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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-17 · Heft 2774 (17.11.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2774 (17.11.1926)
Date
1926-11-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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G-M 4 Men, Mittwoch Wiener Morgerizeitrmg «17. November 19M «Nr. NM Der Mord in Henwwitz. ~ Sie Zrottet der gudenschast. Kurz iwü) den: Ableben David Fnliks trat am Freitag, um 4 U-Hr nachmittag., Ler> Vorstand der jüdischen KuttmAgememde zu einer Tranerfitzung zujammen, an welcher alle Beiräte, die jüdischen GenreirLeräte und Hcmdelskammerräte sowie Vertreter verfthlÄdener jüdischer Korporationen teilnahmen. Es wurlde beschlossen, das Leichenbegängnis auf Kosten der Gemeinde stattf'inden zu lassen, und 'dein Toten ein Ehre n g r ab zu' widmen. Auf sämtlichen Gebäuden und Anftalton der jüdischen Gemeinde wrrrd". die Trauerflagge gehißt und die folgende Traueransage ausgegeben: ^Dre jüdische Kultusgemeinde gibt hiemit die Kunde von dem Tode des Studenten David Falik, der am 12. November l. I. um 2 Uhr nachmittag im jüdischen Krankenhause im Alter von 20 Jahren seinen Verletzungen erlegen ist. Die Judenschuft wird diesem jungen Märtyrer ein ehrendes Andenken bewahren. — Das Präsidium." Alle jüdischen Veranstaltimgen, die am Samstag -und am Sonntag hätten staWnden sollen-, wurden abg e i a g t. Die jüiöif'cfien Mitglieder des Gemeinde rates richteten an den Bürgermeister ein Schreiben, in welchem sie mitteklen, daß sie der für Samstag anberaumten Sitzung des Gemeind erates ferMeiiöen. Ferner wurde an den Mnffter Dr. Dori Polpovici, der die slüihvenden Persönlichkerten der Stadt zu einem zu Ehren des italienischen GenevalstabSchvfs Marschall Badoglio veranstalteten Empfange am Freitag-Mbend geladen hatte, -das folgende Schreiben gerichtet: ,$cvv Minister! Ihrer Einladung zu dem heute abends zu Ehren des hohen italienischen Gastes veranstalteten Empfange wären wir gerne gefolgt, dies umso mehr, als sich die Juden in Italien der vollen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung erfreuen. Die Judenschaft ist aber durch die als Produkt systematischer Verhetzung gegen unser Volk erfolgte Ermordung des jüdischen Studenteu Falik in tiefste Trauer versetzt und wir fühlen uns deshalb außerstande, an der heutigen Veranstaltung toilzunehmen. Genehmigen Sie, Herr Minister, den Ausdruck unserer vorzüglichsten Hochachtung. Dr. M a y e r E b n e r m. p.. Dir. Bernhard F l e m r n g e r tn. p., Karl Klüger m. p., Dr. Salomon K a ß n $ t m. p., Mols Harth m. p." Ser Attentäter NIrolak Laut«, -der wiederholten Verhören unterzogen wurde, benimmt sich in der Hast sehr selbstbewußt und hat sich sogar eine Märtyrer rolle zurechtgolegt. Mit auffallender Beflissenheit erklärt er immer wieder, daß er keine Komplizen gehabt Habe. Von einer Reue -ist keine Spur. Die Verteidigung des Tautu hat der frvigesprochene Jndenmörder Moraresou übernommen. Tau-tu 'hatte bei dem ersten Verhör ansgesagt, er habe sich zu dem Morde veranlaßt gefühlt, .als er in einem Klosett Jnfchristen wie „Nieder mit Cuza, nieder Anders in der Kwuza. Jede Familie hat einen Wohnnns Schlaframn. Unverheiratete Genossen wohnen zu vier bis sechs in einen: Raum. Alles andere aber folgt gemeinsam. Verschieden ist das System der Kinderpflege in den einzelnen Kwuzoth. In einigen sind die Kinder nur während der .Arbeitszeit im Kindergarten oder der Schule, in anderen essen und schlafen sie dort auch. Wie aber wickelt sich das schwierige Verteilen der lvirtschaftlichen Arbeit ab, die alle Gebiete einer irwdernen Gutswirtschaft umfaßt? An einigen Stellen wurde mir gesagt, es würde ein Vorstand gewählt, an anderen, darüber entschiede die ganze Genossenschaft. Tatsächlich erfolgt keine formelle Wahl eines Vorstandes.. Am Wochenende kommen alle Mitglieder zusammen und beraten den Arbeitsplan für die kommende Woche, innerhalb des von der Exekutive genehmigten Jahresplanes. Dabei gibt es immer »»eist lange Debatten, daß derjenige, der seine Ansichten an: überzeugendsten darzulegen versteht, Sieger bleibt. So bildet sich allmählich ohne Wahl ein geistiger Vorstand. Diese Art liegt tief in: jüdischen Charakter begründet. Der Jude beugt sich der geistigen Autorität, vielleicht nicht immer ohne Murren, aber er tut es schließlich doch. So kommt es, daß überall dort, wo die geistige Autorität zu erblicher Form erstarrt, der Jude der geborene Revolutionär ist. Darum der Judenhaß aller Diktaturfreunde. Mir scheint das, was sich in der Kwuzoth abspielt, viel bessere und unverfälschtere Demokratie zu sein, als das, was in manchen sogenannten Demokratien durch Kuhhandel zwischen, zahlenmäßig ausgeklügelten, innerlich uneinigen Gruppen zusammenregiert wird. In diesen: Punkt weiß ich mich mit mancher: Gegnern heutiger Fovmdernokratie durchaus einig. Ich fragte einmal meinen Führer in der Kwuza, oh er das, was sich dort abspieke, Kommunismus nenne, «vorauf er antwortete, ich könne »s nennen, wie ich wolle, sie hätten sich diese Form» des mit der Armee!" .gelesen haste. Vas betreffende Klosett am Riwgplah »vurde daraufhin von der Polizei versiegelt. Freitag nachmittag nahm eine Gerichtskomm'ission einen Lokalaugsnschein vor. Die Kommission fand eine Reihe von unleserlichen und verwischten " rifteir vor, hingegen war eine Aufschrift ,Jos Ferdinand", welche off.enbar in einem spätere» Zeitpunkte geschrieben worden 'war, deutlich lesbar. Die Stelle mit der Auffchvift wunde photographiert. Am Sterbebett?nl«s. Der Zustand Falliks hatte sich am Donnerstag vor- Nlittags gebessert. Am Nachmittag setzte wieder Herzschwäche ein. Der Kranke siel in Bewußtlosigkeit, die bis in die Nacht andauerte. Die Kugel des Mörders hatte die Gedärme durchschlagen, wodurch der Davminhalt in die Bauchhöhle eindrang und eine Vergiftung hevbeiführte. Am Freitag um 7 Uhr früh ließ Falik seinen Verteidiger Dr. Karl Allerhand zu sich bitten und sagte ihm: „Herr Doktor! Wenn «ich zur Verhandlung am Montag nicht werde kommen können, 'dann müssen Sie mich vertreten. Ich bitte Sie, denken Sie daran, 'daß ich volle zwei Jahre verliere, wenn ich auch nur -sine Stunde Strafe erhalte." Erschüttert suchte Dr. Karl Allerhand den Patienten zu beruhigen und streichelte 'dessen Wange. Dieser schloß die Augen und schien zu schlafen. So verging Wer eine halbe Stunde. Plötzlich begann Falik zu stöhnen, fuchtelte mit Len Händen herum, welche ihm von der Kra'nken'schwsster fest-gehalten wurden. Dann öffnete er wieder die Augen und sprach zu Dr. Allerhand: ,Hsrr Doktor, weshalb hat er mir dies getan? Ich wardoch nicht' in der S tefa n iega s s e!" (In dieser Straße hat der angebliche Ueberfall auf den Professor Diaconescu stattgefunden.) Dann schloß er wieder die Augen. Er wurde wieder bewußtlos. Von Stunde zu Stunde wurde die Herztätigkeit Wvächer/ Gegen 11 Uhr erklärten die Aerzte, sie müßten den Patienten aufgsben. Er begann zu delirieren und rief der am Bett sitzenden Mutter zu, sie solle ihn sHÄtzen. Einige Minuten vor zwei Uhr hatte er ausgolitten... Die vor dem Krankenhaus sich stauende Menschenmenge geriet auf die Nachricht von dem Tode Faliks in größte Erregung. Hunderte Leute wollten in das Krankenhaus hinein. Die Polizei mußte einschreiten. Die Aufregung steigerte sich, als die gebrochene alte Mutter und die Geschwister Faliks von Freunden aus dem Spital nach Hause geleitet wurden. - Die Staatsanwaltschlast «hat die Leiche Faliks be-- schlagnahmt. Am Samstag wurde in der Leichenhalle des jüdischen Spitals die Obduktion vorgenommen. ' Las Leichenbegängnis. Czernowitz, 14. November. (Verspätet eingetroffen.) Das Leichenbegängnis Faliks hat heute vormittags unterungeheurer Beteiligung.stattgefmwen. Die gesamte jüdische Bevölkerung gab den: Toten das letzte Geleite. Um 10 Uhr vormittags wurde der Sarg in: jüdischen Krankenhaus gehoben- und von jüdischen Studen¬ Zusammenlebens freiwillig gewählt und fühlten sich glücklich darin, außerdem stände jedem' jederzeit frei, auszuscheiden und in einer Moschaw Unterschlupf zu suchen. Ein andermal fragte ich, ob viel politisiert würde. Man bejahte das, besonders während der Wahlen zur jüdischen Nationalversammlung sei es lebhaft, aber in. durchaus sachlicher Forn: hergegangen. Parteimäßig gehört heute.wohl die Mehrheit der Partei der jungen Arbeiter (rechter Flügel der Sozialisten) oder den Sozialisten an, die der zweiten Internationale angeschlossen sind. Nach Moskau tendierende Kommunisten dürften heute nur unter den städtischen Industriearbeitern zu sinder: sein. Ist das Kommunismus, das habe ai:ch ich mich immer wieder gefragt, besonders, weil ich im vorigen Jahre den russischen Kommunismus an der Quelle studiert habe. Dazu ist zu bemerken, daß die Masse der heutigen russischen Bauern viel mehr Individualisten sind als die Mitglieder einer palästinensischen Moschaw, und ferner, daß dort, wo in Rußland ländlicher Großbetrieb herrscht, die Arbeit genau so unterschiedlich verteilt wird, wie in kapitalistischen Betrieben Wenn man so will, herrscht also im heutigen jüdischen Landwirtschaftsbetriebe weit inehr Komnnmismus als in Rußland. Dabei wird aber das Wesent- , liche außeracht gelassen. Naht das ist das bolschewistische Schreckgespenst der Bierphilister aller Länder, daß einige Freunde sich zu gerneinsamer, freiwilliger Arbeit zusammenhm, sondern daß dies Zusammenarbeiten unter einem irgendwie gearteten Ztoang erfolgt. In diesem Sinne ist das heutige Italien genau so bolschewistisch wie Rußland, mW das neue Palästina, soweit es jüdisch ist, vielleicht das einzig wirklich freie Land der Welt. Immer wieder aber sei betont, daß dort alles noch in: Werden ist. Man ringt um neue bessere Lebensformen, weil die alten kantig und drückend geworden sind für alle, die nicht zufällig gerade ganz obenauf liegen. ten zun: Tenipel getragen. Nach einer kurzen Andacht ging der Leichenzug durch die Russische Gasse zum jüdischen Friedhof, wo Falik in dem von der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab bcjgesetzt wurde. Für die Ordnung sorgte ein von der Studentenschaft gebildetes Komitee. Gestern hatten sämtliche jüdische Geschäfte der Stadt von 11 Uhr bis 3 Uhr nachmittags geschlossen. Ser Prozeß vertagt? Czernowitz, 14. November. (Verspätet eingetroffen.) Die für morgen anberaumte Fortsetzung des Prozesses gegen die jüdischen Studenten dürfte nicht stattfindeu. Der Hakenkreuz-Advokat Jliescu hat beantragt, es sei die Verhandlung vor ein anderes Gericht zu verlegen, um sie der „Czernowitzer Atmosphäre" zu entziehen. Der Oberste Gerichtshof, dem die Entscheidung über diesen Antrag zusteht, hat die Akten abverlangt und den Generalstaatsanwalt Eapatina zur Berichterstattung nach B«-» karest berufen. Erbitterung und Unsicherheit... Das „Czernowitzcr Morgenblatt" schreibt: „In der Mischen Bevölkerung der Stadt und des ganzen Laiches herrscht tiefe Trauer, Erbitterung und ein Gefühl der Unsicherheit. In der Stadt schwirren die verschiedenstell Gerüchte herum. Man hört, daß die Verteidiger der angeklagten jüdischen Schüler ihre Vertretung mcbcrlegeu werden, weil sie erngeschüchtert und bedroht werden. Es ist eine überaus gedrückte Stimmung." Tatsächlich wurde einer der Verteidiger der jüdischen Studenten, Dr. R a d u l e s c u, wie er dem Gerichtspräsidenten mitteilte, . von „ernster Seite" aufgefordert, die Vertretung niederzulegen. Es sind ihm auch Drohbriefe zugegangem Der Arlerparasraph im englischen Sport. Der Golfklub des Prinzen von Wales. Aus Lorchön meldet I. T. A.: Die vom „Daily Expreß" aufgedeckte Tatsache, daß der Midsurrey- Golfklub, dessen Patron der Prinz von Wal e s ist, bei der Aufnahme von Juden als Mitglieder Beschränkungen eingeführt hat, erregt hier immer mehr die Gemüter. Zahlreiche Führer des öffentlichen Lebens in England nehmeir in der Presse das Wort, um gegen eine solche Englands unwürdige Rückständigkeit zu protestieren, wenige aber billigen das Vorgehen.des Klubs und macher: geltend, daß ein geloisses Verhältnis Platz greifen müsse. Als Erster prolesüerte Sir Robert Donald, Präsident der Neichspresse-Unton, gegen die Ausschließung von Juden, die, wie er sagte, „ebenso britisch sind wie wir alle". Er drückte die Hofsnlmg aus, daß der Klub nicht eine Tradition anfängt, die englischer Gentlemen und guter Sportsleute unwürdig ist. Des weiteren haben mehrere andere Golfklubs gegen die Maßnahme des Midsurrey-Klubs Einspruch erhoben und zum Ausdruck gebracht, daß sie alle Juden zu Mitgliedern haben und daß ihre jüdischer: Mitglieder zu den bestgeachteten gehören. Der Golfspieler Lord Riddell führte im „Eveuing News" aus, im allgemeinen soll jeder Kandidat auf seine Sporttüchtigkeit hin geprüft werden, wo aber die Gefahr besteht, daß das Gleichgelvicht der Mitglieder ins Wanken kommt, indem sich zu viele Franzosen, Italiener, Schotten, Waliser, Juden oder römische Katholiken oder gar Freidenker anmelden, finb Beschränkungen am Platze. Wichtig ist die allgemeine Protestbelvegung geigen die Begrenzung bei Ausnahme von Juden, die sich.unter der Mitgliedschaft des Midsurrey-Golfllubs selbst bemerkbar macht. Sir Eduard Samuel, der Sohn des verstorbenen Sir Samuel Samuel, erllärt, er habe seine beim Midsurrey-Klub angekündiglejMitgliedsch aft zurückgezogen, als er hörte, daß bei Aufnahme von Juden Grenzen bestehen. Der Midsurrey-Klub habe einen Pachtvertrag mit der Krone abgeschlossen; es erscheine aber unmöglich, daß die Krone mit einem Klub in Beziehung steht, der bei der Alufncchme von Mitgliedern Unterschiede gelten läßt. Eine unnachgiebige Haltung nimmt die Präsidentin der weiblichen Sektion des Midsurrey-Klubs, Mrs. W. M. T r u s c o t t, ein, die dem „Daily Expreß" schrieb, der Klub sei souverän, mld wenn er keine weiteren Jüdinnen als Mitglieder wünscht, so könne ihm niemand etwas dreinredm:.* DaS Wappen des Prinzen für jüdische Boxer Am 11. Dezember wird der Prinz von Wales Manchester besuchen, um dem 1. Kcrdetten-Vataillon der jüdischen . Jungmannschastsbrigade, das vor sechs Monaten in den Londoner Boxkämpfen den Sieg davongetragen hat, das Prince of Wales-Wappen zu überreichen. Die feierliche Zeremonie wird in der Stadthalle von Manchester vor sich gehen. Durch den Sieg der jMschen Boxerbrigade wird dieses Wappen, das bis jetzt London zugeteilt war, nunmehr sechs Monate lang, bis zum nächsten Städtr- Boxkampf, in Manchester verbleiben. Dev Prinz kommt nach Jernsalem. Jerusalen:, 16. Novencher. Der Prinz von WskeI wird nach Mitteilung hiesiger Zeitungen Ende dieses oder anfangs nächsten Jahres in Palästina erwartet. Der erlgllsche Thronfolger -ivird sich von Jerusalem nach allen Hauptstädter: der englischen Mandatsländer begebe», ir: Herren er feierlich! empsangen werd«r: jM

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