Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2776 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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GM- * Wen, KkErg «Wtlltt Vts-gM-elckm« Schwarze Sahneu ... Srmuwkin rnnerr. Won m&tem nach «Mmowitz «ttsarrdte« R. K.-SM«»»ett«O M. November. Ern nirderdrÜckeÄ»W, SWemmend« Druck liegt über der sonst lebensfreudigen Stadt. Schon beim Eintritt von der langen Borstadtstraße, die den Bahnhof mit der Stadt verbindet, umfängt den Freien dös soickeribare, ungewohnte Bild der trauernd eil Stadt. Es ist Samstag, der Hauptgeschäftstag. Aber ein Beschluß des Gremiums der jüdischen Kaufleute hat alle Läden und Geschäfte jüdischer Besitzer gesperrt. In tiefstem Ernst, verdüstert, verbittert, gehen die Passanten ihres Weges. Die jüdischen Gotteshäuser sind überfüllt, in Gruppen steht die Jugend diskutierend umher. Die Straße vor dem jüdischen Krankenhaus, in dem gestern nachmittag David Fallik verschieden ist, wünmelt von Menschen. Niemand wird eingelassen. Drinnen wird der arme Körper auf Befehl der Staatsanwaltschaft reduziert. Diese jüdische Stadt trägt ihre Empfindungen mit Würde. Man vergegenwärtige sich was es etwa in Eger bedeuten würde, wenn ein deutscher Student'von einem tschechischen -im Gerichtsgebaude erschossen worden wäre. Wie würden die Leidenschaften aufbrausen, wie würden sie geschürt werden! Hier aber «in dieser klugen Stadt behält alles die Besinnung. Der ^Schmerz ist tief und allgemein, aber nirgends zeigt sich «ne Geneigtheit, ihn politisch auszuschrvten. Die jüdischen Führer stehen auf ihrem Posten. Ihre Mühe ist «unnötig. Niemand denkt daran, sich durch Provokationen reizen zu taffen. Mich Morarescu, der höhnisch lächelnd mit gut gespielter Unbefangenheit durch die Herrengaffe spaziert, bleibt unbeachtet. Jeder, an den er anstreift, wischt sich hernach den Rock ab. ... Schwarze Fahnen an allen Häusern. Straßenlang Trauerschmuck, straßenlang an den Wänden die schwarzumränderte Parte der KuÜusgemeinde. Die jungen Mittelschüler tragen ein Florband im Knopfloch. Schoarz, wohin Man blickt. Ein ganzes Volk in Trauer. Jeder hat die Kugel mitgefühlt, jeder hat die zwei Tage der marternden Schmätzen mitgetttten, jebet weint mit der alten Mutter FaW. Der Begräbnistag ist da. Sonntag ifl*s, vom Land strömen Bauern und Bäuerinnen in die Stadt zur Kirche. Me rumänische Behörde fürchtet diesen Tag. Sie hat gestern das arrangierende Komitee, das aus Vertretern der KuÜusgemeinde, der Studentenschaft und aller jüdischen Bereinigungen besteht, zur Polizei vorgeladen und untersagt, den Arg über den Ringplatz zu führen. Die Besorgmffe waren überflüssig. Das rumänische Banernttolk verstand nnd ehrte die Feier. Für 10 Uhr vormittags war der Beginn der schmerzlichen Zeremonie angesetzt. Um 7 Uhr früh wogt bereits eine dichte Menschenmenge in der Stadt. Vor dem Spital tonb, im Hof der großen Synagoge stauen sich die Leute. In kleinen Gruppen weiden sie in die Leichenkammer eingelassen, Schwarz drapiert sind Türen und Wänden 'Zwischen großen düster brennenden Leuchtern steht, aus der Bahre der einfache Brettersarg, mit dem Tätlich bedeckt. Zu Häupten brennt die siebenarmige Menorah. In einem Winkel sitzt die Mutter. Sie spricht vor sich hin, redet, mit dem Sohn im Sarg. Seit gestern sitzt sie hier... Einer nach dem andern tritt an die Bahre, um die seit den frühen Morgenstunden Studenten als Ehrenwache stehen, heran, um Abschied, zu nehmen und „mechile zu beten". Das geht so stundenlang. Draußen wird inzwischen ein Podium aufgestellt. Die studentischen Verbindungen ziehen zum Spalier auf, Hunderte Ordner sind aufgeboten. Das Bild, das sich -entwickelt, ist unvergeßlich. Menschen, Menschen, so weit man sieht. Die Straßen sind tpinc einzige Masse. Die Fenster, die Balkone, die Dächer, Gesimse und Zäune sind dicht besetzt. Der Fahnenschmuck ist lückenlos. Wer keine Fahne hat, hat ein schwarzes Kleid ans Fenster gebunden. Der Polizei ist dies nicht genchm und sie verlangt die Entfernung. Es gibt hie und dort erregte Austritte. Niemand will das Zeichen der Trauer abnchmen. Die Ordner müssen immer wieder eingreifen. Polnische und ukrainische Studenten tragen Kränze durch die wimmelnde Menge- Sportvereine, Pfadfinder kommen in geschloffenem Zug. Sie können nicht mchr in die Straße. Mann an Mann steht das Volk. Das jüdische Volk von Ezernowitz. Niemand fehlt. Me sind da, Männer, Frauen, Kinder, Würdenttäger, Deputationen und die kleinen Leute. Niemand fehlt. Was jMsch ist, weilt heute auf der <Äraße. 60.000 Menschen gehen im Zug, umsäumen, ihn als Spalier, stehen vom Spital durch die lange Russische Gaffe bis zum FriÄ>- U Hm 10 Uhr wird es still. Das Brausen der großen Menschenmenge dämpft sich ab. In der Leichenhalle gchen die ersten rettgiösen Zeremonien vor sich. Dann erscheint im Eingang der Sarg, den die jüdischen Klassenkollegen des Toten tragen. Es geht zur großen Synagoge. Hier spricht Rabbiner K atz das hebräische Märtyrergebet aus der Chmielnicki-Zeit. Die Menschmmenge weint auf. Einige Minuten nehmen die rituellen Gesänge desOberkantors Giurmann in Anspruch, und dann setzt sich, ergreiferw, erschütternd, der riesenhafte Zug in Bewegung. Die Studenten tragen den Sarg, dahinter die Funktionäre, die Verwandten, der gesamte Kültusvorstand, die Abvrdmmg nnd schließlich in ftttünittter Ordnung die Jugend. Zwei- und dreifach ist das Spalier, die Ordner haben mühsame Arbeit, ein geregeltes Abfließen der Massen durch die schluchtattige Landhausgaffe zu sichern. AuS den Seitenstraßen strömen immer neue Züge heran. Die Spitze des Trauergefolges ist schon auf dem Friedhof, und in der Stadt waren noch immer die Straßen wie überschwemmt. Nie hat Ezernowitz -etwas Derartiges gesehen. Rumänische Bauern und Bäuerinnen, an denen der Sarg vorbetkbmmt, schlagen andächtig das Kreuz. Sie sind ergriffen von dem großen Leid, von dem dieser Zug Zeugnis ablegt. Und alle, die da gehen, wissen cs, weshalb der junge Mann, den man an der Spitze ttägt, sein Leben hat lassen müssen. * Der letzte Akt dieses Dramas auf dem Friedhof. Bor der Dotenkammer wird der Sarg niedergestellt. Wieder Trauergesänge, das schlichte, klagende „Schiwisst". Dann die Rede des Oberrabbinners Dr. Mark, der dem jüdischen Märtyrer das letzte Wort sagt und sich dann an die Jugend wendet: „Trotz der tiefen Trauer müssen wir uns heute auf uns selbst besinnen, und ganz besonders an die jüdische Jugend, die heute hier so zahlreich vertreten ist und der der Schmerz noch näher geht, als uns allen, weil sie sagen; der Dahingeschiedene war Bein von unserem Bein, Fleisch von unserem Fleische, sollen hier einige Worte gesagt werden. Unser Stammvater Jsak hat seinen Söhnen zwei Erbteile zurückgelassen, dem Jakob die Stimme, dem Esau die Hand. Die Stimme, das ist unser Erbteil. Ihrer sollen wir uns bedienen und mit ihr und durch sie die erhabenen Gebote 'der hohen Sittlichkeit und die wahren Schuldigen der ganzen Wett verkünden. Ihrer sollen wir uns bedienen, wenn uns Unrecht geschieht, unsere Stimme sollen wir zum Protest erheben so laut und so lange, bis wir'gehört werden, bis wir das GewissenderWelt aufgerüttelt haben. Anderer Mittel dürfen wir uns als Juden nicht bckienen. Rohe Gewalt ist nicht unser Erbteil, rohe Gewalt! ist Unjüdisch, die Faust unserem Wesen fern. Die Gewalt, das Unrecht sind das Erbteil der anderen. Bleiben wir angesichts dieses Verbrechens an David Fallik beim Erbteil unserer Väter. Erheben wir unsere Stimme zum Protest über das Verbrechen, das an David Fallik und an dem ganzen jüdischen Volke verübt * wurde, so laut, daß er überall hindringt, wo noch nicht Verhetzung und Berleunünc^g das Ohr betäubt, wo noch nicht Rassen- und Glaubenshaß alles Mitgefühl getötet." >Jhm fo^pt der Gereut der Kultusgemeinde Dr. M aye r Ebner. Wuchtig klingt sein Nachruf, zornig erinnert er an das jüdische Leid: ,,Nach dem Lauf der Geschichte Wien wir eines der zahlreisten Völker der Wett sein müssen. Wohin sind die Millionen verschwunden? Sie sind verdorben, am. , Wege gestorben, als die Kreuzzüge über unsere Leiber hinweggingen und in den bremsenden Ghettts tausende unserer Stammesbruder verbrannt und um ge kommen sind. Ich sehe im Geiste die Inquisition in Spanien, in Portugal, in Italien wüten, wo die Blüte unserer Jugend in den Kerker geworfen und wo man sie nach ünsäglichen Foltern und Qualen auf den Scheiterhaufen verbrannte. Aber wenn die Flammen ihre gepeinigten Körper zu verkohlen begannen, riesen sie, solange noch ein Pulsschlag ihre Seele belebte, mit markerschütternder Stimme das ewige Dogma des Judentums, das „Schemah Israel" in die Wett. Und ich sehe weiter in den letzten Jahrzehnten die furchtbaren Pogrome und irun stehen wir. an der Bahre eines neuen unschuldigen Opfers. Wir in Czernowitz haben doch immer nur Freundschaft und Frieden gekannt, Freundschaft und Frieden mit unseren Nachbarn, mit allen Nationen. Da kam die wilde Welle des Antisemitismus, verfinsterte unseren Himmel, und es erheben sich Knaben A Richter über Leben und Tod." / Wieder wird der Sarg gehoben, Ordner machen den Weg zum Grab frei. Studenten haben ein Viereck formiert: Der Gerent der Kultusgemeinde Fleminger spricht mit zitternder, Versagers Stimme das Kaddifch und tausende Menschen sagen das Amen nach. Langsam geht der Sarg in die Tiefe, kehrt zur Erde zurück. Bis tief in die Nachmittagsstunden nxfljtt das Zurückfluten der Menge. Ms letzte verläßt die Miutters den Friedhof. ' ' , Abrrkse de« Königin Marie von Amerika. New-Pürk, 18. November. Die der Königin von Rumänien aus Bukarest Augekommenen telegraphischen Meldungen iiber den Gesundheitszustand des Königs Ferdinand lauten nicht gut. Königin Marie wird sich desihM am 2 4. d. in New-Aork an Bord der ,^8evengaria" einschiffen. Die .WIENER M0RGENZEITUN6“ — das einzige Meede WeltMatt! W. MovevOer 1906 . M. Pilsndlkl emplöngt tasriaische« Besnch. Warschau, 16. NovonBer. Heer weilt seit einigen Tagen der italienische Universi-tätSlprofeffor L ans ranc o n i, der, vom Ministerpräsidenten Marschall P r I - sudski in einer einsMrdlgen Audienz empfangen wurde. Lanfräiiooni erschien zu dieser Audienz in festlicher FckscisbenKeiduidg, 5. i. im schwarzen Hemd. Nach der Unterredung Wevgckb Marschall Pilsudfki Lansranconi zwei Photographien, und zwar eine mit einer Widmung für Mussolini und dir andere mit einer Widmung für Lansraneoni seMst. In einer Pressekcmferenz, zu der Vertreter der polnischen und ausländischen Presse geladen waren, erklärte Lanffranconi, Latz er anläßlich seines Besuches bei Pilsudskr' dem Mavschall folgendes erklärt habe: ,Zch komme zu Ihnen, Herr Mavschall, in diesem Hemd, das zur Erlösung Italiens beigetragen hat, zu Ihnen, der die Erlösung Polens bewirkt hat." Ferner erklärte Lanfranooni, er sei mit einer vertraulichen Mission Mussolinis an Pilsudski gekormnen und könne sich daher über den wetteren Inhalt des Gespräches mit dem Ministerpräsidenten nicht näher äußern. Ueber die Situation in Polen beftagt, sagte der italienische Gesandte, datz die Ereignisse in Polen den italienischen Ereignissen sehr ähnlich seien und datz er der Meinung sei, datz sie denselben Laus wie in Italien nehmen werden Las internationale Schachturnier in Berlin. Mittwoch wurde im Berliner Eguitabile-P«ckast, wie uns von dort teilegvaphkert wirddaS internationale Schachturnier der freien SchachvereirnUmig eröffnet, an dam z a hu Meilfter teilnahmem Besonldere Bcde-utung gewinnt das Turnier durch' die Boteilliguinig des russischen Großmeisters Bogoljubow, des Ciiegers von Moskau, ferner des ersten Preisträgers vom Sommeringburniier Großmeister Spielmau n, des Schachchampions Rubin stein und des Wiener Meisters Grünseld. Ferner spielen der Vorkämpfer Belgiens Solle, der Schweizer Johner sowie «die deutschen Meilfter Ahnesvon Holkzhaus e-n, Sämisch und L i st, der letztere als Vertreter der Freien Schachvereinig'ung, die das Turnier vevanlstaltet. Mdmeilster MeseS ist zugunsten Bogolsubows, dessen MtwiMng erst im letzten Augon'bMck von der russischen Eichachvereiniglu-ny gestattet wurde, z-urückgetreten. An dlie Auslosung schloß sich sofort die erste Rurride des Turniers, die insofern einen überraschenden Werlaus nahm» als sämtliche Partiten mit remiis endeten. - Die zweite Runde. Die Sensation der zweiten Runde des Schachturniers war die Niederlage Bögolljubows gegen Grünseld. Grünsevd errang «durch vorzügliches Endspiel den Sieg. Holghausen machte frühzeitig gegen den BeMner List einen groben Fehler Und wurde matt. Rubi n st e i n siegte gegen Ahnes durch Mnzenldeu Mattangriff. Sehr schwer, hatte der Semimering-Sieger Spielmann gegen den Belgier Co Ile zu kämpfen. Beim Abbruch sind die Aussichten urigelfähr gleich. Ausgezeichnetes Positionsspiel zeigte Sämisch gegen John er. Im abgebrochenen Durjm-ÄnldsPiÄ steht Sämisch 't-.vser. An der Spitze stehen deurnach Grünseld und Rlubinstei-n mit evneinhaib Punkten. Zionistischer Parteirat. Das zionistische Landeskomitee für Oesterreich teilt mit: Die Wahlen zum zionistischen Parteirat finden nach dem für den. diesjährigen Delegiertentag beschlossenen Wcchlregulativ am 23. November 1926 statt. Die Einsichtnahme in die Mitgliedevlisten ivegen eventueller Reklamationen kamt ab 19. November bis 21. November l. I., 1? Uhr mittags, im Bureau des Zionistischen Landeskomitees, 1. Bez., Kärntnerstraße 28, erfolgen. In Wahlkreisen, in welchen nur ein Delegierter zu wählen ist, unterbleibt die Einreichung von Wahlvorschlägen. In Wahlkreisen, auf welche zwei oder mehrere Delogierte entfallen, find die Wahlvorschläge bis spätestens 19. November, 12 Uhr mittags, beim Zionistischen Landeskomitee einzureichen. Die Wahlvovschläge haben zu enthalten: 1. Die unterscheidende Parteiüezeichnung; 3. die Parteilffte, das ist ein' Verzeichnis von so vielen-Bewerbern, als in dem betreffenden Wahlkreis Delegierte zu wählen sind; 3. die Bezeichnung des zustellungsbevollmächtigten Vertreters. Jeder Wahlvorschlag muß von mindestens 10 Wählern des Wahlkreises unterschrieben sein. Der diesjährige Delogiextentag hat mit Bezug auf die Parteiratswcchlen nachstehende Statutenänderungorv beschlossen: ß 12 a: Der Parteirat wird auf die Dauer eines Jahres, das ist von einem ordentlichen Delegiertentag bis zum nächsten, gemäß den Bestimmungen für die Wahl zum Delegiertentag, gewählt, mit der Modifikation, daß jede Ortsgruppe, Bezirkssektton, Sondevvereinigung sowie die dem Landesverband angeschlossenen Föderationen auf je 100 Mitglieder ein Mitglied des Parteirates wählen. Ortsgruppen, BezirkSsektionen mit weniger als 100 Mitglieder können zwecks Wahl zum Parteirat zusammengelegt werden. Die zusammengelegten Ortsgruppen (der Provinz) können mif je 7ö Mitglieder ein Mitglied des-Parteirates wählen. Für den Fall des Ausscheidens eines Mitgliedes tritt der nächste in der Liste an feine Stelle. Eine Vertretung durch die Erschtz-.