Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-11-14 · Heft 2772 (14.11.1926) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2772 (14.11.1926)
Date
1926-11-14
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981859--28161-3016169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AMv 10 Men, Sonndag Wie«« Moe-enzettmis 14. November W26 Nr. Z-W v^8 kvcn der Zeit LTfER ATURBEILAGE DER. ."WIENER MORGENZEITUNG- Sott Liebe ml Sh«. 3*ti Romane der Kart« MtchaettS. G« Vertag G. Siepenhener, Potsdam.) Die Romane der Karin Michaelis sind Kampfoüchikr. Sie roandeln das Thema Liehe und Ehe ab, um für Me Frechckt der Liebe gegen die Unfreiheit der Ehe zu kämpfen, den Kampf durch künstlerische Gestaltung in die Gecken der Menschen zu tragen und so seine Mmmnc zu nähren. Die Methode, mit der Karin Michaelis arbeitet, ist einfach: sie gestaltet LiAes- und Ehe- Wchale in ihren Büchern im Sinne ihrer Ueberzeugnng, fltt die sie zum Kamps aufruft. Man nennt das gemeiniglich Tendenz und glaubt damit ckn absprechendes Werturteil gefällt zu haben. Es trifft in diesem wie in allen anderen Fällen, wo es sich um wirkliche schöpferische Gestaltungskraft handelt, nicht zu. Denn Tendenz ist irgendwie, ob bewußt oder unbewußt, immer die Triebkraft dichterischen Schaffens, und sic wird um so deutlicher, je echter, überzeugter und überzeugender dieses Schaffen ist. Dadurch unterscheidet sich echte .Künstlersehast von der Ateratnrartistik, die fv häufig die Unfähigkeit kaschiert. Die Adethode ist einfach, wurde schon gesagt. Gerade das Einfache ist der künstlerische Wert der Bücher von Karin Michaelis. Sie verblüffen nie, aber sie zwingen. Auch „Gullivers Reisen" oder „König Lear" ober etwa die Geschichte von Saul und Samuel aus der Bibel verblüffen nicht, sie zwingen, kämpfen, werben und sind Kunstwerke. „Die beiden Hauptgründe, die die Frauen zur Ehe verlocken, sind der Drang nach Versorgung und Äe Angst vor der Einsamkeit. Die glücklichen Ehen gehen selbstverständlich nicht auseinander, aber die unglücklichen auch mfyt: aus Drang nach Versorgung und aus Angst vor der Einsamkeit." Das kann als „Programm" d» Karin Vttchacttsschen Bücher gefetzt werden; es steht 'am Schlnsse ihres Briefromans „Di-e sieben Schwestern", eines Buches, das sieben Frauen, Schwestern der Gattung Weib, ihre Ehen, ihre Lickbc, ihr Leid, ihre Furcht tmb Not, ihr Mitlech und Mitleiden schildert. Eine Art Lehrbuch, aber kein Lesebuch. Es ist das beste, das je über die Frauentage (-Abteilung Liebe und Ehe) geschrieben wurde. Weit mehr aus den „FamKienblattsiun" der Leser fircklltevend (was lern Vorwurf ist, denn je echter die Künfilerfchast, desto vickfälüger und absichtlicher muß das Können sein, und warum soll bloß die Unfähigkeit FamWenölatt können?) ist der Roman „Mette Trnp". Die Freiheit des Liebens (nicht Ai verwechseln mit dem Msthve „freie Liebe") wird an einer Frau dargestcklt, die bm Männer an sich gebunden hat. und ohne Ehe cm sie gebunden ist, dennoch frei, bis sie durch das Vorurteil der Welt, das sich so schnell ein Urteil anmaßt, zur Unfreiheit vechammt wird. Das Buch ist vom Pwblikmnsgeschmack aus sicher spannendster Unterhaltungsroman und ist dabei doch einer der besten si^ialen Romane der Gegenwart. Gleichsam als Idylle liegt zwischen diesen beiden Büchern das Krndheitstagebuch der kleinen Gunhild, das den TAel „Das Mädchen mit den Scherben" führt. Mt zartester Hand, wie sie nur eine Frau führen kann, wild Matt um Matt der Seelerchülken gelöst und aufgÄreitck, die ein junges Mädchenleben bis zu dem Tage, der Kind und 28ei& trennt, einschließen. Das Buch ist, so kompliziert es durchgeardeiiet fit, dennoch, tpk alles, was die Michaels schreibt, frei von jckiem artistischen Getue uvd — Bücher för die denkende k^rsu Die Wecke der großen Dänin KARIN MICHAELIS M&rre trap Roman 15. Tauatna - Dm SIEBEN SCHWESTERN Roman 15. Tamaend DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHERBEN Roman 8. Tausand DIE KLEINE LÜGNERIN Roman 8. Tausand Jtoder BMnneei E«tln«n Kt 1*1. S».—— GUSTA V RWPENHEUER VERLAG POTSDAM sagt an manchen Stckk« das letzte, was mm Menschen zu sagen ist, indem es das erste, das rchrsiv sagt — bt» Endliche. S. S. NEVER8CHEINVNVEN. -er »ritze Affe. Der Mgstc GalSworthy-Roman. (Paul Zfolnay-Verlag.) Me Forsyte-Saga witd fortgesetzt. Der Roman beginnt damit, daß Sir Lawrence Mont daran denkt, daß sein Sohn Michael noch kein Kind hat. Der Schluß ist, daß die Schwiegertochter Fleur einen Sohn bekommt. Sie wird sich fortab nur ihrem Kind widmen. Das bleibt allerdings nur Vermutung. Denn Fleur geht bisher mangels einer mütterlichen Beschäftigung nur in dem Tand ihres Heims, in ihrer halbsnobistischen Samurelwnt auf. Me Neigung $u ihrem Gatten, zu dem Verleger Michael, scheint in der verwöhnten Langeweile des modischen Daseins durch den Dichter Wilfried Desert Gefahr zu leiden. Jedenfalls fühlt dies Michael und die Eifersucht raubt ihm Sicherheit und Ruhe. Er hat sich aus der Kriegszert in Flandern eiu gut Stück Leichtsinn bewahrt, so viel, daß es wie Güte tvirkt. Seinem Geschiäftsdiencfr Bicket, der aus Sorge für die kranke Frau Bictvrine Bücher gestohlen hat und entlassen wird, zeigt er verstehende Milde. Das Schicksal dieses armen Burschen und seiner Frau, die in zärtlicher Liebe einander belügen, um zur Ausreise nach Australien zu sparen, ist eigentlich weit mehr der Kern der Erzählung als die Ehe Michaels und Fleurs, die von dem Sportsmann George Forsyte ein Bild geerbt haben, einen weißen Affen, der die Schale einer ausgesogencn Frucht in der Pfote vor sich hinhält. Beide beziehen das Bild auf ihre Ehe. Wie sich am Schlüsse ergibt, mit Unrecht. Ihre Pater, der alte Mont und der alte Forsyte (er heißt Soames) gehen nur so weit durch die Handlung, als es zu ihrer straffen Führung nowendig ist. Sie stecken in Politik und Geschäft, sind AufsichtsMe der Versicherungsgesellschaft, deren Direktor Eldörson sich durch deutsche Bestechung zum Betrug verleiten läßt und schließlich durchgeht. Den Schaden, den die Aktionäre erleiden, nehmen Soames und Sir Mont in einer virtuos gezeichneten Generalversammlung auf sich Grollend und erbittert geht Soames zu seinen Kindern. Wer alle ferne Sorge und alle Zweifel seines Sohnes schwinden in nichts, schmckzen in Zärtlichkeit, als sie heimkommen und Fleur im Schmerze der Mutterschaft finden. Mit einer unendlich feinen und zarten Kunst wird diese, manchmal sehr verwickelte Geschichte erzMt, wie Michael und Fleur, Bicket und Bictoriue, die mutt Ä)dodell steht, um sich etwas zu verdienen, schließlich aus aller Wirrnis und Dunkelheit wieder zueinander dämmen. Der Strom des Londoner künstlerischen ruck» politischen Lebens — der Sturz Mac Donalds ist eben erfolgt — zieht durch die Erzählung, niemals aber übertönt er die innige Wärme der an ihrer Liebe leidenden Menschen; das nnheiüwohende Zeichen des weißen Affen versagt vor der Treue und der Kameradschaft der aneinander Gebundenen und es wird dann vollends machtlos vor der Wiege des NMgeboreucn Jungen. Der weiße Aste hat auSgespielt. Kamps der Fr«. Gerte Urbanitzkyr „MtrjamS Sohn". (Verlag I. Engelhmms Nachfolger, Stut^art.) Der uralte Lebenskampf der Frau, daß ihr Kind «io ganz ihres ist, weil der Mann daran Anteil hat. In diesem Mampfe evheSbt die Frau ihr Kord zum Gott (um sich, ihre Lebenskraft, ihre schäpferiW Sehnsucht zu bejahen), und muß doch immer toicker erkennen, daß es nie ganz ihres ist und seine UergStttichung ein uralter Irrtum —> wie vielleicht jeder Gott ein Mpferisch-schnsüchtiger Fvauanirrttun sein mag, Diese Triebgebauten dev Frau hat die Wivrev Schriftstellerin Grete Urban itzky, di« sich mit HesimMhen. Gedichten und liebenswürdigen. Erzählungen und Romanen bereits «inen Namen (gemacht hat, ihren jüngsten Roman „M i r j a m s Sohn" episch zu gestalten versucht. Jas Amsterdam dev Brüder De (Mt, dessen WirtschofiSmacht die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden, die Po-rtugaloS, festigten, führt die Erzählung, Mirjam, et« fremde Magd, die im Hause einer Portugalensamitt« Aufnahme gestrichen hat, will dar Mann, von dem sie «in Kind «empfangen hat, nicht ehelichen, weil sie stas Kind äls ihres haben WN. Wer gerade die Unehelichkeit reißt Mirjams Sohn von der Mutter zu den Erniedrigt»» und Beleidigten. Ihnen, den Getreterwn, den Dirnen, den SchuldgesangnrrN Wird er zum Gott, für sie stirbt w dar (Opfertod das Revolutionärs und die Mutter — zerschlägt ans einem FvtckchofSdenkstein jenen Schmetterling, der aus dem Munde «jrres Schlafenden (oder Totenin die Unendlichkeit aufzusteigen schien. Mrjam hat ihren Irrtum erkannt: der Mann, den sie in ihrem Kind, ihremtzum Dternenstug bestimmten Kinde tot gewähnt hatte, hat ihr den Sohn genommen. Ein Teil der Liebe 'nur ist Menschenliebe. Das Buch ist stark reflexiv geschrieben (oft macht es M der Komposition den Eindruck bövußt modern-sozialistischer Auslegung der Chrifiuslegende) und schildert, merkwürdigerweise gerade in den revolutionären Stellen mit geherrschter Zurückhaltung, das Geheimnis der Frau, das die Frau, auch ivenn sie Innerstes, Außerordentliches enthüllt, nie ganz prviSgibt. —tz. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. DaviS Trietfch: Die Fassungskraft Palästinas. (Verlag Dr. R. Färber, Mährifch-Lfftvau.) Unmittelbar wach der Erlassung der Balfour-DokilLration entspann sich, angeregt durch einen äußerst pessimistisch gohaltenon Aufsatz des HrstoriiikerS Philippsohn, eine Dis'kuftion über die Frage der Kapazität Palästinas, an der Prarelfor Marburg, Professor Ballob, Ing. KapLansky und Davis Lr.'.ctsch te-iLn>a>hmen. Heute ist unserem Erachten nach diese Frage nicht mehr aktuell, viel-mehr wäre lediglich jenes Problem zu Üchandsln, welche SiMuugS- Methode die geeignetste ist, um innerhalb kürzester Zeit üine möglichst gtofre Aazahl von Meuschen in Palästina seßhaft zu machen. Die vorliegende Broschüre TriedschS ist daher «äs verspätet anzusehen. Mit Recht hebt Trictsch hervor, daß das Problem der Fassungskraft Paläsiiuas eine theoretische uard emo praktische Seite hat. theoretisch geuonrinen mag vielleicht — was noch zu untersuchen wäre — foic Ansicht des Autors richtig sein, daß Palastinci eine in -lic Milliarden gehende Bevölkerung zu ernähren in der Lage wäre. Was jedoch iKe Beantwortung der praktischen Frage anbelangt, so evscheint die Davstellunag Triotsch's äußerst mechaniftiich. Er er.Mrt wohl, daß „Palästina jeder für unsere Zwecke irgendwie in Betracht kommenden Bevölkerungsdichte fähig sei und daß dre Grenze bei den Menschen, bei ihren Methoden und 'bei den Geldmitteln, die auf rentabler Basis auszubringen sind, liege," ohne jedoch selbst bei der Behandlung der praktischen Sorte der Fassungskraft Palästinas irgendeines dieser Mauren te z» b^ücksichtigen. Die beiden Zitate, die Triedsch zum Nachweis dafür heranzioht, daß Palästina schon in der ältesten Zeit auf nicht ganz einem Dunam eine Familie ernährte und daß in der Nähe von Diberias eine bedeutend größere Siedkunysdichte vorhanden war, als die von unseren heutigen Kolonisatoren angeistrebte, halten wir für nicht beweiskräftig. Das erste Zitat illustriert keinen allgemeinen Zustand, das zweiite staimurt von den: Hiistovitkor Flavius Jo sephuS, der ebenso wie die ganze Geschichtsschreibung seinerzeit ja des ganzen Altertums in Zahlenangabcn fast immer übertrieb. Diese Etnwände gegen Tvietsch sollen aber nicht sagen, daß die heutige Art der Kolonisakionstätigkeit oder die von Dr. Ruppin in Vorschlag gebrachte, die einzig richtige sei und daß die Anregungen Trietsch's als utoptstffche zu verwerfen wären. Wr können nur auf jeden dieser Pläne insoferne Rücksicht nehmmsn, als^ zunächst der Versuchs im kleinen geuiacht wird und das geschieht ohnehin in der Weise, daß das SoWn'sche Projekt soeben in Angriff genommen wird. Mchtsbestoweniger wind man auch diese Arbeit Tvietsch's, wie alle seine bisherigen mit Interesse lesen. L. G. Die erste deutsche Hams-MtEiographie. jCiari Davis Marcus, Dozent der nordischen Drtvvatuvgeschichte an der Universität Berlin' laßt im Hören-Verlag, Berlin, dle erste deutsche Biographie Knut Hamsuns erscheinen. Li elbevoll wird hier der Lsbensgang des menschlich sehr spröden Dichters behandelt und eine tiefgründige Analyse seiner Werke gegeben. Eine Reche seltener Bilder aus des Dichters - Leben , und Landschaft schmucken das Büch. BF5'1;is^n Der grofje jüdische Erzähler Schalom fisch fHfirt uns mit mächtigen Schilderungen indischen Lehens and Leidens, amtand leidvollen Bildern der jüdischen Geschichte, In das osteuropäische Ghetto, In das riesige Judenviertel von New-York, die vielen Stationen der jadleohen Wanderung (Spanien, Italien, die Rheinlande, die Ufer der Weichsel) In seinen ergreifenden Romanen Der elektrische Stuhl Dl« Zauberin von Kastilien Ein Glaubensmartyrlum Mottke. der Dieb Onkel Noses. Urei« pro Band broaob, 8 8n—, gebunden S S —. Buohhuidking und Verlag R- LOWITt WIEN K. RotenturmetraBe 22. Pleieohmarfct 1. ui

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.