Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2772 (14.11.1926)
- Date
- 1926-11-14
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S778 Wien, Sonntag Wiens- Morgenzettnng 14. November 1936 . Seife A INVENTUR KAPITEL AUS DEM IM „ROTAPFEL-VERLAG“ ERSCHEINENDEN ROM AN1 »IftlLLM L«. von 1EAN RICHARD BIOCB ÜBERTRAGEN VON PAUL AMANN. * Die weiße Glut der zweiten Nachmiüagsstunde fallt lotrecht nieder wie ein Speer. Der Schrei der Grillen schleudert spitze Pfeile zegen den unbeweglich lastenden Himmel. Das Firmament zeigt trübes Weiß wie das Auge eines Blinden. Und unten liegt die Welt als trostlose Blechscheibe. Alles Leben verkriecht sich, als sollte das ewig währen. Der Monat Juli umklammert Vendeuvre ewig mit heißer Faust. Das Kind verbrennt sich die Augen, wie es durch den Fensterladen, auf das überhitzte Hofpflaster schaut, und ihm tvird, als sei es ganz allein am Leben geblieben, um als Letzter die Zeit verrinnen zu hören. Immerhin belebt sich das halbdunkle Wohnzimmer in seinem Rücken von Zeit zu Zeit mit seltsamem Gewisper. Und darum will der Geist des Knaben durch den Glutwall dringen, der ihn von dem großen Gebäude trennt, — das wie in Sonnenlicht halb gelöst erscheint, — weil eine beängstigende, feierlich geheimnisvolle Handlung sich in jenem Hause abspielt. Den ganzen Vormittag waren die Männer drüben und wie sie Mittag wieder auftauchten, waren ihre Gesichter hochrot und ihre Lippen bleich. Sie aßen schweigend und wischten sich dabei die Stirn. Onkele Joseph war in Hemdävmeln. Vater betrachtete verstohlen die fetten, puppenhaften Hände des Jakob Stern und führte sein Glas mit zitternder Hand zum Mund. In Äffroums Runzeln schien teuflischer Hohn zu lauern. Onkel Myrtils Gesicht sah in seiner hcchen Krawatte poch röter und unfreundlicher aus als sonst. Großpapa — buhl an den lieber gar nicht denken! Wie sie beini Kaffee'saßen, war Onkel Berthold gekommen, sie hatten die Tür zugeschlagen und weg waren sie. — Justin, wirst du dableiüen? hatte eine schlaffe, ungütige Stimme gesagt. So war Justin dageblieben. Aber die Gesellschaft der Frauen ist gar zu fad, wenn man irgendwo' Männerarbeit wittert. Warum arbeiten „s i e" int Schweiße ihres Angesichts an diesem unbarntherzig heißen Sonntag? Eben darum drückt sich das Kind Nase und .Lippen am Fenster platt; aber kein Geräusch dringt zu ihm durch die Brettchen des Fensterladens; der nadelspitze. Grillenschrei ist längst vom Herzen, des Schweigens aufgosogen. Und doch ist Tante Mina da, Onkel Äffroums Frau, und ihr zu Ehren wird so mancher strittige Fall vergangener Zeiten wieder aufgewärmt, vorgelegt und gründlich zergliedert: Verwandtschaft, Nachbarn, Paris, der Krieg, Uebersiedlungen, Todesfälle, Heiraten, Mitgiften und Erbschaften, Ost- und Westfrankreich werden ztvischen vier Lehnsesseln eingehend besprochen. ’ Hermine ergeht sich in Geschwätz; Laura ist viel zu artig frisiert, ihre Strümpfe sind viel zu ängstlich gespannt; so sitzt sie mit zusantmen,gepreßten Knien und Knöcheln 'dem Schemel, hört zu und hat nur Augen für die liebliche Fülle Elisens, der Tochter Jakobs; Sara redet zurückhaltend, weil Mina, wie gewöhnlich, durch entsprechend gewählte Gesprächsthemen ihre eigene hohe Stellung auf der Wüvdenleiter des Tuchhandels zu fühlen gibt. Justin redet vor sich hin, ohne daß die Scheibe anläuft; sie ist zu warm. Er wiederholt, so lang der Atem reicht: — Was maiheu sie? Was machen sie? Was machen sie? Er ste^t sich, das Innere der Fabrik und die unbeweglichen Massen der Webstühle vor, die in Reihen dastehen wie die Munittonswagen im Hof der Artilleriekaserne. Die Spinnerei schweigt, und aus den Kasten zitternder Walkmaschinen ergießen sich jetzt keine SturzbäKe .von Seifenwasser. Wer Vater hat doch'erwähnt, daß auch Zeller, Kapp, Braun und noch ein oder zwei andere dabei sind-. Haben sie ihre weißen AibeitMusen an oder den Sonntagsstaat?. Vielleicht sind sie sogar im schlvarzen Rock, mit dem alten Zylinder, wie beim Begräbnis des kleinen Göttliche Und was tun sie dort? - — Justin, schweig! Wie oft hat er das schon zu hören bekommen! - — Ich schweige, schweige, schweige. . . „ sängt das Kind mit leiserer Stimme wieder an; auf der Scheibe bleibt der Abdruck seiner , feuchten Stirn und von der blendenden Rückstrahluyg des Hofes tanzen ihm rote und seltsam grüne Streifen vor den Äugen. Hinter -ihm-' verschmilzt das Frauengeflirster mit dem Dummen dev Fliegen um den Lüfter. —: Volt dem Moment au, wo „Gescht" *) Papa und Onkel Myrtil nicht haben iti ihren Klub aufnehmen gemocht, lvav alles gegen uns verschworen, jammert Hermine. Alles ivav gegen uns.' Wenn wir hätten ein Dienstmädchen gebraucht, lvürden wir keins bekommen haben. Die Herren grüßen einander nicht einmal. Schimpfworts haben sie uns an die Fabriksmau'er geschmiert. Wenn die .Kutscher vom Hof fahren, brummen sie Sachen, die man manchmal gar nicht verstehen kann. Wir haben dreimal den Bäcker wechseln müssen. Justin haben sie häßliche Worte nachgeschrren. *) Bettler. ‘ <— Ich habe meinen Joseph nur zurückhatterr müssen, sonst war' das eine böse Geschichte geworden. — Und dabei ist Wilhelm so nervös! Glücklicherwerse, fährt Hermine fort, hat Papa keine Ahnung! — Keine Ahnung? Dieser Mensch! sagt Mina in eurem Tone, mit dem sie wider Willen ihre verzehrende Neugierde verrät. — Glücklicherweise, meint Sara mit vielsagendem Lächeln, Hyppolyt und mein Schwager hätten das gerade noch brauchen können! — Das Jahr muß ihm angerechnet werden da oben, Sara! sagt Mina, während Elise dazu mit altklugem Gesicht nickt. — So Gott will, haben sie nicht umsonst gearbeitet. — Wir werden 's bald wissen, sagt jetzt wieder die alte Frau. Gebe Gott, daß die armen Kinder für ihre Mühe belohnt werden. Sie verdienen's. An der Schlvelle irgendwelcher Klage verstummte sie. mit einem Lächeln, vor dessen ruhigem Stolz die auftrumpfende Verwandte ganzklein wird. Ist das rächt Grund genug, daß ein Kindevgeist zwischen den Brettchen des Fensterladens aus Krmdschaft geht? Justl hat nur mit halbem Öhre zugeyört. Gewiß hat man ihm so marrches nachgeschrren, wenn er im Winter frühmorgens um Brot und Milch ging; reichlich oft ist er mit rotgeschwollener Faust heimgekommen,. weil er gar zu. sehr die metallenen Blusenknöpfe der Jungen aus der Klosterschule gedroschen hatte. Mer, wieso soll das heute noch wichtig sein? „Wir werden es bald wissen", hat Großmama gesagt. Was wird man bald wissen? Öb Zeller die Bluse oder den Zylinder an hat? Warum sitzen da auf einmal die langweiligen Sterns herum? Warum muß man diesen ganzen langen Sonntag im Fenster lümmeln, während die Männer Gott weiß lvas Großartiges aufführen? Bei der Fabrik fällt dumpf eine Tür ins Schloß, Schritte knirschen und der Junge beginnt hinter dem deckenden Vorhänge einen JndianertanI. — Sie kommen, es ist fertig, es ist fertig! .- Was fertig ist,'weiß .Justl mcht; aber er merkt wenigstens, daß seine Worte eiügeschlagen haben; Sara ist aufgefahren. Schon! sagt fic; Mina schaut sie entsetzt an. Hermine küßt krampfhaft Lauras Köpfchen. Ein Schlüssel klirrt. „Das ist Papa!" schreit Justl bei der Tür; Papa tritt ein. — Also, was ist, Wilhelm? ruft Sara unwillkürlich. Aber Wilhelms abgehetztes Wesen besagt, daß die Arbeit, von welcher Art sie auch sein mag, noch nicht fertig ist. — Ich muh einen Brief von Bellonet liegen gelassen haben, keucht es unter Papas Schnurrbart hervor. —- Hab ich mir gleich gemacht, murmelt Sara; sie setzt sich wieder .und lächelt den zwei Pariserinnen zu. Papa trägt den Brief weg und öffnet die Türe gerade weit genug, daß ein magerer Neunjähriger mit durchschlüpfen kann. Draußen ist es Justl zunächst, als hätte man ihm einen Sack Gips anden Kopf geworfen. Es mutz sich auch jemand den Spaß gemacht haben, alle atembare Luft aus dem Hof wegzupumpen. Wer man gewöhnt, sich rasch an die Julisonnenglut der dritten Nachmittagsstunde. Das Gittertor ist zu, was in dem Kinde immer ein unbehagliches Gefühl erzeugt. Sonntäglich gekleidete Gruppen stehen auf der Straße herum. Die Leute scheinen recht. wohlgesinnt. Ein schmales Bubengesicht zeigt sich zwischen zwei. Gitterstäben, reißt den Mund bis zu den Ohren auf . vor Lachen üy-d winkt Justl zu. Man hört die scharfe, deutliche. Stimme einer Frau', die Aufklärungen erteilt: „Die Simler machen Inventur." Erst wie Justl die Türe des Magazins hinter sich schließt, atmet er auf. Mitten in einem, beruhigend.kühlen Mattdunkel steigt Onkel Joseph die eichene Rolleiter aus und nieder. Gr langt stückweis Tuch heraus und deklamiert mit zorniger Miene Nummern und Bezeichnungen,, die Puppeles Bleistift in ein schmutziges Wäschebüchel schmiert. — Schreib nur schnell, ich schreib es schon ckb. P L 828, General Prym 14, bist du nach? Prym 14, 760, die Ziffer in die letzte Spalte. Er trieft nur so, -das Hemd klafft bis «n den behaarten Bauch. — Was machst du da, dir Gauner? Schau, daß du... Justl läuft weg. Wieder taucht er in die Ofenglut, drückt stch.au der Jimenmauer entlang und schlüpft durch die Tür mit dem Eisengewicht in die Spinnerei. Kirchenstille. Die Spinnmaschinen schlafen zwischen Wen hohen Nädern . . die flachen Gleise strecken sich ihm wie Arme entgegen. Justl schwärmt für sie und für die steifen Spulröhrchen aus Pappe mit ihrem blank geriebenen Stcchlring. Er greift nach der unkörperlichen Masse, die in die Spulrohre hinunterhängt, weder Filz noch Faden ist und einem warm imb fettig in den Fingern zergeht wie > SpkmweA — Untersteh dich! sagt eine scharfe Stimme. OnkÄ Myrttl kommt hinter einem Spinnstuhl hervor, mtt Kapp, der ihm wie sein Schatten folgt, und einem der verdamntten Sterns. Der Onkel läßt das.Bordach seiner Brauen nieder und blitzt den kleinen Neffen au. Also wiederum in die Ofenglut. Lieber als tu die Weberei hinaufzusteigen und Großpapa vor die blutunterlaufenen Augen zu kommen, lieber itoch einmal das Gitter entlang Spießruten laufen! Als danrt endlich, ohne einen kühlenden Ltvsthauch, dieser grausatnc Tag enbet, kauert das Kind ktur noch älp armes Bündelchen im stickigen Schatten des Kessels. — Das ist ein auserlesener Beobachtungsposten; da hat man den großen Wellbaum der Maschine im Auge und die sechzehn Drahtseile, die darüber laufen und damt durch zwei Schächte nach oben gehert. An Wochentagen flitzen die Drahtseile, die Maschinenkraft zu verteilet. In Gedanken folgt Justl einem jeden Drahtseil, auf seiner gestreckten und dann wieder umgebogetten Bahrt. Er klammert sich art sie und läßt sich durch beit dunklen Schacht mitreißen, ivett darüber hinaus, ins Endlose, um darm wieder tu rasender Drehung zum Wellbaum zurückzukehrcn. Was ihm die Schweihperleit auf die Stint treibt, das ist nicht nur Hitze und Angst, sondern auch Stolz; denn wer da steht, wo die Transmissionen zusammenlaufen, steht im Herzen der FabrA. Und was hat eüt Inventar zu besagen, bei dem man an den fünfzehn Fuß langen Wellbaum vergißt? Wo überall Leute stehen, nur beim Kugelventtl nicht? Stimmen an der Tür vorbei. Er rutscht von feinem Ziegel-Schwitzkasten herunter und geht nach; er ficht dis Fabrikanten in die Kanzlet treten. Eine Minute später ist er im Dtagazin des'Onkels Joseph, an den hier nur noch ein Paar blochsteife Manschetten erinnern. Die Tür der Kanzler ist bloß angelehnt. Das Kind steckt die Nase durch, zieht sie aber rechtzeitig. zurück, um vom kleinen Onkel Blum nicht bemerkt zu werden, der die geringste Bewegung zu sehen pflegt. Ein tiefes Schweigert erfüllt den 9iaum, man hort uur ein paar starke Atemzüge. Vier Herren sitzen vor Blättern, die ganz schwarz smd vor lauter Ziffern; bei jedeut steht eüt zweiter und rechnet mtt. Ein leises Gebrumnw von Zahlen schwebt durchs Zimmer; manchmal sagt einer laut den Uebertrag, dann wendet er das Blatt und die Gebet-, mühle läuft weiter. Die Werkmeister sind schon fort'. Hchrrgens hatten sie Blusen angehabt und keine Zylinder.. Der HoUknecht starrt immer nur ans den N ücken der Säge, neigt nie den Kopf zur Seite, um zu sehen, wie weit er mit seiner Arbeit ist; solange der glanzende Rücken ihm die ganze Länge der Enge sorgfältig verbirgt, hält er nicht inne. Die vier Männer hier hatten auch nur immer auf den Rücken der Säge gestarrt, und nun, zrnn erstenmal fett einem halben Jahre, nahmen sie sich die Zeit, nachzusehen, wie ttef diese ins Holz gedrungen war. Das erkennt das Kind au dem Schweigen, das von diesen sieben Männern ausgeht, und noch an eüvas anderem, das ihm selber im Blute liegt. Es weiß nicht, wavmn ihm mit einem Male so seltsam schwach wird. Einer der Männer — es scheint Onkel Myrtil — macht „Ah" und stößt einen ganz hohlen Seufzer aus. Dann werben auch zwei andere mit der Addition festig, richten sich im Sessel auf rind warten schweigend. Jusün merkt, daß sein Vater ä& letzter mit Len Rechnungen fertig wird; das Herz krampst W ihm zusamnren, wie er seine stammelnde Sttmme hört, mit der Vater, in seiner Nervosität Fehler macht, die der Reine Orckel leise verbessert. Endlich wird auch er fertig. Gs dämmert schon. Die Männer stehen auf rmd treten an Hippolyts Lehnstuhl heran; dieser «isst die Papiere zusammen. Justin hat Angst. Ein Murmeln fächelt Wer diese zusammensteckenden Kopfe, es schwillt an und verstummt; wre-tvemr wer gestorben wäre. Hippolyt flucht halblaut. Es vergeht noch eures lange Minute. Dann erhebt sich eine fette, aber sonst bis zur Unkenntlichkett veränderte Stimme mit. der bebend tiefen Gewalt einer Kirchenorgel: — Gott sei Dank, Gott sei Dank, MyrRl Das Kind lauscht Lvie arrgenagett auf ein wirres Ge«, rausch: die Männer Rissen twüb umarmen sich, man AxvL Schluchzen. — Myrtil, Kinder. Asfroum, Jakob. BerthoM Der Greis zieht mtt mächttge» Händen ihre Schultern an sich; seüt Bart streicht kratzig Wer We Gesichter; Justin weiß nicht, ob damtt nicht alles zu Ende ist. Mer mtt unschöner JWelstimme schreit der Hinkende auf: Und . Sara, jvrr müffen's Sara sagen! Und wie ein Rcmbtierlaut int tiefen Wald erfüllt ein Schrei die beiden Zimmer und faßt das KindetWvz mtt zer-, reißender Gewalt: —> Sag' ihr, Berthold, siebzehlrtausrnd Frcmken in neun Monaten, und daß die Kinder werden seüt reich Me Könige; Sag' W's, BerchM, sag' MA