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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-17 · Heft 2774 (17.11.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2774 (17.11.1926)
Date
1926-11-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung >17. November in©6 Nr. 2774 Re Minister, die von nichts wiffen. Re Milliardeuverlulte »er PoWarkaffe. - Debatte im Nationalrat. Re Rattenfänger von Budapest. —X Wien, l7. November »826. Zu feiner gestrigen ersten Wüh^Versammlung in oer Hauptstadt Budapest hatte sich Gras Bethlen das Präsidium der israelitischen KuZtuZgemünde offiziell cingeladen. Die Israeliten erschienen denn auch. In den Straßen waren bereits die erstell Wahlplakate affichiert. Sie sind von dem gewesenen Finanzminister Kallay unterschrieben und fordern die Bürgerschaft — Israeliten kann man nicht gut sagen — auf, sich um die Fahne Bethlens zu scharen. Durch diesen Tisza-Liberalen hat Bethlen die jüdischen Assimilantcn eingesangen. Es war nicht gar so schwer, um ihre Seelen zu werben. Gar zu lange halten sie im Austragstüberl . der Opposition stehen müssen; ihr Meister Vaszon'.st der dcnwkratisch-lcgitiniistische Geheime Rat, hatte eine, feste Hand gehabt. Er wirr ein Jude nach dem Herzen feiner Garde, und alles Jüdische blieb ihm fremd; aber in Sachen der Habsburger verstand er keinen Spaß und hielt seine Scharett streng bei der Demokratie. Er ist tot, Kallay lockt. Die schreckliche Zeit des Interregnums ist vorbei, Lieferungen, Staatsgeschäste kommen, man kann vorr Horthy angesprochen werden oder sogar den Titel eines königlichen Rates erhalten.- Elsen! Zwar ist da noch der numerus clausus. Das Schandgesetz besteht. Klebelsberg hat die Formel von der sozialen Notwendigkeit erfunden, Bethlen hat sie wiederholt. Was ein braver magyar zsido ist, macht dein Vaterlande keine Schwierigkeiteil. Der reiche Israelit muß übrigens nicht leiden. Er kann ja Sohn oder Tochter in einem Schweizer Pensionat erziehen lassen. Der arme jüdische Student wird, insolange er durch die Prozentnorm noch nicht getroffen ist, an der Ulliversität verprügelt, und es lvird ihm die Lust benommen, sich köuiglich-magyari- - sche Bildung zu holen. Ter andere arme Teufel hungert sich in Wien oder in Mailand durch, und wenn er dann heimkommt, wird ihm sein Diplom nicht nostrifizjiert. Was schert das den Hevesi-Demokraten? Er hat zu beroeisen, daß ihm der Staat der Arpads höher steht und daß das Geschrei der Turanier von der jüdischen Solidarität eitler Plunder ist. Um dies zu dokumentieren, - erscheint das Präsidium der Kultusgemeinde bei der Versammlung des Bethlen und schwört in homagialer Ehrfurcht dem Retter des Vaterlandes aus der grimmen Frankschlacht treuen Korteschdienst. Eljen! Der gesinkelte Rattenfänger Bethlen kennt dies. Er hat sich für den numerus clausus wieder eine neue Formel erfunden. Das Gesetz, hm ja, es ist ja vorhanden und erweckt immerhin Peinlichkeiten im Inland und im Ausland. Es ist auch nicht zu verkennen, daß die Fortdauer der sozialen Maßregel Hallerscher Prägung den guten israelitischen Demokraten einiges Sodbrennen verursacht. Wer es ist ein aus der gegenrevolutionären Stimmung entstandenes Uebel. Alles verstehen, heißt alles verzeihen. Die armen jüdischen Studenten waren doch immer mehr oder weniger revolutionär. Viele von ihnen hatten sich aus dem Feld zionistische Anschauungen mit- -gebracht. Hier kriegen die Israeliten die rot-weiß-grüne Gänsehaut. Die künftige Nationalversammlung, die ja im Oberhaus ihr Fortsetzung findet, wird vielleicht eineMilderung vornehmen und darauf kommen, daß die geehrten Mitbürger iftac'.inscher Konfession, neokeg- und orthodoxe, unter Umständen, wenn man die Sache bei Licht betrachtet und einiges Wohlwollen walten läßt, doch sozusagen gewissermaßen auch Menschen sind. Sie wird sich dazu um so eher entschließen, wenn die geehrten Mitbürger von der Demokratie — hier kneift er ein Auge zu — möglichst einmütig ihre Pflicht tun für Horthy, Francschlacht treuen Kortegedienst. Eljen! Es gibt, wie man ja in Ungarn weiß, falsches Geld und echtes. Nicht nur Francs, sondern auch Pengö. Die echte Währung liegt in dem Pakt mit den Rassenschützlern. Bethlen hat auch diese bärbeißigen und rauhbeinigen Mörder eingefangen. Er hat ihre Liste akzeptiert und stellt ihr keine Gegenkandidaten. Und an der Spitze der Liste steht der Name Ivan Hejjas. Es hieße das jüdische Empfinden unterschätzen, wollte man diesen Namen noch ^läutern. Aber das Gefühl der israelitischen Ä'ssi-, milanten kann - man nützt tief genug einschätzen. Es ist bodenlos, unendlich. Es findet nichts daran, daß es den Stiesel eines Lumpen lecken soll; Bethlen weiß genau, was er dieser Demokratie zumuten kann. Ihr geht nebst dem Vaterland noch ihr Geld über alles. Für sie entscheidet nicht das Gebot'der Ehre, sie hört nicht die To ten von Orgovanh, sie schluckt oedenkenlös, gewissenlos, ehrlos jedes Diktat. Wenn sie nur wieder im Glanz des Thrones sich sonnen darf. Wenn es in Ungarn zu ing werden sollte, kann man sich ja tgufen lassen. Die zwei Rabbiner im Oberhaus werden ein mildes Verständnis zeigen. In Budapest und in den Städten wird sich „die Bürgerschaft" um die Fahne Bethlens scharen, insoweit nicht die Liste der Gömbös und Nadossy und Hejjas zu wählen sein wird. Für die Bauernschaft sorgt die Bervflichtnng der öffentlichen Stimmenabgabe. Sollte sie gegen die Herren bockig sein, so gibt es ja die Seuchenkordons, die Arreste und die rückständigen Stenern. Es ist für alles gesorgt. Ungarn lvird reine Wahlen haben. Me Levente wird wählen, sie und die „Bürgerschaft". Ls lvird keinen Widerstand geben, und Bethlen wird dann m dem Parkett des Völkerbundes sein Unterhaus in Freiheit dressiert vorsühren. Ungarn ist parlamentarisch regiert, es ist demokratisch, konstitutionell, liberal.' Und He Hauptsache: der numerus clausus bleibt. Oder glaubt jemand außerhalb Ungams, daß Hejjas und seine Ge- Men mit sich reden lassen? Eljen! Aus den mageren Berichten des Unterausschusses, der mit der Untersuchung der argen Dinge bei der Postsparkasse befaßt ist, konnte man nur weniges über die Geschäftsführung dieses staatlichen Institutes erfahren. Der Nationalbankpräsrdent Dr. Reisch, der mit der provisorischen Leitung der Postsparkasse jetzt betraut ist, und — wie er sagte — als ein Konsiliarius an ein Krankenbett berufen worden ist, glaubte, nur mitteilen zu müssen, daß der Gesamtverlust sich aus etlva 110 Millionen Schilling beläuft, und,daß für alle Leiden der Postsparkasse die Verbindung mit Basel den Anstoß gegeben hätte. Die Dinge scheinen doch weftntlich anders zu liegen. Gestern wurde gelegentlich der ersten Lesung des Bundesvornnschlages im Nationalrat eine Postsparkassendebatte geführt. Ganz unwidersprochen wurde da festgestellt, daß, abgesehen vox der Verbindung mit Bosel, die leitenden Beamten der P o st s p a r k a s s e für Rechnung des eigenen Institutes nicht nur ganz ungeheuerliche Beträge in Effektenspcku- .lationen verpulvert, fonberit nicht minder große bei der Konterminierung des französischen Francs hineingeworfen haben. Das waren Spargelder, Guthaben der Industrie, des Handels und des Gewerbes, die dem Staatsinstitut nur aus ßem Grunde anvertraut worden sind, weil der KLUB RADIKALER ZIONISTEN Heute Mittwoch, den 17. November 1926, um halb 9 Uhr abends, im Cafd Atlashof, Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesfngerstraße um die Ecke) Klubversammlung Tagesordnung: Die Wiener Judenschaft Referent: Dr. L. GOLDHAMMER, Präsident des Landeskomitees "lonlsten als Gäste willkommen Der Obmann: Robert Stricker Bund mit feinem, ganzen Vermögen für die Geschäftsführung der Postsparkasse haftet. So gingen 430 Milliarden Kronen in Esfektenspekulationen und 310 Milliarden bei der Francs-Kontermitte verloren. Und nun kommt das Erstaunliche. Für diese durch nichts zu rechtfertigende Gebarung lehnen die beiden zuständigen Ressortminister,, sowohl Handelsminister Dr. Schür ff, wie Finanzminister Dr. Kienböck einfach jede Verantwortung ab. , , Der Handelsminister beruft sich darauf, daß die Postsparkasse noch immer kein rein neuösterreichisches Institut sei, übrigens habe er von den diversen neuen „Geschäftszweigen" der Postsparkasse, den Verlusten und dem Geschäft mit Bosel erst durch den seinerzeitigen Finanzminister A h r e r im Jahre 1925 etwas erfahren. ' Finanzminster Kienböck hinwieder sagte gestern, um die Postsparkasse habe er sich nie gekünMert und über ihre Transaktionen nichts g e w u ßt. Daraus könne man chm auch kernen ' V,orwurf machen, denn es hätten Leute, die mit Bant und Börse mehr zu tun hatten als er, auch nichts gewußt. Der Vertreter der Opposition Dr. D a n n e b e r g, der alle die-Anklagen in einer zweistündigen Rede vorbrachte, war sehr zahm im Ton, aber noch zahmer in seinen Schlußfolgerungen. Die einzige Konklusion, die aus dem Falle zu ziehen wäre, 'st doch die. Es besteht ein Spar-, Check- und Clearing-Institut d-s Staates, geleitet von staatlichen Beami'n, für das bet Staat statutenmäßig die volle Anssallsgarantie trägt. Die Bankenkommtssion macht wiederholt aus die verdächtige Geschäftsführung dieses staatlichen Institutes aufmerksam, verlangt die Prüfung der Gebarung der Postsparkasse. Diese wird verweigert; keiner, aher auch gar keiner der für die Wahrnehmung der geldlichen Interessen des Bundes und der Privatwirtschaft verantwortlichen Minister hält es für seine Pflicht, aus eigenem in die Geschäftsführung dieses Institutes hineinzuleuchten. Keiner will sich die Finger der-, brennen. Schürft schiebt die- Verantwortung dem Kienböck zu und dieser will von nichts gewußt haben, weil er ebennichts wissen wollte. Wozu ein Gesetz Über die Ministeroerantworttichkeit besteht und wozu denn die Herren überhaupt an die Spitze von Staatsämtern gestellt worden sind, ist schleierhaft. Es scheint, daß sich beide nur als Exponenten ihrer Parteien zur Wahrung von Parteiinteressen fühlen, der eine als Großdeutscher und der andere, als C h r i st l i ch s o z i a l e r. Das Interesse des Staates aber, das ihnen anvertraut ist, kommt zu Schaden. Aus Steuergeldern werden die 110 Millionen Schilling, die bei dev Postsparkasse verspielt wurden, ersetzt werden müssen. # Abgeordneter Dr. Da nneb erg, der als erster Redner in der Budgetdebatte zu Worte Dam, zitterte einen Artikel aus dem christlichsazialen Parteiblatt, in welchem Basel als Mäzen der Wiener Universität ’ gKtzvieM wurde. Das war zur selben Zeit, als der Fi na NM i triste r mis StouergMem des Bundes BoseH etwa 20 Milliarden für Fräncsspekulationen zur Werfügimg gestellt hat. Arr dem Tage, an dem der Artikel erschien, hatte Dvisel bereits 778 Milliarden von der Postsparkasse bezogen und nur 107 Milliarden znilückgezahlt. Unglaublich waren die Vertrage mit Basel. In dem einen Vertrage soll man sogar die Termrnverlustklausel vergessen haben, so das; die Postsparkasse den Bosel nicht einmal klagen konnte, wenn er seine Raten nicht zahlte. Die Postsparkasse hat aber auch Effekte.nspeknlationen gemacht, ganze Magazine voll Aktien zusammengeka-uft lmd dabei einen Verlust von 130 Milliarden erlitten. Um die Verluste beim Mtiengoschäft zu decken, wurde.in Francs spekuliert und dabei abermals 310 Milliarden verloren. Es wäre wohl am Platze, die ganze Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu übergeben, damit sie die nur kl ich Schuldigen sucht und ftstnimmt. Die Golderöffnuugsbilanz der Postsparkasse, die im Einvernehmen mit dem Finanzminister «und dem Rechnungshof zustande gekommen ist, ist nicht frisiert, sondern vom Anfang bis zum Gm-be gefälscht. Die Verbrechen,- die in der Postsparkassen begangen worden sind, müssen gesühnt, die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Aber das' heiß nicht, daß man die Postsparkasse-etwa jetzt deswegen von Amts wegen umbringen soll. Schließlich bezweifelt der Redner, daß es der Regierung wirklich ernst sei, die Reinigung des öffentlichen Lebens her beiz uf ü h reu; sei doch die Ungeheuerlichkeit geschehen, Latz die Regierung Ramek-Kollmann gerade am Tage -ihrer Demission d e m Ca -st l g I i o n i eine neue Bankkonzession für Wien gegeben hat. Er sei neugierig, ob die neue Regierung das rückgängig machen wird, denn es wäre Schimpf und Schande, wenn Castiglioni wieder als Bankmann in Wien austreten könnte. Der Ghristlichsoziale D r. O d e h n a -l meinte, Bosel sei de» Sozialdemokraten ebenso nahegcftanden wie dwr Christlichsozialen. Es handle, sich darum, wer mit. chm Geschäfte gemacht hat, Die Sozialdemokraten haben Geschäfte mit ihm -macht, und die Postspax'kasse auch/ Die Minister S chür ff und Kieuböck redeten sich in der oben geschilderten Weise aus, wobei noch Schürft sich den bedeutenden Satz zulegte, daß eine ressortmäßige Ei it.o r b n u.u g der Postsparkasse ins Handelsministerium n i c st a t t g e f u n d e n h a B e. Es sprach dann noch der Großdeutsche Dr. Hampel, der die Frage aufwars, ob es doch nicht Kreise gegeben habe, die Bosel auf einem geraden oder ungeraden Weg in die Postsparkasse hineingebracht haben/ Man habe ihm gesagt, daß Bosel auf seine Beziehungen zur Sozialdemokratie sehr stolz gewesen sei. Die letzten Redner waren der Landbündler A m a n n und der Christlichsoziale F ö d e rrn ay e r. Ae Mandatskommission. Genf, 16. November.,, (iJ. T. A.) Die 'st ä u d i g b . -M a n-d'a'-t s ko-mm'i s s-iu -n -des DWepbundes .prüfte• ' in ihrer letzten Sitzung Line Anzahl Petitionen betreffend die V erwalt u n g e n in Palästina, Syrien und Südwestaftl'ka. Dvs offizielle Koinnmnigue gibt keine nähere Auskunft über d-en Cha-rM-er dieser Petitionen und von welchen.Bovölikerungsteilen sie stammen. Wie verlautet, wird in der am 6. Dezember beginnenden Sitzung des Bölkerbundsrates die Frage der Erweiterung der Kompetenzen der ständigen M a n d a t s k o m m i s s -i o n Res Völkerbundes, tote überhaupt eine N-euge sta l tu ng der B eg ie« h ungen zwischen M-andatskommiission uuid Rat, jitt Erörterung gelangen, wobei diejenigen Mitglieder des; Rates, tiie auch in der Mandatskommission vertreten sind, die Ansprüche der Kommission aus Unabhängig' keit gegenüber -dem Rate vertreten werden. Gelegenheit dazu wirddie Prüfung d e s Berichtes der Mandatskommission geben; aus diesen! Grunde wird dieser Punkt in der Tagesordnung der Ratssession Vorgesetzte werden, damit Gelegenheit zu einer erschöpfenden Msspräche und zu Entschkülften gegeben ist. Wie bekannt, hat der Präsident der Mandatskommission, .Marquis T h e o d o l l, bei Eröffnung der No-. vomber-Session der Kommission erklärt, die gesamte- Kommission solidarisiere sich mit ihrem Vizepräsidenten van Rees, der in der Septeinber-Sitzu-ng des Völkerbundrates die Rechte der Kommission gegen Sir Aiusten C h a m b e r l a i n, Brian d, Visoonnt I s h 'i i imd Vandervelde vertreten hat. Er schloß mit der Erklärung, daß die Mandatskommission vom Rate unab- HÜngjg sei. - Bis zur Dezemiber^Tagimg des Rates werden' die> Antworten der Mandatsmächte auf die Fragen des Ge-' neralsakretärs des Völkerbundes, Sir Eric Dvnmmonh,-' betrefft nd die Ansprüche der Ma-ndatskommift'ion, Repräsentanten der Mandatsteritorien . nach Belieben - m ü n d -l ’i ch v e r nehmen zu Äüvken,, eingelauif-en sein. ' 7

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