Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2787 (30.11.1926)
- Date
- 1926-11-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2787 Wien, Dienstag Wiener Modenzeitung JÜDISCHE WEIT Drangen ffic Lberrichttt Vrnndeir. Aus Washington meldet I. T. A.: Rechter Louis Brand eis, Mitglied des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten, um aus Anlaß seines vor kurzem vollendeten 70. Lebensjahres Gegenstand vielfacher Ehrungen. Richter Harlan F. Stone, Beisitzer des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten, begrüßte Brandeis im Namen der Kollegenschaft. Oberst H o u se, der bekannte Vertraute des verstoßenen HMi-denten Wilson, rühmte die hohen moralischen und intellektuellen Qualitäten von BrandeiZ und sagte, er gehöre zu den Männern Amerikas, deren Rolle in der Geschichte der letzten 30 Jahre denkwürdig bleiben wird. Louis Marshall, der Präsiden des American Jewish Committee, erließ aus An'aß des 70. Geburtstages von Brandeis eure Kundgebung, in der es u. a. heißt: Kein Amerikaner, der sein Land liebt und all dessen Entwicklung Anteil nimmt, wird über die Laufbahn des Richters Louis D. Brandeis ohne Ehrfurcht Nachdenken; B.'audns hat einen bevorzugten Platz in unserer nationalen Ruhmeshalle. Ms Rechtsgelehrter hat er zur Ausgestaltung des Rechtsgedankens und als Politiker zur Vergrößerung des Fortschrittes und des öffentlichen Wohles unermeßlich beigetragen. Er war ein Bahnbrecher der Bewegung, die auf Wahrung der natürlichen Hilfsquellen des Landes und des Nationaleigentums hinmlsgmg. Als Rechts ech ter und praktischer Jurist half er, die fundamentalen Menschenrechte, die Gewissensfreiheit, die Freiheit der Rede und der Presse zu verwurzeln und au^znbaum. Eine Anzahl seiner damit zusammenhängen'.-en Anls/rüche und Funda wnta s.'tz: tragen den Stempel der Unsterblichkeit. Als Jude, heißt es in der Kundgebung Marshalls weiter, war Brandcis stets bemühe, die ethischen G.undlehren unseres G'aubens zu pf.eze'.r. Beispiellos ist seine Hingabe an die Idee des Wiederaufbaus Palästinas a^s einer Heimat für jene Juden, die den innigsten Wunsch h'gen, in die ein Lande ein eigenes Leben, ungehemmt durch künstliche Schranken, zu führen. ' Grundsteinlegung der Zentralschule inr Emek. Am 18. November ist in Kumi, wo die Wirtschaftsgebäude von Ain Charod und Tel Joseph errichtet Werden sollen, der Grundstein für die Zentralschule des Emek gelegt worden. Die Schule, die zwei Gebäude mit 3 2 Zimmern, wie auch ein H a n d w e r k e r h a n s umfassen soll, wird von der Kultuvabteilung der palästinischen Arbeiterorganisation errichtet Man hofft die Schule im Frühjahre des nächsten Jahres eröffnen zu Annen. , Sine hebriftsche Handschrift am dm zwölften ' gahrhnndert. Eine sehr wertvolle Entdeckung spielte der Zitfall Herrn Karl Darmstädter in Ladcnburg a. N. in die Hand. Herr Darmstädter stieß, wie er im „Israelit" mitteilt, wähtcitb seiner lokalpolilischrn Gernelndrforschungen unter den Gmndbuchakten im Rathausc in Ladenburg auf zwei Bände, die in Pergament mit hebräischen Schriftzeichen gebunden waren. Nachdem die Stadtverwaltung die Erlaubnis erteilt hatte, die Einbände loszulösen, ergab eine gemeinsam mit Herrn Rabbiner Dr. Lauer in Mannheim durchg führte genaue Prüfung des Textes, daß man es mit einem interessanten Siphre-Fragnvent zu Deuteronomium Kap. 32 ff, zu tun hat, d. h. mit einem handschriftlichen Fragment „Siphre" genannten, halachischen und hagadischen Ko-'unciliars zu dm zwei letzten Büchern des Pentateuch. Die Schriftzeichen sind ka lg a'hi'ch kunstvoll geschriebeit. Nach der Charakteristik der Schrift und nach dem Pergament zu urteilen, ivürde man, nach Ansicht Rabbiner Dr. Lauers, nicht fehlgchen, wenn man annimmt, daß die Handschrift aus dem 12. Jahrhundert stammt. Vielleicht ist das Ganze bei den so häufigen Verfolgungen einem Plünderer in die Hände' gefallen und später, wohl in einer Zeit, als kein Jude in LadenbUrg wohnen durste, zu verschiedenen profanen Zwecken verwendet worden. Ueber die Person des Textschreibers enthält die Handschrift keine Anbeirttmg.! > Kongreß der jüdischen Invaliden in Polen. Aus Warschau tokrd uns berichtet: Am 16. Dezember beginnt in Warschau der für vier Tage angesetzte Kongreß jüdischer Invaliden und Kriegsbeschädigten in Polen. Der Kongreß toird sich mit der schweren Lage der jüdischen Invaliden, Kriegsbeschädigten und der Kriegerwitwen und Waisen befassen und Beschlüsse zu ihrer Verbesserung fassen. «.«re Damcnstoif neuheiten geben wir wegen vorgerückter Saison »«b*b* iteilBifS «bb». Velourstoffe für Mantel ä S 8.—, 12.—. Spezialhaus für feine Damen- und Herrenstoffe ra. ©a*«osSi®wfiHft <äc Co. I., lasomlraoft fräße 4 (beim Stephans platz) «ä» Großer Beslenverkanf -.5:^ Bühne und Kunst. . „Liebe und Sport." Tcrttschrs Volkstheater. Es ist wahrlich kein Wunder, daß die Theater sch.'echt besucht sind und jeder Mnsllerrsche und Kassaersolg ansbleibt. Die besten schauspielerischeil Kräfte, über die Wien jepr tatsächlich in größerer Anzahl verfügt, werdm auf solche Stücke, wie dieses von Dmys A m i e l, verpufft, die weder werrv'ckle Literatur noch zukräftige Schlager sind. Wozu ei' veraltetes Thema wie das Pendeln einer Frau zwischen zwei Mänliem, von denen einer Muskeln und der andere Verstand und Güte besitzt, so in die Länge ziehen? Wozu die Aufführung eines solchen Stückes, das voll vomeherein zu einem Fiasko verurteil ist? Doch nicht nur, um im dritten Akt Gelegenheit zur Aufstellung einer sehr anmutigen, hauchzarten Zinnnerdrkoralion in der Wohnung emer Kokotte zu haben? Dem: was über die Aeützerlichkeit hinanSgeht, anlüsiert nicht, erhebt nicht, rührt nicht, geht aber auch nicht spurlos vorbei; es verursacht Aerger und Mißstimnrung. Zwei schauspielerische Leistungen ragen hervor, ' ohne etwas retten zu köllncn. Anton Edthofer und Margarete Koeppke sind eilt echt französisches Ehepaar; mit der ganzen Salongrazie outf) im Kleinlichen und Alltäglichen. Die souveräne Dialogführung Cdthosers ist meisterhaft und das Frauenhaft-kindliche der Koeppke im Schmerz itttb im Glück entzückend. Oskar S i m a fällt diesmal ganz aus dem Rahmen und ist am Unrechten Platz. So unfranzösisch und so nnsportlich wie nur möglich. Unter der tüchtigen Führung Karl Forests standen noch Else Föry, Lina Loos, Lilian B e r l e y und ein reizender, französischer Pintscher, das einzige Wesen, dem es gelang, an diesem Abend das Publikum ein wenig zrim Lachen zu bringen. Auf den Hund gckonlmen... l. th. Ans den Materie Burgtheater. Morgen, M»8 Uhr, „Bolpone". Operntheater. Morgen, 7 Uhr, „Don Juan". Richard Tauber tritt als Don Octavio sein Engagement an. BolkSoper. Morgen (Mittwoch) nimmt der Ring des Möelungen mit ..Rheingold" seinen Anfang. Akadvmietheater. Morgey, »48 Uhr, „Madel o n". (Abonnement, 2. Gruppe.) Deutsches Volkstheater. Morgen und Donnerstag, .Liebe und Sport". Freitag, neu einstudiert, Lestings „Nathan d e r W e i s mit oem Ehrenmitglied K r a m e r in der Titelrolle. Der lächelnde Kavalier - das Gegenstück m Jflfeftttoft Mona Lisa. Die lächelnde Mona Lisa im Louvrck» die nach denr sensationelle» Diebstahl im Jahre 191t jetzt wieder viel von sich reden macht, da ein bekannter französischer Kunstschrlf. steiler im Pa.iler .Oeuvre" ecll 'rt, die echte Mena Lisa befinlde sich im Keller eines Parlier Antiquars und das im Jahre 1913 wieder „zustande gebrachte" Bild, das im Louvre hängt, sei eine Kopie — diese Mona Lisa also, die nicht nur durch ihr Lächeln, sondern auch durch die Schicksale ihres Konterfeis der Welt immer neue Rätsel ausgibt, hat ein männliches Gegenstück. Das ist das vor ein paar I ihren neu „entdeckte" Bild von Franz Hals, das „D-er lächelnde Kavalier" genannt wird und um das sich im vorigen Sommer einer der interessantesten Kunstfälscherprozesse entspann. Der bekannte holländische Kunsthistoriker Hofstede de Groot hatte ein schriftliches Gutachten abgegeben, in dem das Bild für ein authentisches ir='! Q £ £ £ im Schenkt Bücher zu Chanukka! Groflc (Odlsdic Bücher-Woche Bücher att «Ne» Wissensgebieten zu tief herabgesetzten Preisen von IS Schilling ii Die Nachfrage ist groß, kommen Sic daher sofortt Beatellen Sie kostenlos Verzeichnis! BUCHHANDLUNG R. LÖW1T, WIEN (Abteilung Bächerachwemme) I, ROTENTURMRTRASSE Nr. 22 | j gggggggg j gggggg | III SO. November 1926 (Seite 6 GROSSER MUSIKVEREINSSAAL ..•«(■gsssasns&saaanessssssxxraaas^^ Samstag, den 4. Dezember 1926 Einziger Klavierabend Adolf Baller Die Kunst dieses jugendlichen Klaviervirtuosen, der kein Wunderkind mehr ist, aber ein frühgereiftes überragendes Talent, hat im In« und Auslande den tiefsten Eindrude gemacht Und charakteristisches Werk von Franz HalL erklärt wurde. Auf Grund dieses Gutachtens wurde das Biw für fünst ziataufend holländische Gulden an einen der ersten Kunsthändler Hollands verkauft Als sich dann herauSstell«, daß das Bild eine Fälschung sei, verlangte der Käufer auf dem ProzeßSveae den Kaufpreis zurück. Angesehene Sachverständige erklärten vor dem Haager Gericht daß sie durch mikroskopische Untersuchungen das Vorhandensein von modernen Farben festgestellt hätten, die erst: im neunzehnten Jahrhundert erfunden worden feien. Mit Hilfe von Röntgenaufnahmen hätten sie weiter erkannt, das; die beiden Holztafeln, auf die das Bild gemalt ist, durch Drahtnagel zusammengehalten werden, die man evensills erst seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kennt. Obwohl also einwandfrei erwiesen war, daß das Blld nicht von Fvanz HalS, auch nicht von einem seiner Zeitgenossen, sondern em modernes, von einem Fälscher hergestelltes Gemälde sei, wollte sich Hofstede de Groot nicht überzeugen lassen. Er kaufte seinerseits das Bild an, ließ es in einer Haager Kunsthandlung öffentlich auSstellen und daneben die Sachverständigengutachten über die ZüMung „niedriger hängen". Tiefes ostentative Borgehen hat aber nur die Folge gehabt, daß der vorher so angesehene Gelehrte jetzt von weiten Kreisen der KunstwiffenHyaM nicht mchr ernst genommen wird. Bereise, Bortrikge and BersnmMmnen. Jugendverein „Erez Israel". Morgen, Mittwoch, %8 Uhr abenos, im Vortragssaale der zionistische« Bezirkssektlon LeopolDstadt, 2. Bez., Zirkusgasse 33, Chanukka-Feier. Die Festrede hält Ludwig Dato. — Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt Wegen der Massenversammlung anläßlich der Anwesenheit von Colonel Wedgewood entfällt, der heutige Bortrag. Gerichtssaal. Morausky vor Gericht. Unter ungeheuerer Beteiligung begann gestern vor dem Schöffengericht der Diebstahlsprozeß gegen den Einbrecherkönig Moransky, dessen Geschichte wir in unserem gestrigen Mittagsblatte erzählt haben. Nach Verlesung der umfangreichen Anklageschrift, die ihm Jmveleneinbrüche in Ungarn, Italien, in der Tschechoslowakei und in der Schweiz vorwieft, erklärt Monransky auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich schuldig bekenne: „Neiri, in keinem Sinne.". — Der schmächtige, glattrasierte Mann, mit ausgesprochen mongolischen Typus, erzählt in gebrochenem Deutsch, daß sein Vater Maschinist gewesen ist; seine Mutter lebt noch. Im Jahre 1916 ist er eingerückt. Später wurde er KompagniekommanLant der Roien Armee. Er betont aber, daß er im Innern nicht kommunistisch gesinnt sei. Viele der in Ungarn ihm zur Last gelegten Diebstühle schiebt er dem in Szeged wegen Diebstahl zu einer Kerkerstrase verurteilten Julius Moransky zu, mit dem er nicht identisch ist. Er selbst sei daher in Ordenburg freigesprochen worden. Auch in den anderen Ländern haste er keine Einbrüche verübt Der Vorsitzende resümiert: „Also Ihre Ber^ antwortung geht dahin, daß Sie selbst keinen Diebstahl oder Einbruch begangen haben, die Juwelen dagegen im Bewußtsein, daß sie gestohlen sind, kauften. Sehen Sie ein, daß auch das strafbar ist?" — Moranskys Antwort ist unverständlich. Staatsanwalt: „Wie war das in Zürich?" Angeklagter: ,Hn Zürich bin ich nur wegen einer Paßgeschichte verhaftet worden." — Staatsanwalt: „Aber in Ihrem Koffer wurde ein Stemmeisen und ei» Hammer gefunden." — Angeklagter: ,Lsa, das Hab' ich für die Grenze gebraucht." — Staatsanwalt: ,Za, ist denn das eine Mauer?" -^Angeklagter: „Darüber will ich nichts sagen." Staatsanwalt: „Es scheint eher die Grenze zwischen Mein" und „dein" gewesen zu fei«." Dora«fly sacht vm feine Braut Valerie Hohldampf zu entlasten. Sie war bei ihm als Verkäuferin angostellt und hat von der Herkunft der Juwelen keine Kenntnis gehabt. Der Vertreter des Grazer Juweliers Krispl stellt nun eine Reihe von Fragen, um von Moransky daS Zugeständnis, er habe den Grazer Einbruch begangen, zu erhalten. Der Rechtsanwalt zieht einen Akt hervor: „Wenn Sie an dem Einbruch unbeteiligt sind und die JmvÄeu nur von einem Unbekannten gekauft haben wollen, dann verstehe ich nicht, daß Sie sich hier verpflichtet haben, den Schaden von 1.8 Milliarden Keom« gutzumachenl" — Angeklagter: „Aber düs Geld gehört nicht mit Mich geht es nichts an? Zum Prtvatoetelligten-Vertreter: „Sie haben sich mit Ehrenwort verpflichtet, diese Erklärung nicht gegen MH auszunutzen. I ch v! d e rruse." — Prrv atbeteiltgten-Be rt r oder: Dazu gehören Mt Ich nehme den Oidetzruf n i ch t z u r K e N ft t ü \ 3? Moransky behauptet, von dem Züricher Einbruch keine Kenntnis gehabt zu haben. Me Bevw 0 ÜSSM-SlAHn «taafmnr ******