Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2787 (30.11.1926)
- Date
- 1926-11-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Mörsen-eittms Ä). NlMntkvr IM, 'Dekte 3 SLr. 2787 Mm, DienStvg ob ein Zionrst zugleich ein guter Bürger des Staates sein könne, in dem er gegenwärtig lebe — die Frage wurde miif Oesterreich zllgcspitzt —, antwortete Wedgewood: „An Jude kann meiner Meinung nach kein guter Oestcrrcrchirr sein, wenn er keine Selbstachtung besitzt. Der Zionismus gibt ihm die Selbstachtung nnd macht ihn daher zu einem guten Bürger seines Staates, in dem er jetzt lebt. Man kann" —* fügte WeL-gewood hinzu — „auch kein guter Internationaler sein, wenn man nicht ein Nationalsiühlender im besten Sinne des Wortes ist." Wodgewood wurde u. a. auch um seine Ansicht über die Bedeutung des zionistischen Aufbauwerkes vom sozialistischen Standpunkte aus befragt und in der Frage bemerkt, daß die österreichische Sozialdemokratie den Zionismus auf brutalste Weise beikämpfe und als eine konfessionelle Sache abtue. WeLgewood schilderte in seiner Antwort die soziale Struktur der genossenschaftlichen landwirtschaftlichen Siedlungsiform, ferner der Baugenossenschaft „Solel- Boneh" und der Konsumgenossenschaft,^amaschbir". Es sei hier eine neue sozialistische Form im Entstehen begriffen, die sich zwischen der marxistischen und der indivi'dualistifchen Richtung bewege. Er halte dafür, daß das Experiment in Palästina für den Sozialismus der ganzen Welt von großer Bedeutung sei. Wenn auch in Palästina der Klassenkampf wahrscheinlich nicht werde zu vermeiden sein, so sei doch eine Kooperation zwischen Kapital und Arbeit zu bemerken, die'den Klassenkümpf auf ein Minimum beschränkt. „Ich wülrsHe," schloß Wedgowood, „die Führer der sozialdemokratischen Partei dieses Landes mögen nach Palästina gehen und das zionistische Werk prüfen. Dann werden sie alle als Pvozionisten zurückkehren." zu einer Zwangsanleihe zu schreiten. Der Gedanke, sich von den Banken zuerst 800 Milliarden auMborgen, sie, mciut sie das Geld nicht freiwillig hergeben, dazu, zu zwingen, nnd dann dieselben Banken und Sparkasse 15 Jahre lang das Darlehen, das man bet ihnen aufgenonMchr hat, selbst znrückzahlen zu lassen, sei geradezu mustergilt i g. Wenn einmal eine soziademokrütische Parlamentsmehrheit käme, die irgend etwas zu expropriieren habe, so könnte er nur diese Methode, die Entschädigungen zu zahlen, bestens empfehlen. Diese Methode müsse man sich merken, man könne nie wissen, wie man sie einmal brauchen werde. ' Gegenüber der Ursprüngliche:: Regierüngsborlatze, die einen Beitrag der Kreditinstitute von 6,4 Prozent der ihöen Einlegern gelrmhrten Zinsen vorsah, Mist das Gesetz in seiner jetzigen Fassung eine Neuerung, ans. An Stelle der Konsumvereine wurden die Privatbankiers zur Beitragsleistung für den Garantiefondtz hermrgezogcn. Man erhofft sich von ihnen mehr Einlagen, und darum mehr Beiträge und hat darum die Beitragsquote generell auf 4,2 Prozent ermäßigt. Diese Quote kann herabgesetzt werden, :venn die Einlagen bei Banken und Sparkassen steigen. s Da Dr. Bauer die Zwangsanlelhe als eine Buresch- Anleihe bezeichnet hatte, erschöpfte sich die. Aufgabe des Finanzministers Dr. Kienböck im Ausschuß darin, den Nachweis zu versucheir, daß die diversen Geschäfte der christlichsozialen Politiker nicht allein die Ursache der Verschuldung der Zentralbank seien. Für die Angestellten der Zentralbank wurde eine kleine Verbesserung der Vorlage erreicht. Auch die Beamten, die über 24 Millionen Abfertigung erhalt«: sollen, inerden sie voll und nicht ju 60 Procent, wie es int ursprünglichen Entwurf vorgesehen war, bekommen. böextteoacxxsoQooeööoö^^ Löwenfranzbranntweln Sohntimarke. mit Menthol hilft sofort bei Kopf¬ oder Zahnsöhmerzen, bei Mattigkeit oder Erschöpfung I üeberall erhältlich. OOOQOOOOOOCOOQOOOOOQOOOOOOQOOOOQQOOOOCX denuntersuchrmgcn des Baugrlindes vornehmen, allem die Vorlage der Pläne wurde unter den verschiedensten Vorwänden immer wieder hinausgeschoben. Um eMich Klarheit zu schaffen, ivurde Basel eine 1'4tSgige Frist für die Beibringung der Pläne mit dem Bemerken gestellt, daß im Nichteinbringungsfalt angenommen werde:: müsse, er verfolge das Bauvorhaben nicht ivciter, tvoraUf dann der Bund wicker freies Verfügungsrecht über'die Ballhausplatzgn'inde erhalte. Bosel ließ danmls die Frist' verstreichen, ohne die Pläne vorzulegen oder überhaupt eine Antwort zk geben. Nun mußte natürlich die durch Bösels Grabungen verwüstete Baustelle, wieder in eü:e Gavtenanläge umgewandelt werden Und Bösel, dem die Grabungen nur bewilligt worden waren, mit der 'Berp'slicht.ung, alles wieder'in den "früheren Stand zu setzen, wurde auf ge fordert, dieser Berpfl ichtung nachzUkourme::. Er rührte sich nicht, worauf das Handelsministerium die Anlage durch die Bundesgartenverwaltung Herrichten ließ. Mm: forderte Basel zum Ersatz der Kosten im Betrag von 7297 Schilling auf. Basel ließ auch die für den Erlags des Geldes gestellte 'Frist vorübergehcn, so daß dem Bund nichts anderes übrig blieb, als ihn durch die Finanzprokuratur klagen zu laftsen. Re erste österreichische zwaniranleihe. DaS Zentralbaakgesetz im Ausschuß beschlösse« Nach langem Feilschen hat gestern dev Finanzausschuß des Nationalrates die Zentralbank Novelle beschlossen, durch die dieses Institut liquidiert und gleichzeitig vorgcsort wirdg, daß der Staat die für die Zentralbank ausgegebenen Milliardenbetäge durch eine Zwangsanleihe bei den Kreditinstituten, die von diesen nicht nur übernommen, sondern auch verzinst und getilgt werden, muß, zurück erhält. Die Versuche der Herren Rintelen, Stöckler, Buresch und Konsorten, im Bankwesen und. auf den: glatten Parkett der Börse, werden die Einleger der Kreditinstitute und in werterer Folge die ganze VolkAvirtschast zu bezahlen haben. Von sozialdemokratischer Seite wurde gegen das Gesetz nur solange Einwendungen erhoben, bis der Finanzminister sich bereit erklärte, den K o n s u m v e r e i n e n, die Büchelcinlageu entgegennehmen, die ihnen zugedachte Beitragspflicht zu dem Garantiesonds, aus dem die Zwangsanleihe amortisiert und verzinst wird, zu schenken. Abg. Dr. Bauer fand gestern im Ausschuß die Vorlage sogar sympathisch, weil jetzt in das Gesetz die Bestinrmung ausgenommen tourde, es müsse nach den Grundsätzen des Bankenhaftungsgesetzes gegen die nach diesem Gesetze verantwortlichen Personen mwedingt vorgegangen werden. Noch sympathischer erschien ihn: die neue Bestimmung, die den Finanzminister ermächtigt, wenn die freiwillig begebene Anleihe nicht zustande kommen sollte. Neuwahlen kanm Var dem Herbst. Der Gesamtparteirat der Christlichsozialeu war gestern im Parlament versammelt. Bundeskanzler Dr. Seipel, der über die politische Lage referierte, stellte fest, daß eine sichtliche Beruhigung e'ingetreten 'sei, die Neuwahlen dürften kaum von dem Herbst nächsten Jahres vorgeiwrnmen werden. Man werde versuchen, das Sozialversicherungsgesetz noch vor der Auflösung des Hauses zu erledigen. Würde aber entgegen allen Anzeichen vor Jahresschluß die wesentliche Arbeit des Parlarnents verhindert'tverden, dam: bliebe nichts anderes übrig, als ine N e:r- Wahlen sobald wie m'üL'tich, spätestens in den ersten Tagen dcs Mar durchzusühren. . str ballt nicht, er zahlt nicht. Bekanntlich hat der Bund mit lSignrund B o s c l ein Uebeveinkouunen getroffen, nach dein pr gegen Ueberlassung dos sog.nanntei: „Rennerparks", eines Rasenflecks auf den: Ballhausplatz, .dort ein staatliches Archivgebäude und sein Bankpalais aufsühren sollte. Der Vertragsabschluß fiel in die Zeit, da Bösel:wch als Mäcen 'von den höchsten staatlichen Steller: gepriesen wurde. Das. Handelsministerium ließ nun mrfairgs 1924 die Pläne für das Archivgebäude Hersteller:, konnte aber die Baulinreribestimmung nicht veranlassen. Da Bosel die Pläne für sein Bankpalais nicht erlegte. Er wurde wiederholt hiezu aufgesordvrt, doch waren, wie der Handels minister gestern in einer Jnterpellationsbeanttvortung mitteilte, alle diesbezüglichen Bemühungen vergeblich. Bosel ließ zwar von eitler Baiumternehrmmg Bo- SlMfacher Fnstandhaltungrzillr. Die von: Mietengesetz vorgesehene La.ü>eskomlnission für Niedcrösterreich, die den In standhaltungs zins jerverÄ nach den Auslangen für die ordnungsmäßige Instandhaltung der Häuser zu bestimmen hat, hat de» Jnstandhattuirgszins generell für das Land Niederösterreich mit den: 3000fachen F r: e d e n s z i n s festgesetzt. Ein sozialdemokratischer Dringlichkeitsantrag, der in der gestrigetr Landtags sitzung beraten wurde, protestiert dagegen, daß auf dem Umwege über der: Jnstandhaltungszins die HäUsherrenrente wiederhergestellt ivird und. beauftragt die Landnsregieruug, alles aufzubieten, um eine Verletzung des Mietenge setzes hintan zUhalten. Dieser Antrag wurde von der Mehchnt abgelehnt. V . Auch für das Land Wien wird diese Kommission denknächst eine Neufestsetzung des Jnstandhaltungszinses vornehmen. Stadtrat Breitner versicherte gesteri: im Wiener Landtag, daß er bei dieser Gelegenheit die Wohnbaüst e u e r nicht e rh v h.e n werde. Nach dein Wortlaut 'des bestehenden Gesetzes könnte er nämlich vor: dem erhöhten Jnstandhaltungszins auch noch eine erhöhte Wohnbausteuer einheben. Auf diese Möglichkeit verzichtete er rüin graßrnütrg'. Ae Landesbieksteuer beschlösse«. Im Wiener Landtag wurde gestern die neue Lcuckesbievabgabe in der Höhe von sechs Schilling pro Hektoliter beschlossen. In der Debatte erklärte Stadtrat Breitner, daß er tviederholt mit Finanzminister Doktor Kienböck verhandelt habe, um ihn zu bewegen, die Einheöung der Vi?.rster:er beiu: Bunde zu belassen, da- Re Macht des Schicksals. (GtmMater.) „La Forza del destilw lebt im Schatten der gwßen Werke." Dieses Urteil Alfred Weißmanns in seiner Verdi- Biographie bedarf wohl eimr Revision. „Die Macht des Schicksals",' welche von Verdi zwischen dem „Maskenball" und den: „Macbeth" geschaffen wrirde und iw Jahre 1862 in Petersburg ihre Uraufführung erlebte, steht vor allen: im Schatten des Textbuches, das sich an Mordtaten und an krassen und unwahrscheinlichen Situationen nicht genug tun kann. Daran vermag auch die Neueinrichtung von Franz Werfel — bereits die vierte Bearbeitung des nach einem Drama des Spaniers Don AngeL de Saavedra aus dem, Jahre 1835 geschaffemn Librettos von F. M. Piave — kaum etwas zu ändern. Schicksalhaft wie in der Verdi wohlbekannten GrillparKer'schen „Ahnfrau" wütet hier der Tod. Alvaro, der - ein Mestize — von dem adelsstolzen Vater seiner geliebten Leonore als Freier abgewiesen wird, tötet diesen durch einen unglücklichen Zufall. Rachedurstig verfolgt ihn Don» Carlos, der Bruder Leouorens, die ins Kloster geht. Alvaro und Don Carlos begegnen eimniwr auf dern Felde der Ehre und schwören einander, ohne einer den anderen zu kennen, Blutsbrüderschast. Doch ein feindliches Schick-, fal enthüllt Alvaros Namen und nun entbrennt ein wütew der Kampf zwi,schen beiden, der auch an den Klosterwamrn nicht halt macht/ hinter die Alvaro als Mönch geflüchtet ist. Bor der stillen Klause, in der sich die ahnungslose Leonore verborgen hält, ersticht Alvaro ihren Bruder im Zweikampf; zu spät fhtbefc er die verlassene Geliebte wieder, welche der Schrecken über den neuen Mord tötet. Mit den Worten „die Seele lebt" feguet der Pater Guardian am Schlüsse hie Leichen. Di« Seele lebt in Verdis-unsterblicher Musik trotz Mr ermüdenden Längen, trotz der endlosen Rezitative und trotz des gräßlichen, unzusamn:enhängenden Librettos. Verdi, der Urmwsiker, braucht ja in: Gegensatz zu Wagner keine Tiefen der Mystik und keine Höhen des Mythos; er dichtet^ in Tönen, deren unfehlbarer ,^ffetto" durch den tief menschlichen Ausdruck veredelt * erscheint. Völlig unproblematisch in ihrer Potpourri-Folge zieht die Ouvertüre vorüber (in unserer Staatsoper zwischen Vorspiel und ersten Akt vorteilhaft eingeschoben) und ebensowenig problemschwanger sind die wundervollen Arien und Ensembles, die fast durchwegs Vollblut-Verdi sind. Gleich das erste Duett zwischen den Liebenden weckt Erinnerungen an das im Kerker gesungene Schlummerlied aus den: „Troubadour". Auch das „Miserere" aus de::: Troubador mtt der über dom Chor dahinschwebendeu Sopranstimme lebt hier im „Pilgercho^ und in der „Morgenhöra" in neuer Gestalt wieder auf. Natürlich kommt Verdi von seiner eigenen Mffenstarken Persönlichkeit niemals los: Immer wieder drohen die Verdi'schen schweren Schläge und dunklen Bläserakkorde und ein Schicksalsnwtiv aus dem „Maskenball" setzt sich hier schicksalhaft fort. Die . Wahrsagerin Preziostlla ist eine jüngere und hellere Ulrike, die zusammenbrechende Leonore singt das austvärtsstrebende Sexteinnotiv dgr verzweifelten Aida und ganz am Ende der Oper, wenn bei verlöschendem Stermnlicht geheimnisvolle Geigen und Harfe pianH'imo rauschen, ist noch einmal die Aida- Landschaft am M visionär vorausgeahnt. Berhältnisnräßig reich si:ü> die Gestalten der Oper charaktevtz'iert: Don Carlos, der dämonische Bariton, nicht mit Unrecht der schwarze Student genannt, ein Bruder des Grafen Luna, der seine Rache-Arie singt, Alvaro, der seine ritterliche Romanze schmettert, der milde, gütige Pater Guardian und der gottlose Fra Melitone, in welchen: beinahe schon ein Stückchen Falstaff steckt. In ihrer einfachen Volkstümlichkeit fesselt die kleine Hausierer-Szene, in südlicher Freilust- und Freilichtmusik wirbelt die äußerlich an Anders „Stumime von Po.rtiei" anklingende „Tarantella" vorüber, die freilich weniger langweilig und steif getanzt werden müßte, als in der Staatsoper.. Schwacher scheint mir die Kapuzinerpredigt, die über Verdis Wunsch der bekannten Szene aus Schillers.„Wallensteins Lager" vom Textdichter nachgebildet ist. Doch auch hier findet män Spuren moderner Charakteristik, wie ja überhaupt in der „Macht des Schicksals" Ansätze zur Dramattk des' späteren Verdi vorhanden sind. Freilich nur Ansätze, Kerum, wogegen die reißerischen Schlager seiner ftüheren EntwiiMungspoviode bereits fallen gelassen sind. So stcht Verdis Kunst hier Wohl nicht im Schatten großer Werke, doch immerhin an einer Zeit- und Stilwende, welche —■ ganz abgesehen von dem unheilvollen Libretto — der nach starken Kürzungen dringend verlangenden Oper nicht ebeü auf der Bühne fött>erlich ist. Die Aufführung der Wiener Staatsoper —- in Breuers Regie und in Runges Szenensührung konventionell nnd nicht frei von Widersprüchen — schickte hie^besten Sänger ins Treffen. Ms Leonore debütterte Frau Margit Angerer, welche eine ungewöhnlich schöne, in der Mittellage noch lange nicht ausgeglichene, m der Höhe umiso glanzvollere Sopranstinrme ihr eigen nennt. Ein wuchtiger Finsterling, prachtvoll in Gesang und Erschetnurrg war Herr Schipper als Don Carlos, Herr Piccaver als Alvaro sang gelegentlich zu tief und sein uw verstäMiches Dm:tsch klang ungefähr italienisch, im übrigen freute man sich seines Belaurto. Als Wahrsagerin erfrischte Fräulein A n d a y durch ihre blühende Stimme, als Fra Melitone Herr M a d i n durch ausdrucksvolle Darstellung. Labsal für Auge und Ohr spendete wie immer unser unvergleichlicher Richard Mayr als Pater Gnav* dian. Direktor Schalk war der umsichtige Dirigent des beifällig aufgenommenen Werkes, welches zuletzt vor mehr als einem halben Jahrhundert in der Wiener Staatsoper erklungen war. D«. Erwin F-aLbe-r. - »