Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2782 (25.11.1926)
- Date
- 1926-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«KAM» mm, Domterstap 26. November £026 Sckk S Tagesbericht. Re ProteNionswirtschaft im Arsenal Der AulisemitiSm«- im Wiener Rathaus. Die Zustände im Arsenal, für die die sozialdemokratische Partei verantwortlich ist, kanten gestern anläßlich eines Ehvenbeleidigungsprozcßes, den der im Arsenal tätige Jngeinönr Josef Brüll gegen dm Beamten der Firma Karting Maschinen A.-G. Max Maschina angestrengt Me, zur Sprache. Der Klage liegt die Aeußerung MaschrnaS zNgritttche; „Alle Gewerkschaftsführer sind nichts wert', ich kenne einige, die Lumpen sind, so ist auch Erg. Brüll rin Lump." Um für seine BehMptung dm Mhrheitsbetvssiß erbringen zu könnm, erklärte dev Beschuldigte, daß er bas ^erhalten des Privatklägers als eine Lumperei qualifiziert habe. Der Richter, Landesgerichtsrat Dr. Ettma'yer, vom Strafb^zicksgericht 1, ließ einen unrfangreichen Wahrheitsbeweis zu, der bei der gestrigen Verhandlung jedoch Nur teilweise ausgeführt werdm konnte. In dem Schriftsätze, den der Beschuldigte dein Gerichte unterbreitete, heißt es, daß Ing. Brüll, der Vertrauensmann im Arsenal sei, an dem Unglücke sehr vieler ehemaliger Arsenalangestellter mitschuldig sei, und daß er auch daran schuld sei, daß viele Hundevte von Angestellten entlassen wurden, während Prvtektionskinder zu schönen Stellungen gelangten. Durch dieses System sei schließlich das Arsenal systematisch zugrunde gerichtet worden. Unter vielen anderen Anschuldigungen gegen Brüll wird behauptet, daß er als Obnmnn des Wohlfahrtsausschusses eine mangelhafte Kontrolle geführt habe, wodurch es möglich tvnrde, daß der Angestellte Rad Häuser das Arsenal Um 80 Millionen Kronen geschädigt habe. Brüll habe davon keine Anzeige erstattet, und 'Radhäuser unauffällig an eine andere Stelle versetzt. Weiters wird unter Beweis gestellt, daß Direktor 'Fischer, der frühere Arsenalkommisär, 400 Millionen unterschlagen hcche. Fischer ist im Zusammenhang mit Waffenlieferungen an die.ungarische Räteregierung wiederholt nach Budapest geflogen. Weiters wird in der Ein-- gäbe Msgeführt, daß auf Betreiben des Ing. Brüll „politisch Verdächtige" Ms dem Arsenal entfemt wurden. Dem Schriftsätze lag auch die Broschüre des früheren sozialdemokratische Vertrauensmannes Ferdinand Steiner, hei, in der Enthüllungen über die sozialdemokratische Parteiwivtschaft im Arsenal gemacht werden. Der Kläger ließ durch seinen Anwalt Dr. Arnold Eisler eine umfMgreiche .Gegenschrift überreichen, in der er alle Beschuldigungen als unwahr bezeichnet. Bei der gestrigen Verhandlung ttjutbc eine Reihe von Zeugen einvernommen, die teils für und teils gegm Brüll Mssagten. Mch Ferdinand Steiner wurde einvernommen, her erklärte, daß seine Broschüre mit dem Fall Brüll-Ma^ schina in keinem Zusammenhang steht. > Bemerkenswert ist seine Mssage deshalb, weil er auf Befragen des Richters, ob ihm nicht bekannt sei, daß Leute, die gegm Ing. Brüll wtcmf wwgwigfiiiWB Stellung nahinen, aus dem Arsenal entfernt wurden, antivovtete: „Mir'ist nur der eine Ml Maschina bekannt. Es ist mir allerdings ausgefallen, daß eins Rühe von Angesellten, die im Arsenal abgebaut wurden, bann von der Gemeinde Wien Übernommen wurden. Ich glaube, daß'hier eine Freunderlwirtschaft im Spiele war." Ms Befragen des Richters, ob er einen bestinttnten Ml nennen könne, erklärte der Zeuge: „Ach' habe insbesonder« den Fäll Tschepp im Mge, der trotz der bekannten Stellung' nähme der Gemeinde gegen Juden, als Gaskassier in deren Dienst aufgenoimnen wurde." — Richter (überrascht) : Seit waNn ist denn die Gemeinde Mm antisemitisch eingestellt? — Zeuge: Ich weiß, daß manr davon spricht, und daß auch darüber geschrieben wird, daß in 8er letzten Zeit Anden nur sehr schwer bei der Gemeinde Stellung finden. —- Dr. Eisler: Daß Ing. Brüll die Gemeinde Wien verleitet Men soll, antisemitische Grundsätze hmtänzUMlen, ist wohl nicht anzunehmen. Die BerhaMnng wurde schließlich M Einvernahme einiger weiterer Zeugen vertagt. Irr tmetfiittHAe Steiftet. Keine Ermäßigung der Nahvuugs« und Genußurittekabgabe. Nach den Kaffeesio'd>ern haben sich gestern die Gast, wirte von Stabtrat Breitner eine Abfuhr geholt. Auch sie muhten wieder einmal die Erfahrung machen, daß sein starres Dogma nicht zu ändern ist. An der Nahrung Z- und Genu ßurit te laibgabe darf nicht gerüttelt" werden, sonst könnten die Finanzen der reichsten Stadtverwaltung" des Kontinents in Unordnung geraten. Stadtrat Breitner wies der Movdnung der Gastwirte nach, daß von den 3521 in Betrieb befindlichen GasthauslonzMionen nur 767 in die Nahrungs- und GenuhmiitÄalbgabe eingereiht sind. Bon den 767 Gasthäusern zahlen 386 nicht mehr alls 1% bis 3 Progent Steuer. Mehr als 16 Prozent zahlen nur 71 Betriebe in ganz Wien. Außerdem tut die Gemeinde auch etwas zur Hebung des Fremdenverkehrs. Das Gastgewerbe muß avso blühen und gedeihen: Und die 36 Zahlungseinstelkungen in der letzten Zeit? Stadtvcvt Breitner wartet mit Ziffern auf und die Not und Arbeitslosigkeit steig. Ae Angestellte« der »«n&esbetrirte drohen mit de« schlltifte« Mittel«. Auch vic SicherheitöwLche ist unzufrieden. Unter den Angestelsten der Bundesbetriebe und der Sicherheitsexekutive ist neuerlich Unruhe entstanden, weil die Verhandlungen über die Beseitigung gewisser Härten des Gehaltsgesetzes infolge der ablehnertden Haltung der Ministerialkommission ins Stocken geraten sind/EineVerträuensmännerversammlung der Beamten der Tabakvegie, der Staatsdruckerei und der ,Mrener Zeitung" beauftragte die Technische Union, die schärfsten Mittel in Anwendung zu bringen, um die geforderten Verbesserungen str die kategorisierten Betriebsbeamten durchzusetzen. . . Wie der böhmische Dorsjude lebte. Bon Dr. Oskar Donath. Mch im jüdischen Westen ist es fimchtbrmgelll>, den alte» Weinberg umzUgraben. Eine feindliche Entwicklmig hat die Generationen auseinandergerisfen. Das Leben der Großväter ist den Enkeln nicht bekannt. Jeder Versuch, die gerissenen Fäden Mzuknüpfen Urck> die Vergangenheit der Gegenwart zu erretten, ist verdienstlich ^— Dr. Oskar Do nath, der verantwortungsvolle Brünner Autor hat soeben (im Jüdischen Buchlund Kunstverlag Max Hickl, Brünn) ein schlankes rnhalitsreiches kLktch „Böhmische Dorsjuden" erscheinen lassen. Statt einer Mzeige bringen wir eine Probe, die swir dem! Mschnitt „Im Kreislauf >es Jahres" entnehmen. Sie mußten sich im Laufe der Woche redlich plagen, Um fo viel zu ^verdienen, als sie zur Erhaltung ihrer^durch Kinderreichtum gesegneten Familie brMchten. Es gab Dorf--, gehör, die Sonntag morgens auszogen und die ganze Woche hindurch, bis zum Anbruch des Sabbats, ihren schveren Sack von Ort zu Ort schleppten. Ander« wieder hatten nur einen kleinen Ryhon; sie gingen früh ans dem Hause und kehtten am Abend wieder heim. Die Dorfgehev (Hausierer) kauften von den Bauem Naturprodukte oder Abfälle, Jedem, Ziegen- und Häsenfette, Lumpen, altes Eisen usw. Schäfwvlle Ustd Getreide wurde nur von den Vesser Situierte» eingekaust. Manche Juden lebten Vom Viehhandel, namentlich vom Handel mit Ziegen. Sehr viele handelten mit Pändern, Zwirn, Nadeln U. dgl., Und, da sie diesesstGefchäft nicht emähren konnte, verschmähten sie esl nicht, auch qtte Felle, alte Kleider, Knochen Und Glas einzukauftn. Vielfach kam es vor, daß die FraU zu Hause einen! kleinen Laben hätte, während der Mann den Hausierhandel betrieb. Das Los dieser Hausierer war nichts weniger als beneidenswert. Mgesehen von den Mühsakn des Weges Lei Wind und Wetter, dem Uebernachten in einer Scheune tobet auf dem Dachboden, hatten die jMschen Dorfgeher, trotz des im allgemeinen gutmütigen Charakters der Bevölkerung, von der übermütigen Jugend viel zu leiden. Wie tost wurden sie von rohen Gasserchuben beschimpft und mit Steinen beworfen, ober von Erwachsenen verspottet, verhöhnt und behelligt. „Pravda" berichtet („Dreißig -Jahre in Razvv"), wie die Dorfjugend einen jüdischen Hausierer in her Mühle von Räzov in eins Mehltruhe waff Und'mit ihm allerhand.Allotria trieb. Und welchen Schikanen waren die armen Hausierer seitens der Gendarmen <wsM setzt! Wehe, rvenn so ein Hüter des! Gesetzes einem Hausierer ohne Hääsierpatz 'begegnete. 'Dem erging es schlecht. .Und <twtz des entbehrungsreichen Berufes war der Hausievpaß dennoch eines der erstrebenswertesten Ziele Unserer Dorfjuden. Er wurde nur unbescholtenen Leuten, die das dreißigste Lebensjahr überschritten hatte, ausgefolgt. Ein bänger Mann, der den Hausierpaß erhalten Hatte, galt Äs gute Partie. Wurde dem Hausierer der Häusrerpaß - äus irgend einem Grunde (z. B. wegen Ankaufs gefttrhlener Waren) abgenommen, so bedeutete das die Vernichtung seiner Existenz Rakous erzählt („Bei Heims^ manch traurige Geschichte aus dem Leben von Dorsiuden, denen der Haufterpaß abgenommen oder verweigert worden war. Die Hausierer und Häusler waren durchwegs arme Teufel, aber dennoch waren sie keine Bettler. Mit den paar Kreuzern, die sie täglich verdiente», konnten sie keinen Auswand treiben; aber weder sie noch ihre zahlreichen Kinder brauchten zu hungern. Brot und Kar-- toffelg tafi es immer zum Sattessen und am Samstag fehlte es selbst an besseren Speisen (Barches und Kuchen) nicht. Eine Gans war am Sabbattisch selbst ärmerer Juden keine Seltenheit. Gekaufte Leckereien, wie znm Beispiel Semmeln oder Würstel, waren freilich rar. RapÄrs erzählt von seinem Vater, daß er manchmal zwei Paar Würstel vom Markte wttvrachte, dis unter beide Eltern und acht Kücher verteilt wurde», so daß,j^der gerade nur einen Mffen bekam. In ihrem Aeuheren unterschieden sich die DorUuiden «durch nichts von den Bauern. Der alte Kvesler (in Raikous' ,ß>U Leute von Wajlkowitz und die Dovfijnden") trug ein paar große, schweye HaWiefel, iu d-ie seine StruckAhosen hinemgesteckt waren; mn den von «der Sonne gebräunten Hals hatte er ein biMaes Kattuntüchel gebunden, ans dem Kopfe trug er eme einfache, auf denr Jahrmarkt gekaufte Mütze. Gingen die Hausierer an strengen Wintertagen Oer Land, so lvaren sie m BauevnmäntÄ (Burnus) gehiülllt, zum Schutze der Ohren banden sie sich ein Tuch um das Gesicht und die Füße wickelten sie in zaHIreiche Fußlappen ein; das war mit Rücksicht auf die mehr als bequemen Stiefel gang gut möglich. Auch die Frauen gingen ländlich, gekleidet. Ihr Gewand hatte einen bäuerlichen Schnitt auf dem Kopfe trugen sie ein Tuch; nur wenn sie in den Tempel gehen sollten, nahmen sie ihre Jahrzchnte alten, besseren Kleider (gewöhrttich waren . es Gre HochtzeitMeider) und setzten einen Hut oder ein Cqpuchon auf. Nicht jede DmWWn Wich e-n Weres ÄMd und einen Hyt.. Eisern Stark Müdtftlg wN jeder SSugHng und jedes Kind, das mit echtem DIANA- FRANZBRANNTWEIN MIT MINTHOL massiert wird. Bestes häusliches Schutzmittel des Kindes Ständig als Mundwasser zu benfitzen Diana - Franzbranntwein Überall erhältlich! Die Vertreter der Gendarmerie, der Sicherheits- und der Justizwache legten der Mrnisterialkommission Forderungen betreffend Erhöhung der Dienstzulagen, Kürzung der Vorrückungsfristen und eines Härteausgleiches vor, mußten aber mit Bedauern feststellen, daß die Ministerialkonunission ohne Dr. Seipel uck> Dr. Kienböck nichts verfügen könne. Sie erklärten daranfhin, daß die Beanttenschaft Mittel und Woge finden werde, um rhr^ Forderungen durchzu setzen. Set rag der RepM«. Das Budget für 1927, das jetzt im Budgetausschnß des Nativnalrates zur Verhandlung st-M, soll womöglich noch vor Jahresschluß parlamentarisch verabMedet rvevden, da im Dezember unverbindliche VorverhaMungqn tvegen Aufnahme einer internationalen Anleihe! für Oesterreich in Genf geführt iverden. Die Beratung gcht rascher vonstatten, als man ursprünglich, annahm. Gestern wurde im Ausschüsse die Generaldebatte beendet und drei Budgetkapitel angenommen. Beim Kapitel „Oberste Bvlksorgane" beschwerten sich die Sozialdemokraten darüber, daß Heuer am Republiktag der übliche feierliche Empfang beim Bundespräsidenten unterblieb und daß dem offiziellen Erppfang bei Dr. Harnisch im ganzen sechs oder sieben Christlichsoziale beiwohnten. Es sei unanstän-' d i g, daß die Regierung Seipel, deren Mitglieder auf die Republik beeidet sind, alles tun, um die Republik herabzufetzen. Münster Dr. R«sch entschuldigte das Fernbleiben Seipels unL des Nationalratspräsüwnten Miklas mtt dem Leichenbegängnis des Abg. Niedrrst, das am gleichen Tage stattsand und an dem beide teiknahmen. Die in Wien weilenden Mitglieder der Regierung seien bei dem vom Bundespräsrdenten veranstaltete» Empfang erschienen. - Repteffalie«. Wie bekannt, haben die von der üsderreWschen R^tzre^ rang auf Betreiben der sozialdemv kratifchen Partei zum „Schutze des Arbeitsmarktes" verfügten Auf?- enthaltserschwerungen für ausländisch« Arbeiter bereits Freilich mußte sie dann .auf den DemPeWafuch verzichten. Frau Kieslers Feiertags-gewand bestand aus emem blaugLsireiften Kanevasrock und einem Leibchen (Kazajlka). Auf dem Kopfe trug sie ein schwarzes Trbettiichel mit braunen Tupfen. In dieser Kleidung konnte sie es mit der ersten Bäuerin im Dorfe aufnehmen, , während sie im Tempel ganz gewiß ausgelacht oder zumindest von oben herab angesehen worden Ware. Go bescheiden wie die Ernährung und Bekleldmrg war auch die Behausung der Dorlfijuden. Sie bestand gewöhnlich aus einer kleinen, mit Stroh oder Schindeln bed'eckten Hütte mit einem Zimmer und ein bis zwei Neüenväumen, die manchmal als Wohnung, manchmal als Futterkammer benlützt wurden. Das Borihaus hatte einen Fußboden aus festgestamlpftem Lehm und aus dem Vorhaus Wirte der Schornstein direkt ins Freie, so daß man durch ihn den blauen Himmel sehen konnte. Bei Regen mutzte ein Schaff oder ein Bottich untergestellt werden, damit eine Ueberschwemmung der Wohnung! verhütet werde (Rakous: ,^ine Handvoll Erinne- ' rungen"). Die <Nube lvar gewöhrrlich niedrig und mit geblümten oder weißgetünHen HoMaLen gedeckt. In!chr standen zwei mit hochgeNvmben Betistücken auffgebaute Bettstätten, ein Tisch, bescheidene Holzstühle, zwei Klerderschränke und anderer alter Hausrat, der je nach den VermögensivevMtniffen reicher oder armseliger war. A« den Minden sah man neiben einem Misrach auch noch Bildnisse jüdischer Größen (berühmter Rabbiner, des Baron Hirsch und Möses MontÄfiores). Die Dorffuden waren durchwegs fromm; ihre FrömmrigkeiL äußerte sich sowM in der gewissenhafLen , Verrichtung der Gebete, wie auch m der strengen Beobachtung' der Speisegösetze. Der jüdische Krämer und Gastwirt scheute sich nicht, vor seinen Kunden das Mopgengehet mit dem Defillin auf.dem Haupte zu verrichten, und diese wagten es nicht, ihn in seinem Gebet zu stören, ja sie empfanden dann ebne gelwisfe heilige Scheu per ihn-. Kompert erzählt (m den hindern Rarchars") von Reb Schmul Rarrdar, er sei mit den DefAin auf dem Kopf und am Arm unter den Bauem herumgegangen und keiner von ihnen habe sich Wer den Betenden belustigt. „Der Pan Schmul betet", habe es gcheißen, wenn sich der Rcmdar heim SchmonaMre- Gebet in eiven WiiM stellte und mitten unter Wünschen Lauten die Sprache Zions ertönen liest