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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-24 · Heft 2781 (24.11.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2781 (24.11.1926)
Date
1926-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. mm Men, Mtklvoch Wre««k &t*f$e»§ettttttft Seite 3 LagesberW. So« Saleatteaz. Am letzten Sonntag brachte das Berliner Blatt der „imtwnalsozialiftischen deutschen Arbeiterpartei" die folgerte Glosse: „Wenn Sie als ertappter Landesverräter nur die Wahl hätten, enüvter von einer „Femebestie" oder von einem „deutschen" Richter jüdischen Glauben s gerichtet zu werden, ivas würden Sie vorziehen'? — Dein „deutschen" Richter jittnschen Glaubens?! Na, schön!Aber werter! Wir setzen nun einen anderen Fall: Sie sind in einem streng rituellen Tschekakeller eines exterritorialen Gebäudes gefangen, an die Mauer gefesselt, und eine perverse Rabbinerstvchter belustigt sich damit, Ihnen, bevor Sie vom Vater Rabbi auf die humanste Weise geschachtet iverden, nnt einer brennenden Zigarette die Augen auszubrennen... Da — in diesem Humanitären Augenblick also ivürden Sie vor die Wähl gestellt: Entweder Fortsetzung der Tschekazeremonie oder „Besinkung" durch die „Femebestie" Klapp rvth — was würden Sie da vvrziehen? SelbstverstäMich die jüdische Haudlungsweise, nicht währ?!" Man sieht, die Hakenkreuzphantasie ist einfach u»:erschöpflich. Sie erfindet immer etwas neues. Oder schöpft sie aus dem Schatz ihrer Kenntnisse Um die Feme? In Küstrin ists ja ähnlich zugegangen. 81« gesellschaftlicher Skandal iu Saglaad. Die „Galerie der Flüsternden". Aus London wird uns berichtet: Bor weniger: Tagen -erschien hier ein Buch „Galerie der Flüsternd e n", das sensationelle Enthüllungen aus dem Privatleben der bekanntesten Männer des englischen öffentlicher: Lebens brachte. Der Verfasser dieses Buches, das wenige Stunden nach seinem Erscheinen das Tagesgespräch ganz Englands bildete, blieb ungenannt; der bekannteste Journalist Englands, Pearsvn, hatte das Vorwort geschrieben. Die ganze äußere Ausmachung könnte zunächst auf einen geschäftstüchtigen Bluff schließen lassen. Doch, sind die -einzelnen Teile der Skandalschrift mit einer so intimen Kenntnis der Persönlichkeiten, Oertlichtoiten und Gebräuche geschrieben, daß sie ein Außenstehender unmöglich verfaßt haben kann. Im Mittelpunkt der fieberhaften Bemühungen steht natürlich die Frage, wer der große Unbekannte ist, der den Souveränen des englischen Olymp diesen furchtbaren Streich gespielt hat. Bisher ist in der Oe-fsentlichkeit noch kein Name aufgetaucht, der mit einiger Bestimmtheit als der Autor angesehen werden könnte. Die meisten Vermutungen konzentrieren sich auf den größten englischen Pressemagnaten, Lord Beavorbrook. Ob aber dieser wirklich selbst hinter diesem Tagebuch eines Diplomaten steht, wird kaum festzustellen sein, doch deuten verschiedene Anzeicherr darauf hin, daß er der Veröffentlichung keineswegs fernstehen kann. Er hat bekanntlich im vorigen Jichre bereits ein ähnlich es Buch sogenamtter Enthüllungen h-rausgegeben. Tatsache Spinoza als Wegweiser der Segenwatt. Besinnliches zum Geburtstage des Philosophen am 24. November. Tagore, der indische Dichter-Philosoph, bezeichnet als das tiefste Problem der Menschheit, als ihr Ewigkeitsproblem die Frage: Wie können Endliches und UneMiches — Gegensätze vor dem Verstand — gleichwohl zusammen bestehen? In unseren Begriffen bringen wir Unendliches Ms endlichen Ausdruck: Raum, Zeit, Ursächlichkeit... Gott! Und mit unserer Phantasie sprengen wir dam: wieder die enge Schale des Begriffes und spannen EMiches zur Unendlichkeit aus: Unsere Einbildungskraft durchstiegt ungemessene Räume, eilt durch zeitliche Elvigkeiten und malt sich die unendliche Gottheit aus... bis „der Verstand stille steht"! Pascal, der vfsenbarungsgläUbige WLathematiker, prägte das tiefe Wort: „le coeut a 'ses raisons que la raison ne oonnäit pas!" Erschütternd ist die Tragik des tiefen Menschen, der seinen Verstand am Ewigkeitsproblem zerreibt. Der am Göttlichen scheitert, weil, er mt ihm den „Versuch mit untauglichen Mitteln" unternimntt. Der mit dem grübelnden Verstand — statt mit dem ergriffen sich hingebenden ^Herzen — Endliches und Unendliches vermählen will. Dies ist die tiefste Tragik des denkenden und fühlnchen Menschen. Dies ist die Tragik des großen 'Juden BarUch Spinoza. Er würde geboren anr 24. Nobentber 1632 in der „Joedenbucht" zu Amsterdam und starb im Alter von :mr 45 Jahren. Und mehr als ein Jahrhundert lang, mich seinem Tode, hat mm: diesen religiösester: unter allen Manschen tvegen seines „Atheisnms" behandelt, „wie einen toten Hu^>". Sv klagt Lessing, dessen kritischer Sinn nicht weniger Me Herders bewegliche Phantasie urü» Goethes dichterischer Genius aus den philosophischen Institutionen Spinozas reiche Anregung Und'höchste Erhebung gewaml. Waren es doch dieMänner der deutschen idealistischer: Dichtung und Philosophie, die de:: ein Jahrhundert lang verschütteten Spmozismus neu entdeckten. Die philosophische Situation des Tages drängte zur Synthese zwischen Mut ist jedenfalls, daß die Blätter Beaverbrooks in der Angelegenheit der Flüstergaler« «ine auffallende Zurückhaltung gezeigt haben, die von der StellmMahme der gesamten übrigen Presse scharf absticht. Nun wurde gestern das Buch ohne Angabe von Gründen aus dem Buchha:tdel zurückgezogen, doch hat dieser Schritt die Erregung des Publikums noch mchr gesteigert. «öpeallladea la Sachse». Dertt«, 23. November. In Neugiersborf in Sachsen lvurden salschePvlizerbeamto sestgrnommen, die in vielen Orten der Lausitz Köpenikiaden verübt haben, indem sie angaben, in behördlichen!! Altftrag falsches Geld beschlagnahmen zu müssen. Ms diese Weise wurden mehrereBürger meister UNd'Ge me r ndeka ssier e durch die beide:: Gauner geschädigt. , Die beiden, zwei vielgesuchte "Verbrecher iramens Alexander Gärtner und Rudolf R e m i s ch, die vor kurzem das Erzgebirge unsicher gemacht Haber:, stammen aus der Tschechoslowakei. In ihrem Besitze wurden Revolver mit scharfer Munition und Kleidungsstücke, die sie für ihre Maskierungen brauchte!:, gefunden.; RaalMerfall aas eine« Postbeamte«. 120.000 tschechische Kronen geraubt. Aus Königgrätz wird gemeldet: Ein Bediechteter des Postamtes P r e d m e r i tz an der Elbe, der -einen Postsack zu dem adgehenden Zuge bringen wollte, würde unweit des Stationsgebäudes von einem unbekannten Manne überfallen, durch einen Schlag betäubt und des Postsackes, in dem sich Geldsendungen in der Höhe von 120.000 befanden, beraub t. Der Täter ist entkommen. Schwerer llaglllckskall aas einem vealsche« Torpedoboote. 2 Tote, 6 Verletzte. . Berlin, 23. N-ovenBer. Auf >dom Torpedoboot ,,M ö ve", das augeniblicklich MeilettfaHrten bei Pillau zur Erprob ung der Maschrnenanlagen albhält, ereignete sich heute vormittags sin bedauerlicher UngAcksfall. Während der Fahrt r'ch der Flansch (Werischlutzschraübe) des Wgangsbogens am vorderen Konden-s-atvr. Durch den ausströmenden Dampf wurden ein Oibevmaschinistenmaat und ein Oberheizer getötet, ein Maschinist, sin Heizer und zwei Maschinerchauer der Marinewerft in Wilhelmshaven schwer, Knpitäckleutnant Grube, ein Heizer und ein Maschinenibauer leichter verletzt. Die Ursache des Unglücks ist noch nicht festgöstellt. An« dem Sag gestürzt. Villach, 23. November. Gestern stürzte der Zugsführer Friedrich Scherz in ge r vom MittagspersonenzuN der Gurttal-Bcchn zwischen Strahburg und Treibach»Althosen in Ausübung des Dienstes vom fahrenden Zuge. Er wurde dabei so schwer verletzt, daß er noch während des Transportes im Zuge verschied. 64. Roveinber 1938 ooooooooooooooooooooooooooaooooooocxxx» LSwenfranzbranntweln ®m i t Menthol wirkt verblüffend auf geistige oder körperliche Arbeiter, eine Massage damit, fühlt man sieh wie neugeboren! Scimumarke. tteberall erhältlich. OOOOOOOOOOOOOOQOOOOCXXXXXXXXXX)OOOQOOOCy (Hn Sttoentmeettao der Hecholaz. Montag abends fand im Saale der Sozialen Hüfs « gemeinschaft Anitta Müller em Meeting der jüdischen. Jugend statt, das der „H echaluz" veranstaltete. Die Jugendversammlung, im der zahlreiche Mitglieder aller Wiener Jugendveveiwe und Jugendorganisa tionen teilnahmen, erösfnete ein Referat des Herrn Zwi Huber über die gegenwärtige Lage in Palästina und die daraus resultierenden Aufgaben für die Hochaluz-Bewegung. Huber kritisierte besonders scharf die vierte Alij ah und meinte, daß die Rückwanderung, die sie verursacht hat, sehr großen Schaden gebracht hat, gleichzeitig «wer ein Ansporn werden soll, die Borbereitungstätigkeit des Hechaluz zu intensivieren und das Tempo zu beschleunigen. Palästina form nur von arbeitenden Menscher: aufgebaut werden, und der Hechaluz muß die Vorbereitung für die Arbeit in Palästina in der Galuth leisten. Im zweiten Referat, das sich mit der gegenwärtigen Lage des Zionismus und deren Auswirkung auf die Jugendbewegung besaßt^. gab Herr Chaim Hoffmann ein anschauliches Bild der Geschichte der zionistischen Bewegung, die er in drei Perioden einteilte: in die Herzlsche, in die sozial-wirtschaftliche, da der Zionismus aus einer naiven Reaktion auf Judennot und Antisemitismus' eine wohldurchdachte Bewegung zur sozialen und wirtschaftlichen Umschichtung des jüdischen Volkes wurde, und in die Achad Haamscher oder kulturelle Epoche des Zionismus, die eine gesunde wirtschaftliche Grmwlage in Palästina als Voraussetzung eines geistigen Zentrums für das ganze jüdische Volk als Forderung aufsteltte. Die Jugendbewegung muß die Totalität des Zionismus nicht nur sofern, sondern auch bereiten. Im dritten Referat bemühte sich Herr Polisiuk, eine Trennungslinie, zwischen der Jugendbewegung und dem Hechaluz zu ziehen, den er als das Ideal der Jugendbewegung, nicht aber als deren einzigen Inhalt hinstellte. Außer dem hingebungsvollen Dienst für Land und Volk, der die Grundbemühung das Chaluz ist, gibt es noch viele andere Probleme, si das religiöse, das allgemein-erzieherische, den Kampf um die Schulreform, die die Jugendbewegung beschäftigen. Polisiuk zeigte die große Gefahr der Assimllativkn auf, die in der Zersplitterung der jüdischen Jugend nach! links und rechts liegt. In der darauffolgenden Diskussion kamen die verschiedenen politischen Gesichtspunkte innerhalb der Jugendbewegung zur Sprache. Die- Mhrheit der Redner betonte, daß der Sozialismus der Jugend sich sehr wohl und Spinoza, wie sie dann bald auch von den Fichte, Schelling, Hegel mit getvaltiger AufbaUkrast in den imposanten BegciffsgeLLuden des „deutschen klassischen jKealismus" vollzogen wurde. / Aber nicht diese ideeugeschichtliche Entwicklung ist es, die uns heute am- Herzen liegt. Wir wollen vielmehr nach den: Bindemittel fragen, das damals die Edelsten der Zeit im Namen Spinozas zu einer stillen Gemeinde! freier Geister zuscnnmenschloß. Es war jenes gewaltige Gefühl, das! allein den Menschen zur Würde des Söttlichen in ihm empvrheben und ihn heiligen kann, eben das' Urgefühl, das unserem Zeitalter zU schwinden droht: die Ehrfurcht! Nicht des Menschen Verstand, nur des Menschen Ehrfurcht ka:m Endliches mit UneMichem vermählen! > Nicht nur Berufene, sondern auch die „Bielzuvielen"- orakeln heute vom „Untergang! des Abendlandes". Was steht hinter ihrem Kassandra-Pathos? Sie spüren Unterbewußt, daß eine Zeit und eine Menschheit abwärts treiben, muß, die die Ehrfurcht verlor. Die Tempel ihrer Kultur verfallen und der Rest ist Schweigen! Baruch Spinoza besaß auch da die Ehrfurcht vor dem Unendlichen, Wo er es mit dem Verstände suchte. , i Seine Selbsttäuschung bestand darin, daß er an> Funde des Verstandes glaubte, wo ihn in Wahrheit — Unbewußt —> das tief* ergriffene Herz zu Lösung geführt hatte. Wie sagte doch Friedrich Heinrich iJaeobi, der Glaubens- Und' Gefühlsphilvsoph, der große Gegner des rationalistischen „Systems" Spinozas, der große Freund des fühlenden, ehrfürchtigen Menschen Spinozas?: „Sei mir gegrüßt, großer, ja heiliger Benediktus! Me du auch über die Natur des höchsten Wesens philosophieren Und in Begriffe:: und Worten bich verirren mochtest, seine Wahrheit' war ln deiner Seele und seine "Liebe war *c>e:u Leben!" , Der kleine Baruch setzte in'der RabVinatsschule des großen Talmudistet: de Movteira zu dünsterdam seine Lehrer durch tiefschürfende Frager: in Erstaunen und oft in Verlegenheit. Schon der Knabe war ein durchaus nach innen gerichteter Musch, besinnlich, ja grüblerisch: „introvertiert" wie dies die moderne Psychologie bezeichnet. Ohne Selbstzucht wäre dieser typische Jnnenmensch im besten Fälle ein Eigenbrötler, im schlimmsten, aber wahrscheinlichsten Halle aber ein Dekchent gewvchen. Seine WeftanschauUM und Lebens rvevtung hätte sich an wirllichkeits abgewandten ,Idealen orientiert,' so wie die dem 'Untergang entgegeneilendq 'antike Kultur.Pch mit Stoizismus durchtränkte, nnt „negallvistkschen" sittlichen Zielen: llnerschüttertheit, Apathie bis Mr Stumpfheit, Gleichgültigkeit gegen alles Außer-Jch. „Lebe: jm Verborgenen^. „Wer sich gut versteckt Mt, hat Mi gelebt!"; KJ Merkt mau die Analogie? Ist mcht auch, wuf'vv« Zeit durchsetzt von: Pseudo-Ideal des angeblich so bescheidenen, m Wahrheit so kraß' egoistischen ,MiHug des" MtdividUUms auf sich selbst, ins eigene Innere!"« Heiüg wird solchen „Verinnerlichten" das eigene Ich. Sie treiben! Kult mit ihm.. Gedankenblaß erscheinen alle Pflichten gegett die Gemeinschaft, mag sie nun Staat oder Kirche, Gesellschaft oder Vaterland heißen. Sacro egoismo allem trägt mich die angeborene Farbe der Entschließung. ' Unsere Zeit ist in Gefahr kultureller: Mederganges^, nicht nur weil ihr die Ehrfmcht zur erlöschen droM, sonderr: lirehr noch weil sie ^introversiert" und —i wenn äuch oft unbewußt — im Jch-Kultus Befangen ist. Unserer Zeit dwht die Dekadenz! Auch Spinoza hatte eine Dekader^erscheinung werden kö:men. Er Wurde aber ein großer Sieger und pw:netheischer Lichtbrrnger. Kmm er unserer seelisch vielfältig zermürbten Gegenwart ein Mglveiser sein zur Rottung vor der drohenden Dekadenz??. 1 Unsere Zeit sucht nach „Erlösung". So manche Ueberspanntheiten auf philosophischem, künstlerischem, äwgemein-kuÄurellem Gebiet sind in Wahrheit ein Ueberschreien des sich rege:wen unbefriedigten religiösen Bedürfnisses, sind' „verkappte Religion". Auch Spinoza suchte Religion, sichte Erlösing... Und aus eigenem Busen nur soltte sie quellen. Mlßte da nicht auch sein Selbstsu chen zUr 'SelWsucht werden, so wie in unserer Zeit unsere „Kttroversro^ neu" Uns zu Egoisten werden lassen? Müßte nicht auch ihn jene kranke Selbstsucht unserer Zeit befallen, die alle Dinge zu sich zwingen will, um sie in sich rmd -füv sich zu behcüten? Statt sie zurilckst'römen zu lassen — Vom Nächste:: bis zum Fernsten — als Gaben der Liebe! Müßte nicht auch Spinoza „entarte::"? Welches Wunder schützte ihr: davor? Was bewahrte ihn vor jener schliunnsten aller Entartungen, der Entartung des Menschen, den» „scheukelü« Target" feM? «..H.

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