Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2785 (28.11.1926)
- Date
- 1926-11-28
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2786 Wien, Sonntag Wiener Mvrs«rrzslkrm§ 29. November 1926 * Seite 9 Nftchdrack tttbotas £)ie Inspiration. tyon 0. Sawitsch, Er war ein gang gewöhnlicher Schauspicler, war immer beleidigt, wenn jemand seinen Namen nicht lvußte, und sprach und intonierte stets iit ein für alle» mal eingelernter Weise. Die Schminke lies; ihn Anger erscheinen, rächte sich aber andrerseits, denn sie machte sein- Gesicht welk und müde. Augen hatte er wie ein Augur, der dauernd fürchtet, durch ein klägliches Lächeln die ganze Lüge seines Lebens zu verraten. Doch das Jahr war ein ganz ungewöhnliches — wenn einmal morgens die Sonne nicht aufgegangen wäre, hätte sich beim „An sichen" niemand gewundert; es wären nur alle in höchstem Aufregung gewesen, ob man ihnen auch nicht, wo es doch jetzt kein Licht gab, bei der Ausgabe des Kartenbrotes zu geringes G.wicht verabfolgen würde. Und wäre die Sonne durch eine Regierungsverfüg'ung abgeschafft worden, so hätte sich alle Welt finsteren Blickes neu „ang stellt", um eine Viertelkerge pro Mann zu bekommen. Diejenigen aber, die sich das ausgedacht hätten, auch die Sonne unterzukriegen, wären dann für alle ,/Ansteher" Fremde und Feinlde gewesen. Aber natürlich, plaudern tat inan immer noch. Abends schwatzte man beim Mohrrü'bentee von: Pajok*), von „ihnen" und von der Kunst.' Der Literaturlehrer sah den an einem kümmerlichen G-ebäck kauenden Schauspieler haßerfüllt an und sprach: „Die Kunst von heute ist bereit, sich für ein Linsengericht zu verkaufen. 'Aber dadurch -richtet sie sich nur endgültig zugrunde. Kunst — das ist ein Blick von der Seite her. Es gibt aber keinen Blick, wenn nichts mehr anzusehen ist. Unsere Armut — denn wir sind ja schon nackt bis aufs Skelett — gibt der Inspiration keine Nahrung mehr. Sogar die Wilden schmücken sich, hängen sich Glasperlen an. Das ist der Anfang der Kunst. Wir aber ruinieren uns, und das ist der Tod. Kunst ist nur da, wo Ueberfluß ist. Wir aber haben nicht einmal das Notwendige." Die anderen, morgigen „Ansteher" nickten beifällig. -Nur der Schauspieler änderte unruhig seine Pose, und sein Gesicht, das gewohnt war, jedes beliebige fremde Gefühl auszrrdrücken, erbebte, weil es nicht imstande war, mit dem eigenen Erleben fertig zu werden. „Nach meiner Meinung", sagte er dann, sich selbst unerwartet, und seine alten Intonationen waren plötzlich dahin, „ist die Kunst gewissermaßen eine Seuche, die 'einen unerwartet befällt — immer eine Seuche. Man steckt sich an, wo es gerade kommt. Ja, je schlechter es einem geht — desto leichter steckt man sich an." Das war mindestens vermessen — den trübseligen „Anstehern" zu sagen: „Je schlechter es einem geht, desto besser." Der Schauspieler hatte ein feines Ge>M)l für sein Publikum. Er lächelte befangen, und es klang etwas ungereimt, als er hastig sagte: „Erlauben Sie mir, Ihnen eine wahre Geschichte zu erzählen." Dann beruhigte er sich plötzlich, fühlte sich in der richtigen Rolle und begann in seinem professionellen Tone: „Inch habe dieses ganze Jahr bei der Noten Armee gespielt. Bor einem halben Jahre schickte man uns von der Front so einen Kommissar, einen Verwundeten. Der machte sich gleich sehr an die Schauspieler heran. Er war ein einfacher Soldat, doch ein bißchen abge» schlfffen. Ein strammer Kerl, zwölf Werschok**) lang, hellblond, mit geradezu überwältigenden Hosen a la Gallifet und einem Baß wie ein Diakon. Er hatte etwas A.hnl'iches mit Schaljapin, nur war sein Gesicht sehr ausdruckslos. So nach alter Art — eiw jüngerer, sehr eifriger Wachtmeister. Er führte eine neue Mode ein: vor der Vorstellung trat er immer vor den Vorhang und hielt den Rotarmisten mit großem Behagen eine halbe Stunde lang Vortrag. (Wir spielten damals beständig Ostrowskis: das war für uns bequem — alle hatten die Rollen, schon gespielt und als Kostüme konnten wir unsere gewöhnlichen Kleider tragen.) Menassen! Ihr werdet jetzt ein Stück des Genossen Ostrowffij sehen. Genosse Ostrowskij hat ja allerdings aus dem bourgeoisen Leben geschrieben und stammte selbst aus dem Kaufmannsstande. Also, Genossen, was ihr jetzt sehen werdet, ist für unsere Arbeiter- und Bauernrepublik keineswegs ein Vorbild, und ihr seid durchaus bevechtigt, die Tränen der Genossen Schauspieler nicht für echt zu nehmen, wenn sie auch noch so gut spielen — weil das bourgeoise Tränen sind, die uns gar nichts angehen, sondern, im Gegenteil, uns veranlassen müssen, unsere eiserne Faust gegen die Feinde des werktätigen Volkes zu ballen. Genossen! Da aber der verstorbene Genasse Ostrowskis den Sieg des Proletariats nicht mehr erlebt hat, und weil man nicht weiß, wie er andernfalls geschrieben hätte, und *) Pajok — in cei* Zeit der Rationierungen die dem einzelnen nach seiner Berufstätigkeit zuftehende Menge von Lebensmitteln Usw. **) Gemeint ist: 2 'Arschin 12 Werschol! (1,95 Meter), weil er immerhin für uns ein großer Dichter von theatralischen Dramen ist, so wollen wir von ihm lernen, und daun auch selbst etwas schreiben, so, daß es für jeden Arbeiter und Rotarmisten verständlich ist . . Und so schwatzte er immer weiter, ohne Atem zu holen, und mir feixten hinter unferm Vorhang. In Schweiß gebadet kam er dann zurück, sehr zufrieden mit sich selbst, und fragte uns: ,Nu, wie war's?' Wir hielten den Mund — mit einem» Kommissar darf man sich nicht anlegeu. Uebrigens wurde doch mal eine Schauspielerin ziemlich grob zu ihm: ,Sie haben keine Ahnung von Ostrowffij und wollen hier große Töne roden!' Er wunderte sich aufrichtig: ,Keine Ahnung habe ich? Ich schimpfe doch gar nicht auf ihn; aber er bleibt doch mal ein bourgeoiser Dichter! Bloß weil ihr alle oben auch aus der Bougeoifie. seid, wollt ihr das nicht verstehen.' Die Schauspielerin bereute es später, daß sie diese Auseinandersetzung angefangen hatte. Denn er fing immer wieder mit ihr davon an; er mußte wohl irgendeine Broschüre gelesen haben — er warf immer so mit Buchworten um sich und ließ sich über Literatur im allgemeinen aus. Sehr bald erfuhren wir das Geheimnis seines Interesses für uns. Er redete beständig von einem ,revolutionären Repertoire', nannte uns aber keine Stücke, und wir strengten uns auch nicht weiter an, denn bei der ganzen Sache kam für uns nur der Pajok heraus. Schließlich erschien er eines Tages in meiner Garderobe; er hielt zwei Bogen Papier in den.Händen, und in seinen Zlüigen lag die Erregung eines Debütanten. Seine Hände zitterten, er scheute sich, mir in die Augen zu sehen, seine Stimme bebte, er sprach nicht mehr Baß, sondern krähte nur wie ein Hahn. ,Jch wünsche,' sagte er, ,daß wir ein revolutionäres Repertoire bekommen. Weil es aber solche Stücke noch nicht gibt, bitte ich Sie nunmehr, ein Werk von mir zu spielen. Ich verstehe natürlich eigentlich nicht zu schreiben; aber ich habe eben mit meinem Blut und mit den Tränen meines proletarischen Hergens geschrieben, so daß unsere roten Krieger es wohl verstehen werden. Für Sie selbst ist das eine glänzende Rolle — ein auf dem Schlachtfelde sterbender roter Held!' Und er schob mir seine Blätter in die Hand. ,Schön,' sagte ich, sich werde das durchsetzen.' Er bat mich, es sofort zu tun, wollte es mir unbedingt selbst vorlesen, aber das lehnte ich ab. Ich schätze Autoren nicht. Zu Hause sah ich mir die Sache an. Also — urteilen Sie selbst. Ein Rotarmist stirbt — allerdings nicht auf dem Schlachtfelde, sondern im Hospital. Neben seinem Bett steht eine barmherzige Schwester. - Weitere handelnde P rson'en gab es nicht. Der Held spricht; ,Jch sterbe! Höre nun, Schwester, meine letzte Ansprache an meine Genossen, an die roten Krieger an allen Fronten.' Zieht einen Zettel hervor und liest einen von Sprachfehlern wimmelnden Aufruf ab, in demin einem wüsten Durcheinander alles vorkommt: die Losungen der Komintern*) und ,Acht' aufs Gewehr!' und ,Fiir die Dik- 8 1 B SB ■s m a m Die Werke des großen ttchrPMii ■.I» a SB ■ B [ zum erstenmal billig B III m in der Büohorschwemme der BUCHHANDLUNG R. LÖWIT | WIEN I., BOTENTUBMSTRASSE 22 Gesamtausgabe, 8 Bände, Halbleinen ■ in Kassette 8 20'— Gesamtausgabe, 8 Bände, Halbledex in Kassette 8 32'— m 1 | EINZELBÄNDE: Gttanj&li m II m Das Heim und die Welt Her zunehmende Mond Hungrige Steine ■ m Hie Nacht der Erfüllung Lebenserinnerungen m 1 m Preis pro Band II Halbleinen S 2*60 Halbleder S 4'— i tatur der Arbeiter!' und ,Pflege dein Pferd!' Liest das ab und — stirbt . . . Tie Schwester hat einen einzigen Satz zu sagen: ,Rnh' in Frieden, roter Held, die Rote Armee wird dich nicht vergessen, sie wird deinen Ruf hören!' Hinter der Szene spielt eine plötzlich anwesende Musikkapelle einen Trauermarsch . . . Und damit — Schluß! Nu, also, ich las das lttib — so dumm es auch war — beschloß, es aufzuführen. Zu lernen war nichts daran, denn den Zettel brauchte ich ja nur abzulesen; und den Kommissar durften wir nicht ärgern. Also gaben wir ein dreiaktiges Lustspiel und vorher diesen Quatsch. Rotarmisten vertragen alles, und wenn der Komfoftaw**) das übel nahm, dann mochte er selbst mit seinem Kommissar reden. Der Kommissar strahlte wie ein Kupferbecken, als ich ihm mitteilte, daß sein Stück gespielt werden würde. Komischer Kerl — er hätte es ja einfach befehlen können! - Als ,Schwester' holte ich eine alte Schauspielerin heran, die sich rühmte, Mitglied des früheren ,Kaiserlichen' Theaters zu sein. Sie spuckte zwar erst aus, aber — es handelte sich doch um den Pajok! Proben waren natürlich nicht nötig, und ich warf auch vorher keinen Blick mehr in die Blätter. Die Vorstellung begann. Ich legte mich in das Bett, den Kopf so verbunden, daß mein Gesicht nicht zu sehen war, und dachte nur daran, nicht etwa vor Lachen loszuplatzen, wenn ich meine barmherzige Schwester anfah. Der Vorhang hob sich. Ich sprach meine ersten Worte und schob die Hand unter das Kopfkissen nach den Blättern. Meine Angen fielen zufällig aufs Publikum. Die Beleuchtung war schlecht, alles unten war deutlich zu sehen. In der ersten Reihe sah ich den Kommissar sitzen: er strahlte derartig vor Aufregung, daß ich mich plötzlich schämte. Was kann der Mensch schließlich dafür, daß er dumm und ungebildet ist? Warum mache ich mich noch lustig über ihn und beschäme ihn vor dem' ganzen Regiment? Auch vor den Rotarmisten schämte ich mich jetzt. Welches Recht hatte ich, mein Publikum zu verachten? Spiele ich denn nicht gerade für diese Leute? Ist das aber so — bin ich dann nicht verpflichtet, ihnen mein Bestes zu geben, was ich zu geben vermag? Bin ich Künstler oder nicht? Vielleicht werden Sie sagend ich hätte eben die Bühne verlassen müssen, der erhabenen Kunst zuliebe? Vielleicht ja. Aber in meinem ganzen Leben hatte ich nicht ein einziges Mal die Biülhne verlassen, ohne zu spielen. Deshalb beschloß ich, alles zu tun, was in meinen Kräften stand. Ich begann zu lesen, mit aller Begeisterung, deren ich fähig war. Und stellen Sie sich vor — wie peinlich es mir auch ist, das zu erzählen —, ich begeisterte mich wirklich, die Inspiration kam über mich, oder wie Sie es normen wollen. Es klingt ja dumm, aber — ich stellte mir eben vor, ich läge im Sterben und wollte gerade einen solchen letzten Willen verfassen. Nicht Worte sprach ich —ich weiß nicht, was es war, jedenfalls war es etwas Großes, Echtes, die Wahrheit war es, ja, die Wahrheit! Und ich fühlte plötzlich — wer nicht Schauspieler ist, kann das nicht verstehen — nicht etwa, daß ich mein Bewußtsein verlor, nein, ich wußte genau, wo ich mich befand, aber doch,- daß ich nicht mehr spielte, vielleicht sogar nicht mehr lebte, sondern daß sozusagen meine Seele zu den Seelen der Zuschauer redete, in ihrer eigenen, einzig und allein den Seelen bekannten Sprache. Ich bin schon lange beim Theater — ich kann Ihnen versichern, so müßte man immer spielen, aber nur sehr selten wird so gespielt! Natürlich sah ich vom Publikum überhaupt nichts mehr, und ich hätte das Stück auch in diesem Zwischenzustande zu Ende geführt, wenn nicht etwas Unvorhergesehenes eingetreten wäre. Ich hatte die erste Seite zu Ende gelesen — da sah ich, daß das zweite Blatt fehlte! Ich hatte es in meiner Garderobe in der Rocktasche vergessen. Mein Monolog brach also mitten im Wort ab. Und obwohl in dem ganzen ,Stück' nicht ein einziger vernünftiger Satz vorkam, die Anordnung keine Rolle spielte und man beliebig kürzen konnte — es ging aber doch nicht, so plötzlich abzubrechen. Zu überlegen, einen Ausweg zu suchen, dazu war keine Zeit. Und so begann das ganz Unwahrscheinliche: ich fing an, zu improvisieren. Was mich dazu veranlatzte, ist mir unklar. Vielleicht eine plötzliche Achtung vor dem Publikum. Vielleicht instinktive Furcht vor einem Skandal oder Durst nach Erfolg. Mitleid mit dem Kommissar? Nein, das war es nicht. Es war eine Pflicht, es war ein Gesetz. Was für ein Gesetz, das weiß ich nicht. Früher, vorher hätte ich nie gedacht, daß ich meine Inspiration so von mir geben könnte. Jetzt aber hatte mich mein eigenes Pathos gepackt, unterworfen, 'hatte mich ausgelöscht. Und eines weiß ich ob das nun Kunst »oar oder nicht ich war auch das, was ein Schauspieler sein muß: gleichzeitig ansteckend und angesteckt, mit der Zuschauer* schaft ein Wesen. Und ich sprach von mir aus, was ich sonst nie tat, tveil ich im allgemeinen ein Gegner dos *) Kommunistische Internationale. **) Das Kommandopersonall .MoWMdM WW-