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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-28 · Heft 2785 (28.11.1926) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2785 (28.11.1926)
Date
1926-11-28
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Wen, Sonntag Wtemr Morgerrzemmg 98. Ncwemver 7926 m. 2785 Das Buch der Zeit UTERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITÜNG- «ÄfSlfÄ din Buch von GeschBt und Sippe. -r Jean diixm'O1 Blechs Roman Simler «. Co. (Rotapfel Verlag Zürich). Lchiver und groß ist die jüdische Galuth. Sis erstreckt sich rvert nach d-m Osten und übers Meer nach den: Westen, und auch in der Mitte, in Deutschland^ und Frankreich, leficu Juden in tausendjähriger Verbannung. Dieses eigenartige jüdische Leben in der Diaspora wurde schon vielfach mehr oder weniger eindringlich geschildert. In bezug auf den Osten soll nur auf Mendcle, Schalonr Alechem, Opatischu, in b?zug aus Amerika z. B. aus Asch verwiesen u-erden. Das jüdische Leben im Elsaß, in Deutschland und Frankreich hat bisher aber noch keinen Sch-ilderer gesrluden, zumindest keinen,' der durch die Oberfläche hürdurch zum Wesen dieses Teiles des Judentums vorgedrungen wäre. Jean Richard Bloch, einer der jüngeren französischen Romandichter, ein Jude, hat es unternommen, das elsässische Judentum, oder genauer, den Zusammenstoß elsässischer Juden mit westfranzösischen Klein- und Großbürgern zu gestalten. Und es sei zunächst von vornherein mit aller Entschiedenheit festgestellt, daß Bloch diese Gestaltung im vollsten Sinne des Wortes gelungen ist. Er hat in seinem Roman „Simler u. Co." einganze Welt von jüdischen Typen geschaffen, Typen, wie sie die Wirklichkeit tatsächlich kennt, und was noch wichtiger ist — diese Welt gestaltet, allerdings so gestaltet, wie sie sich einem im französischen Geiftesmilieu wuselnden Juden, einem Assimilanten, darstcllen' muß. Er sieht die Kraft der Juden von der Seit« des Objekts, an dem sie zur Geltung kommt, folglich ein wenig vom Feindesgesichtspunkt aus, da zumindest die genetische Erklärung verloren geht und die Kraft so an die Grenze der Schwäche und Häßlichkeit gelangt. Man kann Bloch Einseitigkeit des Gesichtspunktes, die aber ein Ausdruck der Subjektivität seines Künstlertums ist, verwerfen, muß aber die große künstlerische Kraft, die sich im Epischen dramatisch entfaltet, die Fülle und Lebensintensität der Menschen und Situationen und — die restlose Gestaltung des Problems der Aufreibung des Menschen durch das Geschäft, durch die „Compagnie" voll anerkennen. Aus Büschendorf im Elsaß verpflanzen die Simler in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, um nach dem deutsch-französischen Kriege nicht zu Deutschland zu gehören, ihre Tuchsabrikation nach Vendeuvre in Westfrankreich. Hippolyt, der Alte, ein Sinnbild verkalkter Industrie, sein Bruder und seine beiden Söhne entfalten unter den größten Schwierigkeiten eine intensive Tätigkeit, der es bald gelingt, die Konkurrenz zu schlagen. Nach einem halben Jahre wird Inventur gemacht: siebzehntausend Franken Reingewinn. Bloch schildert diese Szenen wie eine religiöse Ekstase, wie Israels Tanz vor der Bundeslade. Krise, Fährnis und Konkurrenz werden überwunden; wenn man auch, einmal einen Brand einer NachÜarsabrir, der: man als erster entdeckt hat, erst nach zwanzig Minuten dem Besitzer meldet; tut nichts, dafür gibt man gleich nachher 2000 Franken für die Opfer und ist auch sonst nobel. Frauerl gibt es hier, die in ihrer Unbedeutendheit wichtig sind: Haremsfrauen, die die Fleischtöpfe hüten. Obwohl Bloch übersieht, daß Tradition natnrnotwendig ihre einzige Waffe in der Gäluth war. Stirbt der Alte (und wie der stirbt!), kommt ein Enkel an seine Stelle — und so fort, fort, Geschlecht auf Geschlecht, bis die Simler, die doch etwas gewollt, weil sie etwas geschaffen haben, arrsgezehrt, cnkf- IZwel beachtenswerte Neuerscheinungen SUSANNE 7 RA UTWE/N DIE SCHÖNE RICHTERIN Eine Erzählung aus der Renaissance Broschiert 3'— Rm, Leinen 4 50 Rm. äton Feuchtwanger urteilt: 3s sind Seiten in dem Sach, die zum Beelen gehören, was die deutsche Prosa dieses Jahrzehnts gemacht hat. AGNES ® HENNIN ÖSEN DAS VOLLKOMMENE WEIB Deu'sch von Erwin Magnus Broschiert 4*— Rm. Leinen 6 — Rm. Karin Michaelis urteilt; Rgnes Uenningsen ist, wie mich dünkt, von allen jetzt lebenden sohntlslellemden Frauen diejenige, welche mit wenig Worten das Treffendste, Verblüffendste, Wahrste sagt über „ die vollkommene Frau". In jeder guten Buchhandlung vorrätig! GUSTAV RIEPENHEUER VERLAG POTSDAM. gerieben sind — von ihrer Compagnie („u. Co."), vom Betrieb, der veraltet, von den Arbeitern, die erwachen und streiken, von der Trägheit, der Geistlosigkeit, der Anpassung an die Umgebung, dem Mangel an Lebens Horizont, vom — Dandytum. Wohin, was tun?... Weiß es Bloch kann er es uns sagen?... Der heiße Ate-m werdender, wachsender Industrie geht durch das ganze Buch; diese Simler sind viel mehr schicksalhaft verbuilden, eingegliedert in das Phantom „Fa-, brik", als unzertrennlich, mit Herdeninstinkten mit der selig-bitteren Realität „jüdische Familie" verknüpft. Was Bloch,, mit deutlicher Verachtung in der Wertschätzung, als . jüdische Kraft, aus starken Herdeniustinkten fließend, im Zusammenhalten bis in den Tod sich äußernd, ansieht, ist nichts anderes als einerseits gesteigerter Selbsterhaltungstrieb eines verbannten, zerstreuten Volkes, der in der Galuth einen besonders ausgeprägten Ausdruck in det Festigkeit der jüdischen Familie fand, und andererseits der Moloch des alles zerstörenden Geschäftes, das keine persönliche Regung duldet, kein Individuum kennt, nur unpersönliche Opfer auf dem Altar des Erfolges. Josef Simler, den Einzigen, den das Geschäft nicht ganz ausfüllt, hat von Helene Le Pleynier, der aristokratischen, „heimlichen" Christin, nicht so sehr das jüdische Klanbewußtsoin der Simler weggerissen (wie Bloch meint), sondern die Aussicht ans die Millionen der Elisa Stern, von der sich die dem Geschäft, der Fabrik, dem Betrieb versklavte Familie leiten lieft. Der Moloch der industriellen. Geldbegierde erhielt nur einen Heiligenschcku religiöser Abgeschlossenheit und Prinzipienfestigkeit. Was ist das schließlich für eine armselige Kraftquelle des Zusammengehörigkeitsbewußtseins, das sich höchstens auf die Familie erstreckt und beim Volk schmählich versagt? Ein Herdeninstinkt, durch das Leid gezüchtet, im Leid sich offenbarend urü> im Kampf, im Streben, im Aufbau sich zerklüftcnd, in kurzsichtigen Partikularismus und in die Jagd nach Tageserfolg zerfallend?! In diesem Sinne sollte der Spiegel, den Jean Richard Bloch dem Großteil des westeuropäischen Judentums, der im Geschäft ertrinkenden Assimilation, vorhält, ein Me - mento, eine furchtbare Warnung sein. Dennn wenn Bloch glaubt, daß man sich durch Flucht in eine Mission oder in ein individuelles Schicksal aus dieser qualvollen Karikatur eines „reichen" und „gesegneten" (beides wörtlich gemeint), aber so trostlosen Lebens retten kann, da irrt er sehr. Weil er selbst aus dem Belvußtsein der jüdischen Halbheit noch nicht hinausgewachsen ist, übersieht er die Möglichkeit eiper jüdischen Ganzheit, die allein die Problematik dieser kulturell, religiös, gcsellschiastlich entwurzelten oder besser immer nur halb verwurzelten jüdischen Männer und Frauen lösen könnte. Ihr Kainsmal ist Unentschlossenheit, denn ihre Entschlossenheit entspringt trüben Quellen, und hat ein verzerrtes Antlitz. Menschlich erschüttert uns diese furchtbare, unerbittliche Tragödie der von ihrer Eroberung eroberten, von ihrem Sieg besiegten, von ihrem Erfolg vernichteten, aufgezehrten, an der Sinnlosigkeit eines Tanzes um ein Idol scheiternden Geschlechterreihe, von einer Meisterhand gestaltet, wuchtig gemeißelt in 'ihren Einzelschicksalen und in ihrem Gruppenleben. Ihren Weg aber vorzuzeichnen, den Ausblick in die Zukunft zu öffnen weiß Bloch nicht, denn er kennt und lebt nur in ihrer.Gegenwart, und nur der Konflikt mit ihrer gegenwärtigen Umwelt hat sich dem Dichter und durch ihn uns erschlossen. Das Problem des Juden ist aber letzthin das Problem seiner Zukunft, einer Zukunft, die ihre Umrisse schon deutlich leuchten läßt. „Simler u. Co." ist das. Epos des Geschäftes und der Sippe der Juden; ihr tiefstes Schicksal, ihren entscheidenden Weg verkennt der Roman Blochs, er kennt sie überhaupt nicht. Seine elfässischen Juden haben die Schwelle der jüdischen Freiheit rwch nicht erreicht. Leopold Thaler. Berleger-Almanache. DaS vierzigste Jahr. (1830—10^0.) Die Generationen, innerlhwb wekher die Dichter des . Berliner Verlages S. , Fischer die Ideen ihrer Epoche, ausprägten, sind wichtig ge- I blieben auch für unsere Zeit. Damals, vor 40 Jcrhllen, Arthur Eloesser, der Verfasser des Almanach-Vorworts yats tief empfunden, standen all die verschrienen und gepriesenen Nationalisten, Romantiker und Symbolisten friedlich nebeneinander, eingebettet in den Schoß eines materiell und geistig überreichen Europa. Sie wuroen groß, berühmt und voller Einfluß. Heute gehören sie der SPütklassiv an. Aber der gute Samt Fischer ist bei ihnen nicht stehen geblieben: es kamen Andere, Wildere, Verzweifeltere, Gläubigere; auch ihnen öffnet sich das Herz des Jahrhunderts. Das vierzigste Jahr läßt an ein Stück deutscher und europäischer Geistesgeschichte erinnern, die Leben, Persönlichkeit und Idee aus dem Tiefsten herausreißt. Taschenbuch für Bücherfreunde. Man kann dem Taschenbuch des Berlages L. Staackmann in Leipzig nicht bös sein, wenn es die Hausautoren favorisiert und in ihren Werken, vezw. deren Verbreitung die beginnende Herrstlwst! des deutschen Geistes steht. Denn zum Teil hat das deutsche 1 Lescpublikum, die Staackmann Autoren kmfmd, dielen Glauben „vc lest . n.' seine. et.. wieder i i st.r . azn er ü rt oem ^Lieuu.uyi|Hil)iu.,c£ zu lujntctci}: a. -.null tui. »uerdings einzelnes Wertvolle ui.ick verkannt worden, wie die epischen Werke von I. K. Ginzkey, Emil Ertl, Rudolf! Greinz, Lyrisches von Emil Hadina, Novellistisches von Hngqenberger und R. H. Bartsch. 'Las deutsch« Gesicht. (Ein Weg zur Zukunft. Zum 30. Jahr des Verlages Eugen Diederihs in Jena.) Ter Allnanach des Berlages Engen Diederichs, mit einem Geleitwort des Verlegers, steht im Zeichen der Forderung einer Wellkultur, als deren europäischer Zentralpunkt Deutschland gedacht ist. Aber die Voraussetzung hiezu bildet auf der einen Seite Se.b,leinkehr, auf der anderen Erfassung der Tradition, kurzum, ein Leben und Wirken im Geiste. Eugen Diederichs hat durch die Werke seines Verlags diesen Weg längst schon beschritten. Es ist der Weg einer Humanität. wie Goethe sie sorulu.iert hat und iuic sic leider allzu selten in den letzten drei Jahrzehnten geübt wurde: das Bewußtsein von oer Verbundenheit mit der Welt. o. r. büchereinlauf. Man rcko Level: Ent setzen (»Hornau). Neue Berliner Vor» lag s-Gesellschafr, Bertiu-Wien. Das deutsche Gesicht. (Jahvlmch.) Herausgegeben vom Verlag Eugen Diederichs, Jena. Franz Schulz: Eros. (Klassische Liobesdichlung.) Verlag Rudolf Kaenunerec, Berlin. ^Rudolf Greinz: Taschenbuch für Bücherfreunde. Verlag L. Staackmann, Leipzig. Jean Richard B>och: Simler u. Eo., Notapfel-Verlag, Zürich. Franckhs Spieltvnhe. Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart. Die Religion in Gc'schichie und Gegenwart. Verlag I. C. 23. Mehr (Paul Sicbecktz Tübingen. Emil Ludwig: Bismarck (Geschichte eines Kämpfers). Verlag Ernlst Rowohlt, Berlin. Jose.pha Kraigher-PorgeS: Lebenserinnerungen einer alten Frau. (1. Buch der Kindheit.) Verlag Grethlcin n>. Co., Leipzig-Zürich. Egino nt Colerus: Tibcrius auf Capri (Novelle). I. G. Spei'de'l'sche Verlagtbuchihan-dLlng, Wien und Leipgig. Ludwig Huna: Herr Walther von der Boigelweide. (Ein Roman von Minne und Vaterlandstreue.) Verlag Grethlem u. Co., Leipzig und Zürich. / . Ernst Lothar: Drei Tage und. eine Nacht (Novelle). F. G. Spcidel'scho Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig. Ernst Lothar: Gotres Garten. (Ein Buch von Kindern.) F. G. Spcidelhche Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig. Erhebungen über Mexiko. (Ein AuSlegungsder'such.) Von einem Europäer. Talleres Linotipogruficos „Carlos Nivadcneyra", Bolisario Domigue num. 43, Mexiko. Dhan Gopal Mnkcvdschi: Juigcndjahre im Dschungel. Verlag Rütten u. Loeuing, Frankfurt a. M. Knud Nasmussen: Die große Jagd (Leben in Grönland). Verlag Rütton u. Loeuing, Frankfurt a. M. Hermann Kesser: Straßenmann. Verlag Rillten u. Locning, Frankfurt a. M. >- Olivrer d'Etchegoyeh: Polens wahres Gesicht. Verlag K. F. Koehler, Berlin W. Brunold Springer: Die genialen Syphilitiker. Verlag der Neuen Generation, Borlin-Mkolaste. Engen Diesel: Der Weg durch das Wirrsal (Das Erlebnis umserer Zeit). I. G. Cotta'sche Buch Handlung Nachfolger. Stuttgart und Berlin. GESCHICHTE UNSERER ch WELT ., H. G. WELLS Wells sieht die Weltgeschichte als Ganses von Erd* und Menschheitsentwicklung. Entgegen der Doktrin von einer Vergreisung der Welt sieht der berühmte englische Romancier den Menschen erst in seinem Jünglingsalter stehen und betrachtet die bisherige Geschichte als Vorspiel einer ungeheuren Evolution. Dünndruckausgabe in Taschenformat Pappband S s.—, Ganzleinenband S , Gatizlederband S 20.— PAUL ZSOLNAY VERLAG

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