Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2777 (20.11.1926)
- Date
- 1926-11-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sorte s Wien, Samstag Wiener Morgenzeitmrg 20. November 1926 Nr. 2777 Soziale Gesetzgebung ia Palästina. WedgewoodS MandaiSkrttik. — Konferenz der Achduth Haawodah. Bon Dr. Fritz Lö menst ein, Jemsalern. Es ist unverkennbar, daß die Regierung sich im letzten Jahre bemüht hat, die langjähriger: Versäumnisse aus dem Gebiete der Gesetzgebung etwas einzuholett. So iveuig das Gesetz über die Einbürgerung und das über die Wahlen zu den Stadträten alle unsere berechtigten Wünsche befriedigen, so bedeuten sie doch einen Fortschritt in der allgemeinen Entroicklung des Landes und in der Schaffung eines modernen Rechtszustandes. In dieser Woche ist nun ein weiteres Gesetz zu verzeichnen, das wohl im allgemeinen mit ungetrübter Befriedigung zur Kenntnis genommen werden wird. Seit vielen Jahren fordert die palästinensische Arbeiterschaft eine soziale Gesetzgebung, die in Fällen des Unfalls, der Invalidität und so weiter den Arbeiter sicherstellt. Die Forderung ist unzählige Male der Regierung vorgetragen worden, Entivürfe und Gegenentwürfe wurdm ausgetauscht, ohne daß aber ein Ergebnis zustande kam. Auch der Waad Leumi hat in seinem Memorandum an den Völkerbund diese Forderung erhoben. Nunmehr hat die Regierung ein Gesetz veröffentlicht, das die Entschädigungsansprüche des verunglückten Arbeiters feststellt uiü> der: Unternehmer zur Zahlung der Entschädigungen verpflichtet, der seinerseits sich bei einer Versicherungsgesellschaft decken kann. Das Gesetz, das natürlich nur als der Anfang einer sozialen Gesetzgebung gewertet werden darf, ist im allgemeinen mit Befriedigung ausgenommen worden. Entsprechend dem in Palästina üblichem Brauch erhält das Gesetz .erst vier Wochen nach der PMizknnvg Gesetzeskraft, um in der Zwischenzeit der Oefsentlichkeit Gelegenheft zur Kritik zu geben, die dann von der Regierung! berücksichtigt werden kann. Es ist das die einzige, heute in Palästina bestehende Möglichkeit, auf Gesetzgebungsakte der Regierung einzuwirken. Es ist übrigens nicht anzunehmen, daß gerade in diesem Falle die Regierung sich mit yinev sehr heftigen Kritik abzufinden haben wird, da, wie gesagt,, das Gesetz durchaus als ein Fortschritt zu werten ist. Anders stellt sich die öffentliche Meinung zu einem gleichzeitig erlassenen i i Stveikgefetz, das ziemlich reaktionäre Grundsätze, v'or allem in Bezüg auf das Streikpostenstehen, enthält. Man wird überhaupt ein wenig verwundert fragen, was den Erlaß dieses Gesetzes hervorgerufen hat. Daß es in der augenblicklichen Situation keine Streiks gibt, ist selbstverständlich; aber auch in den Zeiten dev vierten Alijah, wo Streiks (vor allem in Lohn-, fragen und in der in Palästina besonders wichtigen Frage dev Anerkennung der Arbeitsämter der Histadruth Haowdim) recht häufig waren, verliefen die Streiks fast ausnahmslos in vollständiger Ruhe rmd die in Europa häufigen Zusammenstöße von Streikenden und Streikbrechern sind in-Palästina ft gut wie unbekannt geblieben. Es ist nicht recht ersichtlich, warum die mit gesetzgeberischen Men sonst sä sparsame Regierung gerade in diesem Fall eute Ausnahme! nrachte. * Es Wurde hier bereits über die Konferenz des „tzapoel .vftjftdr" in Petach Tiktvah berichtet, deren Beratungen vor allem der landwirtschaftlichen Kolonisation, Pwgrammsragen und inneren Fragen der Histadruth gewidmet warm. In diesen Tagen ist nun auch die Konferenz der „Achduth Haawodah", der palästinensischen Landes-Partei der rechten Poale Zion und der stärksten Arbeiterpartei Palästinas, beendet lvovden. Die Tagung fand in Tel Awiw statt, und das war vielleicht charakteristisch für die Achduth Haawodah urrd für den Verlauf ihrer Konferenz. Wir wollen nicht auf Einzelheiten eingehen. Immerhin sei dev Rede von Colonel Wedgewood gedacht, die einen außergewöhnlichen Eindruck auf die Konferenz machte. Hier sprach ein Engländer, ein Sozialist, ein Nichtjude, der die Politik der Mandatarnwcht einer ft umfassenden und so scharfen Kritik unterzog, wie sie in Palästina Wohl kaum gehört worden ist und dessen Versprechen, mit allen Kräften für die Erfüllung der Balfturerklärung einzutreten, um ft stärkeren Glauben verdiente, als wir Wedgewood seit Jahren t aus den Verhandlungen des Ultterhanfts aks einen unserer entschiedensten Freunds keimen. Neberhaupt kann nicht verkannt werden, daß die Kritik ander Manda-tarmacht bei der Konferenz der Achduth Haatmüah und,in den dort angenommenen politischen Resolutwnen zu weit stärkerem Ausdruck gelmrgte als beim Hapoel Hazarr, der ja stets zur Zurückhaltmig auf diesem Gebiet Eür zweites charakteristisches Merkmal der Konferenz Mete-di« Tatsache, daß die Prüfung der gegenwärtigen SAmtivn im Lande uck» die Untersuchung der Möglichkeit len, nicht»,nur die Krise zu lösen, sondern Äe Verwirklichung des Aftmsmus auf dem Wege.einer großen Mjah und elmr umfangreichen Kolonisation üNMtveben, durchaus den Inhalt der Tagung ausmachte. Fm Anschluß an ein Referat von Berl Kaznelfon wurde die gegemvävttge Situation geprüft, wobei gerade auch der Lage in den Städten besonderes Augenmerk geschenkt ourde. Interessant ist z. B. die Tatsache, daß'trotz der Krise j die Mftgliederzahl der städtischen Kooperativen im Wachsen | irgMeni-fl und hier offenbar manche Möglichkeiten der Ent- 1 Wicklung bestehen. In der wichtigsten aller Fragen, der Ueberwindung des toten Punktes, auf dem sich die Finanzierung des Aufballes zu befinden scheint, gillg der Standprmkt der Konferenz dahin, daß man den Beschluß der Londoner Wirtschaftskonftrenz, der eine Anleihe im gegenwärtigen Stadium für unmöglich erklärt, aufs Atzußerstc bedauert. Won erörterte «m ft mW Vas Proftkt von mm» Dieser, deo eigentliche Leiter des Golel Boneh, ist aus Amerika, wv er ms Mitglied ''der ' Delegation 'der HtstadrnH einige Monate gewesen ist, mit dem Eindruck zurückgekommen, daß eine „innere Anleihe" durchaus tnßg'td) sei. Renres will also nicht auf den Finanz markt gehen, sondern: lmll innerhalb des Volkes eine Aktion durchführen, die sich von der unserer nationalen Fonds dadurch unterscheuen ftll, daß eine Verzinsung geleistet werden soll. Remes HA-t auf diese Weift ' die Ausbringmm von 300 Millionerr Dollar für eine Möglichkeit. Die Achduth Haawodah hat diesen Plan grundsätzlich akzeptiert mü> wird ihn voraussichtlich auf dem Kongreß vertreten. Es ist, wie es scheint, verfrüht, in diesem Augenblick das Projekt Remes zu beuvteileu; denn es wird alles davon äbhängen, wie die Einzelheiten des Planes aussehen werden. Wichtig ist jedenfalls, daß dieser Plan heute von einer ganzen Partei auf den Schild gehoben Worten ist. Die Achduth Haawodah hat übrigens, die diesem "Züsammenymm Hren 'Entschluß^ zum ^Ausdruck gebracht, im Falle einer *AnNahme "des Projektes Demos dsie Konsequenz'zu ziehen, in Zukunft die Uebernahme. der vollen Verantwortung an leitenden Stellen der Bewegung nicht mehr ab zu lehnen. Diesem Beschluß komnft natürlich eine große Bedeutung zu-denn er würde die bisherige, angeblich marxistische Absentierungspvlitik aufhäen undeine positive uneingeschränkte Mitarbeit einer Gruppe ermöglichen, die eine Fülle wertvoller Menschen aufweist und in Palästina eine starke Position einmmmt. Sie Probleme des Mücke» Bottes und die Sorialdemolratle. Bon I. Hellenberg. IV. Neuorientierung int jüdischen Volke*), a) Bedeutung der heutigen Lage am Weltarbeitsmarkt. Was bedeuten die in Europa beobachteten heftigen Abstoßungstendenzen. unb die allgemeine Arbeitssperre für das jüdische Volk? Was hat es zu bedeuten, wenn die allgemeine Schutzzöllnerei nun auch die „Ware" Arbeitskraft ersaßt hat, und selbst die sozialistische Internationale nichts Entscheidendes dagegen eknzuwenden vermag? Wir kennen die Erklärung: Die heutige warenproduzierende Welt ist überindustrrealisiert. Die künstlich auf niedrigem Lebensniveau gehaltenen Massen haben nicht die Kaufkraft, um all die vom rasenden Kapitalismus aus den Markt geworfenen Güter aufzunchmen. Europa schon gar hat im Kriege und durch den Krieg fast alle seine auswärtigen Absatzgebiete verloren. Die ehemals reinen Agrärstaaten schaffen sich nach und nach eigene Industrien. In den alten Industrieländern, die früher den Weltmarkt beherrschten, nimmt die Beschäftigungslosigkeit immer mehr zu statt ab. Es schwillt die Armee der „eigenen" Arbeitslos-rn zu erschreckenden Dimensionen an. Es ist ausgeschlossen, noch weitere Massen von „fremden" Arbeitsuchenden zuzulassen. Sie würden, wenn sie selbst Arbeit fänden, auf das Lohnniveau und damit aufs „Kulturniveau" drücken. Als „Erklärung" für die Arbeitssperre und Grenzsperre können wir diese Tatsachen, vom Standpunkt der Klaffensolidarität aller arbeitenden Menschen, der internationalen Bölkersolidarität und des Sozialismus, keineswegs gelten lassen. Denn eine Solidarität, die nichts kostet, die nur an schönen Feiertagen sich manifestiert und nicht auch in Zeiten der Not sich bewährt — ist keine. Um vom eingebildeten Kulturhoch m ut schon, gar nicht zu reden! Aber als Tatsachen, ohne Sentiment, rein . nach ihrer Bedeutung für das reale Leben d e s j ü d ischen Volkes in absehbarer Zeit, Müllen die geschilderten Erscheinungen mitsamt ihren . traurigen Folgen, dft ja ebenfalls Tatsachen find, schon sehr ernstliche Beachtung finden. Ebenso die Konsequenzen, die breite und maßgebende Schichten des Volkes aus dieser allgemeinen Aussperrung schon längst, wenn auch nicht immer klar bewußt, gezogen haben. Und last not least - die im BolkSbewußtsetn lebenden Ideologien, Ueberlieferungen und Bestrebungen, denen diese neuen, sntjchetdenden Wirtschaftstatsachen fördernd betreten oder hemmend entgegentreten. Vergleichen wir mm an Hand unserer Erfahrungen die heutige Situation des jüdischen Volkes mit seiner Lage, etwa in den ersten Jahrzehnten nach den 48 e r Revolutionen in Europa, ft müssen uns — wenn wir nicht ganz mit Blindheit geschlagen find oder für historische Entwicklungsprozesse überhaupt kein Organ besitzen — folgende krasse Veränderungen ausfallenr 1. Nicht mehr wird, wie in den Entwicklungsjahren des Kapitalismus, der stärkste Teil der Mischen Volkskrast von ihm angezogen, nach dem Westen entführt, dem jüdischen Lehen. entfremdet, M nach und nach ganz entuattonalisiert zu werden, sondern die jüdischen Arbeitskräfte werden von den fremden AtSeitsmärkten ausgesperrt; soweit es angeht, sogar von bereits eroberten Är- •) Ache .Wiener Morgonzettasos" vom % a, IS. und IS. November. bcitsplätzen abgestoßen. Sie sind gezwungen, ob sie wollen oder nicht, in ihrem Milieu zu verbleiben, in der jüdischen Umgebung; sie müssen, ob sie wollen oder nicht, ihr eigenes Kraft- und Arbeitszentrnm ausbauen, wo sie nicht bei jeder Krise die Erstbetroffenen sind, bei jeder Affektion des wirtschaftlichen Organismus als Fremdkörper empfunden und abgestoßen werden. Im alten jüdischen Milieu aber ist von einer Entnationalisierung in absehbarer Zeit keine Rede. Im Gegenteil. Sie entwickeln vorläufig, w: e die Erfahrung lehrt, bei aller Anpassung an das moderne Leben, bei aller Aneignung modernen Wissens und moderner Bildung, doch ihre eigene Kultur, ihr eigenes Schristtunr, und kämpfen für eigene Schulen und Fortbildungsanstalten. Sie schaffen eigene große Zeitungen und starke politische Parteien, wodurch sie sich in moderne wehrhafte Bolksmassen verwandeln, die ihre Rechte wahrnehmen, und nicht darauf angewiesen sind, auf dem Umwege über fremde Kulturen, von den politischen Parteien anderer Völker sich „Gleichberechtigung" versprechen zu lassen, die zu bieten oder auch nur zu vertreten oft „aus taktischen Gründen" eine verdammt schwere Sache ist. 2. Nicht mehr wird, wie in den Jugendtagen des Liberalismus, die jüdische Intelligenz schon an den staatlichen Bildungsanstalten und Universitäten vom Geists der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" umfangen, vom Fortschritt der europäischen Menschheit und ihrer Zivilisation begeistert, um sich zu überzeugten Trägern europäischer Kultur zu verwandeln, dann im freigewählten geistigem Berufe zu hohen Ehren und einflußreicher, hochgeachteter sozialer Stellung zu gelangen — dabej aber an die eigene jüdische Abstammung gerne zu vergessen, sich ihrer meist zu schämen, die eigenen Bolksangehörigen höchstens in dem Ausmaße und insoweit menschenähnlich zu finden, als sie sich mehr oder weniger dem hohen Kulturideal nähern, das man in höchst eigener Person würdig repräsentiert. Im Gegenteil. Die studierende jüdische Jugend von heute wird oft schon in den Mittelschulen, sicher aber auf den Hochschulen, angowrdert vom Geiste der Reaktion und Unkultur, des Antisemitismus und des hohlen Strebertums, den, mit nicht gar zu zahlreichen Ausnahmen, Kommilitonen, Rektor und Senat repräsentieren.. Von einem freigewählten geistigen Beruf und hoher sozialer Stellung ist schon gar nicht die Rede. Alles andere kommt beim Beruf in. Betracht, nur nicht die freie Wahl. Bor allem wird man an seine jüdische Abstammung höchst unsanft erinnert. Es gibt „eigene", nichtjüdische Bewerber um alle studierten Berufe; wozu „schon wieder ein Jud?" Staatliche Beamtenkarrftre? Geht nicht, Jude. Habilitation an der Universität? Die Studenten würden bei jeder Gelegenheit Krawall machen. Politische Betätigung? Es ist inopportun, wenn gerade Juden sich vordrängen. Hat man da noch ein wenig Ehrgefühl und ist einem vom Geiste der Bildung, die man sich angeeignet hat, auch manches in Fleisch und Blut übergegangen, dann erinnert man sich gerne bei solchen Gelegenheiten an sein eigenes Volk, das schon so viele intellektuelle Kräfte an andere . Völker abgegeben bat und doch selbst ft bedürftig ist. So wirdein wertvoller Teil der jüdischen Intelligenz durch äußere, von ihm unabhängige Kräfte, wieder dem Volke zugeführt, das für immer zu verlassen, er auf dem besten Wöge war. Aber auch in den Volksmaffen selbst sehen ' wir, als Konsequenz der geänderten Verhältnisse, eine völlige Aenderung des politischen und kulturpolitischen Verhaltens. Wir sehen sie regelrecht-ö moderne Kampfstellungen beziehen. Hand in Hand damit geht ein rasches Erwachen des Volksbewußtseins, ein Erstarken der nationalkulturellen Jdeologie und. des nationalpolitischen Regeneratiynswillens. »Eine ausführliche Darstellung dieser Erscheinwgey und — damit im Vergleich — der offizi-öllen Stellung der/ österreichischen Sozialdemokratie zum jüdischen Volke gebe« wir in dem nächsten Artikel dieser Serie. Sitte Rede Louis Marshall». New-Aork, 17. November. (I. T- A.) Das Avrerika-n1fch'tz>Msche Komitee, das sich die Verleidiguno der Mischen Rechte und Interessen der ganzen WÄ zur AufigaHe «gemacht hat, hielt heute mm Sitzung ab Md wählte Herrn Loarts Marshalll wieder zmÄk. Präsidenten. Herr M-arGall hislt bei Mer GÄsg-entzeit eine Ansprache, in der er sich mit der gegenwärtigen Lage der Juden beschäftigte. Er kam iusbesrmdere auf die Affäre Schwarzvarth zu sprechen und drückte seine Mzufriedercheit -mit gewissen Zeitungen U'tub Organisationen aus, die den Schalom Schwarzbarth, der den utvainischen Ättanran Petljura ermovdÄ 'hat, z« einem nationalen Helden pricklamieren. In MMichkeit, sv führte Herr Marchall weiter aus, sei ein Eintreten fair feie Tat Schwarzbarchs unberechtigt und «mwermrtwortliich. Diese Rede Mar-shaltls ist außeroodentliich zu bedauern. Sie ist eine direkte UntevsMtzmrg der antGmlitischen Stimmungen. Nicht Gchwartzbarth wurde zu einem nationalen Heiden Proklamiert, sondern der Attaman Petljura. Die Tat Schwarcharths kann gewiß kein Jude rechtfertigen, aber sie ist menschlich verständlich. Man vergesse auch nicht, daß erst durch diese Toi die fuMbare Pogroanzeit der Vergessenheit entrissen wvrde und daß solcherart die Schuld PeWumS mch seiner vor der OeUenMchkeit enHM worden G.