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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-09 · Heft 2767 (9.11.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2767 (9.11.1926)
Date
1926-11-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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9h. 2767 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeilung 9. November 1926 Seite 5 Be JÜDISCHE WEIT Icit außerordentlich gerührt habe, und wünschte dem Chasan, er möge sich auch in Palästina glÜMch fühlen Aar Alexander II. als giddlschlft. In den jetzt irr Fortsetzungen erscheinenden Memoiren des vor ungefähr zwei Jahren verstorbenen Moskauer Oberrabbiners Masv, der während seiner langjährigen öffentlichen Tätigkeit eine bedeutende einflußreiche Stellung im alten Rußland innehatte, wird eine hübsche Erinnerung wiedergegeben, wie Zar Alexander II. für die jiddische Sprache gegen die hebräische entschied. Maso gibt hierbei ein Erlebnis des Begründers des „Hameliz", des hebräischen Schriftstellers Zederbäum wieder, das ihm dieser erzählt hatte: Zederbaum hatte ursprünglich die Absicht, bloß eine hebräische Zettung herauszugebcn, doch rieten ihm seine Freunde aus den damaligen jüdisch-literarischen Kreisen, zwei Blätter herauszugebeu, und zwar ein hebräisches und ein jiddisches, wobei sie davon ausgingen, daß die jiddische Zeitung viel mehr Abnehmer finden würde als die hebräische und daher auch das eventuelle Defizit der hebräischen Zeitung decken könnte. Zederbäum befolgte den Rat mW entschloß sich, den „Hameliz" in hebtüischer Sprache mW unter dem Titel „Kol Mewasser" ein zivcites Blatt in jiddischer Sprache herauszugebeu. Die Erlangung der Erlaubnis zur Herausgabe von Zeitungen in jener Zeit war jedoch durchaus nicht so einfach. Zederbaun: legte einen. Frack an, begab sich zu dem damaligen Verwalter des Bildungswesens in Odessa, dem berühmten Professor Piro goss, dessen Jiwenfreundlichkeit bekannt - war. Nun erzählt Zeder- Laum: „Pirogoff empfing mich sehr freundlich und begann mit mir über das jiddische Blatt „Kol Mewasser" zu sprechen Er erkundigte sich, ob ein solches Blatt überhaupt notwerwig sei und wieviel Kapital man dazu brauche. Seiner Ansicht nach ist das Hebräische die Quelle der jüdischen Haskalah, der Aufklärung. Kaum kämen Juden zum Bewußtsein, daß Wissenschaft und Bildung notwendig seien, beginnen sie fremde Sprachen zu lernen; sie erlernen sie sehr rasch und vollständig, lernen die ausländische Literatur keimen urw komplettieren auf diese Weise das, was in der jüdischen Literatur fehlt. Beweis hiefür sei die Erfahrung, die in Deutschlcnw, Frankreich, Englarw und Belgien gemacht wurde. Die Juden in diesen Ländern haben den Jargon ganz vergessen, und selbst in Holland, wo die Juden zu allererst enrarrzipiert wurderr und sich durch besonderen Konservativismus auszeichnen, ist der Jargon bereits völlig vergessen worden. Daraus gehe am besten hervor, daß zwischen dem Volk und dem Jargon gar kein wie immer gearteter nationaler,»religiöser oder historischer Zusammenhang bestehe. Und das, was in anderen Ländern eingetreten ist, wird auch in Rußland geschehen: Der Jargon wird in der Zukunft untergehen. Ich antwortete Pirogoff," erzählt Zederbaun: weiter, „das die. Jargonliteratur den jüdischen Massen, die Hebräisch nicht verstehen, dazu verhelfen werde, sich dem Aufklärungsgedanken der Haskalah zu nähern. Pirogoff erwiderte aber darauf, daß das eben eine, gefährliche Sache sei, weil durch die Verschönerung und Verbesserung der Jargonsprache ihre Lebensdauer nicht.verlängert würde und die Juden brauchten diese Sprache nicht. Er befürchte, daß der Jargon die hebräische Sprache, die alle Juden und auch die gebildeten Christen achten müßten, weil die großen Bücher der Propheten in ihr geschrieben wurden, verdrängen werde. Schlreßlich erklärte ich, daß beschlossen wurde, beide Blätter herauszugeben,, und bat ihn, das Gesuch nach Petersburg weiterzuletten, da nach den damaligen Gesetzen eine Bewilligung für die Herausgabe eines Blattes nur mit Zustimmung des Zaren erteilt toorden dürfte. Ein bis zwei Monate' später", schloß Zederbaum seine Erzählung, „ließ nrich Pirogoff Holm und las mir den Bescheid Alexander II. vor. Den Beschew schrieb der Zar eigenhändig an dm Rand meines Ansuchens; er lautete: ,Jch halte die Herausgabe eines neuen Journals in hebräischer Sprache für ü b e r f l ü s s i g, da die Indm mit Ausnahme der Rabbiner das Hsbräische schon fast ganz vergessen haben. Das Erscheinen einer Zeitung in jüdisch-deutscher Sprache hingegen hatte ich für sehr nützlich, um durch sie die Juden zu bilden und vom Fanatismus $v heilen. Im übrigen aber cntschewet, wie Ihr r! au Ort und Stelle für gut findet? Auf Grund dieses kaiserlichm Handschreibnrs erhielt Zederbaum die Bewilligung Herausgabe sowohl des ,?hamaliz" wie auch des „Kol Wewassor". Reue Wische Mitglieder im Ksugreß der Bereinigten Staate». Der G^g v.f Demokratischen Partei bei den Wahlen zürn Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses hat die Wahl von zwei neuen jüdischen Kongreßmitglied e ru, die auf der demokratischen Liste kandidiert haben, gebracht. Es sj»w dies Doktor Wil. Sirovitchi und William W. Cohen. Außerdem würden drei frühere jüdische Kongreßmitglieder auf der Liste der Denwkmtischen Partei wiedergewählt, und zwar Emanuel Celler aus Brooklyn, SamUel Dickstein aus New- Uork und Sol. Bloom. Bei den gleichzeitig stattgefundenen Wahlen in hohe Aemter wurden die folgenden Inden gewählt: Alfred Frankenthaler (Demokrat) znnr Richter am Obersten Gerichtshof von Manhattan; Benjamin Cowozo, früher Richter anr Newyorker Appellationsgericht, zum Mitglied des Oberste,: Gerichts; Max S. Levine, zum Richter des Court of General Sessions; Abraham Greemberg, zum Mitglied des Newyorker Staatssenats; ebenso wuvde Leonard Lipkowicz znm Staatssenator wiedergewählt. Die drei tviedergewählten Kongreßmitglieder haben tvührend der Legislaturperiode des letzten Kongresses eine hervorragende Tätigkeit zugunsten der amerikanisch-jüdischenJnteressen ausgeübt. Kongreßmitglied Emanuel Celler ist Präsident der Bereinigten Jüdischen Unterstützungsvereine. Er stand an der Spitze der Opposition gegen die Vorschrift der Fremdenregrstrierung. Kongreßmitglied Bloom ist ein begabter Baumeister; er war -einer der Erbauer der Waltnusstellung in Columbien und hat mehrere der berühmten Theater am Broadway zu Newyork erbaut. Kongreß,nitj glied Samuel Dickste:,: war schon in verhältnismäßig s jungen Jahren Stadtrat von Newyork, wurde sehr bald in die Newyorker Staatsversammlung entsandt und fungierte zeitweise als stellvertretender Staatsanwalt von Newyork. Er ist der Jinitiator des Koscher-Gesetzes des Staates Newyork, laut welchem alle diejenigen Geschäfte, die die Aufschrift „Koscher" auf den Gefchäftsfchildern angebracht haben, mit hohen Strafen belegt werden, wenn Sie Nichtkoscherwaren feilbieten. Er ist Mitglied des Einwanderungskomitees der Repräsentantenversanrinlung und ist in dieser Eigenschaft sehr für die Sache der jüdischen Eimvanderer cingetretm. Oberrichter Benjamin Nathan Cardoza wurde als unabhängiger Kandidat von Republikanern und Demokraten gemeinschaftlich zum Oberrichter gewählt. Er tvurde 1870 in Newyork geboren. Er ist der Verfasser hervorragender juristischer Werke, die an allen amerikanischen Gerichten maßgebend sind. Die jüdischen Stimmen in Newyork gaben auch den Ausschlag für die Wiederwahl des bisherigen Gouverneurs . von Newyork Al. Smith. Er ist Katholik und war stets ein warmer Verteidiger jüdischer Interessen. Er wird wahrscheinlich Lei der nächsten Präsidentenwahl der demokratische Kandidat sein. An seiner Wahl zum Präsidenten haben die Juden schon deshalb ein Interesse, weil durch seine Wahl mit dem Vorurteil gebrochen sein tvürde, daß ein Katholik oder ein Jude nicht Präsident der Vereinigten Staaten sein kann. Gouverneur Smith tat , sich bei der Durchführung des United Palestine Appeal hervor und sandte zur Eröffnrmg der Hebräischen Universität ein Begrüßungstelegramm. Eine „Sangwill-Kolonke" in der Ukraine. In einem Bericht gibt, wie un°> .ins Newyor'. berichtet wird, David Brown (Joint) bekannt, daß schon in der allerletzten Zeit im Zuge der jüdischen Kolonisation in der südlichen Ukraine eine jüdische Kolonie gegründet werden wird, die bat Namen des verstorbenen jüdische:: Schriftstellers Israel Zangwill führe:: wird. Bezeichnend für die Verhältnisse ist dir Entstehungsgeschichte dieser Siedlung und ihre Benennung: Der Präsident der vereinigten jüdischen Hilfsorganisation in England, Dr. Jvchelmann, bekanntlich einer der intimsten Freunde Zangwills, hatte sich an die russische Regierungsorganisation für jüdische landwirtschaftliche Siälunger: „Komzet" mtt dem Antrag aus Gründung einer Jsrael-Zangwill-Kolonie gewandt. Dic^ ser Antrag wirrde von den Soivjctbehörden damit erledigt, daß sie gegen die Benennung einer jüdischen Kolonie nach Israel Zangwill nichts einzuwenden hätten, wenn an Gründungstosten 60.000 Dollar erlegt würden. Da die englische Organisation Jochelmanns allein diese Surnme nicht aufzubringen vermag, habe nun, berichtet David Broivn, der amerikanische Agro-Joint die Garantie für den Erlag der 50.000 Dollar übernommen, so daß nunmehr der Gründung der Jsrael-Zangwill-Kolonie nichts mehr im Wege stehe. In dieser Kolonie werden zunächst 75 jüdische Familien angesiedek' werden. mno oieier 2age o:e ^e:er oev wrunopemi.egung zu .eurer neuen Synagoge statt, deren Baukosten von dem Großhändler und Philanthropen Jamin Ben--Ha rusch in Melilla- Aus Newyork wird uns gemeldet: Der berühmte Chasan Seidel Rowner, der seit vielen Jahren in Amerika lebt, beschloß, nach Palästina s übersiedeln und dort als Kolonist zu leben. Vor seiner Abreise wurde er vom Präsidenten Coolidge empfangen. Die Vorstellung des Chasan besorgten das Kongreßmitglied Abgeordneter Nathan Perlmann und der Richter Milton Straßberger. Chasan Rowner, mit dem sich Präsident Coolidge längere Zeit unterhielt, sagte, er wolle, bevor er in das LLand seiner Väter übersiedlc, dem Pväsidertten der Vereinigten Staaten seinen Dank aussprechen für die glücklichen Jahre, die er in Amerika verlebt hatte. Chasan Rowner überreichte dem Präsidenten eine seiner Originalkomposittonen über ein Kapitel der Psalmen, die er mtt einer Widmung an den Präsidenten versah. Coolidge versicherte, daß ihn dieses Zeichen von Dankbar- W W \/ \s. WJ,w :'W /v /yy\ /v;/v /\,y\./v/\^Ayv /\ /v /v-/v /v /v **■ OOOCXXXXX900000000000000000000000CXXXXX3 SU fr 2, 3 rufen werde. in der &}iiefkewac0kv®emme R LÖWIT / WIIN 1. HatenluvnnsUfaile Mw. 22 OOOOOOOOOOOQOOQCK>OOOOOOOOOOOOOOOCOOOOÖ ✓ WV V*V A A/V A A /\ /V./\ A./V S\ /V /^.A y>\ Die Akademien des „Hechaluz" erfreuen sich des besten Rufes. In der Erinnerung haftet noch der unvergeßliche Eindruck der Akademie des „Hechaluz" zu Ehren der Habima. Die Veranstaltungen sind immer würdig, abwechslungsreich, bringen wirklich gute künstlerische Leistungen — und sind ausgezeichnet besucht. Jugend, begeisterte, dankbare Jugend — cm Vergnügen hier mitzuwirken, aber auch mitten drin unter diesem Publikum zu sein. Auch das Programm der Akademie, die am Samstag abends im Olympia-Saal stattfand, bestand durchwegs aus glänzenden Nummern und war ausgezeichnet zusammengestellt. Die reifste Kunst zeigte die Tänzerin Gertrud Kraus, die sowohl mit ihren Einzelals auch Gruppenkreatiouen den verdienten stürmischen Beifall fand. Ihre . Kunst, die ich eine dynamische Durchgeistigung des Körperlichen nennen möchte, wächst von Tag zu Tag. Die russische Studie „Wodki" zum Beispiel, die man schon früher zu sehen Gelegenheit hatte, war in der neuesten Ausführung unendlich reifer, Plastischer, durchgebildeter in der sinnigen Rhythmik der Beroegungen. Wunderbar die gebändigte Leidenschaftlichkeit des Rausches. Der neue Versuch, Deklamation und Tanz zu vereinigen, den Gevtrude Kraus mit ihren Schülerinnen unternahm, gelang am besten in den wirkungsvollen Gruppenszenen, denen der dramatische Inhalt des schönen Gedichtes von Kurt Juhn gesteigerte Entfaltungsmöglichkeiten gab. Die große Beliebtheit der Bortragskünstlerin Attrjam Schnabel-Höflichin Palästina, und insbesondere in den Kolonien im Emek verstehen wir jetzt ganz. Ihre große rezitatorische Kraft hat sie in den Dienst des neuen hebräischen Wortes und des jungen Palästina gestellt. Ja, des neuen hebräischen Wortes, denn ihre Sprache, die auf phonetischer Grundlage beruht, holt beit ganzen Klangzauber des Hebräischen hervor, den die Galuth ver? stümmelt hat, den sie unter den Schichten der verschiedenen Dialekte in den Dornröschenschlaf verfallen ließ. Die junge alte hebräische Sprache muß cmch nach dieser Richtung hin erneuert werden. Der Gefahr, aus dieser formalistischen Einstellung zur Sprache heraus das Gefühlsmäßige, das Inhaltliche des Rezitierten zu vernachläßigen, ist Frau Schnabel-Höflich ttr den vorgetragenen Gedichten ganz entgangen. Ihr Psalm 104, der einzige, der die Natur besingt, und dann aus der modernsten hebräischen Literatur von Awigdor Hameiri: „Messias", sind Meisterwerke der hebräischen Bortragskunst. Die Berauschung des Psalmksten an der Natur, die Fanfare dem kommenden Messias entgegen, der darauffolgende Zweifel und die Verzückung der Erwartung stnd rezitatovisch restlos gestaltet worden. Im musikalischen Teil wiMen neben der Kllrviervcrtuosiu Herma Rosenberg und Konzertmeister Josef Zimbler die Opernsäugerin RosaRosen, die unter anderem hebräische Botts- und Kinderlieber von Engel sehr schön sang, und der begabte Oratoriensänger Arthur Stadler, begleitet von Professor Erich Meller mit. Der Humor Beda's vervollständigte den gelungeuen Abend. l. G.

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