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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-20 · Heft 2777 (20.11.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2777 (20.11.1926)
Date
1926-11-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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mit 4 Wien, SmnStag Wkrssr Mvrgertzettrmg 30. November 1926 Nr. 8777 S«1 luezerlsch. gnt Sstenelchlsch. Kunschak über die Finanzflandale. ES k^hört zu den Gepflogenheiten österreichischer RegtermrgSkunst, daß Sanierungsmaßnahmen erst zu einer Zeit eingeleitek werden, wenn es nichts mehr zu sanieren gibt. Jetzt saniert man die Postsparkasse, nachdem die Kuh Mngst aus dem Stalle ist, und untersucht die Vorgänge bei der Zentralbank der deutschen Sparkassen und die vom christlichsozialen, nunmehr nach Amerika ausgowanderten (man sollte lieber sagen flüchtigen) Finanzminister Dr. Ahrer so begünstigte Gestion des D r. Wutte. Die Darstellung über die Machinationen und Schiebungen dieser Koryphäe der arisch-nationalen Wirtschaft war aber selbst für das abgestumpfte Gehirn eines blindgläubigen Wählers viel zu erschütternd, als daß Herr Kunschak, der Großsprecher der Regierungsmehrheit, nicht den Auftrag hätte erhalten sollen, hier mit Feuerspritzen auSzurücken. Er hat offenbar von seinem Meister den Auftrag erhalten, den Eindruck auf die Gemüter der Wähler zn dämpfen, und so sprach er denn gestern wieder einmal irgendwo auf der Wieden. Natürlich fand Herr Kunschak, daß an allem der Herr Basel schuld ist. Derselbe Kunschak fand dies, der vor einiger Zeit die Entdeckung gemacht hat, daß die Saujuden Dcmneberg, Bauer usw., die die Mißbräuche beileibe nicht begingen, aber (was viel unverzeihlicher) enthüllt haben, an allem schuld seien. Nun wir schenken dem Herrn Kunschak seinen Herrn Basel, der, wie er selbst zugibt, von Klimesch (und noch von einem Größeren) als Finanzgenie gefeiert worden ist. Wir fragen nun: Sind nicht auch die Herren Klimesch, Schuster und der großarrsche Wirtschaftspraktiker Wutte Saujuden in dem von ihm gemeinten Sinne? Herr Kunschak ehrlich ist, so wird er freilich zugeben, daß der Herr Basel gegenüber dem Herrn Wutte noch ein reiner Waisenknabe ist. Basel hat die Herren von der Postspatkasse fasziniert, sagt Herr Kunschak. Es fehlt nicht viel, und Herr Kunschak würde Herrn Bosel direkt der Zauberei anllagen. Aber Bosel hat immerhin auf die zahlreichen Kredite, die er von der Postsparkasse erlangt hat, Deckung gegeben. Was sagte Herr Kunschak dazu, daß Wutte die gegebene Deckung an Graz-Köflacher- und Trisailer-Aktien herauseskamotiert und unter Assistenz seines Parteigenossen, des Herrn Finanzminister Dr. Ahver, die Graz-Köflacher Gesellschaft um 100 Milliarden Kronen geschädigt hat? Er hat Trifailer Aktien, die nicht ihm, sondern der 'Zentralbank der deutschen Sparkasien gehörten, fast zu dem höchsten Kurse verkauft und das Geld nicht der Zentralbank abgesührt. Herr Kunschak sagte nicht, daß Wutte ein Saujud ist! Er ist eben ausgesendet worden, um die über die Häupter der Schuldigen sich zusammenziehenden Gewitter mit seiner Grandebouche-Rede zu beschwören. Die Angst vor den Wahlen hat es ihm angetan," und er macht kein Hehl daraus, indem er wieder einmal ausrief: Gut luegersich, gut christlich, gut deutsch, gut österreichisch zu sein, und natürlich zu wählen. Der Postsparkaffe wird damit kein Heller eingetragen werden und der Zentralbank der deutschen Sparkasien ebensowenig. Aber Herr Kunschak, der Hausknecht der christlichsozialen Partei, hat seinen Auftrag erfüllt. Er wird nur diejenigen Gimpel gefangen haben, die eben nicht alle werden. Die Zeche wird nicht Herr Kunschak bezahlen, sondern der österrÄchrsche Steuerträger. War berS«H<maItat no<fi vor Mrerschlub erledigen soll. Ju dar gestrigen Obmä'nnerkonferez der Natwnalratsparteien wurde vereinbart, mit der Generaldebatte über das Budget im Finanzausschüsse Dienstag, dett 23. d. M., zu beginnen und für die Budgetverhandlrmgen im Ausschüsse alle Wochentage freizuhalten. Bundeskanzler Dr. Seipel erklärte, selbstverständlich lege die Bundesregierung vor allem aüf die rechtzeitige Verabschiedung des Budgets das größte Gewicht. Äe Negierung lege jckwch Wert darauf, daß in dem Tagungsabschnitt vor Weihnachten auch folgende Gesetze zur Verhandlung und womöglich zur Verabschiedung gebracht werden: die fünfte Abgab-enteilungsnovelle (Landes-Getränkesteuern), dasPostsparkafsengesetz, die demnächst einzubringende Novelle zum Gehaltsgesetz, das durch den Ablauf des Moratoriums für die Zentralbank erforderliche Gesetz, das Gesetz betreffend die Organisation der Krankenkassen, die Angestelltenversicherung, die Novelle zum Jnvali.dsn-Entschädigungsgesetz, das Kleinrentnergesetz uW das Soldatenversorgungsgesetz. Abg. Seitz machte darauf aufmerksam, daß vor Weihnachten noch das Arbeit S losen Versicherungsgesetz erneuert werden muß, wobei eine Aendemng gewisser Bestimmungen der 18. Novelle unerläßlich sei; überdies werde es notwendig fein, Vereinbarungen Wer die Behandlung des Arbeiterversicherungsgesetzes zu treffen. Zunächst seien die bereits begonnenen Verhandlungen Wer die Organisationsfragen der Arbeiterversicherung und der Angestelltenversicherung abzuschließen. Sobald dies geschehen ist, werde es möglich sein, das Kass-enorganisationsgesetz und das Angestelltenversicherungsgesetz noch vor Weihnachten zu verabschieden. Zugleich sei es aber notweridig, eine Vereinbarung über den Arbeitsplan des Unterausschusses für die Arbeiterversicherung zu treffen. Abg. Dr. Danneberg bemerkte, daß auch das Gesetz ltiber die Bankentommission im heurigen Jahre abläust und erneuert werden muß. Heb« L-andesgetränkesteuern ist eine gung des Inhalts zustande gekommen» baß die Gemeinden zwar aus der Biersteuer nichts erhalten, aber auch zu den Kosten der Nvtstandsunierstützung der Arbeitslosen nichts beitragen messen. Der Aufwand für die außerordentliche NotstaridsunterMtzung wird zu zwei Dritteln voin Bund und zu einein Drittel von den Ländern bestritten werden müssen. Als Gntschädi- * gung erhalten die Länder das Recht, Landesbiersbgaben einWführen, 178 Schilling Mlnlmalgehalt bei den Snabeobahne». Obwohl die Eirmahmenerrtwicklirng der Bundesbahnen alles eher denn günstig iist, hat sich die Generaldireiktion dennoch in die mit den Eisenbahnerorgam-stltrauen letzthin geführten Verhandlungen bereit erklärt, den aktiven Bediensteten eine einmalige Zuwendung von 28 Prozent eines Monatsbezuges, die Erhöhung des Mindestgehaltes auf Schilling 162.6 0 und eine Erhöhung der Kinde rzuila g en zu gewähren. Uelberdies wurde der Alternativvorschlag gemacht, unter Verzicht auf die Erhöhung der Kin-devzullagen den Mindestgehalt mit 170 Schilling fösizusetzen. Die sozia-ldemokra tischen Vertrauensmänner der Eisenbahner haben ihre Unterhändler bereits ermächtigt, auf der Basis eines Minimalgshaltes von 170 Schilling mit der Generaildirektion abzuschließen. Ueber die Angleichung der Bezüge der Altpensionisten an die der Neupensionisten wirb mit dem Finmizmiuiftermm separat verhandelt. Letzte Nachrichten. Frankreich duldet die „Schwarze» Hundert". Paris, 19. November. Vor einigen Tagen wurde über den von rusiisch-monarchistischen Huligans veranstalteten Ueberfall auf die für den verstorbenen russisch-jüdischen Politiker W i n a w e r abgehaltene Trauerkundgebung berichtet, wobei mehrere Teilnehmer nicht unerheblich verletzt wurden. Dieser Uebevfall war, wie uns aus Paris berichtet wird, bloß der Auftakt zu einer systematiischen antisemitischen Kampagne der unter Führung des berüchtigten AnMhvers der Schwarzen Hundertschaften im alten Rußland, Markow, stühenden russischen Monarchisten. Fast jede Woche hält Markow in den verschiedenen Bezirken von Paris Versammlungen ab, in denen er die Lügen der „W eisen von" Zion" variiert. In einer Arbeiterversamimlung tischte er seinen Zuhörern die Mür auf, daß der Völkerbund von der internationalen jüdischen Regierung gegründet und beherrscht sei. Sämtliche Attentate auf Herrscher und Staatsoberhäupter seien von Ingen verl'lbt worden. Die Herrschaft des intervon Juden verübt worden. Die Herrschaft des internationale blutige Abwehr gebrochen werden. Bisher konnte Markow seine arrfreizende antisemitische Propaganda führen, ohne von den Behörden gehindert zu werden. Die Konferenz der «enen konservativen Partei in Lodz. Unter dem Borsitz eines jüdischen Großindustriellen. Lodz, 18. November. Gestern begann hier die Konferenz der neugegründeten konservativen Partei unter dem Vorsitz des hiesigen jüdischen Großindustriellen Moritz Poznanski. An der Konferenz nehmen die Führer der polnischen Hocharistokratie, unter anderem Fürst. Janusz Radziwill, Eustachy S a p i e h a, Graf Tarnowski und viele andere teil. Die Konferenz findet im Palais des Industriellen Poznanski statt. Es verlautet, baß die konservative Partei ihren Einfluß zunächst dahin ausüben soll, daß in der kürzesten Zeit ein Handelsvertrag mit Rußland abgHchlosien werde, um den Textilexport nach Rußland zu beleben. * In diesem Zusammenhang betont der „Nowy Dziennik" in seinem gestrigen Leitartikel, der den Titel „Sprenget nicht die Front!" führt, die große Gefahr der Beteiligung jüdischer Industrieller an einer polnischen konservativen Partei. Keine polnische Partei kann die spezifischen jüdischen wirtschaftlichen und kulturellen Interessen vertreten. Dazu ist einzig und allein die nationale jüdische Vertretung, der jüdische Sejmklub, berufen, dem es schon bisher gelungen ist, das Minimum der Rechte, das 'die Juden in Polen besitzen, zu erkämpfen. Imm .. Kesienragslrdtite fllr dm Srodsrvndbefitz in Polen. Warschau, Id. November. Gestern fand im Mimsterratt eine Koriferellz mit den 'Vertretern oer Landwirtschaft statt, zu der unter anderem auch zahlreiche Mitglieder der Hvcharistvkratie erschienen waren. In diesem Zusammenhang wird mitgeteilt, «daß die Regierung fürdenGrvßgriundbesitz einen Kredit in der Höhe von zwei Millionen Zloty bereitgestellt hat. Der Kredit wird unter 14 Bezirke, die von Elementavereignissen heimgesucht wurden, verteilt werden. Dir »Mifstou Dr. Lndwig Singer». Zu dem dieser Tage aus Prag gemeldeten Rücktritt des Präsidenten des jüdischen Nationalrates und Mitgliedes des zionistischen Zentralkomitees Dr. Ludwig Singer schreibt uns der jüdische Nationalrat: Die Ursache der Demission war der Umstand, daß der durch Dr. Singer in der Sitzung des Zentralkomitees vom jüdischen Nationalrate gestellte Antrag auf die Wahl einer engeren politischen Kommission nicht zum Beschluß erhoben wurde, worin Dr. Singer — irrtümlich — ein Mißtrauen gegen seine poMifche Richtung erblickte. Zur näheren Information sei bemerkt, daß sowohl der tschechoslowakische Zionistentag in Brünn als auch das zionistische Zentralkomitee und der jüdische Nationalrat in überwiegender Majorität die von Doktor Singer vertretenen politischen Grundsätze anerkannt haben. Na nraes Herftellnngrverfahren fllr Stahl. Auf chemischem Wege. Berllkn, 10. Novomver. Das „Acht IHr^Abendbvartt" bc* utylit über sin neues Patent, das der Jntereffsngemern'schast der Faribeninduistrie zugefallen ist. ES handelt sich um ein neues Herstellungsverfahren für Stahl. Die eusten Versuche mit diesem neuen Verfahren sind bereits in großem Ctrl dnrchgeführt worden und haben Werraschende Erfolge gegeitigt. Es ist möglich geworden, das Gissen auss chemischem Wege zu behandeln, so daß daraus ein Stahl entsteht, der dem allerbesten SchmetWahl von heute in jeder Hinsicht unbedingt überlegen ist. Der solcherart erzeugte Stahl ist bedeutend härter und doch elastischer. Die Herstellungskosten beim chemischen Verfahren liegen nicht unwesentlich unter den Kosten des SchmeltzverfahrenS. Der zwekke Bortrag Schönaichs. Donnerstag hieilt Freiherr von Schönaich im Vereinshevm am Bermoplatz vor einem gewählten Piublökum, welches die Spitzen der Wiener jüdischen Gesellschlaft vereinigte, seinen zweiten Palästina-Vortrag. Der Vortragende unterzog u. a. die sozialen und ökonomischen Grundlagen des Palästina-Ausbaues einer eingehenden Untersuchung. Im Gegensatz zu Oppensheimer sprach sich der Redner anerkennend über die großen K w n z o t h aus, in denen der urjüdilsche Gedanke der Demokratie durch die freiwillige Unterordnung der Gesamtheit unter die Leitung des fähigsten Kopses zum Ausdruck gelangt und jo ohne jeden Zwang eine gedeihliche Gsmainlschaftsavbeit sichert. Von besonderem Interesse ivaren auch die Ausführungen Schönaichs über die aktuellen außen- und sozialpollitischen Fragen, mit welchen der Zionismus heute in erster Linie zu rechnen hat. Dabei trat er vor allem der Auffassung entgegen, daß England nach dem Grundsatz des Divide et Jmpera an einer dauernden Spannung zwischen Juden und Arabern ' nur gewinnen könne. Das britische Weltreich braucht ganz im Gegenteil flür seine Orient-Politik ein starkes und blühendes Palästina, für welches die nationale Einigung die erste Grundbedingung bilde. Was schließlich das Verhältnis zu den Ambem anbelangt, so sei dies viel eher eine soziale als eine nationale Frage, die vor allem durch Hebung. der breiten Masse der Fellachen aus das jüdische Lebensniveau mit der Zeit von selbst ihre Lösung finden werde. Mit einem warirnen Appell zur finanziellen Förderung des zionistischen Ausbauwerkes und einem Hinweis auf die tiefe ethische Veldeutüng, welche diesem durch die Wiedererweckung der alten Bibelideale für den Gedanken des Weltfriedens zukommt, schloß Schönaich unter stürmischem Beifall seinen Dortrag. * i ■ In seinem dritten, von der W eltju gendklga veranstalteten, sehr stark besuchten Vortrage, setzte sich Freiherr v. Schöna!ch mit den Kriegsfreunden auseinander. Ihr Hauptmittel sei jene Presse, dje von großen Wirtschaftsgruppen angekauft ist. Schönaich berichtet, wie ihn die Stinnesblätter hernahmen, als er für die deutsch-französtsche Verständigung wirkte. Der biologische Beweis der Kriegsfreunde, die Darwinlehre vom „Kampf ums Dasein" sei unsinnig. Man verwechselt,Kampf" und „Krieg". Zwischen Artgleichen besteht in der Natur das Prinzip der gegenseitigen Hilfe. Die Kriegssreunde arbeiten ferner mit Kirche und Schule, die Empötendes in kriegshetzerischer Umdeutung der Bibel und Fälschung der Geschichte leisten. Wenn nicht die RohstoffgewaÜigtzn aller Länder gewesen wären, hätte der Weltkrieg nicht bis zum Weißbluten dauern können. Ueberaus eindrucksvoll schildert Schönaich an historischen Beispielen, wie ein Krieg entsteht. Durch den Technismus sei Über die Zoll- und Hatzmauern hinweg eine Gemeinschaft der Völker entstanden, der bloß die Satzungen fehlen. Diese zu beschließen, ist der Völkerbund geschaffen worden, den Schönaich ms die wichtig st «Errungen schaft der Gegenwart bezeichnst. Die paneuropäische Bewegung stehe in keinem Gsgerrsatz zum Völkerbund. Sie wolle bloß eine kontinentale Gliederung schaffen, neben der panamerikanischen, panasiatischen, sowjetistischen Bewegung und den Völkerbund entlasten. Die ausgezeichneten, von großem Verantwortungsgefühl getragenen Ausführungen Schönaichs üben auf, das Publikum tiefen Eindruck.

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