Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-11-30 · Heft 2787 (30.11.1926) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2787 (30.11.1926)
Date
1926-11-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981874--28312-3016335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2 Wien, Dienstag Älener Moraenzeituns 30. November 1926 Kr. 3787 Neutralität schafft nichts. Silonrl Wedgrttood wer da« Mische AusbauweU in Palästina. — f\t geringe Unter* stiitzang der englischen Verwalinng. — Ile Pflicht der Sude« gegen Srez-gsrael. Balfoms Reform. —y, Wien, 30. November 1926. In einem kleinen Zimmer dec- Ko^oniniministeriums hat 'wr kurzem Lord Bal,onr im ^inrnen der Reichskonferenz den Vertretern der Presse die kurze Mitteilung gemacht, daß der Umbau des Empire vollzögen ist. Das britische Kaiserreich ist von mm ab der Bund der Gleichen, durch nichts anderes znsammeugcha ten als durch die Krone inÄ durch die gleiche Kultur. Kühles, reah-oftlisches Denken hat einen grandiosen Prozeß zu einem Absch'uß g brächt, der anderwärts nur unter schtveren und sogar blutigen Kämpfen uiib Erschütterungen zn erreichen gewesen wäre. Daß die britische Reichskon'erenz dieses Lebensproblem ihrer Nation so ernvemehmlich und geordnet hat lösen können, ist sicherlich eine Folge des Weltkrieges. Die Donnaions haben dem Mutterland kräftigste Hilfe geleistet und es konnte ihnen nicht mehr verweigert worden, tvas sie forderten, die volle ' und uneingeschränkte politische Bewegungsfreiheit. Dise Irage ist in einer Konferenz von fünf Wochen Dauer gelöst worden und ihre Beauttvortung ist eine schlichte Resolution, die der achtzigjährige Lord Balsour mit lässiger Eleganz verlesen hat. Die österrei hish-ungarische Mona chie ist an einem Problem dieser Art in Stücke zerbrochen. «Älbst- : egierung ist in Englaird kem würdelos erteiltes und angenommenes Geschenk. Sie ist Freiheit und Reise, niedergelcgt in einer knappen imd kurzen"Fc>rines. Sie lautet: „Die' Mel derbes Empire sind autonome Vo ksgemeinschasten im Empire, völlig gleich in Rechten und Pf'ichtm, mrs fei te Weise, weder in inneren noch in auswärtigen Ange'egcävseiten e'nem von ihnen untergeordnet. Sie sind zusam-.nengrsch'ossen durch die gemeinsame Treue gegen die Krone und sind freiwillig als Mitglieder der gemeinsamen englischen Nation verbunden." Das ist die Sprache freier Männer. Mit einem Gefühl herzlichster Abneigung'hört man aus dem Kontinent das Geschrvätz der Pscudodemvkcatie und ihre hämischen Glossen über die englischen Perrücken. Daß 'England ein unnatürliches Konglomerat ist, daß es zusammenbricht, und daß, tre Vorzeichen 1; Endes sich schon zeigen, das können wir täglich in den '.fett Briefen deutscher Orientfahrer lesen. Daß sich denn.;t Kanada loslösen wird, Indien im Ausrichr verbrenn:, Südafrika absällt, das ist das tägliche Brvt aus dem Kontinent von Rom bis Moskau. Und da wird, , so einfach und klar wie in der Sprache der Bibel wusgespro-- chey, was Recht ist, unpathetisch, ohne Kanonensalut eine magna charta l 'chlossen und genehmigt, da binden sich große, geordnete und stolze Böker aneinander mit ihrer Sprache, mit ihren Dichtern, mit ihrem Gewissen. Kein Zwang ist da, kein sic volo, keine Fesselung'durch verschk-mmelte historische Majestätsbriefe und Reskripte. Nur die Autorität der Nation und des Blutes. Aber sie ist stärker als jede Armee. An die Stelle der obrigkeitlichen, behördlichen Beziehung tritt die kulturelle. Und kein Engländer erschrickt, keine Zeitung zeigt sich besorgt. Alles nimmt diese große Wandlung als ein einfaches Gebot der Stunde gleichmütig zur Kenntnis, weil alles weiß, daß die kaum rroch sichtbaren Bindungen in Wahrheit unauflöslich sind, und daß die Treue zn Volk und Reich, die anderwärts durch den Polizisten und den Henker erzwungen werden, Selbstverständlichkeiten sind, zu denen sich jeder Bürger selbst erzieht. Der Angelsachse ist Angelsachse, ob er nun'Kanadier oder Australier ist. Es gibt kein Ost, kein West. Er trägt sein Volkstum, sein Reich, sein Gesetz in sich. Er ist 'Arbeiter oder Kapitalist. Aber er steht immer zu britischer Art, zum britischen! Weltinteresse? weil das alles er selbst ist. Nirgends ist das Gesetz anerkannter und stärker als in englischem Land, weil es der Bürger als Teil seines Wesens empfindet und ehrt. Der Unterausschuß der Reichskonferenz „zur Prüfung der Beziehungen zwischen Großbritannien und den Dominions" hatte den Lord Balfour mit der Abfassung der Schlußresolution betraut. Weih man, wer Bassour ist und tvas ex an britischer Weltklugheit repräsentiert? Dem jüdischen Herzen ist er vertraut als der erste Wegbereiter der jüdischen Freiheit und wo es in dem Fünfzehn-Milli*rnnvol? der Juden jüdisches Empfinden gibt, wendet es sich mit Wärme diesem Greis zu und würde nur wünschen, daß alle Engländer für uns das gleiche Verständnis hätten wie er. Arthur 'Balfour ist aber ein Stück englischer Geschichte. Er war Disraeli? Sekretär aus dem Berliner Kongreß..Er war Nachfolger Salisburt)s, hat den Weltkrieg als Minister durchgsstcmden, er hat die Poetik von Locarno eingeleitet und er ist aus der Tradition des konservativsten Reichseinhefts-Torh bis zur Freiheit der Dominions gegangen. Dieser Aristokrat hat Irland inedergwJr'en und dann das irische Dominium rnftg schassen. Er g'hört zu der posi'ischen Schule, die in Kontinenten denkt und die diese große englische Politik geschaffen hat, er ist einer der Rhodes, Cromer, Eürzon, der Männer einer aristokratisch gefaßten Demokratie, neben der die Geister von heute, die Europa von Rom bis Moskau ausplündern und besudeln, zusammenschmmyfen. Auch diese eng-ische Demvkratie Muß sich vollenden. Iß« Reform umfaßt nur erst die angelsächsischen Bö ker. Di« anderen stehen noch nicht in der Sonne und es find darunter Majoritäten, die von einer verschwindend g?rinpen Minorität am Äufstreben verhindert werden. Im Bereiche engkscher Macht steht auch die noch lverdende jüdische Heimstätte in Palästina, ein Volkselement, das für die Dauer nicht als „emgehoren" behandelt werden kann. Der "Beihefts sinn würde sich selbst negieren, wenn er diese Völker nicht auch in hie Reform elribezlehen wollte. Vor Mm erwartet dies das jüdische Volk. >' ’ 1 Colonel Josiah C. Wsdgewood, einer der aktivsten Männer unter den prosionistischen Politikern Englands, traf, wie bereits berichtet, SamStag in der Mittagsstunde in Wien ein. Am Bahnhöfe wurde er vom Präsidenten des zionistischen Landeskomitecs für Oesterreich, Herrn Dr. Leo Gold Hammer, mit sämtlichen Mitgliedern der zionistischen Landesleitung, nämlich: Frau Sofie Löwenhcrz, sowie den Herren Dr. Alfred L ö w y, Dr. David Rothblum und Solo S ch m e rler, ferner namens des Präsidiums des Keren-Kajemeth von den Herren Adolf Böhm und Dr. Chaim Tartakower, namens des Präsidiums des Keren- Hajessod vom Vizepräsidenten der Israelitischen KultusgemeindL» Herrn Dr. Josef Löwenherz, und Herrn Dr. N. M. Gelber, namens der zionistischen Frauen- Organisation von Frau Dr. Nadja Stein, sowie von einem Vertreter der „W'ener Morgengeitung" erwartet. .Herr Dr. Goldhammer gab in einer kurzen Ansprache per großen Freude darüber Ausdruck, daß der geschäht- Freund der zionistischen Bewegung einige Tage in W'en verbringen werde, und Fvcm Dr. Löwenherz überreichte der Gattin WeLycwoods eine Blumenspende. Gestern fand im Hotel Imperial ein Presseempfang statt, bei welchem die in- und ausländische Presse stark vertreten war. . Den Eindruck, den Oberrabbiner CHajes bei sZner ersten Begegnung mit Wedgewood im Jahre 1960 hatte und dessen er sich gestern anläßlich des Presseenwfanges erinnerte, daß nämlich' die zionistische Frage Wedgewood tjafinne-rlich .ergriffen Hab« und ihm Herzenssache sei, hatten auch alle, die gestern den englischen Politiker über Palästina, über die Mischen Pioniere, über die Lösung der Juden frag" durch Errichtung des jüdischen Staates reden hörten. Nachstehend geben wir -den Bericht über diesen Presscemipfang: Nachdem LN^rrabbiner Prof. Dr. H. P. CHajes die Vertreter der Presse begrüßt und die Persönlichkeit Colonel Wedcpewoods vongestellt hatte, sprach Colonel Wedgzowood über die Bedeutung des jüdischen Siedlungswerkes in Palästina. „Das. bemerkenswerteste Stück konstruktiver Arbeit, das seit d.m Kriege geleistet worden ist," — führte er aus -r ,',war wohl' die A ft'tf' i e-d lung von ‘<300.0 0 0 griechi schon F l ü ch t l i n g e n. Es ist vom Engländer John Campbell im Aufträge des Dölker- KLU 8 R A D l K AL ER ZIONISTEN Morgen Mittwoch, den 1. Dezember 1926, um halb 9 Uhr abends, im Cafö Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang WiesingerstraOe um die Ecke) Klubversam mlung Tagesordnung: Der Fall Schwarzbarth Referent: Dr. J. Waldmann Freie Aussprache. —!m Landesverband organisierte Zionisten als Oäste willkommen bundes durchg-eführt worden. Nicht weniger bemerkenswert ist die Anstedlung von 60.000 heimatlosen Juden auf palästinensischem Boden. Ich habe mir diese beiden Schöpfungen angesehen, mit dem großen Entzücken, das man notwendigerweise empfinden muß, wenn man schöpferische Tätigkeit dort vorsindet, wo früher eine Wüste war, und f re i e n M e n s che n o «f eigenem Boden begegnet, die ehedem heimatlose Opfer grausamer Verfolgungen waren. Die griechischen Flüchtlinge verstanden etwas von der Landwirtschaft und fanden Boden vor, der auf sie wartete. Sie haften auch finanzielle Mittel und für sie muhte da-her viel weniger getan werden. Die Anfiedlung der neuen Inden aber in dem Lande, das einmal ein freies jüdisches Dominium innerhalb des britischen Bundesvon Nationen sein wird, ist von noch weit größerem Interesse für uns Engländer. Wir geben nicht vor, daß sie für uns nicht von Interesse ist, und ich glaube nicht, daß unser Reich noch als imperialistisch und der Freiheit gefährlich angesehen werden kann. Die neuen Mischen Kolonien beginnen gerade auf ihren Beinen zu stehen, sie sind gründlich ausgestattet, zufrieden und glücklich. Aber was dem Beobachter besonders anssällt, ist der ungewöhnliche Geist freier Zusammenarbeit, den das Ideal, für das eigene Nationalhoim zu arbeiten, eingibt. Die Welt hat nieetwasAehnlicheS gesehen, wie die Kolonien von Ejn- E har ob un d Tel-Jose pH. Ob alle diese verschiedenen genossenschaftlichen Experimente von Dauer sein werben, kann niemand sagen; aber gegenwärtig ist, Palästina eine Geburtsstatte neuerFdeen und praktischer Versuche, die Wohl wert find, sorgfältig studiert zu werben, von allen jenen, deren Wunsch es ist, Menschen anif den eigenen Boden zurückzuführen. Mail hat be-fürchtet, daß die neuen Mischen Siedler die arabischen Fellachen, die Eingeborenen des Landes, unterdvücken oder hinansstoßen würden. Aber der gegenteil'ge B-ew.is liegt vor uns. MehrLand i st heute beiden Fellachen unter dem Pfluge als je vorher und der jüdische Siebler hat ihnen durch seine Oberen Löhne unb höheren L^bensstandavd nur Vorteile geboten. Die arabischen Beduinen mögen leiden, eüber vor jedem Wechsel zu HNHoren ZivilisationNformen mutz der nomadische Hirte zurückweichen. Dies war kürylich der Fall in Mazedonien und ist auch wohl der vorwortSschrcilenden amerikanischen Zivilisation' wohlbekannt: der Cowboy wird ständig Wüter nach dem Westen zurück» geidrängt. In den Städten folgt das arabische Proletariat eng den Fuß stapfen der Juden, oft marschiert es in derselben Gewerkschaft. D'e Arbeiter können nur gewinnen, wenn sie ,-verwestlicht" werden. Das Kolonisnt'onswerP .in Palästina ist natürlich - ein gemeinsamrs Wrgms von Juden und Englän» dern. obwohl ich nicht fühle, d-.rß oie gegenwärtigen englischen Beamten so viel Unterstützung geben, als sie es tun sollten — im Gegenteil, sie verhalten sich viel zu viel neutral. W'r mißbilligen dieses Wort und diese Haltpng, denn N i;trat-tat schafft nichts. Um d?m vowubeugen, ist ftrugst aus den Kreisen des englischen llnterbauses ein Komitee g-lbildet worden,, dem auch Zionisten aller Parteien angehören, mit dem Ziele, von England d'e aktive Mitarb it zn erlangen, die im Mandat, das wir für Palästina empfangen haben, vorgeschrieben ist. Jch^ will nicht behaupten, daß die öffentliche englische Meinikng im allgemeinen die Mische Freundschaft so hoch wie die Juden die Englands einschatzt. Da wir ober sehen, daß der Jude sich in Palästina b'wä'hrt, beginnen wir alle das -'rüdischs Vollk höher -zu achten, welches sich so gut bewährt. Die Eimvanderer selbst haben einen prachtvollen G e ist d e r Selibstlasigkeit <m den. Tag gelegt und die Indem der übrigen Welp Haben den ' 'Boden Palästinas selbst cnrsgelcst und ausg>?ftaltet. Ohne den Jüdischen! Nationalfon'ds, 'den Keren Kaje*. meth, und den Jüdischen ^Valüstina-Au'sbaufonds, den Keren .^ajesso-d, ^fte es keinen Boden für Juden und keinen Mischen Ansiedler gegeben. Sie haben Zoll für Zoll zuruckgekauift und die jüdische Nation besitzt haute ein Zwanzigstel des Landes» nnd zwar das belle Zwanzigstel; Natürlich ist noch viel mehr Boden erfovderl'ch und das hiezu nötige Geld wird durch die freiwilligen Beiträge eingsbmcht, die sich in dem Maße erhöhen, als der Erfolg der neuen jüdischen Produzenten sich mehr der Welt offenbart., Auch neue Kolonien werden^ in diesem Jahre ins Leiben gerufen und 1800 Seelen neu angesiedelt werden. Und so wird es weitevgehen, bis bis Jitden in dem neuen jüdischen Palästina interessiert daran sein werden, in Asien die neue westliche Demokratie einzuführen." Zum Schlüsse seiner-Ausführungen sprach Colonel Wedgewood über die Bedeutung her zionistischen Arbeit in Palästina und die Leistungen ihrer finanziellen Institutionen; vor allem gedachte Wedgewood der unge» heuren Leistungen des jüdischen Palästina»AufbausondS tKeren Hajessod) und erklärte, daß es Pflicht aller Juden sei, für diesen Fonds nicht nur einzutreten, sondern ihn auch mit materiellen Beiträgen zu fördern; von den Eingängen des Keren.Hajessod hänge auch in vieler Hinsicht die Zukunft, des. jüdischen SiedlungS- -wertes in Pa-Iästina ab. Nach dem Referat, welches von' Frau Dr. Nadja: Stein ins Deutsch? übersetzt wurde, beantwortete Wedgewood eine Reihe von Fragen, in denen die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Probleme des zionistischen Nufbauwevkes behandelt wurden. Sr vertrat die Meinung, daß die Erlangung der j'Mschen Majorität in Palästina durch eine weit größere Förderung des jüdischen Siedlungswerkes seitens der englischen Regierung, insibcsondere aber durch eine grundlegende Aenberung der Steuerpolitik zu ergielen sei. Statt daß England, wie es ungerechterweise jetzt geschieht, von dem produktiven jüdischen Element eine zchnperzentig? Steuer einhebt, müßten die Latifundienbesitzer^ für ihren Grundbesitz mit einer Steuer belegt werden. Dann werde sich die Produktion heben und die Bodenpreise werden sich verbilligen.. Die Frage über die zMmftige Staatsform beantwortete Wedgewood dahtn, man müsse es der Zukunft überlassön, ob die Juden nach Erlangung der Majorität ein freier, unabhängiger Staat sein wollstt oder ob.sie es für vorteilhaft halten werden, ihren Staat unter den englischen Schutz zu stellen. Auf die Frage,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.