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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-19 · Heft 2776 (19.11.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2776 (19.11.1926)
Date
1926-11-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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MStz 2 Men, FrelM;.„'..-Ji-r rtg.rssrs:.- ■;1 ■ =r.::r.j.:;:ass Sie Bmunenvergistung. Lord Oxford (A s q u -i t h) verl-cuigte in eurer Rcde irn enN>ll-schcn Oberhaus die Ab-» .schajfsirng 'des chemischen, des b a kt«e r i oLogischen und deS Unterseebootkrieges. Die Brunnenvergistung hat «mnal «ne gewisse 0fo&e gespielt. Sie war geavisserm-aßA^ ein Erzichungsanittel der kachvttschen Propaganda. An diesem Mittel sind einige lausende Inden gestorben. Nicht etkva, daß man es ilhnen eingeflößt hat, sondern so, daß ihnen nachgeisogt wurde, sie seien durch ihren Haß gegen Vre Christen dagu vevanlatzt ivordon, die Brunnen Ku vergiften. Es war in der Zeit der schwarzen Peist. Da die Intellektuellen, das waren vazuimail die Mönche, die Ursache nicht finden konnten, so mußten die Juden herhaUen. Sie wurden erschlagen, verbrannt, gespießt und gerävert. Obzwar sie doch aus denselben Brunnen das Wasser holten, wie die Christen. Da schließlich auch das christliche VoA dies eiusah, so verlogten sich die Pvapagandisteu ans die Hostienschändung. Sie war leicht z-u behaupten, schwer zu entkräften, aber tm Effekt gleich Es starben Jicken in Masse. Die Brunnenvergisturry war tu das geistige Arsenal gelangt. Sie führte von da ab allerdings nur ein kümmerliches Sprichwortdasein. Wenn man eine Massenüüge bezeichnen wollte, nannte nran sie eine Brunnenvergisdung. Das iift so ein passiver jüdischer Beitrag zur Bereicherung der Sprache. (Ein anderer Beitrag ist daS Wort Judenexgeß oder Pogrom^) Erst die Zeit des SeelenausschlwANys brachte die Brunnenvergiftung in das lebendige Tatsachenleben, freilich wieder als Lüge. Ms der Weltkrieg kam, mußt« in Deutschland vieles zur Vertiefung des patriotischen Sinnes geschehen. Da waren so die französischen Mager über Idürnberg, die Bomben auf der Weichsölbrück« in Dhorn und die CholerabazWen in den Brunnen ziu Colmar. Unsere Zeit setzt die moralische Erhebung fort und sie arbeitet an der Brunnenvergiftung in einem Sinne, der leider über das behagliche Ausmaß der mittelalterVchen Propaganda hinoiusgeht. Es arbeiten in aller Welt Gelehrte an einem Mittel, um bei Ansbruch eines Krieges die -Wasserleitungen großer Städte durch eine Bakteriemn-fiusion zn vergiften. Der Krieg der AUkunlft wird ja gegen das Hinterland geführt werden. ES gibt jetzt schon Gase, die ganze Landesteile, Menschen Vieh und Getreide umbringen können. Das ist noch nicht genug. Der Pest- und Cholevabazillus wird in den Dienst deS natürlich nnr sich verteidigenden Patriotismus gestellt. Daß die literarisch' betriebene Brunnenvergistun!g, die den Juden alle Schuld an allem Uebel zuschiebt, mit Eilfer nnd staatserhaTtendem Interesse fortbetrieben wird, ist doch mrr seMstverständlich und deshalb mag für jeden Zeitgenossen, der das Hälenkreiug wn Gehirn' trägt, bemerkt sein, daß Lord Oxsord-Asquith kein Jude ist, sondern ein Angehöriger der Hochkirche, ein Engländer, allerdings ein' liberaler. Er hat als. Minister den Krieg gesehen und in seinen Memoiren feierlich die Absage an den Kriegsgedanken vertreten.. Mer wenn er Abrüstung fordert und sich nicht,. wie die verschwommenen Pan-Europa-Pazifilften, auf die geistige. 'Abrüstung beschränkt, sondern sie wirklich und gegenständlich in der Tat verlangt, so vergreift er sich am heiligsten Gut. der Patrioten, jener Kaste, die die Bminnenvergistung der Seelen gewerbsmäßig betreibt. Diese Kaste hat heute die Macht und sie wird schon dafür sorgen, daß Asquiihs Ruf die Stimme des Einsamen in der Wülste Ülei'bt Polen und seine jüdische Minorttitt. Ei« sonderbares Referat des Pressechefs Parnes. Der Pressechef der Wiener polnischen Gesandtschaft Professor Dr. Edmund Parnes hat gestern abends in der „Oesterreichischen politischen Gesellschaft" einen Vortrag gehalten über die Politik, die Polen gegenüber der jüdischen Minorität verfolgt. Im Auditorium befanden sich Angehörige des Wiener Diplomatischen Korps, die sich eine sachgemäße und zumindest objektive Information über die Judenfrage in Polen erhofften. Es ist in Anbetracht des Zweklkes, dem Professor Parnes dienen wollte, den nationalen Ausgleich zwischen Polen und Juden zu fördern, wie nicht minder im Hinblick auf sein Publikum im höchsten Maße bedauerlich, daß der Vortragende nicht nur eine falsche, sondern sogar ausgesprochen antijüdisch gerichtete Darstellung der wirklichen Situation gab. Der Vortragende, der eingangs erklärte, nur referieren zu wollen, hielt sich in allem und, jedem auf dem »Standpunkt der Majoritätsnation und sohin erklärt er den Antisemitismus nicht einfach aus dem Haß, 'der vom nationalen und konfessionellen Element bedingt ist, 'sondern von der antisemitischen Seite her. Die polnische Mehrheit kann die drei Millionen Juden nicht absorbieren, die polnische Unabhängigkeit ist durch das Oktroi des Minoritätenschutzes gekränkt worden, zur Trübung der bis knapp vor Kriegsausbruch ziemlich guten polnisch-jüdischen Beziehungen trugen die faktische oder fiktive gemeinsame Front der Zionisten und 'Ukrainer sowie manche Unvorsichtigkeiten Kur Zeit Smidlers bei. (In Droh'obhcz wutt>e auf die, jüdischen Wähler geschossen, die Bekenner der.jüdischen Nationalität wurden emgesperrt.) In Posen betrieben die Juden seit jeher eine polenferndliche Politik als Helfershelfer der- Äermanisiemng. die jüdischen Sejmabgeordneten haben in der Numerus-Clausus- Frage eine unzweckmäßige Haltung gegen das geheime Zirkular Glombinskis eingenommen (gegen ein geheimes Zirkular!) und die Universitätsautonomie kann nicht administrativ eingeschränkt werden. Der Bortrag schloß mit der Feststellung, daß sich das Verhältnis zwischen Juden und Polen durch das Regime Bavtel-Pilsudski zum Besseren geivendet habe. Wenn wir nicht irren, steht dev jüdische Sejmkltck bereits in Opposition. Wierttr Morgenzettrrrrg ... ...... > „..... >, ......- ~. -. Das ist, kurz gefaßt, der Inhalt des Bortrages. Wir wollen nur sagen, daß die drei Millionen Juden genau so ein Recht auf ihr Recht besitzen, ltrie die Polen in ,der Tschechoslowakei oder in den Randstaaten; daß „die Juden" niemals die Hakatistenpolitik mitgemacht haben, und daß gegen den Numerus Clausus sowie gegen 'jede Kränkung jüdischen Rechtes einfach die Verfassung spricht. Es gibt kein schärferes Dementi der Thesen des Herrn Parnes als die Erklärung des Professors Bartel, das wirtschaftliche Leben müsse von konfessionellen Bindungen frei sein und der wirtschaftliche Antisemitismus sei ein Unding. Wenn eine «. November 1926 Nr. 2778 Mehrheit vergewaltigen null, dann findet sie imnrer den Vvrwand. Professor Parnes kennt doch die Geschichte vom Wolf und dem Lamm. Cs ist traurig, daß er mit den Wölfen geht. Das ist nicht der Weg zum Ausgleich und es,tut uns herzlich leid, daß die ausländischen Vertreter, die dem Vvvtrag beiwohnten, — keine objektive Information erhalten habeir. Wir wollen auch sagen, daß wir nicht dulden, daß die Scheußlichkeiten, die in Galizien nach dem Umsturz stattgefundcn haben, aus einer „faktischen oder fiktiven genreinsmnen Front der Zionisten und Ukrainer" erklärt werden.. MLVV Die GeschSstsuwral der arischen BodenftSndigkeit. Da» Ringelspiel des Sftftelrers Watte. ' Der ZentraWarvk-irntevsuchun.gsauAschuß hat Mittwoch mit der Einvernahme des Genercklidirektvrs der Zentralbank Hammer das Beweisversahren ab g>e schloss-e n. Dr. Odeihnal irmrde zmn Berichterstatter des AuAschusses gÄvählt. , Er wird das Untersuchmrgserge.bnls in einem Referate zusammenfafsen und dem Ausschuß Anträge unterbreiten. Die nächste und voraussichtlich letzte Sitzung dieses Ausschusses wird nach Fertigstellung dieses Berichtes voraussichtlich Ende November stattfinden. Das Kuratorium wird nach vor Ablauf, des Moratoriums eine Aufstellung über die Ansprüche der Beamten und Vorschläge über einen Gesetzentwurf wegen weiterer Behandlung der Zentral bankmafse machen. In der Mittwoch-Sitzung wurden noch einige sehr interessante Konstatierungen vorgenommen. Bor allem wurde in die Geschäfte des Großaktionärs der Zentralbank, Dr. W u t t e, Hineingeleuchtei. Di-cser deutschantisomitis-che Ehrenmann hat Transaktionen zum Schaden der Zentralbank und der Gmz- Köflacher Bahn ausge führt, die nach dem Staatsanwalt schreien. Aber auch über eine Gutschrift von 135 Millionen aus dem Konto des ‘ groß-deutschen Vizekanzlers Dr. Dinghofer bei der verkrachten Industrie- und Handelsbank machte der Kurator Hofvat Stern eine Mitteilung, hie man nicht ohne Kopfschütteln lösen kann. Dinghofer hatte die Sache neulich so dargestellt, als ob ihm die Bank nur eine Konditionendifferenz in der angegebenen Höhe rückvergütet hätte, nachdem sie ihm irrtümlich statt der ’ vereinbarten Großbank e n k o ndi t i o n e n höhere a n g e r echne t -hatte. Die Kuratoren ließen nun, ohne den Namen D i n gh o f e r s zu nennen, sein Konto bei einigen Großbanken gesondert ausrechnen. Diese Ausrechnung hat — wie Hofrat Stern Mittwoch erzählte — ergeben, daß von einer Rückvergütung auf Großibanlkkonditionen keine Rede sein könne, denn die seinerzeit berechneten Zinsen seien niedriger als Grohbankz ins en. Es wurde von der Industrie- und HandÄsba>nk dem Dr. Dinghofer ganz einfach eine Bonifikation von 13 5 Millionen g u tg es ch riebe n, welche mit den Konditionsberechtigungen nichts M tun hat. Es ist nicht nur diese Vergütung unrichtig, sondern es ist noch der Diff er enzbetrag auszuzahlen, so daß das Konto noch mit 164 Millionen z u be - l a st e n ist. Dr. Watte ist 'der Zentralbank rund 90 Milliarden 'chMig. Als seinerzeit die Graz-Köflachler die bekannte Kapitalsvermehrung vornahm, die Hauptgegenstand bei der Belühnung bei der Zentralbank war — die Wurzel des ZentralbaNöpvMems —, wupd>en von Watte 5 5.0 00 Trifailer- Md eine Million Zentral b a n k a k t re n als Gegenwert der juN'gen Graz- Köflacher-M'ien eingebracht. Die Zentralbankaktien sin nach der Darstellung-, die Hofvat Stevn gab, jetzt w e r tl o s, die Trifailer, die. bei dem Hauise Pojatzi, der Depotftelle der Graz-Köflacher, erlegt wurden, mittlerweile verkauft worden. Wutte hat sich das Geld behalten, rchp. den Erlös . des Trifailer-Depots an dre Graz- Käflachär nicht abgchührt. Hofrat Stern erklärte: „Wenn das endgültig als ungeovdnet festgestellt fein wird, wird es zu viel ernsteren Maßnahmen gegen Wutte kommen müssen." Die Kapitalsvermohrung der Graz-Köflacher scheint Wutte nur betrieben zu haben, um sich durch BÄ-ehnung dieser Mtien bei der Zentralbank Geld zu verschaffen. Die Sache hängt eng mit der Transaktion des Trifailer Syndikats und der ersten Krisis der Zentralbank zusammen. Es war dies im Juni 1924. Die Zentralbank war in Schtvierigle i t e n g e r a t e n. Die Rationalbank griff ein, dewill-igte ein paar hundert Milliarden Obliyo, verlangte aber, daß der Haulptaktionär Wutte emgrelfe. Wutte legte die letzte Emission Graz-KWacher zur Rationalbank unter der. Büdingung, -daß die gvsperrten Stücke von der Nachschußpflicht befreit und ihm seine Kredite weiter bewilligt werden. Mt den gesperrten «Micken hatte es folgendes Bewandtnis: Bei ' der Kapitalsvermehrung wurden rund 102.000 Stück zu 410.000 und rund 500.000 Stück zu 310.000 Kronen emittiert, letztere gesperrt mit einer Nachschußpflicht von 200.000 Kronen pro Stück, die bet Aushebung der Sperre einzuzahlen waren. Wiutte wußte es nun im Finanzm-in i sterinm durchzusetzen, daß die Begebungsbedingungen abgeändert und die Nachschußp fli ch t a u'f gehobenwurde. Die von der Nachschutzpflichtbefreiten Aktien wurden der Nationalbank als Deckung für das Obligo bei der Zentralbank un!d bei der Industrie- und Handelsbank unld überdies noch zur Belehnung unter dem Namen einer Bankgesellschaft „Ferro Carbon, Zurr chV, die von Wutte für seine Zwecke vorgeschoben wurde, gege'ben. Die Befreiung von der Nachschußpflicht war ein Präsent von 100 Milliarden. Uan denselben Betrag wurde aber die Graz-Köflacher Aktiengesellschaft geschädigt. Noch inkorrekter ist die Transaktion mit den T r i f a i l e r n, die bei der Firma Pojatzi als Depot erlagen. Sie wurden einfach versetzt, ohne daß dies aus den Büchern ersichtlich ist, und schließlich verkauft, ohne daß der Erlös ordnungsmäßig abgeliefert wurde. Hosrat S t e r n bezeichnete es als g a n z u n e r l lärl i ch, wieso ein Beamter im Bundeskanzleramt die Befreiung von der Nachschußpflicht howilligen konnte. Durch die Freigabe und Belehnung der Aktien der Graz-Köflacher wurde Wutte,der.Herr dieser Bahn und kannte auf ihre Rechnung.Schulden machen, die auch für seine Gründungen zur Geldbeschaffung dienten. Die freigewordenen .Aktien wanderten zur Nationalbank als Pfand für das erwähnte Obligo. Als die Spareinlagen bei der Zentralbank stiegen, bekam Wutte die Aktien zurück, legte sie dann in seine Ferro-CarLon-Gesellschaft hinein,., von dieser wurden sie wieder bei der Zentralbank deponiert als Deckung eines Vorschusses, den die Zentralbank gegeben hat. Das heißt, die Zentralbank hat ihrem Großaktionär Wutte ein Darlehen aus verpfändete Aktien gegeben. Jetzt" sind sie wieder bei der Nationalbank als Sicherstellung für - die eigenen Kredite. Alles in. allem ist jetzt W-u-tt e 90 Milliarden bei der Zentralbank, 80 bet der Grein itz A.-G., 40 Milli arden bei der Nationalb ank via Graz-Köflach, 40 Milliarden bei der Gemeindesparkasse Graz schuldig, überdies hat er, wie erwähnt, die Trifailer Aktien verkauft. Jetzt verlangt er, die Zentralbank soll ihm von seiner Schuld 50 bis 00 Milliarden Nachlassen. Die Trifailer Aktien hat, die Länderbank zur TilgMg einer Taggeldschuld übernommen. Da Wutte jetzt nicht weiter kann, hat das Kuratorium der Zentralbank das Kuratoriumsmitglied H e u r i t s ch beauftragt, Vorverhandlungen bezüglich des W -e i t e r b e t r i e b e s der - G r e i n i tz A. G. und der G r a,z - K ö f l a ch e r zu führen. - Die Kuratoren stellten schließlich noch auf Befragen fest, daß der Stand des Saldos der Einlagen bei der Zentralbank am 30. September d. I. sich auf rund 47,3 Millionen Schilling belief. Basel und «ldersch. Bei Besprechurrgen von Atitgliedern der Regierung und des Präsidenten der Nationalbank war u. a. die Beharlptung ausgestellt worden, daß eines der ersten Geschäfte zwischen Bosel und der Postsparkasse zugunsten der Hammerbrotwerke geschlossen und daß die Verbindung zwischen Basel und d e r P o st s p a r k a s s e von dem sozialdemokratischen Mzepräsidenten des Nationalrates El der sch angebahnt worden sei. Diese Behauptungen hattm!auch Eingang in einigen Zeitungen gefunden, in denen «offen oder versteckt die Beschuldigmrg erhoben tvurde, daß El der sch beziehungsweise die Sozialdemokraten die Verluste, die der. Staat bei der Postsparkasse ettttten hat, durch bie' Stellungnahme der Sozialdemokraten für Bösel verursacht worden seien. In einer Zuschrift, die Präsident Eldersch dem Obmann des PoMarkassenuntersuchungsaussch<ss,'es über-, sendet hat, bezeichnet er diese Behauptungen als jeder tatsächlichen Grundlage entbehrend.,Er wäre gezwungen, bei ihrer Wiederholung sie als Verleumdungen zu qualifizieren. Die Geschäfte Bösels mtt der Postsparkasse hätten im Herbst 1922 begonnen. Er habe damit nicht das geringste $u ttm und überhaupt kehre Kenntnis

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