Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2786 (29.11.1926)
- Date
- 1926-11-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wen, Montag Staat oder Kondominium. Do» Dr. OsiaS Herschdörfer, Krakau. Die zionistische Ideologie betrachtete seit Herz! als de» Kernpunkt der Inden frage die Tatsache, daß das jüdische Volk auf der ganzen Welt tlls Minderheit unter der konrvakten Masorität der Wirtsvölker lebt, daß es überall tckS -Objekt der Geschichte, nirgends aber als der ftlbstbestinnnendr Faktor seiner nationalpolitischen und kulturellen Entwickwirkt. In der Schaffung einer kompakten jüdischen Majorität in Erez Israel erblickte der Zionismus die Lösung der Jude nfcage. Wenn auch das Baseler Programm aus bekmrnten Gründen nicht voll einem Staate, sondern von einer Heinrftätte sprach, so war es doch al'en zionistisch de'.ckeuden und snhleitden Juden klar, daß die Erreichung einer jüdischen Majorität in Erez 'Israel impli.ite den Judenstaat bedeutet. So »var man bei den Verhandlungen mit der englischen Regierung unnütze bar vor d.r Valsour-Dek ara ion darübe einig, daß diese den Jud-nstaat als Endziel proklamiert, doch wurde der Versuch durch einflußreiche Assimilationsjnd°n vereitelt. Nach Friedensschluß wurde das Araberproblem akut, was in Verbindung mit den gleichzeitigen Pazifizierungsbestrebungen Eng'ands zu den bekrnrten Enunsiationen im Churchillschen Weißbuche führte. Es war klar, daß die Exekutive, mit dm Machtverhältnissen rechnend und der Not gehorchend, ihre Zustimmung g ben mußte. Es war aber nur ein diplomatischer Akt, der in keinem Falle ein P^eiSgeben des Grund/ri zi.'s des Zi.nks.nus der Schaffung einer jüdischen Majorität in Erez Israel bedeuten konnte. » Nun -traten aber ungcb.tene Propagatoren der Ideologie des Weißbuches auf den Plan, machten aus der Not eine Tugend, und mit einem Eifer, der einer besseren Sache »vüäng wäre, riefen sie zum Kampfe gegen den Judenstaat. Sie begannen die ihrer Meinung nach unzeitgemäße Idee des Zionismus der neuen Zeit Ghandis und Romain Rollands anzupassen. „Die Schaffung einer Majorität in Erez Israel," behauptet sie, „bedeut't d'eUnl-rdrückung der künftigen araüi'chen Minderheit durch die jüdischen Majorität. Im umgekehrten Falle wird natürlich davon nicht die Rede frirt, da boä) bekanntlich die arabische Majorität, eingedenk ihres hohen Orientalisch-asiatischen" Ethos, das ihr die jüdischen Paiasiaten eingeredet haben, ihrem jüdischen Brudervolke die vollste Freiheit und Gl ichh it gewähren wird." Man merkt bei diesen hysterischen Kämpfern gegen die Idee einer jüdischen Majorität in Erez Israel im Unbewußten den alten Assimilantengeist, dem es in erster Reihe und fast ausschließlich darum zu tun ist, den Nichtjuden Gott b.hüte keine Gelegenheit zu bieten, über uns eine sch ech'.e Meinung zu haben, und wenn es auch nur auf Kosten der Lebensintecesse« des Judentums zu erreichen wäre. Immer herrscht bei ihnen das Leitmotiv vor: „Lomv jojmri Hagoiin?' Um sich den Kampf leicht zu machen, haben sie die Staats- Idee als Angriffsobjekt auserkoren und berufen sich auf Romain Rolland, der den Staat? Treitschk s und Poi.r.a.e'. als Symbol der Staatlichkeit betrachtet, und ihn bekämpft. Man könnte sich aber auch den Staat, ausgebaut nach edleren Prinzipien vorftellen; so sprach doch bekanntlich der marxistische Sozialismus von einem sozialistischen Staat. * Andererseits ist' es nicht opportun, immerfort und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nut dem roten Tuch des Iudenstaates herunizu uch'e n, wie es Jabotinski tut, weil u.iftre g g:nwävtige so »tische und wictschaftliche Lage in Palästina noch nicht d'rart gefestigt ist, daß sie uns erlauben würde, mit den Stimmungen der arabische:'. Majorität oder den politischen Absichten des Mandatars nich zu rechnen. ES ist klar, daß Weizmann in London oder Genf nicht so reden kann, wie eS ihm und dem jüdischen Volke ums Herz ist. Aber die Berliner Kasseehauspolitiker, losgelöst von dem Leb«» und Weben dev Mischen Volksmasse, erweisen Weizmann einen Bärendienst, wenn sie diplomatische Floskeln zu einem nationalen Progranrm st rnpeln. Das würde dem Zionismus seinen we'ent ichstm Jdeene.e'.a t nehmen, ihn um ein Losungswort bringen, das einzig imstande war, die Massen zu begeistern und sie um unsere Fahnen zu scharen. » Die Idee des Judmftaates ist die F'ammensäuo, zn der das jüdische Volk aufblickt in der finsteren Nacht der Galuth, und die ih>n die Kraft gibt, trotz aller Krisen und Hindernisse nicht au der Mi dergeburt Erez Israels zn zweifeln. Das Endziel des Zionismus ist und bleibt ein k-llturell uird politisch selbständiges Gem'i »wesen in Erez 'Js-ael und dies kann rmr durch eine jüdische Majorität erreicht werden, die da»»n unabhängig ist von allen zufälligen Stimmungen und politischen Konstellationen anderer Vö ker und Staaten. Me Fewish Agency. Weizrnanus Berbcht tu der Bostoner Konferenz. New York, 37. November. (I. T. A.) Zu der Konferenz der vereinigten Palästina-Aktion in Boston hatten sich 1500 Delegierte eingesunden. Auch, der Gouverneur Älvan Füller war erschienen. PräsidentWeizmann (über dessen Rede bereits kurz.berichtet wurde) erklärte, die orweiterte Jewifh Ageuey werde Wirklichkeit werden, noch bevor der kommende Winter vorbei sein wird. Ich befürchte nicht eine Ausgabe zionistischer Prinzipien, fuhr Dr. Weizmann fort. SS tür¬ Wiener Morgenzeliirrig men sich Schivicrigk^rten auf dem Wege, aber »licht Gefahren. Ich erwarte nicht, daß die Nichtzionisten sofort eine Mitgift mttvringen werSew ES werde sich mit der Würde einer großen Bewegung vereinbaren lassen, auf einer solchen festen Mitgift zu bestehen. Mer schon ihr Beitritt zu eurer Agentur, die an der Schaffung des jüdischen Natiouaihsims mitzuwirken habe, bedeute eine Annahme des Programms des Palästina- Aufbaues, das eine erhöhte Immigration nach Palästina und eine ausgedehntere Kolonisation des Landes durch Juden Vorsicht. Dr. Stephen Wife, der Ehrenpräsident des United Palestine Appeal erklärte, er stehe rückhaltlos hinter Dr. Weizmann, der sich feiner Verantwortung bewußt ist und in gutem Glauben spricht und handelt. Er bürge dafür, daß die Nichtzionisten Dr. Weizmanns Vorschlag in Treu und Glauben annnchme» und daß eine Aufgabe zionistischer Prinzipien nicht stattfindet. ES wurde sodann die folgende Resolution, von Herrn Louis Lipsky, dem Präsidenten der zionistischen Organisation in Amerika, in einer längeren Rede beantragt wurde, angenommen: „Die Konferenz, die sich der großen Dringlichfeit einer gemeinsamen Aktion aller Gruppen und Klaffen der Jud.-nheit zum Wiederaufbau des jüdischen NationalheimS bewußt ist, hat mit ti:s^r Zufriedenheit Dr. Weizmanns Bctschaft vernommen, der über fcittc Bemühungen, eine solche Aktion im Namen der gesamten Judenheit von Amerika zustande zu bringen, berichtet hat. Di: Konferenz gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, daß diese Bemühungen zu einem Erfolg führen tverden»" In der Konferenz wurde sehr viel über die Berichte betreffend die gleichzeitig in Moskau tagende Ozrt-Konferenz und die prinzipiell wichtige»! Reden Kalininns, Larins und der anderen kommunistischen Führer diskutiert. Eine offizielle Stellungnahme ist jedoch nicht erfolgt. Wettere Ausgestattung der Technikums In Haiia. Das hebräische Techn.ckum in Haifa hat, wie uns von dort berichtet wird, zu Beginn des dritten Jahrganges eine weitere Ausgestaltung erfahren. In den ersten Jahrgang wurden 32 neue Hörer ausgenommen. Es werden noch einige Schüler aus Europa erwartet. Während im Vorjahre nahezu sämtliche Hörer des evsten Jahrganges aus Polen stmnmten, kommen die Neuangemeldeten in diesem Jahre zum größten Teile aus Rußland, die übrigen sind Palästinenser. Mit Beginn dieses Schuljahres wurden vier neue Professoren angestcllt, und zwar: Architekt Kucinski als Lehcer für Architektur im ersten Jahrgang, der bekannte amerikanischjüdische Briicken'bauftrchmann Lasker für den dritten Jahrgang, der Hydrauliker A. A v i g d o r für den dritten Jahrgang und Herr B r e i e r für Bewäss.'rungs- und Ameliorationstechnik. In diesem Jahre wurden auch Kurse für außerorde»»tliche Hörer für verschiedene Fachzweige eingc/führt. Dadurch wird Lehr.rn der Mathematik, Physik und Chemie Gelegenheit geboten, sich in ihren Fächern fortzub'ilden. Sollten sich diese freien Kurse bewähren, so werden sie auch in den nächsten Jahren als ständige Einrichtung auf breiterer Grundlage fortgeführt werden. In den Abendvorlesungen, die sich schon bisher sehr gut bewährt haben, sind in diesem Schuljahr neun Kurse eröffnet worden: für Maurer zwei, für Holzbear-beiter zw-i, für Schlosser drei und für Elektriker zwei. Die Eröffnung von Kursen für Zimmermaler und Brückenbauarbeiter steht bevor. Zur Deckung des Budgets des Technikums steuert die zionistische Leitung achttausend, ägyptische Pfund bci, der geringe Nest wird aus den Schulgeldern u <T, verschiedenen Beiträgen gedeckt. O(XX)00000000<X>QCQ0OQ00CXX300CXXXXXXXXX>0 BÜCnER £11?> 2, 3 tfcäilfiftg § in der <&Ur.the*8etkn>emm<e D. LÖW1I / WltN f« fH&tenimmBtwmßG Mw, OOQOQOQOOQOQOQOQQQOQCXXX)QGOQCQtX>OOCQW 29. November 1926 Nr. 2786 6tae 10.000 Annd'Svenve silr oett Ken» Haleffov. Das Hautttbureau des Streit Hajessod in Jerusalem erhielt einen Scheck des Herrn Beneufou, Chef der Londoner Firma G. und A. Ben-nson Ltd., über 10.000 Pfund. Herr Dsnrnson, der jetzt in den Vereinigten Staaten weilt, hat diesen Scheck dem Präsidenten der zionistischen Weltorganisation Dr. WLizmann übergeben, der iyn sofort nach Jerusalem sandte. Herr Benen'on ist der Schwiegervater des Colonel H. S. Solomon, früheren Direktors des Handels- und Jttdustriedepartements der PalästinaMcgicrung. ferme „@ios"-ÖR'oit fBr die Slnwanderong tiafli Paliiftina. AuS Newyork wird uns berichtet: Die Exekutive der jüdischen Eimvandererhilssgesellschast „HiaS" beschloß d:e Aufbringung cines Fonds von einer halben Million Dollar zur Unterstützung der jüdischen Eituvarcderung nach Palästina und Südanterika ln den nächsten z»vei Jahren. Die Aktion ist bereits im Gange und »vird in allen jüdischen Gesellschaftskreisen unterstützt. »vailtz Srpred" gegen die VEina-Anlrihe. London, 28. Nov.mber. Im Zusammenhang mit dcr Palästinaanlcihe von 4,6 Millionen Pfund richtete „Daily Expreß" eine Reihe scharfer Angriffe gegen den Anleiheplan, indem er behauptete, daß durch diese Anleihe den britischen Bürgern eine neue Steuerlast aufgebürdet werde, die der zionistischen Organisation zunutze kommen werde. Die zionistische Exekutive wies hierauf in einer Zuschrift an die Blätter die Verleunrdungen der „Daily Expreß" mit Entrüstung zurück und führte den Nachloeis, daß der ganze Ertrag der Anleihe ausschließlich zur wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas durch Ausbau des Bahnnetzes u. dgl. verwendet werden kann und kein einziges Pfund der Anleihe für die Zlvecke der zionistischen Organisation verwendet tverden wird. Tagesbericht. Sine Echlagweuerlatastrophe. 3 Tote, 15 Verletzte. Dortmund, 28. November. In der vergangenen Nacht ereignete sich auf der Zeche De Wcndel in Herrinnen eine Schlagwetterkatastrophe, wobei zwei Bergleute sofort getötet wurden, während ein dritter später auf den» Transport ins K amen>us starb. FünfMann Kwnrden schwer und' sechs leicht verletzt. Infolge eines Grubenbrandes erfolgte um 3 Uhr früh eine neuerliche Explosion, bei der vier Berg-> leute leicht verletzt wurden. Ler Ausbruch der Vesuvs. Roni. 28. Nvv.mber. Zum Ausbruch des Vesuvs wird -jcnteidct: Gestern abends waren d'.e Lavantassen noch ettva -00 Meter unter dem großen Kraterrand. Der Lavafluß ist vier bis sechs Meter breit und zirka zwei Meter dick. Se'ne Geschwindigkeit beträgt ungefähr drei Meter in der Miirute und die Gesamtlänge bisher 1600 Meter. Die Ocssnung des E>u!.-t'ondkegelS ist zirka 60 Meter im Durchmesser und wirft ständig unter heftigen Explosionen flammendes Material aus. Lar Aerlinek Schachturuier. Hrnw Eutjche vuugt-kaurpf Bogoljubow-Rublnsteln. Berlin, 29. November. Gestern wurde die letzte Runde des iutematioua'en Schachturniers gespiet. Bis 8 Uhr 30 Min. waren drei Partien erledigt. Ahnes gelangte als Anzichettder in einem Damengambit Holzhausen frühzütig zu einem starken Angriff, den er meisterhaft bis zum Matt durchsührte. Johner eröffnete im Nachzug eines Dameu-Bauerspiels gegen Grünfeld einen stürmischen Angriff.' In Zeitnot fand er nicht den stärksten Ing. Grünseld verteidigte sich sehr sorgsä'tig und ztvang Johner nach 44 Zügen zur Ausgabe. Colle gewann das Endspiel gegen List durch eine weitreichende Kotnbination. Um 3 Uhr 30 Min. traten Sä misch und Spielmann in gleicher Stellung für eine Stunde ab. Bogol j u b o n> hat in einer s. a.-ischen Partie g gen R u ü i n st e i n die bessere Stellung erlangt. Die Partien Sämisch« Spiel mann und Bogoljubotv-Rubinst-ün tirurden ab» gebrochen und »verden heute um 11 Uhr zu Ende gespielt.! Stand: Bogoljubow 6.5, Rubinstem 6.5 (1 Hängepartie), Grünseld 5, AhueS 6, Spielmann 4 (1 Hängepartie), Colle 4, Sämisch 8.5 (1 Hängepartie), Johner 3.9, List 3.5, von Holzhansen 2.6. Sie Angelegenheit Sr- Grnener. Innsbruck, 28. November. Die heutige sozialdemokratische . Landcsparteikonferenz ging unter großer Beteiligung vor sich. Im Mittelpunkt der B.'ratungen stand die politische Lage, die Stellungnahme zu den nächsten NationalratStvahlen und die Borbereitungeu zum Wahlkampf, »vorüber Präsid.nt Gl der sch referierte. In Angelegenhett deS Laubeshauptrnattnstellvertreters' G r u e n e r rvurde ein Resolution. angenommen, »vortn erklärt wird, daß das Verhaltrn Dr. Grueners mit den Grundsätzen der Partei Nicht im Einklang stehe und die Er»r«rtung ausgesprochen wird, daß er sein bisheriges Bechalde»