist, anzunehmen, baß EnLaäd sich entsch'agen könnte. Da» wäre höchstens der front»» Wunsch jogmarmter „unterrichteter Kreist.

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