Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2777 (20.11.1926)
- Date
- 1926-11-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. SM Men, Samstag Memr MorgeqM««s Tagesbericht. Die VorgSuge la ßzernowitz. Die Kammerrede des Abgeordnete» Mayer Ebner. Bukarest, 18. November. Me schon berichtet, hat vorgestern in der Kammer der Czernowitzer Abgeordnete Dr. Mayer Ebner an den Justizminister eine Interpellation wegen der Ermordung des Studenten F a l l i l gerichtet. Als er von den Cuzisten mit dem Rufe unterbrochen wurde herunter von der Tribüne!", erwiderte Dr. Ebner: „Ich bin ein gewählter Abgeordneter und habe das Recht, im Namen meines Volkes zu sprechen!" Weiters führte Dr. Ebner aus: Wohin käme man, wenn jeder Knabe sich zum Richter über Leben und Tod aufwerfen wolle. Leider habe die bisherige Praxis der Justiz in einem Teile der Studentenschaft die Ueberzeugung erweckt, als stände sie über dem Gesetze und die Juden außerhalb des Gesetzes.Redner weist auf die bekannten antisemitischen Exzesse hin und hebt hervor, daß sie bisher keine Ahndung gefunden haben. Die Regierungen dulden diese Verhetzungen, wodurch' die Staatsordnung untergraben wird. Redner richtet an den Justizminister die Frage, was er tun wolle, damit der Mord von Czernowitz gesühnt werde, damit Beruhigung eintrete und man die Ueberzeugung gewinnen könne, daß wir in erneut Rechts- und Kulturstaate leben. Der Redner, der ständig von den Zwischenfällen der Cuzisten unterbrochen wurde und sich zum Schlüsse infolge des Lärmes kaum mehr verständlich machen konnte, überreichte sodann dem Präsidenten eitle Denkschrift, in welcher er erklärt, die vom früheren Abgeordneten Dr. Strauch er der Zeitung „Universul" erteilte Information, er, Ebner, wäre der moralische Urheber des Mordes an Fallik, sei eine Verleumdung. Er sei bereit, auf seine parlamentarische Immunität zu verzichten und seine Handlungsweise durch das zuständige Gericht oder - durch eine parlamentarische Untersuch u n g s k o m m i s s i o n überprüfen zu lassen. Er habe niemals etwas anderes getan, als sein Volk mit aller Kraft verteidigt, ohne irgendwie andere berechtigte Interessen zu schädigen. Professor Cuza richtete an den Justizminister die Anfrage, ivelche Maßnahmen -er gegen die Provokationen der jüdischen Bevölkerung gegen Ne christliche Bevölkerung getroffen habe. Dr. Ebner trage daran ein moralisches Verschulden. Er kündigt eine Interpellation in dieser Frage an. Eine Erklärung Dr. Strauchers. Czernowitz, 18. November. Das „Czernowitzer Mortzenblatt" veröffentlicht heute eine Zuschrift des gewesenen Abgeordneten Dr. Strauch er, in welcher er erklärt,, er kenne keinen Czernowitzer Korrespondenten des „Universul" und habe niemals die (gegen Dr. Ebner gerichtete) Aeußerung getan. Der Mörder Teut«. Czernowitz, 18. November. Die Vereinigung rumänischer Frauen hat die Behörden um die Erlaubnis ersucht, dem Mörder Teutn Essen ins Gefängnis schicken zu dürfen. Nach einer Meldung des „Universul" hat am 15. November eine Versammlung der rumänischen Studentenschaft. stattgefunden, in welcher die Be- 3. F. David. Zu seinem 20. Todestage. Vor zwanzig Jahren, an einem neblig-kalten NoüeMbertug, wurde in Wien ein müder, verbitterter Mann zu Grabe getragen, der einst die ährengold'ne Schönheit des mährischen Landes Lesungen hatte; Lesungen mit den schlichten, dabei immer ein wenig schwerfälligen Wortett, wie sie Sprache, Lachen und Lied der Bewahrter jener von sanften Hügeln umkränzten rnährischen Tiefebene, der Hanna, formen. Der die sanften, weichen Geschichtett aus der Hanna schuf, hie so weich und tvärntend sind wie dieses Land, der in ihnen die einzige helle Zeit seines Lebens, seine Jugend wiederschuf, war ein Jude aus dem Mährischen. Es ist nichts Merkwürdiges daran, daß gerade ein Jude der beste Schilderev des mährischen Landes gewesen uttd Us heute geblieben ist; Uprka, der Maler, formte die frohen Farben dieses Landes, aber I. I. David, der Jude, seine güte, ehrliche Seele. Sie mußte gerade der Jude am stärksten entpfinden; denn das offene und gerade Wesen dieses Landstriches und seiner Bewohtter hatte jahrhundertelang den allanderwärts wru der Unüvelt befremdeten uttd ihr fretttden Juden' gewärmt, hatte ihm jene ruhevolle Sicherheit gegeben, die ihn — bis in die letzte Zeit der kapitalistischen Umwälzung — fest und crdhaft auf bem Boden stehen ließ, auf einem Boden, der tm Gegensatz zu dem aller anderett Lattdstrtche auch dem Juden gern gab und ihn ttührte. Solche sozusagett ahttenhaste Prädispositiott machte den Juden David ' zum Schilderet: der Hanna und ihrer Schönheit, die sich ihm inrmer wieder ttt der Gestalt einer «urmuttorhaft reifen Frau symbolisierte. Diese Geschichten aus der Haurm schrieb David erst, als er in Wien lohte,, als er dem seelischen Frieden, beu das Land seiner Jugettd ihm gewährt hatte, schon längst entrückt war, als das Rad eines UebergangeS ihn erfaßt und in einem Schwung, der nur für harte Seelen erträg- W<O,. pjNkhMMlendert hatte, bis er W -- eine Rchakfreieng des Teutn verlangt wurde, Es wurden auch Dr o h u n gem gegen die Devteidiger jü^Wn Studenten laut. ■ - Eine Trauerkttttvgebuug itt Wien. Die Wiener jüdische Studentenschaft veranstaltet heute, um 6 Uhr abends, im Saale der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler (9. Bez., Türkenstraße Nr. 9) eine Trauerkundgebung zum Änderten an den ermordeten Studenten David Fall.ick. Katastrophe« in aller Wett. Folgenschwerer Zugszirfarrrmenstoß in England. London, 19. November. Der Schnellzug Birmingiham-NoE U heute mit einem G ü t e r z ug z u - s a m m e n g e sto tz e n. Ein Teil des Zuges ist e n t.g l e i st, n e u rt P ers o n e n Mtrden tätet «rtb zalh'Irei che verwundet.. Entgleisung eines fvanzSfischen Schnellzuges. Paris, 19. November. Gestern abends ist bei der Einfahrt in den Bahnhof O b erb erg h eim bei Cvlmar ein Schnellzug entgleist. Ein Reise-ndar wurde getötet, ein anderer schwer verletzt. Ein Erdstoß auf Mettlla. Melilla, 19. November. Göstern abends , wurde Wer. ein E r d st o ß von mMever Heftigkeit verspürt, der unter der BevMer-ung Unruhe herdorrief und auch einigen Sachlschaden anrichtete. ^Menschenleben sind trWt ztk b elklagen. Erdbeben in Italien. Rom, 19. November. Wie die Blätter beruhten, sind in verschiedenen Orten Erdbeben verspürt worden, so gestern mitternachts in Messina ein Erdbeben dritten Grades, üas sich um 7 Uhr 30 wiederholte, ferner m Bico del Gärganv um 8 Uhr 30 ein drei Sekurtden andauerndes heftiges Erdbeben und in Sar-zana. Es wurde nirgends Schade angerichtet. Die geäitgstWe Bevölkermtg verbrachte die Nacht im Freien. Neapel überschwemmt. Rom, 19. November. Irr Neapel ist gestern ein starke sGewitter niedergegangen. Einzelne niedrig gelegene Stadtteile wurden überschwemmt. Die Blitze haben stellenweise'die elektrische Leitung zerstört und ein Phos phorlagea: ein-e>r Apockhe-ke in B^rand ' gesteckt. Auch in Ligurien haben schwere Stürme geiMtet und die niedergegangetten Regengüsse Ucberschwetnntungen verursacht. In einem kleinen Dorfe Liguriens stürzte eilt Haus ein und in einer Schule, das Dach, ohne daß Menschen verletzt wirrden. Brand ans einem Dampfer. Quebec, 19. November. Der Dampfer „M o-n « krea l" _ der Kanadischen DampMlssahrtsgesellschast ist durch einen Brand vollkommen zerstört worden. Fünf Mitglieder der Besatzung werden vermißt. Das Schiff hatte Pferde und Rinder als Ladung an Bord, die sämtlich in d i u F!a mm e n umgekommen sind. Eisenbahnunglück in Wiener-Neustadt. Aus Wienervc c. u st adt wird uns gemeldet: Gestern früh sind von einem Verschubzuge aus bisher tionsstuhe flüchtete, wo er die Ruhe und Gesammeltheit zu finden hoffte, die er brauchte, und nicht fand. So gehen detm mit seinen Geschichten aus der Hanna trostlos schwermütige Gedichte einher; keines schreit , die Qual, die David die Feder führt, in allen ist das Zucken zerquälter Lippen, das Beben der Lider an Augen, die mit Schmerz und Entsetzen schauen. Das Rad des Ueberganges, der Wien heißt, schleuderte den Sohn der offenen, ehrlichen Hantta aus dom Judentmn ins Christentttm, aus der Sehnsucht nach beschaulichem Schaffen (das wie alles, was aus der Hanna kommt, bedächtig, etwas schwerfällig, aber reich, ernst und wahrhaft ist) in die Hast des Zeitnngsgetriebes, aus dem Wunsch nach Mitftchlen und Mitleiden von Atensch zu Mensch in die kleine, kleittliche Sphäre von. Wetteifer, Eifersüchtelei, Intrige, wie sie in der Tagschreiberei herrscht und dort von einer Hand gelenkt, wird, die schwer und drückettd auf Lohnsklaven lastet. Zn Davids Unglück war es die schlimmste, die häßlichste, die unmenschlichste Hand, unter die er geriet. Was Wunder, daß. er, der nie hassen konnte, dennoch einmal in seinem ÄÄben wuffchrie, qualvoll in die Welt rief, was ans ihtn lastete; in seinem Usay „Die Zeitung"^ das in einer Sammlung von soziologischen Monographien erschien,, ist dieser Schrei der Qual zu höret« uitb auf jeder Sette dieser kleitren Schrift spricht das Etttsetzett rtttd der Ekel über das Los, dem er verfallen war, zu schwach, es zu hassen, es ütt Haß zu zerbrechen. .Die Folge mußte verbitterte Resignattorr sttn; die Freude am Schaffett war in David getötet worden durch jenen Druck, der unmenschlich auf ihm lastete, der ihn Theaterreferate schveiben ließ, unr ihn lächerlich zu ttrachen, und nur widerwillig für das, wos David gern schrieb, Platz in der Schreiberei des Tages gewährte. Diese Resignation klingt atts der Schrift „Vom Schaffen" hervor, in der David die Betätigung freien schöpferischen Willens des Künstlers als ttaheztt unerreichbares Idol aufstellt. JMnter mehr zog sich der Dichter mit der mimosenhaftett Seele, die bei jeder Berührung durch die Härte und Hast des Hqges. MmAWh MaEietMckte, in sich Mstck rych - Heinrich Weinberger Wien, I., SlngefithtBe 6 mchektrmter Ursache W'a<g-K'o-ms em^iW^e«rP. Eilt Waggott. mürbe Wer e-iue Bösüsitttg hinnntergeworfen, der atkdere z-ertvüMm-srt. Da durch drcisen Unffall die ib e \ d e n Haupt Z e4'e i pe v e r l-e-get wurden, konlttte der Verkehr in beiden RichdunMn nur durch Umsteigen hittter der UnsaWelle auffrechterhalten werden. Der Ma te-r i aUßch«abem ist sieche g-roch, verletzt tvrwde niemand. Niefigev Walbbrand im Semmerivg-Gebist. Ms Wiener-Neustadt wird uns gsmeWet: Im Gebiete des G t u!h4 e ck ist ein r i es i>ge r W all-ü° ürand auZgckbroch-en, der zur Stunde tro-ch andauert. Da sich die umkegendeu Feuerkvchren als zu schwach erwiesen, mußte die Hilfe des BundeshE-eress angchpwchen werben. Das m Paye'rbaÄjj stationierte Militär.' wurde allarmiert rmd mittels Autos gunt Brandpilatz belsiirdert. Auch aus G r-a z ist ein HilssAUg tnit Militär eitrgetwfifen. Der Bratvd hat DevestZ steE-r g-r-vß^ W-ack-ch.-eO-ä-n^e e4mcigLeMHre':r»t. 2er «e«e «tanefe, 1 Die Pariser Akademie der Tage, wie wir mellreten, MikÜeÄLN, haß M MzMWM Sonne ein neuer Planet ^ttdeckt worden fft. Die wrsstnschaftlrche Bedeutung der PatMr '!Ä| liegt darin, daß der neu entdeckte HlmmelMrpLr fMe Bahn innerhalb d^r Erdö-ahm zlehll Me Wr ttnverrückbar gehaltene Dreizahl der somremuchen Wü-tMlsterne Merkur, Venus, Erde wird nun uM einest viMen Stern bereichert. Merdings AeÄt - um einen großen Matteten handelt.?V : ■ ' Sollte dies der Fall sein, so wäre Mw gemacht worden, wie sie seit vielen Jahrzehnten, jM der Auffindung des sonnenfernsten ManMn, des R astckaM, durch Leverrier, nicht geglückt war. Man müW ist bieftstr Fäll umlernen und sich «nprägen, daß unsere! EÄ nW siüben große Phtmt^kL^Wystep, sitzt. ' Das BorhärwestsM-Mes W^MpM^lMistvch^eNMr um den gigantischen, Mhenden FeueEkl Äev SbrM - seinen Lauf vollendet als Merkur, wurde VereW vvtr denv französischen Arzt Lesr arb-um-t vermutet und MW glaubte schon wi^rerholt, den Durchgang dieses Sternes' vor der Sonnenscheibe beobachtet zu haben. LeÄvBckstt nannte diesen rätselhaften Planeten, der eine Welt Unsäglicher Hitze darstellen müßte, „Bulkanu^. SpätetL Astäoinotnen bestritten das Borhandenstin dieses Weltkörpers' Allerdings wäre es nicht der erste Fall in der Geschichte' der Astronomie, daß eine als Irrtum! Vezeichnete WcchrnchMung sich später als richtig erweist. Auch wäre D zu erklären, weshalb gerade dieser Manet solange unentdeckt bleiben müßte, da die Sichtbarkie-ibsverPaWnisse für einen Stern, der sich ummstelbar unter de« . Strahlenfittichen der Sonne bewegt, äußerst u n g ü nstcktz sind. ergrübclte in feinet: Abgeschiedenheit das Grundproblem! seiner wie tnan es ztt nennen pflegt — verfehlten Existenz, richtiger das Gesetz, das ihn und Tauende seinesgleichen beherrschte. So schuf er den R-üman „Der Uebergang". Dort suchte er den U-ebergatlg darzustellest, der Wien heißt. Aber er verwechselte Ursache und Folge und schuf bloß einen Wiener Uebergang, der eigentlich nicht existiert: dett Uebergang ans * der Vorstadt in die Gwßstadt; dett großen Uebergang, der Wien heißt, übersah er jedoch, jenen Uebergang, der eigetttlich das spezifisch-. jüdische Phätwinett Wietts ist: die Triebkraft zur Nistelliermtg, zur Entseelung. Diqjer Romatt votn Uebergang ist noch nicht geschriebett, seine WirUichkekt wirkt seit drei Generationen bis auf den heutigett Dag fort. Was ans dem flachen Land an Juden nach Wien kontnrh, wird seit 'tfechs Jahrzehnten immer wieder von diesem nivellterettden, e'ntseelenden Uebergang erfaßt, der sich bald in wirtschaftlichett, bald in kttltnvellen uttd sozialen Formen maitifeftiert. Das Produkt davon ist kleinliche Geschäftigkeit, oberflächliches Vergnügen, träge Geistigkeit, dann Wd wann falsch verbrüntte unechte Wietter RontanM. David fühlte Wohl die Verheerungen dieses Uebergattges, hatte sie mtt eigetten Leib zu spüren; aber chre letzte Ursache, die jüdische Ursache, sah er 'nicht; oder wvKte er sie nicht sehen? Es läßt sich nicht entscheiden, denn es läßt sich nicht ergrüttden, was in der Seele eines Mannes vorgeht, der schon ztt zertttürbt ist, iuetttt er beginnt, der Ursache seines Leides ttachzttgehen, wentt er überwinden wöl uttd nicht mehr kann. In Davids letzten Lebensjahren war bereits der Ruf des Mrnttes erkluttgen, der die Jttden aus dem ewigett Uebergattg, dett auch er gespürt hatte, hittausführt, auch atts dem schlimmsten seiner Art, denr Wietter Uebergang. David Wie diesen Ruf tncht gehört; auch deshalb blieb vielleicht seitt «letzter großer Roman bloß ein« kleine Borstadtgeschichte in enger Perspektive. Uttd er lwurde an einein kalte«, nebligen Mvemb'or-- tag begraben, als müder, alter, schvacher Mlttw, zu sHvach, Um da>5 große, reiche Geschenk zu erkämMr^