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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-23 · Heft 2780 (23.11.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2780 (23.11.1926)
Date
1926-11-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«rite l Dr°n, M-iSkss Aken er Morg«nzei<u»g 2S. NovemSsr I9S8 Nr. SM Ue Probleme der jüdischen Bottes und dle Sozialdemokratie- »sn I. Hellenberg. rv. Ne«orie«trerttng im jüdisch«« Volks*). H Erwachen des Bolksöewusftsein-. Wir hüben in «ns-erem vottgen AtWtt Jufc 1 und 2 die Mrbuno jener FaKtoren auf p«S Leben des Wüschen Dolles torgeisteillt, die au-ßerhadb der Machen „Sisdbungsrayons" gelegen Md. Avis SSp anderen Seite Wen wir heute 3. die großen Massen des jüdischen Volkes, dort wo sie dicht öeisammemvrchnen, vor allem «Her in Pvilen (Ähnlich <Oer auch in Litauen mrd teilweise sogar in Rumänien), nicht mchr wie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als iveltsremde, verschüchterte, führerlose Gruppen drei gewaltigen, unüderwilEch -scheinenden Großmächten geg-emibevge stellt, in deren Politik sie höchstensdie Rolle eines Objektes spielen konnten, KU deren GesamtbevöÜkeruwgsgWl ste prozentuell gar nicht in Betracht kamen, deren hernschewden Staats rraöionen sie «bestenfalls lächerlich erscheinen, -der WilMr ausgeliefert; sondern in einem Staat zuisammenaefaßt, dessen jjülhrender Nation gegenüber ste nebst anderen V'Merschäften eine starke Minorität bedeuten, dessen städttsches Leiben yn Zentrum des Staates sie milbe- «herrschen-, in dessen Handel, Industrie und Politik sie mit eine ausschlaggebende Rolle spielen, in dessen Parkament eine starke, modern geschulte pdlmsche Vertretung Ähre Rechte wahrnimmt, gestützt aus ein vöNenechNch anerkanntes Minoritätenrecht, vor allem aber auf die realen Kräfteverhältnisse, aurf die Zcchl und den Einfluß ihrer, zu stolzem SMibewußtsein erwachten VoWangchoriZen. Wir seihen 4. in Amerika die chvmals gedrückten, armen ostjüdischen Auswanderer zu einem starken, «unabhängigen rmd selbsOewußten, millionenköpfigen Mischen Mock zusamrmengsfaßt, der, wenn auch noch zu jung,, um schon eine eigene -Kultur entwickelt zu haben, «doch eine starke materielle Stütze für das 'gesamte Mische: . Volk betzeutet. . Als umfassendes und stärkstes Erlebnis aber sehen wir 5. das gesamte Mische Volk,.in allen Teilen seiner Diaspora, sich seiner Beideutung als großes, geein-igtes Kulturvolk bewußt werden, seine eigenen historischen Rechte und kulturellen Möglichkeiten klar erkennend. Wir sehen dieses große, intellektuell begabte Volk zu einer einzigen, die ganze Erde umspannenden nationalen Organisation sich züsammenschließen, sozialistische Arbeiter und bürgerliche Kausleutö, westeuropäische Akademiker und ostjüdische Ehassidim, amerikanische Praktiker und orientalische Träumer, alle mit dem einzigen heißbögehrteniZiel, in der attrreuen Heimat in Palästina eiii Bollwerk der nationalen Renaissance, ein Arbeits-Kultur- und Kraftzentrum Kü schaffen. Wir sehen diese Arbeit beginnen, sehen die ersten, im Vördertreffen stehenden Pioniere der Arbeit und der Organisation ringen, wie nur je um der Menschheit große Ziele gerungen worden ist. Wir sehen trotz großer, unüberwindbar scheinender Schwierigkeiten die. ersten Ansätze einer kulturell hochstehenden Gemeinschaft entstehen: landwirtschaftliche Siedlungen. Werkstätten und Fabriken, aber auch hebräische Volksschulen und Kindergär-' Len, Handwerkerschulen und Gymnasium, Technikum und Universität, Kunstgewerbeschule und Konservatorium, landwirtschaftliche Versuchsanstalten und Spitäler —- schließlich« große politische Arbeiterorganisationen, Gewerkschaft und Konsumverein, Baukooperative und Arbeiterbank. Wir'sehen schließlich L große jüdische Zeitungen und Verlagsanstalten einen lebendigen nationalkulturellen Wechselstrom unter allen Teilen des jüdischen Volles erhalten und verstärken, e) Die österreichische Sozialdemokratie und das jüdische Volk. Man vergleiche nun mit den von uns festgestellten Tatsachen im heutigen Leben des jüdischen Volles, die jede sine ira et studio angestellte Beachtung konstatieren. mutz und konstatiert, die offizielle Stellung der österreichischen Sozialdemokratie zum jüdischen Bolle, die, noch in den Kinderschuhen des Liberalismus aus dem vorigen Jahrhundert steckend, .xmf Grund der materialistischen Geschichtsauffassung" das jüdische Voll als überwundene Angelegenheit betrachtet. Die nach immer nur die ehemaligen paar Ghettojuden in den europäischen Großstädten, vor Augen hat. die baldigst zu verschwinden haben, und nicht, so wehleidig sein mögen, wenn man Über ihre »einzige charakteristische"'Beschäftigung, den Altkleiderhandel und den Geld» Wucher/ aus parteipolitischen Gründen manchmal eine nicht bäS gemeinte abfällige Aeuherung macht. Die die jüdischen Vollsmaffen nicht sieht, ihre Bedürfnisse,fotpett sie über Lohn und gesetzlichen Schutz am bereits eroberten Ächeitßplatz hinausgehen. — nicht kennt und an ihrem Leben keinen Teil hat. >, .Wie ist das gekommen? Ja. wie kommt er. daß in unserer Wiener sozialdemokratischen Partei eigentlich mehr beschnittene als. unbeschnittene Antisemiten anzutteffen •) Siehe ,Wiener MorgEsjtung^ vom % 3Ä. nnd sy. WvMbN. - - sind? Daß Sozialdemokraten Wischen Stammes in der Psyche ihrer nichtjüdischen Parteigenossen viel mehr Verheerungen im anttjiidischeil Sinne anrlchten, als es jemals ein unhefangener Mensch, wenn er noch so bösen Willens ist, machen könnte? -8 sind die Sünden unserer Bitter aus der AsstmtlationAgeit: Die meisten Wiener Sozialdemokraten jüdischen Stammes sind hochgebildete Männer, aber in jüdischen Dingen ausgesprochene Dma-H'arazim, Ignoranten, die nicht teilnehmen an ihrem Volle, weil sie keinen Teil an ihm haben. Sie kennen unsere jüdische Kultur nicht, unsere nationale Sprache ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln und unsere Vollsmassen sind ihnen fremd. Sie fühlen sich von jedem antisemitischen Schlagwort höchst betroffen,, weil sie dem nichts gegenüberzustellen wissen, weil sie selbst von ihrer eigenen Minderwertigkeit als Juden überzeugt sind. Cs ist die Frage der Wischen Bildung. Wir wollen daher in der nächsten Fortsetzung, bevor wir die weiteren politischen Fragen behandeln, ein kleines Kapitel der Frage der Mischen Bildung widmen. KLUß R A Dl KAL ER ZI 0 NIS T E N Morgen Mittwoch, den 24. November 1926, um halb 9 Uhr abends, Im Caf6 Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Rlilbversammlung Tagesordnung: Zionismus und Bürokratie Referent: OBERBAURAT R STRICKER Freie Aussprache. — Im Landesverband organisierte Zionisten als Gäste willkommen Der Sekretär: Der Obmann: P. Wahl _ Robert Stricker Sie Sraiokduns Falltts. Czernowitz, 22. November. Der Verteidiger des Mörder- Teutu, der berüchtigte MorareScu, hat beim Kassationshof beantragt, den ' Prozeß wegen der Ermordung des jüdischen Studenten Fallik im Jassy stattfinden zu lassen. Bezüglich der Fortsetzung des unterbrochenen Studentenprozesses ist noch keine EiiLscheidüng getroffen worden. Die jüdischen Wähler veröffentlichen einen Aufruf, in welchem sie auf die Notlage dep Mutter FallikS hinwttfen. Der Mordfaü vor dem Senat. Bu kär e st, 22» November. Im rumänischen Senat brachte der Czernowitzer jüdische- Senator Karl Klüger eine Interpellation über die Ermordung des Studenten Fallik ein. Der Innenminister Goga erklärte in seiner Antwort, Senator Klüger habe Unrecht daran getan, aus diesen Vorfällen allgemeine Schlüsse zu ziehen. Das rumänische Volk sei bekannt tolerant. Die Negierung vertrete selbstverständlich den Standpunkt, daß das Recht nur auf gesetzlichem Wege geschaffen werdendÄrfe. Die Regierung werde strenge darauf achten, daß gegen Uebertretungen dieses Grundsatzes mit «Her Strenge vorgegangen tverde. Me MndlschgkStz-Frankrn. Budapest, 22. November. (Tel.-Comp.) Der Präsident des Stmfgerichtshöfes überreichte heute dem Vertreter der Bank von Frankreich, Rechtsanwalt Dr. Paul von Auer, die aus' der Frankenfälscheraffäre stammenden K l i s' ch e e s und gesammelten Falsifikate.- Dottor Auer ließ dieses Material auf das französische Konsulat bringen, von wo es in den nächsten Lagen durch smen diplomatischen Kurier nach Paris geschickt' wird. Dort sollen die Beweisstücke aus dem Frankenfälscherprozeß im Kriminalmuseum der Bank von Frankreich zur Ausstellung gelangen. Me englische Mandattverwaltung inPMftlna. Jerusalem, 28. November. Im Zusammenhang mit dem ang'Äkünidig«ten Besuch des Abgeoridnehen K.en» Worth schreibt der „Haaretz": „Unser Glaube an die Regierung. Engklan'ds hat — weslhaO es leugnen? in den letzten Jahren eine starke Einbuße erlitten. Wir haben nach Prüfung des Maßes an HUe, das die englische Regierung uns taisäHlich geleistet hat, gefunden, daß wir fa-'st überhaupt keine Hilfe empfangen haben, und sind nun daran interessiert, daß unsere englitschen Freunde unsere Arbeit und ihre Ergebnisse untersuchen und uns in der Erhebung unserer Forderungen von der englischen Regierung unterstützen." Mrd Fried begnadigt? Nach einer großdeutschen Versammlung in Währing verbrettete sich in Wien dar Gerücht, daß Präsident Dr. Waber, der noch vor wenigen Wochen als Vizekanzler für das Justizressort verantwortlich war, die Aeußerung getan hätte, daß eine Strafmilderung für den Generaldirektor der Ankerbrotwerke Fried eintveten müsse, weil man dem Stadtrat Breitner nicht die Milliardengeldstrafe in den Rachen werfen könne. In poltttschen Kreisen verlautet nun, daß tatsächlich ein Antrag des Justizamtes vorliegt, die Strafe^ die seinerzett Generaldirektor Frick» — dreieinhalb Monate und 2.4 Mttltonen Schilling Geldstraft — auftrlegt wurden, herabzusetzen. Der Antrag ftt jtzdoch dem Bundesprästdenten noch nicht «nterbrettet worden. Bafel, Klimesch und Sldersch. In einer Zuschrift an den Obmann des Posts-parkassen- Unterausschusses hatte Präsident Eldersch die Behauptung, daß eines her ersten Geschäfte Wischen Bosel und der Postsparkasse zugunsten der Hammerbrotwerke geschlossen und daß die Verbindung zwischen Bosel und der Postsparkasse von Ihm (Eldersch) angebahnt worden sei, jeder t a t s ä ch l t ch e n Ä r u n d l a g e e n t b e h r e n b bezeichnet. Die Hämmcrbrotwerke hätten auch Bosel niemals Wechsel übergeben, bez-w. es könnten üur Deckuwgsakzepte gewesen sein. Bon dieser Transaktion hätten jedoch die HMlmerbrotwerke keine Kenntnis erlangt. In der gestrigen Sitzung des Postspark-assen-Unterausschusies zeigte es sich jedoch, daß die Angaben des Präsidenten Eldersch offen* bar infolge einiger Gedächtnislücken nicht ganz vollständig sind. Zur Ergänzung der Mitteilungen Elbe rsch's war der abgesägte Bizegouverneur der Postsparkasse Dr. Klimesch vorgcladen worden, hatte jedoch unter Vorlage eims Krankheitszeugnifses sein Fernbleiben entschuldigt, aber eine schriftliche Mitteilung über die an ihn gerichteten Fragen übersendet, die vom Nationalbankpräsidenten Dr. Reisch verlesen wurde. In dieser Mid teilung heißt es u. a.: »I >m H e r «b st e 1932 ist - die damalige Geschwftsleitung der Hcrmmerbrolwerke (zurzeit Staatssekretär a. D. und Mitglied des Nationalrates Herr M. Eldersch) an die Postsparkasse mit einer Anfrage wegen vorübergehender Bereitstellung von Mitteln aus Anlaß einer mir nicht mehr erinnerlichen Transaktion herangetreten. Da die Geävährung eines Kredites unmittelbar an das Unternehmen nicht in Frage kommen konnte, die Hammerbrolwerke aber ihrerseits mit dem Bankhaus« S. Bosel in Verbindung standen, fand die Aogelegorcheit ihre Erledigung durch Erteilung eines Kredites au dieses Bankhaus ln der Höhe von drei oder vier Mi-lliard.e.n K. Meines Erinnerns war dieser Kredit das erste Geschäft zwischen der PostspMkaffe und dem Bankhause S. Bosel. Präsident Dr. Reisch stellte sodann cms Grund der Akten die zwei- Geschäfte dar, welche i-m Zusammenhänge mit den Hanunepbrotwerken stehenr Das erste ist ein am 11. SepttM der 1Ö22 gewährter Kredit von. 4 Milliarden K., für welchen 21^000 tzolland-Gu-Weil angescha-fst und als Deckung hinterlegt wurden. Diese 210.600 Holland-Gulden wurden am 31. Jänner 1923 für Rechnung des Bankhauses S. Bosel in Amsterdam flüssig gemacht. Ein aktenmäßiger Zusammenhang mit den Haimmerhrotwerken ist nicht sestgestellt,. soll jedoch nach / mündlichen Mitleilüngen bestehen. Das zweite Geschäft wurde am 23. Jänner '1983 in der-Weise getätigt, daß vom Bankhause S. Basel Esfekten erlegt wurden, die zur Sicherstellung des den Hmnmevbroüverken gewährten Kredites per o Milliarden Kronen bestimmt wa;:en, und. für die überdies Decknngsakzepte der Hammerbrotwerke im gleichen Betrage erlegt wurden. Diese Akzepte tragen für die Hamimerürotwerke die Unterschriften: El dersch . und Kr aus. Präsident Dr. Reisch legte dem UnterauAschuß h«io Buchungsbelege und Deckungsakzepte, vor, die derzeit nych. m der Postsparkasse erliegen. . Präsident Eldersch erklärte, es sei ihm von einer Anfrage der Hammerbrolwerke.an die Posparkaffe wegen Bereitstellung von Geldmitteln im,Jahre 1982 nichts bekannt. Die Hammerbrytwerke hatten damals noch eine Hypothekarschuld, die in holländischen Gilden zu zahlen war. Die holländischen Gläubiger hrängten auf Zahlung. Die Forderung wurde vom Bankhaus Basel den holländischen Gläubigern abgekaust. Es war Sache des Bankhauses Basel, sich den erforderlichen Betrag zu verschaffen; die Hammerbroüverke haben an den Verhandlungen Bösels mit den holländischen Glaubigorn nicht teilgenommen und waren an der Gskdbe- ' schassung nicht interessiert. Er habe im September 1922 keinesfalls in einer Darlehensangelegenheit im Postsparkassenamte vorgesprochen, die mit Bosel zusammenhängt. Eldersch - beteuerte weiters, er habe Basel Sei der Postsparkasse nich•* eingeführt und auch nicht die persönliche Bekanntschaft Bösels mtt Dr. Klimesch vermittelt. Er könne sich absolut nicht erinnern, daß die Hammer-brotwerke damals an die Postsparkasse herangetreten sind. Er anerkannte jedoch die Echtheit der Unter«' schriften auf den Wechseln. ' So leicht werden eben die Sozialdemokraten ihren Kompagnon Bosel nicht abschütteln können, auch wenn Herr Eldersch noch weiter versichern wird, er wisse von gar nichts. Natürlich kann auch die Ausrede des Herrn Klimesch nicht gelten, daß er all die Berlustgeschäft« der Postsparkasse mit Pose! nur deshalb gemacht habe, well dieser mit den tzammevbrotwerken und durch ste mit den Sozialdemokraten Verbandelt war. Klimesch Mt so, als ob die Kreditgewährung im September 1922 an die Kompagnie Bosel-Hammevbrotwerke sein erster Sündensall gewesen wäre, und daß man ihm darum wogen dev schließlich auf 11,8. MillionDollar angewachsenen Schuld Bösels keine Borwürfe machen dürfe. Das ist eine Methode der Verantwortung, von der nur mehr ein Schritt zu einem vollen Geständnis ist. Jetzt sagt Klimesch, zum ersten Fehltritt hätten Ihn die Sozialdemokraten verleitet. Bald wird er erzählen» er hätte in seines Herzens Unverstand zwangläufjg weiter sündigen müssen, Vielleicht will sich auch Dr. Klimesch mit hieser Verantwortung, mit der er pte Schuld für derr Poftsparkassenskandal den Sozialdemokraten zuschtebt, bei der chrlstlichsozial-großdeütschen Regierung und den Majorttätsparteien eine milde Behandlung erkaufen« Die Sache ficht ganz so aus.

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