Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2784 (27.11.1926)
- Date
- 1926-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981871--28280-3016300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2794 Wien, GmnStag Wiener MorsenzeiLtms 27. RoveEer tm 6dte 3 Tagesbericht. Maria Monteff-ri ia Mm. ^Luf der Durchreise aus Argentinien, wv sie mr .nehreren Universitäten Borträge über ihve pädagogische Methode gehalten hat, nach Berlin, wo sie in Kursen Lehrer und Lehrerinnen nach ihrem System der Kittdeverziehung ausbilden will, weilt Dr. Maria Montessori in Wim. Die Erziehungsmethode, die <nt den Namen Montessori gekniipft ist, bedarf heute kaum mehr einer eingehenden Erklärung, denn als Symbol der Befreiung des Kindes ist sie schon seit langem in das Bewußtsein fast jedes Gebildeten übergangen. Frau Montessori sieht nicht in den Kindern nur willenlose Objekte der Erziehung, sie hat im Gegenteil das Kind zum Subjekt und Mittelpunkt der Erziehung gemacht. In ihrer Schule ist der Unterricht, die ganze Einrichtung dem Kinde und seiner Aufnahmsfähigkeit airgepaßt. Die Gegenstände in einer Montessori-Schule haben Dimensionen, die dem Kind entsprechen, ihm erreichbar sind, die es benützen und mit bettelt es spielen kann. Ein Montessorischulheim besitzt immer einen Garten und alle Gebrauchs gegenstände, die zu einer Wohnungseinrichtung gehören. Die Kinder lernen durch Selbstarbeit und ihre Arbeit wird ihnen unter diesen Verhältnissen, da alles ihren tatsächlichen Möglichkeitm attgepaßt ist, zum zerstreuetrden Spiel. Das jüdische Volk und insbesondere das neue Palästina hat der Montessorischm Erziehungsmethode viel zu verdankm. Das Kind, das die Zukunft des neuen Palästina bedeutet, muß und wird nach dm modernsten und 'besten Methoden erzogen. Die meisten Kinderheime in Palästina sind nach der Montessori-Methode eingerichtet oder haben zumindest viele Anregungen mtd Elemente dieser mitf'crmften Kindcrerziehungsmelhode sich zu eigen gemacht. Wenn Ellen Key den: 19. Jahrhundert durch ihre theoretische Befreiung des Kindes d.n Namen, ,sJahrhundert des Kindes" gegeben! hat, so wird das zwanzigste sicherlich Maria Montessori feiern, die das Kind praktisch enmnzipiert hat. Das Berliner Schachturnier. Berlin, 26. November. Die Sensation der heutigen Runde war die Partie des jungen belgischen Meisters Colle gegen Grünfeld. Colle ging frühzeitig zum Angriff über und zertrümmerte mit mehrfachen Figurenopfern die Stellung seines Gegners. Diese brillante Partie dürste den Schönhertspreis von hundert Mark erhaltm. Bogoljubvw verteidigte sich gegen Hvlzhausen sizrlianrsch. Holzhausen behandelte die Eröffnung gut und erhielt eine starke Stellung. Bogoljubow brachte ein wciterberechneles Bauernopfer, nach dessen Annahme er einen gewaltigen Angriff erhielte In verlorener Stellung überschritt Holzhausen die Zeit. Sp ie linann spielte heute vorzüglich gegen List, der sich französisch verteidigte. Nach Widerstand gab List das hoffnungslose Endspiel auf. Ahnes verteidigte sich in einer indischen Partie ausgezeichnet gegen John er, wies den Angriff ab und gewann im Endspiel. Ebenfalls sehr gut verteidigte sich Sä mi sch int Damenbauernspiel ggen Ru bin stein. Er i'iberstand.seine graste Zeitnot und kam nach der Pause in Las Kind. Eine Erzählung von Ojsip Dymow. Nun, Doktor, es geht doch besser? Ja,? Besser/?!" Die junge Frau sah dem Arzt in die Augen, als hinge es von chm ab, vb das Kind gesund tnerden solle oder nicht. Der Arzt nahm sich in Kontrolle — ein guter Arzt muß ja gleichzeitig ein guter Schauspieler sein. Er nahm seine. Brille ab, putzte sie ruhig, obwohl kein Anlaß dazu vorhanden war, und antwortete gelassen: „Ich glaube, es geht dem Kind viel' besser. Gebert Sie chm ttur pünktlich die Medizin, und die Hauptsache — das Bürschlein muß schlafen, ja, schlafen; das ist die Veste Medizin." „Herzlichen. Dank, lieber Doktor... Natürlich: schlafen," antwortete die schöne, junge Frau, „Jack, komm doch her; hörst du, tvas der Doktor sagt?" Jack, der junge Vater des Knaben, trat aus feinem Zimmer. „Ich höre, selbstverständlich" — er wandte sich zum Arzt. „Hier ist Ihr Hut, Dokior." „Morgen schaue ich wieder her," sagte der Doktor und machte kaum merklich Jack ein Zeichen, das bedeutete: „Ich möchte mit Ihnen sprechen." „Morgen, ja, gut," antwortete der Vater. „Sie kennen ja den Weg, hier geht's zur Stiege." Er ging zusammen mit dem Arzt hinaus und schloß die, Türe, damit seine Frau nichts höre. „Das Kind?" stieß Jack kurz und ängstlich hervor. „Wie steht es mit dem Kind?" „Lieber Freund," antwortete der Arzt, „Ihr seid beide jung und gesund, Ihr werdet noch viele Kinder haben." „Das heißt, Doktor?" begann der junge Vater, „das heißt, daß..." „Ihr Bübchen ist sehr krank," flüsterte der Arzt, „leben Sie wohl." „AVer Sie sind doch morgen bei uns?" „Wozu?" fragte der Arzt kurz und scharf, und in der Antwort lag eine klare, unzweideutige Antwort. Am nächsten Morgen besserte sich der Zustand des Kindes. Der vierjährige Knabe öffnete die Augen und versuchte zu lächeln. Vorteil. Bei Abbruch des Spieles hatte er Dame, Läufer und vier Bauern gegen Dame, Unser mtd drei Bauern Rubinsteins. * Stand nach der heutigen Runde: Bogoljübvw 61/2, Rubinstein 4 (3), Spielmann mtd Grünfeld 4, List 31/2 (1), Johner 3^/2, Colle, Sämisch Ahnes je 3 (je d), HolzhMsen 11/2 (1). Morgen kommen Hängepartien zur Mistragung. Schachmeister Darre — geisteskrank? Bei dem großen internationalen Schachturnier in MoskM, das durch die Teilnahme von Emanuel Lasker und CapaVlanea besonders bemerkenswert war, erregten die Leistungen des 21jährigen Schachmeisters Carlos Tvrre Ms Kuba, dem es gelang, gegen Lasker zu gewinnen und bessere Leistungen als der Weltmeister CapaVlanea zu erzielen, ungeheures Aufsehen. Man sah in dem jungen Erbauer eine künftige Schachgröße von der Art der Morphy, Stemitz, Pillsbury, und Laskerc selbst sprach sich über Tone in Worten voll Anerkennung aus. Tone hat vor einiger Zeit mit dem amevikani-, scheu Altmeister Marfhal Verhandlungen wegen eines Wettkampfes begonnen, die sich ziemlich lange hinzogew; nun kommt Ms New York die Nachricht, daß dieser Wettkampf nicht stattfinden tvird und — noch schlimmer — daß die Schachlaufbahn des jungen Tone zu Ende ist. DNm Torre ist in Newyork unter Anzeichen schwerer Geisteskrankheit zusammengebrochen und mußte in seine Heimat gebracht werden. Er teilt damit das Schicksal zweier Amerikaner, die ebenfalls Weltgrößen des Schachspiels waren, Morphy und Pillsbury.Morphy starb in . jungen Jahren im Irrenhaus, und Pillsbury, einer der größten Blindspieler, aber auch, Turnierspielev aller Zeiten, stürzte sich, kaum vierzigjährig, im Wahnsinn Ms einem Hause Ms die Straße. Torre ist das dritte Opfer, welches das Gehirn der Amerikaner dem Schach , bringen muß; oder — ist vielleicht auffallende Schachbegabung eine Folge abnormalen geistigen Zustandes? In der Mathematik ist das ziemlich sicher festgestellt-. New Aorlr neuester lilerarisch-polttWer Skandal. Ein SeitenMck Londoner „FlüstergakMe". Aus New Park wird uns gemeldet: Das Tagesgespräch von New Dork bildet ein literarisch-polittscher Skandal, der in den Vereinigten Staaten ungeheures Aufsehen erregt hat und immer weitere Kreise zieht. Schuld an der allgenteinen Aufregung ist ein neuer Roman, der unter dem Titel „Orgie" erschienen und von Samuel Hopkins Adams verfaßt ist. Der Autor schildert in packender Darstellung, die/wie die Blatter feststellen, der Wirklichkeit außerordentlich nahe..kommen soll, die Korruption, die man den maßgebenden politischen Kreisen der Vereinigten Staaten unter der Präsiden'tschaft Hardt n g S zmn Vorwurf macht. Das Werk ist ein Schlüsselroman; die Personen, die durch ihn betroffen tvevden sollen, erscheinen natürlich nicht unter ihrem richtigen Namen, . Im Mittelpunkt der Schilderung steht der Präsident Markhcun, ihm zur Seite der Vizepräsident Etliot. Diese bei- „Mama," rief das Kind leise, „warum drückt es mich so? Hab' ich denn Eisen gegessen,?" „Was für Eisen, mein Liebling?" „Da drinnen in mir ist alles voll von schwerem, schwarzem Eisen," flüsterte das Kind. Da bemerkte es den Vater: „Vater, der Aeroplan?" „Was mein Junge?" „Eisen," rviederholte der Knabe. Das war sein letztes Wort; eine halbe Stunde sMer war er tot. * Als die ersten zwei Monate vorüber waren und die jungen Eltern etwas ruhiger wurdert, sagt der Mann, ganz M, aber ernst, zu seiner FrM dasselbe, was ihm der Arzt einen Tag vor dem Tode des Kindes gesagt hatte: „Wir zwei sind jung und gesund und wir Beben einander." * „Ja," sprach bk junge Frau und umarmte ihren Mann. Am nächsterr Tage, als Jack in seinem. Büro lvar, ging auch sie an die Arbeit. Es war eine sonderbare Arbeit : sie begMN alles einzupacken, was auch nur die leiseste Beziehung zu dem verstorbenen Knäbloin hatte; fein Spielzeug, seine Wäsche, sein« Kleider, seine Schuhe, die Photographien, die von ihm ausgenommen worden waren, alles sammelte die Frau und packte es in einen großen Koffer. Der Portier Mg den Koffer in den Keller. Die FrM zog ein leichtes, Helles Kleid an, und als Jack heimkchrte, traf er daheim eine lächelnde, gut gekleidete, ein wenig kokette FrM. Er küßte sie herzlich und wurde selbst heiterer, tim Abendessen begann er von seinen Geschäften, Plänen und Hoffnungen zu sprechen. Me Frau hörte aufmerksam zu, riet ihm lote früher, was er tun und was er lassen sollte, und wie früher hörte er mit Vergnügen ihren klugen und praktischen Ratschlägen zu. „Weißt du was?" begann sie plötzlich. ,MLr könuten eigentlich für ein paar Wochen verreisen." ,Wohin willst du fahren?" fragte er. „Ach, das ist einerlei, wenn es mrr lustig ist und viel Gesellschaft gibt." R AGLAN in jeder Preislage wegen vorgerückter Saison tief HEINRICH WEINBERHER. WIEN I., Singerstraße Nr. 6 irden Figuren fittb so gezeichnet, daß auch der Ahnungsloseste die Gewißheit hat, es mit Harding und seinem Mitarbeiter, dem damaligen Vizepräsidenten Cv olidge, zu tun zu haben. Mit außerordentlichem Geschick und unter Verwendung zahlloser Einzelheiten, die darauf hindeuten, daß her Verfasser Ms erster Hand gründliche Informationen bezogen hat, ist der sogenannte Tea-Pot-Daine-Skandal wiedergegeben. Man erinnert sich dieser auffehenerregendcn Affaire, in deren Verlauf der Pstwleummagnat Sinc l a i r den Staatssekretär Fall und den Marinesell:etär Denby schwer bloßstellte. Auch der geheimnisvolle Selbstmord von Jeß 'Smith, des intimen 'Fremwes des' früheren Justizministers Dougherty, und verschiedene andere üble politische Skandalgeschichten sind behandelt. Da die Affäre Däugherty noch keiueslveK vergessen 'ist und der Prozeß gegen dett ehemaligen Staatssekretär Fall am fr iibeit 22. Dezember beginnen wird, kann man sich int.,*.;. i-orstellen, welches Aufsehen eine solche Veröffentlichung in diesem Augenblick nicht nur in den politischen. Kreisen, sondern weit darüber hinMs in her -gesamtenOeffentlichkei-t erregen muß, um so mehr, als natürlich dir politischen Gegner diese günstige Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen lassen. „Orgie" scheint also das amerikanische Gegenstück zu der „Flüsternden Galerie" zu 'sein, dem 'Buch des unbekamüen englischen 'Diplomaten, der vor einigen Tagen seinem Land einen Ä? lichsn Skandal beschsvt hat. Bildüberttagung durchs Radio. Radio,Kino? Wber eine sensationelle Erfindung eines norwegWen Jrrgenieurs meldet der Berliner „Tag" Ms O s l o-: Dev norwegische Oberingenieur beim Telegrapherrwesen Pote^vscn hat einen Apparat zur drahtlosen Bilderübertragungdurchdas Radio konstruiert. Ein Empfangsapparat für die Bildübertragung wird, wie dey Erfinder berechnst, nicht mehr als 4000 norwegische Kronen kosten. Die Bildübe vtraguug erfolgt mit einer Schnelligkeit von 3060 Punkten in der Sekunde, 60 nral schneller als' mit derr Mher bekannten Apparaten. Es wird also tätlich fein, daß zugleich mit den bisherigen Darbietungen des Radios auch mit beliebiger Schnelligkeit graphische Dar stellst«-« gen für alle Nadioempsänger vorgeführt werden können. Versuche, die in den letzten Tagen gemacht wurden Und bei denen als erstes Bi8> die Photograph^ des Körrig pmr Norwegen übevtragnt wurde, sotten völlig Msgefallen sein. „Eine Idee!" fiel Jack ein. „Fahren, wir in denselben Ort, wo wir vor fünf Jahren waren." „Auf unserer Hochzeitsreise, dort, wo wir NeMWerwochen verbracht haben?" ' -La." Sie musterte ihn von oben Ms unten, tm esMavÄr ttm> wenn sie errate« wollen, was em Mann beabsichtigt. Dann lächelte sie kokett, genau so wie vor fünf Jahrew: „Gut, fahren nur nächsten Sonntag." Einige Tage später saßen!Mbe wett von Netoyvrt entfernt in einem kleinen, netten Provinzhvtel an einem Tischchen, hörten der Jazzmusik zu, sahen einander tief in die Augen, und ick: jungen Pärchen in der Nähe waren überzeugt, die beiden hatten eben Hochzett gehabt. Die jungen Pärchen kümmerten sich übrigens wenig um Jack und seine Begleiterin; sie waren zn sehr mit sich selbst beschäftigt, dam sie befanden sich auf ihrer Hochzeitsreise, alle hatten eben gcherratet. Es ist «Len ein junges Paar mehr hier — war der allgemeine Eindruck. Jack und seine FrM tanzten, lachten, machten Spaziergänge und aMsierten sich so viel sie konnten. Nicht ein einziges Mal erwähnte einer von ihnen das verstorbene And. Nicht genug daran, zwangen'sie sich sogar, nicht daran zu denken. Sie hatten es nicht vergessen, 0 nein, doch ihnen lag jetzt etwas viel wichtigeres im Simv: das tote Kind könnte warten... So verging ein Monat. Sie kehrten stach Newyork zurück. Ein zufriedenes Lächeln ruhigen Glückes durch strahtte sie. Und bald «rrrieten ihre Freunde, m ihrer beider Leben werde etwas Frohes und Schönes trchm: die FrM wurde Mutt«. Alles ging gut. Zur rechten kam «in Wtter Knabe zur Wett, und . die glücklichen Mern flüsterten einander ganz läse z»r „Er sieht dem verstorbeneir Kind so ähnW.,." Als die Mutter sich von ihrem Lager erhob, Mf sie zn allererst den Portier: -^Bringen Sie mir den Koffer Ms dom Und sie packte die Sachen «ans, besah das SM« Mg, küßte die kleinen Schuhe und weinte, weinte bitterlich um ihr kleines Knäblein. Jetzt konnte sie ruhig weinen: denn sie Mn jemand, dessen sie sich freuen konnte. Olebertragen von EMMM