Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2769 (11.11.1926)
- Date
- 1926-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2769 Mm , Domrersktg Wtener Morgenzettrnrg t'1. November 1626 IKite Z Tagesbericht. Sasel. Im UitigUck erkennt man die Freunde. SisAurrmd BojÄ erfährt es an sich. Er hat keine gute Presse. Er lvar eiirmal ein Großer; seine Anfänge und seine Laufbahn setzten ein Heer von nachdeMichen Zeilen- Fenilletonistsn in Kost. Er war — was war er doch alles: sin klAhner Finanzrrtter, ein neuer Stürmer, sin römischer Senator, der Mann ohne Nerven, das Genie der AMtrvgomyschine. Bon allem ist nichts übriggMieben -mrd die Presse, dm vor chm int Staub gekrochen ist, rechnet ihm heute alle Sünden vor. Ms es im Interesse der BevKlkevimg notivendig war, sich BosÄs Geschäfte näher zu besehen, da hatte der. Gewaltige alle schreib-, lrnft sachkundigen Federn an der Leine. Das ist honte anders. Die SchreL- und Sachbnndigen haben sich umgestellt. Ms die ,Wiener Movgenzeitüng" inohrmäls Basels Dun und Treiben analysierte, Web sie nicht nur vereinsamt. Nenr, von der jorrvnalvftlschett Garde BosÄs wurde sie verfemt, und der 'inzwischen ermordete Bettaueierzählte harurilos die ihm eingegebene Infamie von der an Bvsel versuchten Erpressung weiter. Und im Gerichtssaal — man erinnert sich noch an die demütige Revokation Bettauers — machte sogar ein Rechtsanwalt die Bemerkung, die Kritik an BofÄ habe dem Kredit Oesterreichs geschadet und sie sei sogar Landesverrat... Bösel ist aus den: Milieu, des Handels mit altert Kleidern gekommen. Er hat im Kriege dorn Staat sogar gute Dienste geleistet, als man die in den Flüchtlingslagern Schmachtenden Versorger: uvußte. Die Lagerbestünde in Wien, in Proßnitz, in Reichenberg waren geleert und Basel hatte den guten Einfall, von Budapest den Rückexport der nach Ungarn gewanderten Hosen und Röcke auf Dortcmschiffen zu organisieren. Die Polizei Tiszas fuhr dazwischen und BosÄ hatte acht böse Tage in Budapest zu verbrirrgen. Er kam nach Wien Kuriück und nun begann sein Aufstieg. Don der Leopoldstadt ging er auf den Rrrdolfsplah, und von hier 'bahnte er sich den Weg via Schottenving auf den Friedrich Schmidt- Platz. Zehntausend entzückte Zuschauer begleiteten ihn mit hochachtungsvoll geöffneten Händen. Basel war nicht knauserisch. Er gab den Schwarzen und den Roten. Er leigte sich einen gewesenen Gesandten der Monarchie als Mmosenier zu und zahlte. Für gute Ratschläge, für Lob und für Drohungen. Basel, der Sohn eines ehrenhaften Meinkaufmannes ans der Schaffner Kille, wurde ein scheu verehrter Begriff. Für die einen, die gemarterten seWierten jüdischen FWich'Nnge wurde er der Döann, der es zu etwas gebracht 'hat. Mr die Bskomrer der Weisen von Zion wurde Bösel der Repräsenicntt jüdischer Art. Er lvar nichts weniger ckls das. Sein Uudentnm ist nichts als Beharren; als Angst vor dent strengen Vater und eine aus der Kinderzeit stammende Sympathie Mr MazzesknödÄ... Völlig unbeachtet aber ist feilte Jiolle auf einem Gebiete gMieben, dem sich sonst in Oesterreich so v:Ä Aufmerksamkeit zuiwendet. BosÄs Transaktionen waren nur dadurch möglich, daß ihm die öffentliche Meinung, respektive ihr Organ, den Rücken deckte. In der Beherr- Habima. Bon Sammy Grouemauv, Berlin. „Trotz Neinhart und Jeßner das bedeutsamste theatralische Ereignis," schreibt ent führendes Blatt der Hauptstadt — in „Ehrerbietung" entbietet Max Remhart seinen Gruß — der gesürchtetste Kritiker Berlins erklärt, im Innersten durch einen Theaterabend so aufgewühlt zu sein, daß es ihm den Schlummer geraubt habe. Hundert« in Schnsucht nach Erhebung und Schönheit Vergehende umlagern allabendlich das Theatergebäude, von der vagen Hoffnung getrieben, doch noch in das überfüllte Haus irgendwie hineingelangen zn körmen, unter ihnen Gelehrte und Künstler von Weltruf, um derer: Besuch sonst jede Kunststätte sich reißen würde. Uiü> das alles um eures Theaters rmllen, von dessen Sprache nochrricht ein Tausendstel der Berliner Einwohnerschaft auch nur ein Wort versteht — das einen KunstM Pflegt, der neu, unerhört urtd unverständlich auch für die Mehrzahl der Intellektuellen erschien, das größtenteils Stücke aufführt, die kein Repertoire der europäischen Bühne, kennt, aus Iveltenfernem Milieu, aus frenrder Gedanken-- und Gefühlswelt. Es erscheint oin Wunder! Wer hätte, bevor es Tatsache wurde, das für möglich gehaltert. Man begreift, daß die in Deutschland winzige, selbst unter der: deutschen Juden doch rwch kleine Gemeinde der Hebraisten dieses Theater freudig begrüßt, das die uralte Sprache zu neuem Leben erlveckt. Aber daß allern Hebräischen und Jüdischer: Weltcnfertw, daß nicht nur linksliberale Führer, die jedes hebäische Wort aus dem Gottesdienst zu tilgen suchen, daß deutschnationale Blätter, die, von deutschvölkischen Belangen ausgehend, für jüdische Werke sonst nur Spott und Verachtung haben, in Ehrfurcht sich vor dieser Erscheinung beugen, grenzt an das Unerklärliche. Und es ist letzten Endes nur so zu erklären •— und wie beglückend in unserem Tagen ist diese Erkenntnis! — daß im Tempel wahrer Kunst die Wafsrn schweigen, daß hier doch etwas da ist, fchmtg dieses Orchesters hat sich Mosel als ein Meister gezeigt, und in allen Moralprozessen, zu denen sich der Herr Staatscmwv.lt bereit fand, wurde Basels Ramc genannt. Jede Schmutzaffäre dieser Art führte ivgend- >me zu dein gewaltigen Herrn Präsidenten der Nniombarrk. Jetzt ist ferne Zeit zu Elche. Er Ort die .'Schlacht voit Verduit verloren, er barrt ab uu-d er wird nrutmer unter deir Anwesendett bemerkt werden. Es sei denn im Ge- «chtssackl. Er kÄhrt wieder in das Milieu zurück, aus denn er nicht hätte entfliehen sollen, zu den alten Kleidern. Seine Freunde. die hraven Lobpreifer im Feuilleton und im Handelsts'rl sind böse. U-eber kurz oder lang wer- - den.sie fragen: .Wer ist Bosols Unwetterlatastravhe«. W« Otfatt in Washittgton. Wastpngtml, 10. Roveiuber. Die Umgsb-img von Wais hing ton wurde am Dienstag Nachmittag von einem heftigen Orkan herurges-ucht, der in La Plaba lA^aryland) das Schivlgöbäude und verschiedene Privatwohnmugen zerstörte. Die Angaben Wer die Zahl 'der Toten und Verwundeten lautet: widersprechend. Bei Anbruch des Sturmes waren 76 Kruder dem Schuil- 'hause anwesend, das nach MitteiLungen von A-ugc»lzeugen wie ein Stück Papier zerknittert wurde. Wenigstens 1'4 Personen sollen nach der: letzten Meldungen getötet worden fein, darunter 12 Ki nd e r. Der Ausbruch des Vulkaus Zzaleo. San Salvador, 9. November. Aus dem kürzlich austzebrochenen Vittkai: I z a il c o fließt ein WO Rdeter breiter Ladestrom hetDor, der die ganze Umgebung des Berges verwüstete. 67 Perfolren haben hiebei den Tod--gefunden. Ser wirtliche Robiusa«. Das Ende der Robittson-RoMmtis. Der englische Historiker Professor Roste veröfftmt-- licht jetzt ein Buch über die Urgeschichte des „Robütson Crusoe", das geeignet ist, der Rvbinson-Ronmnttk ein grausames Ende zu bereiten. Er stellt fest, daß das Urbild Robinsons, Alexander Sel k ir k, nach seiner Rettung beim Schiffsuntergang Seetr äU-b er toüttre und lange. Zeit ein Kaperschiff in der Südsee befehligte. Er. sammelte dabet ein recht erhebliches Vermögen, das er jedoch, nach England zurückgekehrt, innerhalb weniger Wochen vertrank. Er schrieb dann, um wieder zn Geld $u kommen, seine Lebettsgeschichte auf, die übrigens lange Zeit eine der wertvollstei: Unterläget: für geographische Forschungen bildete. Dieses Manuskript hat ihm Daniel Dcfoc, der Verfasser des Robinson-Romans, a b geschwindelt, um es erst dam: in seiner moralisiere,wen Umarbeitung zu veröffentlichen, als der' Verfasser, um seine Hoffnungen betrogen, wieder zur See gegangen war. SeMrk selbst blieb von da ab verschollen. das Gegensätze überbrückt, Feinde einigt und in gemeinsamer Andacht und Erhebung alles Gemeine bändigt und schwinden laßt. Ich sage lvohlLenmßt. „Andacht". Stach Fallen des Vorharrges herrscht fast stets sekmchen-, fast minutenlang geheinrnjsvoll andächtiges Schweigen, bis dann erst, zaghaft fast, fürchte,w, den heiligen Bann zu brechen, hie und da sich Hände regen, dann der Beifall einsetzt und bis zum Orkan sich steigert. Man scheut sich, wenn die feierlich-goheimnisvotten Klänge geendet, mit profanen Lauten das Schweigen zubvechep. — Ms den: Zentrum der U. b. S. S. R. ftnb sie gekommen, aus dem dunkle:: Nebel, der für Westeuropa noch sich um die alte Zarenstadt ballt, tauchte diese seltsame Schar auf. Kunde flog ihueu voraus, die Unerhörtes ahnen ließ: Max Chagall erzählte exstatisch von der heiligen Weihe, die auf ihren — Proben ruhte, Maxim Gorki sang Hymnen der netten Kunst, aus Moskau kehrende Reisende meldeten skeptischen Hörern, daß dort in der Mgeschlossenheit von allen europäische,: Einflüssen ,n,d Zeitströmungen Entzigarttges sich begebe. Und nun habet: wir sie geschaut, die Leute von der Habima, wie sic ihren heilige,: Die:,st versche,,. — Die ungeheure Inbrunst, rnit der an jeden: Abend selbstvergessen, jeder sich den: Ganze:: unterordnend urtd znm Ganzm strebend, sÄbstverlcugnend und ihr Bestes, ihr Herzblut, opferrch, eigenen Ruhm und persönliche,: Erfolg hintansetzend, diese Priester ihr sakrales Werk zelebrieren, läßt in Ehrfurcht erschauert:. Da sind Tragöden hoher Stufe, köstliche Sänger, glänzetchc Humoristen und wundervolle Tänzer, aber keitrer drängt sich vor, keinem ist es gestattet, auch nur eü:eu Moment mehr sich ms Licht zu setzen, als es die Harmonie des Ganze,: verträgt, ein einhoitlich gefügtes Bild entsteht, köstlich in seiner Fachensreüdrgkeit, in seiner musikalischen Wtönung, seinem architektonischen Gefügt Vielleicht das Herrlichste, was sie bringen, ist der „Ewige Jude"". Diches Bild .des vom lustigen Volks- , LBwenfranzbrannfwelit \ mit Menthol j \ durch seine vo.r tref flicfes j I Zusammensetzung über* trifft er alle andren Fabrikate! s^matko. öeberall erhältlich. OOCSOCSOOOOQGQaQOOOaOOQQOOOOOOOeXSOQ^OQß^ Äu chiuMher Sabmw. Es wird interessieren, zu erf>K>ren, dstst der Ü'lcne 5lÄ,rig 3 a i o oit o, der mrch steute noch seine Gegenspieler findet, mit 'seinem t^ftenden, Kngen Urteil nicht allein daifteht. lieber M00 Jaidae alte cf> i n c - si sche. H a n'dschr i.ft c n zeichnen ^««gen-de 'Erzlibl U'Ng auf: Tschin-'Fo verlor durch Unglück sein Vermchpw ntrd sah sich außerstande, sich und sein treues Weib Tschin-Lt im Lande zu ernähren. Er ging in die Freinde und ließ die Gattin als Magd de: einen, Reichen zurück. In: Ausland fand Dschrn-Foübard einen amskömntlichen Posten, leibte sehr sparsan, nnd konnte sich schon nack) kurzer Zeit eine kleine Suurme zuviicklogen, die er gern seiner Frau senden wollte. Ein sals'cki'r Freund versprach das Geld zu iiverbriilgen. .Tlchin-Fo arbeitete strebsain ivester, sparte -sich wiederum ein Sü-mttchen und ließ es <rbern,a'l.s durch den reisenden Karrsnmnn, &t'm ungetreuen Freund, Tschin-iLi znkoin men. Um ganz sicher zu gehen, zeigte der Betrlüjger de: seiner Rnckkckhr auch einen gefälschten 'Sries. Tschin-Lis vor, in dem'diese den Gatte uz, n weitc-nt'n fleißigen Arbeit anspornte und versprach, das Geld .velhl zu vcr» tvapren. So verflossen rushrere Jahre, in denen Tsctzil:->Fo oft Geld vurch 'den betrügerischen Freund an die Gattin sarvöte und von i.hr viele vorgetäuschte Briese erhielt. Aschin-Li hatte, va sie nieruals seit der Abreise «des Gatton ein'Lebenszeichen von ihn: HÄomrmen -hatte, den Werbungen ihres Dienstherr,: Liang-Sun naä)gege!ben. und rhu: die Hand -ziu-nr Gheibund gereicht. Die Pest brach in das Land ein und raffte auch den betrügerischen Kaufmann dcchin, dem Dschin-Fo. seine Ersparnisse anve.rtraut hatte. Ehe es ans Sterben ging, hatte. - der falsche Freund jedoch >,:och seine Mr-tat beichten können. Dschm-Fo reiste daraufhin sofort in die Heimat mrd klopfte zuerst bei dein früheren Dienscherrn der Gattin an, nur Muskunft über den Verbleib von DMn-Ki zu eMatten. Ms Liang-Grm ihnr imwir-sch die Äir wies,, ging der Hemlgekehrte, uachdenr er vor: den Nachbarn über die zloeite Ehe seiner Frau tmterrichtet 4vacden war, zmn RickKer und klagte. Der ind Liang-lSun vor und fragte ihn, ob er 'die Frm: hermisgeben wolle. Tschin-Li bekannte sich sofort zu ihrem ersten Mann wch brach bei seinem unerwarteten Anblick kt heftiges Weinen aus. Liang-Sum weigerte sich lhartiräckig. Der Richter vertagte den Streitfall, hieß die beiden W.nner an: nächsten Tag wrederkommen und behielt TWin-Ll im Gefängnis zurück. Am folgenden Bomrittag onchftng er Tschut-Fo und. Liang-Snn mit der Mitteilung, daß sich Tschin-Li aus : treiben belebten palästinensische,: Marktes, in das ^plötzlich die Ku:ü>e vom Fall Jerusalems schlägt, bleibt unvergeßlich. Was ans alten Schafte,: nebelhaft auMeigl, wich lebendig; das am Boden liegende jamnternde Volk und in seiner?)titto der Prophet, zürnend und strafend und da,m zu neuer Hoffnung aufriufend. Oder der Dybuk! Beim Dybuk traf ich zum dritten und vierten Mal Männer/ die ich nie im jüdischen Kreise tlnzutrefftn erwartet hätte, Getaufte und Leute von der Bank der Spötter, die hach . verschämt zugestanden, daß alte, lLngst verschlossene Türen ihres Herzens sich geöffnet hätten. * Övwas so Unerhörtes wie das ,nystische Ballett des zweiten McS war kaum je zu sehen, dieser Tanz der Bettler und Krüppel, des Hungers und Elends vor der Tür« des Reichen. Herrlich die Rowina, wenn um sie der Tanz bratwet, es erhebt sich ins grandios Symöoiisch?, wie die Schönheit und Reinheit herab gezerrt >uird in Schntutz und Glend. Und die RevvlntionZära rrird lebendig, der Aufstieg dos Uuteridrdischen. Wie uürd Lciivil's „Golem" zum Syrnbol. gesteigert, wenn der Messias vertrieben und der hohe Rabbi Lölv an seiner Gvttähnlich koit verzweifeltü» den in: Ebenbild des Atonschen aus Lehm geschaffenen Helfer' ins Nichts versinken läßt. Woher die Hilfe? Woher der Retten? tönt der Ruf des lvahufinnigeu Tauchum. Die Habvna hat kurz, allzu kurz veriveilt. Aber es ist gut so, daß sie ihren Weg über den Erdball tveüerschreitet, Kuttte von neuer Kunst und allem Bolkstwn tragend, antiker ktassisther Bühnenkunst Bilder lebendig „rächend und sie verbindend rnit allernrodernsttr Kunst biblisches Wort u,rd uralte Kunde znnr Leben erweckend und beu Weg weisend in eme neue Hofftmrrg mä> neue. Atenschlichkeir, ihren Weg, der sie klar und betvußt zu der Stätte Zions führt, von der die Lchre ausgGsn soll. Und vielleicht wird von den: alter: Volke, das die Offenbarung der Ethik gebracht, auch eine Off^ubarnug der Kunst kommen. Ehren wir m:sere PPüWten!