Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2775 (18.11.1926)
- Date
- 1926-11-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Geste 4 Wien, Donnerstag Wiener Dkörgenzeitnng M? November ÄT6 &r§w Ser letzte Weg des Märtyrers. Ae Leicheafeier für David FM. Czernowitz, 14. November. Heute vormittag wurtk. der Student David Falik, der am Freitag seiner Verwundung erlegen war, zu Grabe getragen. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer Demonstration, wie sie in dieser Stadt noch nie gesehen wurde. Zumindest 50.000 Personen waren erschienen, um den Toten zu ehren. Die ukrainischen und polnischen Studenten sandten ihrem verstorbenen Kollegen Kränze und die Parlamentarier aller Minderheiten kamen herbeigeeilt, um der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz durch ihre Teilnahme am Leichenbegängnis ihre Sympathie auszudrücken. Der Leichenzug bewegte sich voni jüdischen Spital zur großen Synagoge, wo ein „H e s p e d" stattfand. Rabbiner Katz verlas das hebräische Märtyrergebet, das im Jahre 1647 von dem Gelehrten Schapse Katz während der Chmielnickt-Pogrome in der Ukraine verfaßt worden war. Von hier aus wurde der Sarg, der mit einem Tallith, als Zeichen, daß ein Märtyrer zu Grabe getragen werde, überdeckt war, von jüdischen, Studenten bis zum Friedhofe getragen. Am Grabe hielt dem Verstorbenen der jüdische Deputierte der Stadt Czernowitz und Präsident der Zionistischen Landesorganisation, Dr. Mayer Ebner, einen tiefempfundenen Nachruf, ebenso erschütternde Worte des Gedenkens sprach der Oberrabbiner von Czernowitz, Dr. Wraham Mark. Der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Dir. Bernhard Fleming«r, verrichtete am Grabe im Namen der Judenschaft des ganzen Landes das Kaddisch-Gebet. Fast sämtliche Kultusgemeinden des Landes hatten Abordnungen zum Begräbnis entsendet. Trotz der ungeheuren Menschenmenge kam es zu keinem Avischenfall und die Polizei hatte nirgends einzugreifen. Die traurige Feier wickelte sich in vollster Ordnung ab, die jüdische Studentenschaft versah musterhaft den Dienst. Während des Leichenbegängnisies brannten in allen jüdischen Gotteshäusern der Stadt umflorte Lampen. Morarese« droht. Czernowitz, 15. November, Wie bekannt, kam es bei der letzten Gerichtsverhandlung im Schülerprozesse zu einer Kontroverse zwischen dem Verteidiger D r. Allerhand und dem Vertreter der Privatbeteiligten M o rar e s c u. Aus diesem Anlaß hat Herr Morareseu an die Polizeipräfektur eine Zuschrift gerichtet, in welcher es unter anderem heißt, „daß er sofort von seiner Waffe Gebrauch machen werde, ohne jede Diskussion und Mahnung, wenn er den allergeringsten Angriff gegen seine Person wahrnehmen werde." Er ersucht zum Schlüsse dies zur Kenntnis zu nehmen und das Nötige zu veranlassen. Die Polizeidirektion hat diese Zuschrift dem Dr. Allerhand zur Kenntnis gebracht, der es ablehnte, sich darüber zu äußern. _ Am besten sind doch die Ceschka-hote VII,» KalsarstraBo 123 W B E N IX., AliorrtraB# Nr, 3 »»>>»»»»»»-»>>>»>>»>>»»>»1 OOOOOOOOOOOOCXXXXXXXKXXXX2QOOOOOOOOOOOO Elise riß, plötzlich war das Unheimliche, das schon durch den geglückten Wan tags zuvor im woAgewärmten, komfortabeln Hotel sich angollündigt hatte, mit ganzer Macht da uird zeigte, daß mißglückt war, was ein Weilchen lang wie geglückt auHge.scha.ut hatte. Und so mußte es immer sein. Alles Gelingen war nur provisorisch, der Weltraum schluckte es in kalter Nachtstunde in seine Ungestalt zurück. Je länger ich es überdachte, desto trauriger wurde ich; es war eine Traurigkeit, die anzog wie ein Wirbel. Me schön, sich nun ganz loszulassen, alles praktische Sich-Einordnen, das so unnütz war, auiszugeben, hineinzu,springen in das offene Tor. Es tzvar der Irrsinn, der hirüer dem Tor lauerte, das wußte ich ganz deutlich, und hatte doch keine Kraft mehr, mich zurückzu-halten. .Die Eisschollen polsterten — ein Schritt und es wäre getan gewesen. Da kmn nrir im letzten Augenblick eine ganz unerwartete Rettung. Mein Blick fiel auf eine Smailletafel neben der Treippe, die zur Kajüte hinunterführte; im trüben Oellicht las ich: „Ausfpucken behördlich verboten!" Und Plötzlich ivar das Gefühl menschlicher Nähe wieder da. Ordnung, Bcherrschung des Elements lockte, war friedlich und gut. Ein leises Hoffen, vor dem das Ghaos versank. Ich glaube, daß ich dann noch lange vor der Emailletafel gestanden und sie mit beiden Händen gestreichelt habe, bis wir bei der ersten Station anlegten und Menschen, Arbeiter eiustiegen, die diesen Weg täglich Mt machen hatten und denen er daher nichts Erschrecken- M-s bot. Die beruhigten mich vollends." —- Er lächelte. Die anderen aber konnten in dieses .ächsln nicht wttemffcimmen. Sie ahnten, daß ihnen der freund, viM eicht ohne es zu wollen, ein seinem Leihen zugrunde liegendes Unheil enthüllt hatte, von dem er" sonst nie sprach nnid das also der eigentliche Grund war, was Hn immer wieder m Menschenferne Wüsten ohne lebensrettende behördliche Warnungstafeln 'hinaustrieb. Hingegen erstattete er bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige wegen der Drohung und wandte sich überdies telegraphisch an bert Justizminister und an den Ministerpräsidenten. ' , Krawalle in der rrnnSnIsche« Stamm**« Bukarest, 16. November. In der Kammer brachte heute Abg. Dr. Meyer-Ebner die Ermordung FaMs in einer Interpellation zur Sprache. Als er erklärte, der ermordete Wische Student sei ein Märtyrer des Wischen Volkes von Rumänien, wurde er von der Regierungspartei und dem Mgeordneten der Antüsemitenpartei Professor Cu za durch stürmische Zwischenrufe unterbrochen. Der Tumult wurde fo arg, daß Meyer^Gbner auf seine Rede verzichten mußte. Er überreichte seine Interpellation schriftlich dem Prästdrum. Darauf ergriff C u z a das Wort und erklärte, daß er beabsichtige, wegen der Ereignisse in Czernowitz und Alber die Tätigkeit. des Abgeordneten Meyer-Ebner gleichfalls eine Interpellation einzubringen. Minister des Innern G o g a erklärte, er werde sich nach Überreichung der Interpellationen zu denselben äußern. Eine rumänische Untersuch«« gSkomrniffion zur Prüfung der antisemitischen Akte. London, 18. November. (I. T. A.) Rumänische Delegierte besuchten ' mehrere Wische Politiker und BaEiers und ersuchten diese um Unterstützung der rumänischen Anleihe. Wie die I. T. A. erfährt, erklärte das Unterhaus-Mitglied S. Finlburgh der Mordmcng, er werde sich solange der Gewährung einer Anleihe an Rumänien widsvsetzen, als dort die Juden verfolgt werden. Herr Finburgh erhielt soeben eine offizielle Mitteilung der rumänischen Regierung, daß eine U nterfuchung sk omm iss io n zur Prüfung der antisüdischen Anschläge eingesetzt worden ist. Das amerikanische Komitee für die Rechte der religiösen Minderheiten, dem auch führende Juden, wie Louis M a r s h a l i, Dr. Stephen S. W i s e, Henry M o r g e n t h a u und Bernavd M. B a r u ch, angehöven, erließ eine Protestkundgebung gegen jene amerikanischen Bankiers, die in Anleih ev erhandln ngcn mit Rumänien sichen. Es toird gesagt, es dürfe kein amerikanisches Geld nach Rumänien gehen, solange dort nicht G l-e i ch b e r e cht i g u n g für die Angehörigen aller Konfessionen herrscht. Königin Maria in der Tynazoge von Ch eago. Chicago, 16. November. (I. T. A.) Die Königin Maria von Rumänien bchuchte heute in Chicago die muerbaute Synagoge der rumänischen'Juden. Die rumänisch-jüdische Gemeinde hatte sich fast. vollzählig eingsfuirden, um die Königin zu begrüßen. Die Königin hielt eine An sp rach e an die VevsammEen, in der sie erklärte, die Juden in Rumänien seien e t n w ich t i g e r und sehr geschätzter Teil der rumänischen Bevölkerung. Drei Jüdinnen, die sich in der Mitte der Versa mmelten befanden, erhoben laute P r o t e st r u f e dagegen, daß die Königin von Rumänien, in deren Land die Juden grausamen Verfolgungen ansgesetzt sind, von einer vmnänisch-jüdischen Gemeinde begEßt. wird. Polizei schritt ein und verhaftete die Frauen. Am Tage vorher veranstaltete ein Teil der Arbeiterschaft in Chicago eine «P r o t e st k u n d g e b u n g gegen, den Empfang der Königin. , Pogrome in Rordtteftrnßland? Reval, 17. November. Die Presse Estlands weiß zu 'berichten, daß in der Gegend von Pskow sich die Bauernschaft gegen die Sowjetbeamten erhoben hak. Die mit der Form der Besteuerung unzufriedenen Bauern haben mehrere Sowjetbeamte yiedergemetzelt und wandten sich auch g"gen die Judenschast der Gegend. Mehrere Juden sollen verletzt oder getötet worden sein. Eine Abteilung der Roten Armee »var zur Unterdrückung des Aufstandes, hvrbeigeeilt. »kr Begnadigung der rrebilscher Raabmilrder. Das Ehepaar Dvoraeek verweigert die Unterschrift. Aus I g l au wird uns gemeldet: Die im hiesigen Kreisgericht befiiürlicheil drei Mörder der „Kohnmühle^^, die wegen mehrerer, an Flüchtlingen währerd des Krieges begangener Morde zuerst zum Tode verurteilt, jetzt aber zu lebenslänglichem schweren Kerker begnadigt wurden, haben beit Gnadenakt des Präsidenten verschieden ausgenommen. Mhrend Josef Jejta bas Protokoll der 'Begnadigung *dailkbar unterfertigte, verweigerte das Ehepaar Dvorare k die Unterschrift. Karl Dvvraeek sagte, er wolle baldigst gehängt werden und brauche die Gnade nicht; die Frau wieder beteuerte ihre Unschuld. Trotzdem'tritt der Gnädenakt in Kraft; die beiden Männer werden nach Bvry, diei Frau nach Repy gebracht werden. wirken vorbeugend und lindernd die ärztlich erprobten und empfohlenen Scssrfftwmm - Knoblauchtropfen. Vorzüglich bei Frauen in den Wechseljahren. Preis S 3.50. Erhältlich in allen Apotheken. m Erzeugung: Alte Feldapotheke, Wien, I. Stephansplatz. 2er Brottzrek erhöht. Rener Brotpreis: VS Groschen. In einer gestern im Bunde Kanzleramt stattgefundenen Beratung Wurde den Broterzeugern eine Erhöhung des Brotpreises um 4 Groschen zugestanden. Der Brotpreis Wird sohin von 72 Ms 76 Groschen erhöhht. Begründet Wird diese Verteuerung des Brotes mit dein Steigen der Getreidepreise. Gleichzeitig tritt auch eine geringfügige Erhöhung des Gewichtes des Rormalbrotlaibes in Kraft. Bekanntlich haben die Bäckergehilsen vor kurzem Lohnforderungen gestellt, deren Erfüllung wahrscheinlich Anlaß zu einer neuerlichen Versteuerung des Brotes geben wird. Post, Telegraph und Telephon wird teurer. Erhöhung des PorioS ab 1; Dezember, der Teiephow Gebühren ab 1. Jünner. Der Hauptausfchuß des Nationalrates genehmigte .gestern eine Verordnung, durch welche die Gebühren von Post, Telegraph und Telephon sehr empfindlich hinaufgesetzt werden. Die Gebühren sind ja jetzt größtenteils schon voll valorifiert, nunmehr sollen zum Beispiel beim Wiener Telephon in der Klasse der höchsten Rufzahl die Gebühren sogar noch über die der Vorkriegszeit hin aufgesetzt ' werden. Auch die Ort-ssprechgebühr für Wien wird übervalorisiert, und soll in Hinkunft 40 Groschen betragen. Nach den angestellten Berechnungen wird durch die beabsichtigten Gebührenechöhungen das Mehrerfordernis der Postverwaltung von rund 12 Millionen Schilling knapp gedeckt werden. Die neuen Tarife werden mit 1. Dezember l. I-, die neuen Telephongebühren mit 1. Jänner 1927 in Geltung treten. Diewichtigsten Sätze desneuen Tarifes stellen sich wie folgt dar: Das Briefporto, bis 20 Gramm bleibt mit 15 Groschen unverändert, doch wird jeder Brief, der mehr als 20 Gramm wiegt, mit 30 Groschen frankiert werden müssen. Die Inlandspostkarte wird 10 Grokchen kosten. Auch die Drucksachengebühr wird hinaufgesetzt. Der Preis der Postanweisung wird auf 15 Groschen erhöht. Sehr empfindlich verteuert wird das Telephon in Wien. Bei einer Höchstzahl von 12 Anrufen soll die 'Jahresgebühr 300 Schilling, bei 13 bis 24 täglichen Anrufen 469 und bei 25 bis 40 täglichen Rufen 720 Schilling jährlich betragen. Halbe Telephonanschlüsse werden 216, ■ Viertelanschlüsse 132 Schilling kosten. Die Wiener Ortssprechgebühr wird, wie erwähnt, aus 40 Groschen erhöht. Für Ferngespräche der ersten Zone bis 50 Kilometer wird für die Gesprächseinheit 1 Schilling, vis 100 Kilometer 1.50 Schilling, his 300 Kilometer 3' Schilling, über 300 Kilometer 4 Schilling zu entrichten sein. Die Wortgebühr für Jnlandstelcgramme erfährt eine Hinauk-, sitzung auf 10 Groschen. Wkrtshlmsszenen im niederöfterrelchifchen Landtag. Im niederöstereichischen Landtag, wo es schon in den letzten Sitzungen zu argen Tumulten kam, gab es gestern wieder einen Heidenspektakel. Die Christlichsozialen haben sich nämlich dort eine neue Taktik zurechtgelegt, durch die sie jede Erörterung des Bauernbankskandals und der Beteiligung führender Landespoli- . tiker an diesem verkrachten Institut zu verhindern suchen. So oft das Wort „Bauernbank" von den Sozialdemokraten erwähnt wird, schlagen die Christlichsozialen Lärm. Die Sozialdemokraten sind auch nicht mundfaul und wenden alle Mittel der Obstruktion an. Schon in der letzten Sitzung wäre es fast zu einem Handgemenge gekommen. Die Sozialdemokraten behaupten, daß damals der christlichsoziale Landeshauptmannstellvertreter Reither, einem der ihrigen in dem Tumult Ohrfeigen angetragen habe und ließen nun gestern durch den Abgeordneten R ö s ch die Erklärung abgeben, daß an eine sachliche Arbeit des Landtags solange nicht zu denken wäre, als nicht diese Angelegenheit in befriedigender Weise beigelegt sei. Rösch hielt dann eine ausgewachsene O b st r u k t i o n s r e d e, in deren Verlauf er den Christlichsozlalm aus einer sozialdemokratischen Flugschrift unter anderen: vorlas, daß „w a s ch e ch t e polnische Juden, wie Aberbach, Gold staub und Gottes mann sich an den Spekulationen der Bauernbank beteiligt" hätten. Im weiteren Verlaufe kam es zwischen den Sozialdemokraten und dem den Vorsitz führenden großdeutschen Vizepräsidenten Dr. Mittermann zu einem scharfen Renkontre, das schließlich in einen ungeheuren Krawall äusartete. Die Sozialdemokraten nannten