Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2773 (16.11.1926)
- Date
- 1926-11-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Setze 2 Wien, DrenMrs David Fallik. —y Men, 16. November 1926, In Czemowitz jijat ein ‘21 jafj rigor cntnänischcr Mittelj>iUcc einen,20jährigen jüdischen Mittelschüler im Gerichts- .rebäude niedergeschossen. ,Das Opser war mit einer Menge .ricichaltriger-Freunde,',dic bei der' letzten "Mätlkntätsprüsung ^ls ungeeignet »befunden worden Ovaren, wegen Demottstrieens Und »angeblicheil Uebcrfalles auf einen der prüfenden! Professoren.angeklagt gewesen. Dieser Professor hatte den ilebersall in,einer Bwschüre beschrieben. Ein Professor, der in ihm' widerfahrenes Ungcinach tu dieser Form ausbeulet, ist eine ganz merkwürdige Erscheinung. Seine Broschüre at auch den 21jährigen Jassncr Mittelschüler dazu veran- .ist, sm Gerichtsgebände selbst Gericht zu üben. Der Erelg der Broschüre des Professors ist also zunächst der, daß n junger Bursche znm Mörder wurde,. daß ein junge.' Bursche das Leben verloren hat, uild daß eine alte Mutter hren iHvsflNtngeu nachweint. Nichts kam: dieser armen, gei engten Frmt über das unsägliche Leid hinweghelfen. Sie rfährt, was Politik ist, und mit ihr erfährt es die gesamte wische Gemeinschaft, die mit der Mutter hinter dem Sarg es gemordeten Sohnes mit ein blühendes Leben klagt. Es?.ag der greifen Frau ein. wenn auch geringer Trost sein, ns; ihx Schmerz von einem ganzen großen Volk mllempfun- 'n wird. ' * Weshalb hat dieser David Fallik, dessen Namen unser /f in die unendliche Märtyrer liste einschreibt, sterben müsn? W'' . ' 'in Jude wir. Er hat viele Schi.ckialsgenosen, denen hie Zugehörigkeit znm'J'udent^!^^: ii övderische^ .'schenk 0).:*. 'Aber sie alle' habe»! vollbracht. Ihr Leben urbc abgeschlossen. Es gibt aber viele, viele tcrufeitbe jüMch-er Studenten, an denen der stille Mord verübt wird, die .curch den Haß aus ihrer Laufbahn getrieben werden und die.mit Not und Pein es büßen' müssen, daß sie als ,Jstden nach Bildung streben^ wollten. Das sind die Fnt'el- '.cftuetfettr Es gibl^ neben ihnen noch den jüdischen Kaufmann, den jüdisches Arbeiter, den jüdischen Handwerker. Waren, l-llen geht es. ans Leben und Existenz, daß 'sie Juden süid und in keinem Lande bleibt ihnen die Erfahrung erspart,' daß sie wegen ihrer Mkunft, nicht wegen ihres -Tuns und Lass-ens,-Objekte der Politik sind. Politik nennt -sich nämlich die Einwirkung der Pogromtheorien auf die. Gesetzgebung, und cüjf die Stimmung der Oeffentiichkeit. Di? ganze Politik Europas wird von solchen Treibereien d?s Hasses ^beherrscht,'aber niemand verspürt sie so - intensiv und so konsequent,. wie der Jude. Er .mag noch so hoch auf der Lei--' ter sozialer Geltung stehen, einmal kommt die Stunde, in der die Meute sich auf ihn lvirft. Zivilisation, und Kultur tnögen hier oder dort engere oder weitere Schranken dem Ausbruch dieser immanenten Feindschaft ziehen.'Das Wesen ist immer das gleiche und die Begründung ärldevt-sich nicht. Der Wde wird verbrannt. Boykott, Mord,. ,Pchs om, das ivar so und wird so bleiben. Wir stehen einer seelischen - Vergiftung gegenüber,-die unabhängig -ist von Zeit und Raum, unabhäugig von Atter, Weltanschauung, Bildungsgrad. Der rumänische Gymnasiast, der den jüdischen Schicer erschießt, von dem er nur den Natnen weiß, den er tue vorher ge-', sehen hat, ist doch nichts anderes als der Gymnasiast Techow, dev-die Bombe' auf Rachetrart wirst. Beide haben es gelertft. Von ihren Lehrern in der Schule gehört, daß'der Jude ein Wesen ist, däs man vernichten muß. Es ist einmal die jü-. dische Religion, das anderemal das.jüdische Volkstum, das jüdische'Kapital, die jüdische Arbeit, der jüdisch? Fleiß,'die " jüdische Konkurrenz — die Vorwände wechseln tvie der- Motrd. Sie sind so alt wie die jüdisch? 'Diaspora und sie nehmen den jüdischen Bankherren, den jüdischen Politiker b gut aufs Korn, wie den jüdischer! Agenten und denjüdischen Proletarier. Es gibt keine Krass? ftm Judentum, uns /<? verbindet diese Not. $ Sie hätte jedes aridere Volk irr den Selbstmord oder in den Wahnsinn getrieben. Wir Juden von heute haben die Aussichtslosigkeit erkannt, jemals uns mit diesem Haß aus-' einandersetzen zu können. Gegen uns streitet kein Argument der Vernunft. Eine Lüge, die'wir widerlegen, steht in der nächsten Stunde wieder auf und wiederholt sich in tausend Zungen. Der Nationalisnrus klagt uns wegen mangelndem Patriotismus' an, der Sozialismus sieht im Juden den Kapitalisten, der.Konservative den R.volntionär. Wir wbllen sein, was nur sind, wir wollen uns unsere Stellung tvählen — es nützt nichts, einmal fliegen die Steine, kracht der Revolver. Unser Volk zählt 16 Millionen Menschen, Zehnfach, fünfzigfach ist uns der Haß überlegen. Ihn zu - bekämpfen fehlt uns die Macht. Wir können nur eines tun: aus der. Kraft, die wir besitzen, uns ein Heim zimmern, ein Land, in dem der jüdische Gelehrte und Arbeiter sein Leben wird frei entfalten können, in d?m unsere Jugend wird, lernen dürferr. Sie wird nicht den Revolver in der Tasche tragen. Denn sie wild jüdisch sein. Ser Student Fallik gestorben. DaS Opfer des Attentates in Czeruowitz. Aus CzernoWitz wird uns gemeldet: Der Student David Fallik, auf den der rumänische'Hakensreu-ler Nicola Teutu im Ge-richtsgebäude ein Attentat verübt hat, ist Freitag abends im jüdischen Spital seiner Verwundung erlegen. Die „WIENER MORGENZEITUNG“ — das einzige Meede Weltblatt! Wiener Morgenzeltnns W. UovvmVer KW M. 2778 . jahreskredit «sss«»- WEINBERGER & HÖFFMaNN 11., Praterstraße 50. Besuch lohnend. Kostenlose Einlagerung. Las Budget der Wahljahres. Heute nachmittags beginnt im Naitonalrat die erste Lesung des Budgets für 1927, der diesmal besondere Wichtigkeit zukommt, da nnt dem diesmaligen Bundes Voranschlag auch die Einnahmen- und Ausgabengrenze festgesetzt tvird, an die sich der künftige Nationalrat wird halten müssen. Denn selbst wenn das Haus seine normale Lebensdauer im Herbst des kommenden Jahres beschließen würde, müßten jedenfalls im Oktober die Neuwahlen stattfinden. Ginge es nach den Wünschen der Opposition, .so würden allerdings die Wahlen wohl schon im Früjahre abgchalten werden müssen. In der inneren Politik ist jetzt auch alles bereits auf die Neuwahlen eingestellt. Die Mehrheitsparteien führen noch einen Kampf um Zeitgewinn; Müschen sie döch die Wahlen so lange hinauszuschieben, bis ber Zentralban ks kaudal wieder in Vergessenheit i geraten oder bis die Zentralbanksache durch den Fall Bosel—Postsparkasse verdrängt ist. 3lus dieser Situation wollen die Sozialdemokraten möglichst viel herausschlagen und sich dafür, daß sie das Haus nicht sprengen, alle möglichen Parteipostulate erfüllen lassen. ' Die Wahlparolen sind schon gegeben. Von links wird, da es doch mangels der nötigen Mittel, nicht'möglich sein wird, die Sozialversicherung tatsächlich schon jetzt in Geltung zu setzen, der Kampf um die Sozialversicherung zur Wahlplattform gemacht und die.Reinigung des politischen Lebens, von der im Zentralbankuntersuchungsausschuß zutage getretenen Verquickung von Politik und Geschäft verlangt.. Die bisherigen . Regierungsparteien scheinen zunächst, was die Sozialversicherung anlangt, den Sozialdemokraten den Wind aus dep. Segeln nehmen zu wollen. In ttnn wichtigen Streitfrage, der Arbeitervcr-. sicherung, haben sie sich zu Zugeständnissen bereit erklärt. Für die Trennung, von Politik und Geschäft tritt schließlich auch Dr. Seip.e.l ein. .Die Wahlparolen der linken und der rechten Gruppen Mrden also in diesem Punkte 'übereinstimmen, und hinsichtlich der Sozialversicherung war? nur der Zeitpunkt des Inkrafttretens strittig. Mittlerweile ist aber von rechtster eine neue Wahlparole aüsgegeben tvorden. Sie setzt der Forderung nach weiterem Ausbau .der sozialen Gesetzgebung das Verlangen nach Abbau der.Steuern und der Soziallasten.. entgegen: .Man. fordert die H e-r a h s.etz U n g der Kör- - p e r s ch fcf i sst c,uc r Md dijr B e s e i t i g u n g der Fürs o r g e a b g ab < -sowie versDehener anderer aus der Inflationszeit stammenden- Abgaben, die sich jetzt als furchtbare Belastung, der Produktion erweisen. ■ Das Präludium in-dem bevorstehenden Ringen unter . dm Kampfrufen: „H ie S o-z ra l g e setzgeb u n g!" dort: „Abbau der Steuern!" wird schon in der Budgetberatung gespielt tverden. Viel Zeit zur Verabschiedung des Bundesvoranschlages ist allerdings nicht vorhandetr, da. bis zum Jahresschluß .nur knappe sechs Wochen zur Verfügung stehen. Mit Jahresende läuft aber tücht nur. die - Ausgabmermächtigung für -die. Regierung' nebst anderen Gesetzen, sondern auch die Geltungsdauer des Arbeitslos.enversichernngsgesetzes ab, wobei zu. bemerken ist, daß nicht einmql noch für die im Juli/ beschlossene Novelle zu diesem Gesetz die materielle Dekkung des' Aufwandes für die Ausgesteuerten beschlossM werdm konnte, da die Sozialdemokratm sich weigern, die Getränkeabgaben der Länder zuzulassen, so lattge diese nicht.ausdrücklich verpflichtet werden, den Gemeinden von dem Ertrag, dev Getränkesteuern ciuen entsprechenden Teil - zuzuwendm. . Am Jahresende drängt sich jetzt schon erfahrungsgemäß alljährlich hie ganze parlamentarische Arbeit zusammen. Trotz des Bestrebens der Sozialdeitiotraten, aus dem Natiopalrat eine Kammer in Permanenz zu mächev, hat . das Haus eigmtlich t\uv einmal, höchstens zweimal im Jahre Gelegetcheit, tatsächlich politische Funktionen. auszuübm: Das .erstemal hei der Feststellung des. Budgets für das kommende Jahr und ein andermal, wenn gerade die Neuwahl der Bundesregiernng notwetcdig ist. Sonst ist es.eine lcctlaufende Papiermühle, in der Berichte, Reden, Anträge und endlose Protokolle produziert werden, deren Nutzeffekt schwer abzuschätzen ist. .'Aber selbst das BudgetkoNtrollvecht, auf dem sich die Existenz, eines jeden Parlaments aufbaut, wird hier fast zur Fqree, da es, wie der Fall Zentralbank lehrt, in dem Belieben eines jeden Finanzministers gelegen ist, einfach, gestützt auf das BerwaltungsverfahvLNsgesetz, unbeschränkt, große Beträge für Zwecke zu verwenden, für die iM Budget auch nicht ein Groschen vorgesehen ist. Darüber wird wohl auch diesmal im Nationalrat gesprochen werden, und die Opposition trägt sich mit dem.Gedanken, den Voranschlag für 1937 nur unter der Bedingung durchzulassen, 'daß .durch - eine entsprechende Blenderung der.bestehenden Gesetze eine solche . tvillkürliche Gebarung mit Bundesg'eldern ausgeschlossen wird. .. Seine Beschlagnahme von Maschinen und Material in den Steyr-Werken. . Zu der von großdeutscher Seite ausgestreutm Meltmng, daß die interälliierte Militärkommission in Steyr neuerdings eine UeberprÜfnng der Maschinen ünd Vorräte vorgenommen und beschlossen hat, eine Reihe von Maschinen und Gewehrbestandteilen zu ,beschlagnahmen, deren Abtransport 35 Güterwagen erforderlich macht, wird aus Steyr beachtet: Die Sichrer Werk« KLUB RADIKALER ZIONISTEN Morgen Mittwoch, den 10. November 1926, um halb 9 Uhr abends, Im Cafä Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klutrversam mlungr Tagesordnung: Die Wiener Judenschaft Referent: Dr. L. GOLDHAMMER, Präident de* Lähdeskomitees Zionisten als Gäste willkommen Der Obmann: Robert Stricker wären derzeit gar nicht imstande, Gewehre zu erzmgett, Was die sogenannten Gewchrbestandtolle betrifft, so handelt es sich hier um Altmaterial, das sukzessive eingeschmolzen oder zu anderen Zwecken verwendet wird. Auch sind keüto solchen großen Lagervorräte vorhanden, wie erzählt tvurde, uttb es nnrrden von dev Kontrollkommission keine Beschlagna'hmungen dnrchgeführt. kin neuer japanischer Gesandter für Wien. Paris, 15. November. Wie die Agence Jltdopacifiquie aus Tokio meldet/ ist der ehemalige Botschaflsrat der japanischen Botschaft in Berlin Nuyowo zum japanischen Gesandten in Men ernannt worden'. Marschall Badoglio in Rumänien. Eine Inspizier« gSretse deS italienische« GeneralstabSchefS durch die Bukowina. Bukarest, 15. November. Der gemeinsam mit dem Herzog von S p o l e t o zur Einladung des rumänischen Konigspaares nach Italien hier angekommene idalienWe Generalstabschef Marschall' Bad o gl io hat gestern eine Jnspizierungsrevse durch bie Bukowina an getreten, die die Gerüchte von dem bevorstehenden Abschluß einer italienisch-rumänischen Militärkonveint i o n zu bestätigen' scheint. Marschall Badoglio wird sich nicht nur in Czernowltz aushalten, sondern auch die meisten Grenzorte besuchen. Großes Aufschen erregt der bei dom Festbankett aus Anlaß der Ueberreichung der EhrenbürgerschaftsuMnde der Stadt Kischenew an Heu Matschäll. gemachte Ausspruch, daß „an dem Tage, an dem emnral Gefahr drohen,'sollte, Marschall Badoglio an der Seite Rumäniens sein wird". . ' .Sie Amerika-Nüse der KSnigiu von SknmSuie«. London, 16. .Noivsmber. Dem Reutevschen Bureau wird aus CH)icago. gemeldet, König Ferdina-nd von Rumänien habe die Königin Marie ersnicht, M Weihnachten -nach Bukarest Kurückzu- " kehren. Jnfollgodessen habe die Königin .den größten Dsil ihrer Reise durch die sülMchen Gebiete auifgegeben, um sich am 11. Dezember in New-Aork emguschiffen. Die -Königin hat gestern an der Lincoln- Statue einen Kranz 'niedergÄM. Trotz des herrschenden Regens waren die Straßen von vielen tausenden Menschen erfüllit, die die Königin sehen wollten. Die Königin erschien auch in der r u man is ch - j ü d i s ch e n Synagoge/wo sie ein'e StU'Nde. VevwöMe,. : Der Gesundhettrznitand der Königs. Bukarest, 15. Novemberi (Tel.-Eoryp.) Der Gesund-- heitszustand des Königs Ferdinand gibt seit einiger Zeit zu Besorgnissen. Änläß. Gestern hat ein aus Paris an das Krankenlager des Königs gerufener Spezialist, Prof. Be ns au de, den König untersucht. Ueber das Ergebnis der Untersuchung wird ein Bulletin veröffentlicht, worin es heißt, daß der König an einer Bectofigmodiitis leidet. Der allgemeine Zustand des Patieutan ist befriedigend. ' - Dieses Communique hat in politischen Neks«n großes Aufsehen erregt, da man aus seiner Fassung auf ein krebsartiges Leiden des Königs schließen zu können glaubt. Fra« Bnrfontzl Innvidirtt nicht. . Budapest, 15. November. Wie die Blätter melden, hat gestern eine Abordnung der denrokratischen Wähler des 6. Bezirkes die Witwe nach dem Ävgieordneten Wilhelm Bazsonyi ersucht, die Kandidatur als Führerin der demokratischen Kandidatenliste zu Übernehmern Frau Bazsonyi dankte für die Ehrung, lehnte jedoch das Angebot ab. Wi üerausuahme der Kntirker'Vroreffe«. Berlin, 15. November. Bor dem Schöffengericht begann heute der Prozeß gegen Iwan K u t i s k e r sowie gegen die frühsren . Direktoren der Preußischen Staatsbank Finanzrat et. D. Dr. Rühe und Oberfinanzrat Dr. H e l l w i g wogen Bergchens gegen die Kapitalsflucht und De vis enges etzgebung. Da der anwesende Arzt Kutisker für verhandlungsfähig erklärte, wnvde in die Verhandlung eingetreten. Die drei Angeklagten bestritten, sich irgendwie strafbar gemacht zu. haben. Jrn Verlauf der Verhandlung erlitt KutiSker einen Anfall. Sein Rechtsanwalt beantmgte daraufhin festzustellen, ob Kutisker auch jetzt noch verharchlungsfähig sei. Dies wurde von dem anwesenden Arzt bestätigt. Dem Antrag der Verteidigung, Prof. Seelert als Gerichisarzt und Gcheimrat His als Gutachter htn-uzuziehen, wurde vom Gericht ft a t t g e g e V s.n/ CBWaSBI!»