Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2783 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wiener wCorgWfJfitttttg SS. N Eemver ES Sette 8 Mehrere Häuser der Umgebung sind ebenfckkls in Brand geraten. Es gelang bis jetzt noch nicht/ dem Feuer Einhalt zu gebietLn, so daß eine weitere. Msdehrumg des Brandes zu befürchten ist. Ae RelalwM des zeMesriffe,. Gin Bortrag Einsteins in Berlin. Zn einer Festsitzung des Elektrotechnischen Vereines in> Berlin, die am Mittwoch aberrds stattfand, hielt Professor Albevt Einstein die Festrck«. Er sprach übeü seine Relativitätstheorie, die er scherzhaft als eine ganz unpraktisches Sache bezeichnote. „Ueber Relativität ist so viel geschrieben worden. Recht viel Gescheites, aber noch viel mehr Dummes. Mer der Redner will hier den Rekord nicht schlagen." An klaren, knappen Sätzen unter Verzicht auf jedes mathematische und zeichnerische Hilfsmittel legt' Einstein die Grundzüge der Relativitätstheorie dar. Gibt es überhaupt eine absolute Bewegung? Das ist die erste Frage, die er klarzustellen suckst. Dann setzt er sich mit der Newtonfchen Mechanik auseinander, zeigt, wie die Forschungen der Elcktrodyttarnik dazu zwangen, die Vorstellungen der sogenmmten klassischen Mechanik einer scharfen Kritik zu Unterziehen. Der Michels onscheVersuch und die Maxwell-Lvrentzschen Theorien werden in werngen Sätzen in ihrer Bedeutung gekennzeichnet. Darrst: wird die Frage aufgeworfen: Was ist Zeit im absoluten, was im physikalischen Sinne? Die Kritik des Trägheitsgesetzes ftihrt von der speziellen zur allgemeinen Relativitätstheorie. Kurz weist Einstein darauf hin, daß die Folgerungen, die sich aus der Relativitätstheorie ergeben haben, tatsächlich bestätigt worden 'sind. So die Abweichung 'des Merkur von seiner auf Grund des Newtonfchen Gravitationsgesetzes berechneten 'Bahn (40 Bogeirseknnden 'in 100 Fahren), die Krünrmung der Lichtstrahlen und die Verschiebung des Rots im Spektrum. Nur ganz unmerkliche A e n d e r u n g e n in der bisherigen Formulierung mancher Gesetze der Mechanik bedingt die Relativitätstheorie. Vielleicht werden ihre bisherigen theoretischen Ergebnisse dazu führen, dast mancher physikalische Begriff scharfer gefaßt werden muß. Mischer Sentrom der Soziale« Hilsrgemelnfchast. 2. Bez., Untere Augartenstraße 38. Heute, halb 8 Uhr abends, Vortrag von Dozent Dr. Ludwig Hofbauer: Wie. werde und bleibe ich schlank, beweglich und gesund? (Mit Vorführungen.) Aerztliche Beratungsstelle (nur für Unbemittelte). Leitung Dr. Isidor Klaber. Bon 2—3 Ahr nachmittags. Erziehungsberatungsst.esLe für schwer crzichbare .Kinder. Leitung Dr. A. Neuer, Dr. Martha Hofmann, Frau Martha Holub. Zwischen halb -7 und 8 Uhr abends. Es 0berfIttgelt durch sein Renommee, seine riesige Wirinmg der echte DIANA- FRANZBRANNTWEIN MIT MINTHOL sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Hausmittel. An NorvosilSI ttnsl Kopfscftaiorson Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu erfrischen und ihre ermüdende Tagesarbeit fortsetzen zu können. Ueborall erhaitllcli. ÜRnffolini ob Koipottageromanschreiier. Es ist tvenig bekannt, daß der heutige Diktator Italiens, dcr eine sozialistische Vergangenheit hat, im Jahre 1908 Sekretär der Arbeiterkammer in den: damals österreichischen Trient war. Der große italienische Patriot war dort Mitarbeiter des stark austrophil gefärbten italienischen Arbeiterblattes „L'Avvenire" (Die Zukimft), bis er dann das Organ des (im Kriege Won den Oesterreicherngehängten) Mgeordnetm Cesare Bett ist: „Jl Popolo" als Chefrämkteur gegen einen Monatsgehalt von 120 Kronen Übernahm. Nebenher befaßte sich Benito Mussolini auch mit literarischen Studien, in denen die deutschen Dichter (Klopstock, Schiller, Platen) einen breiten Raum einnahmen. Er schrieb auch — was besonders bemerkenswert : ist — eine Studie überden tschechischenKircheirresormatorJohcmnesHUß und die Husstten, die später auch ins TscheWche übersetzt wurde. " . 'Diese pikanten, Viv graphischen Details, die sich in der soÄen * im Verlag Paul List in Leipzig deutsch erschienenen Lebe ns ge-- schichte Mussolinis finden, welche nach aktobiographischen Unterlagen von Märgherita G. Sarfat'ti zusammengestellt wurde, werden noch überboten d-chchi die köstliche Feststellung, daß Mttssolini auch — Schundromane schrieb. Darüber erzählt das verliebt Umfangreiche, mit zahlreichen „einprägsamen" Bildern versehene Buch, Kr dem Mussolini ein Vorwort schrieb, folgendes: „La Vita Trentina", die illustrierte Wochenbeilage der Zeitung ,/Jl Popolo", veröffentlichte, als Mlffolini noch in Trient tätig war, einige Novellen Mussolinis, die auch heute noch unterhaltsam und rührend zu lesen siM Drei Gestalten darin tragen fadenscheinige löcherige MrskeU einer zynischen und blasierten Gleichgültigkeit, aber darunter; hervor schimmert die elementare Glut' dev HPimüüMrh. der Leidenschaft und des Schmerzes.^. ' i ' > Dagegen findet inan in dem dicken SchrNökev vhneMpf und Schwanz, dem historischen Roman ä la Dmnäs, betitelt ,Maudia Particella oder die Geliebte des KaMnals", von Benito, Mussolini, einem wahren Film von Ungeheurer >r. 2783 Wien, Freikckst ragesdericht. Ae kochende Moral. Der Mgeordnete Dr. Gr neuer, sozialdenwkmtischer LandeÄhlyiptmann-SteNvertreter von Tirol, hat im Jahre 1923 einen Freund in dem italienischen Südtirol in zwei Briefen gebeten, er möge ihm zum Ankauf der Burg Karneid bei Bozen verhelfen; Gruener wolle aus beim vaMn Norden wegziehen und die italienische Staatsbürgerschaft erwerben. Diese Briefe sind der „Reichspost" in die Hände gefallen und sie druckt sie ab. Dr. Gruener schreibt nun in der Innsbrucker „Bolkszeitung", er habe tatsächlich übersiedeln wollen, sei aber davon abgekonrmen, da er sich in Nordtirol das Schloß Itter gekauft habe. Die „Arbeiter-Zeitung" teilt hiezu mit, daß sich der Tiroler Landesparteitag am Sonntag mit der Angelegenheit beschäftigen werde, und fügt sehr hochmütig hinzu: „Was dm Wiener Blättern zur Kenntnis diene, die wirklich glauben, ohne ihren Kren würde unsere Partei an irgend einem Punkte nicht wissen, was sie zu tun habe." Wir nreinen, daß das doch nicht so ohne weiteres richtig ist. Hätte sich die Partei auch mit der Sache beschäftigt, wenn die „Reichspost" nicht die Briefe erwischt hätte? Das ist ja der österreichische Skandal, daß alle den Balken rm eigenen Auge erst dann merken, wenn der Gegner aufmerchjam macht, und der Gegner tut dies auch nur deshalb, .um von sich abzulenken. Die sozialdemokratische Moralwächterei ist mit dem Schweigen gut vertraut. Sie schweigt, solange es in ihre Parteitakttk paßt. Natürlich tun das auch, die anderen, und man sieht an diesem Beispiel wieder, wie jämmerlich es um Oesterreich bestem ist und wer die sind, die sich als Hüter der Sitte ausspielen. j Dilles, gegenseitige Bespitzeln fördert in der letzten Zeit einen Skandal nach dem' anderen ans Licht. Aber gemach: Es wird nicht mehr lange dauern. Nur bis zu den Wahlen,. Denn diese. Tartüfferie unserer Volksparteien will nur Mandate ergattern und die eigenen Tschinowniks versorgen. Ihr ist die Moral von höchst sekundärer Bedeutung und Kommt nur dann in Betracht, wenn sich eine fremde Hand in die Staatskasse senkt. Nach den Wahlen, wenn alle Arsenale erschöpft sein werden, kommt der große Pardon Md man wird sich die Entrüstung einpöckeln, bis dann wieder Wahlen in die Nähe rücken. SgfeloRon in einer Fabrik. 10 Tode, 50 Verletzte. Paris, 25. November. In einer StiiEemchl-FabrU in H a u b o u r id o hat sich heute eine Explosion ereignet, durch die die Fabri'ksgebäude m Brand gerieten. Bisher wurden zehn Tote und fünfzig mehr oder minder schwer Verletzte geborgen. Franz Molnars „Spiel im Schloß". Akademietheater. ,A'n drei Akten" lautet der Untertitel. Drei ganz famose, ganz exquisite Akte Und sie ergeben das fröhlichste Theaterstück, welches in den letzten Jahren über die Bretter ging. Es entsteht angesichts des Publikums, wird vom Dich»-. 4er, der mit brillantem Können plumpes Unvermögen vovtäuscht, „improvisiert" Und alle Fährlichkeüen einer scheirvbar mühsam gekitteten Komödie überwindet ein Dialog, der Von pavodistischem Witz und — das Wort ist nicht mißbräuchlich als Zeilensütte hierhergesetzt, sondern in seiner echten Bedeutung zu nehmen — von köstlichem Humor geradezu überströmt. Zu Beginn beklagen sich drei Herren Vom Metier darüber, wie schwer es ist, ein Theaterstück ordentlich zu beginnen. Nicht leichter wäre es den Inhalt des Molnarschen „Spiel im Schloß" ordentlich iviederzugeben. Sechs Personen suchen einen Autor und finden ihn in der siebenter: mitwirkenden Person — wider ihre Absicht und zu ihrem Heil. '(Wenn man will, ist der neueste Milnar eine Persiflage des ältesten Pirandello.«' Anlaß zu dem 'in hundert Facetten glitzernden Lustspiel gibt folgendes Ereignis: Zwei Librettisten bringen ihren neu entdeckten verhätschelten Vertoner in ein Schloß, um ihn seiner geliebten Primadonna zuzufühven. Den Jüngling in guter Stimmung zu halten, ist nämlich für Geschäft und Erfolg der beider: von ausschlaggebender Bedeutung. Da hören die drei im Nebenzimmer — der neue Schloßtrakt hat verflucht dünne Wände — ein durchaus eindeutiges Gespräch der Primadonna mit einem alten Hofschauspieler, der soeben sein einstiges Verhältnis mit ihr fortsetzt. Den jungen Tondichter stürmt dieses „in flagranti" aus allen Himmeln, er will, was die Librettisten weit härter trifft, die begonnene Partitur zerreißen und in die weite Welt ziehen. Da heißt es rasch handeln und der jeine der Librettisten rettet die Situation folgendermaßen: Er bringt die verfänglichen Gesprächsfetzen,'die mau aus dem Schlafgemach der Primadonna hörte, in einem Einakter unter, veranlaßt die Primadonna Und den Hofschanspieler bei der Mendvorstellung in: Schloß den Einakter anfzuführen und sowohl de«: tondichtenden Jüngling als auch dem andern Librettisten geht eine Gasfabrik auf — jener erlauschte Lievesdialog war nur eine Probe zu der jetzt Vor sich gehenden Aufführung. Aber, wie gesagt, die Inhaltsangabe wird zur 'Fußangel für den armen Rezensenten, der dem wichtigeren Beiwerk gerecht zu werden, nicht in der Lage Ist. Die Pointen "jagen elttaiTber, die Handlung wird durch freimütig gestattete Einblicke in die Eingeweide der Komödie unterbrochen, um plötzlich unter BeiseitMllung von Stück sowie Entstehungsgeschichte des Stückes das ulkigste Lebewesen, den Menschen und insbesondere den Erfolgsmenschen in seiner erbärmlichen Kleinheit vorzüsühren. Es kann nicht bloß am Stück liegen, das nicht Nur vortrefflich ist, sondern außerdem ein Schlager ersten Ranges es kann nicht das ausschließliche Verdienst der Spielleitung (Hans Brahm) und der Kunst der Darsteller sein — es ist einer der Menen Zufälle, daß eine Novität so außerordentlich »medergegeben wird, wie diese im Akademiethcater. Georg Reimers formt das Spiel im Spiel so, daß ihn Molnar zum Mitautor ernennen sollte. Daß der Herr Librettist ein gütiger, um die Not des. jungen Komponisten bekümmevter Mann ist — das hat Reimers hinzugedichtet. Neben ihm Herr Heine als verraunzter, hochmögender Librottistenkompagnon (mit urkomischer, charakteristischer Maske), Herr Höbling in einer Rolle, die ihn: an den Leib geschrieben ist (er hatte schon einmal tttifi einem Molnarschen Mimen Glück), Frau Wag euer als ganz reizendes, ganz perfides Luderchen, die Herren Heim und Mayerhofer und schließlich Herr Löhner als dummer, hübscher Junge, alle gleich ausgezeichnet.' Die Rolle des Letztgenannten ist nicht durchaus glaubwürdig, seine Haltung der Primadonna gegenüber nicht schlüssig — aber, wer hat diesmal Lust, eir: Haar in der Suppe "zu suchen? . Seitdem durch häßliche Zittrigen Molnars „Der gläserne Pantoffel" umgebracht wurde, ist uns dev Dichter des „Liliom" doppelt wert uttb wir freuen uns doppelt über den wohlverdienten rauschenden Erfolg dieser Pvemiere. . Otto Abel es. Lkchesterkouzerte. Novitäten von Vittner, Casetta und Janacek. In seinen sechs Liedern von der unglücklichen Liebe der edlen Dame Pang Dschi M, welche im „K o n z e r tv er ein" von Emilie Bittner famos gesungen wurden, verlegt Julius B i t t U e r ein Thcaterchina in den Konzertsaal, welches die exotische Landschaft Pnccinis ebenso gut kennt wie jene Gustav Mahlers. Eine Landschaft, auf der Marschrhythmen vornverziehen und leere Quinten laufen, in der bald purpurne Tonsarben schlver Niederdrücken, bald ein zart hingetupftes Aquarell den Dust einer exotischen Mondnacht aushaucht. Bittner ist auch hier Lyriker und Dramatiker zugleich, der gelegentlich seine Mkordik aus der Hexenküche der Moderne bezieht, im übrigen als gesunder Stimmnn-gsmensch so drauf los komponiert, wie es ihm »ms Herz ist. Eine lebensfrohe Diesseitsnatur ist Wsred Eaf ella. Er gilt mit Recht als der Führer der italienischen Muistkmoderne und sucht gleichwohl immer wieder Anschluß an die italienische Vergangenheit. Schon die Ueberschrift seines neuen Werkes — „Part i t a" (eine Folge von verschiedenartigen Tanzstücken) — mahnt an das 17. und 18. Jahrhundert. Und in der Tat folgt er in der einleitenden „Sinfonia" wie auch in der Passacaglia mit zwölf Variationen, deren zehnte, eine anmutige „Musette", den Dudelsack nachahmt, und in der abschließenden „Burleska", deren Tarantella-Treiben dem neapolitanischen S3oIf§» leben nachempfunden ist, den Spuren Frescobaldis, Soarlattis und Vinaldis, im, dahinrasenden Finale besonders dem Brio Rossinis. Sind auch die Füll- und Mittelstimmen polyt-onal verbogen, so ist die Partita als Ganzes volkstümlich und das eigenartige Kolorit des durch Klavier bereicherten Orchesters, in welchem Flöten und Fagotte fehlen, und Gitarren sich mit Trompeten verbinden, ist durchaus südländisch. — Casellas „Partita" vermittelt diplomatisch zwischen der Tonsprache der alten Meister und des modernen Salons, seine sinfonische Suite aus dem Ballett „Der grpße Krug", das man wohl an der Wiener Staatsoper aufführen könnte, führt dagegen unmittelbar in das freie Volksleben des Südens. Hübsche Tänze erttingen in der Mondnacht, ein „Siziliano", ein Tanz der betrunkenen Bauern, vorher das von einem Tenor gesungene Lied vom Piraten und der Jungfrau. Die Musik ist ebenso lustig und farbenfreudig ivie die einfache Handlung des Balletts von Pirandello.'Nicht ganz so amüsant war die Wiedergabe beider Casella-Werke durch das T o n k ü n st l e r - O r ch e st e r. Mit den Gastdirigenten, welche zwischen Tür und Angel Novitäten einstudieren, hat es eben^ seine Schwierigkeiten, selbst wenn es sich um eine Begabung vom Range Clemens Krauß' handelt. Das neue „Concertino" für Klavier und Orchester von Leas Janacek, das in Wien vom Prager vortrefflichen Pianisten Eugen Kalix (Dirigent: Adalbert Kalix) zur Erstaufführung gebracht wurde, besteht aus vier äußerst knappen Sätzen, in welchen in der bekannten Janacekschen aphoristischen llürze karge Motivpartikelchen ohne ausgesprochene Durchführung wiederholt und variiert werden. Ebenso knapp ist die Begleitung: bald ein Horn, bald eine Es-Klarinette, bald einige wenige Bläser und Streicher. Janacek hat mit dem Concertino ein stark empfundenes, modern bewegtes, die Fülle seiner Kraft kaum andeutendes Werk geschaffen, welches in seiner kammermusikalischen Gestalt freilich weit besi"- in die Kammer paßt als in den großen Konzertsaal. Erwin Felbßx,