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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-09 · Heft 2767 (9.11.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2767 (9.11.1926)
Date
1926-11-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite. 2 Wiener MorgenzeiLnng * Re Probleme des jüdischen Volles und die öozialdemolratie. Bon I. Hellenberg. 11. Die Frage nach der Zrrkrinjt des jüdische« Volkes.*) „Lauge schon, jahrtausendlange ■l'odjt’v in mir. Ein vmckles Wohel Und die Zeit leckt meine Wunde, Wie der Hund die Schwären Hiobs. Dank dir, Hund, für deinen Speichel — Doch das kann nur kühlend lindern — Heilen kann mich nur der Tod, Mer ach; ich bin unsterblich!" Heinrich Heine, „Zehnda ban Halevy". Man kann gennß verschiedener Meinung sein über die .Zukunft des jüdischen wie jedes anderen Volkes. Es ist den in der sozialistischen Literatur nur einigermaßen Bewanderten bekannt, daß Männer wie Marx und Engels beispielsweise über die Zukunft der slawischen Völler der österreich-ungarischen Monarchie eine Ansicht vertraten, die von der späteren geschichtlichen Entwicklung durchaus nicht bekräftigt wurde. Einzig und allein Polen, zufolge der geschichtlichen Nähe seiner staatlichen Selbständigkeit, seiner revolutio-.»ären Tradition und — nicht zuletzt — zufolge des persönlichen Kontakts, der persönlichen Teilnahme seiner Flüchtlinge am europäischen revolutionären Leben, vermochte in den Kreisen der europäischen Sozialisten und Revolutionäre der damaligen Zeit mehr Verständnis für seine nationalen Emanzipationsbcstreöungen zu finden. Freilich, wer waren denn Marx und Engels im Vergleich zu unseren heutigen Meistern der marxistischen Geschichtsauffassung? Doch nur blutige Anfänger. Heute ist inan natürlich viel iveiter. Heute kann man auf Grund der materialistischen Geschichtsauffassung schon mit päpstlicher Unfehlbarkeit bestimmen: diesem oder jenem Volke steht eine blühende Zukunft bevor, das andere ist dem Untergang geweiht. Wir wollen einmal annehmen, daß alle unsere modernen Marxisten, auch diejenigen, die längst Marx übermarxt haben, in der modernen Geschichtsbetrachtung wirklich den Stein der Weisen besitzen, und daß in der Methode, in der sie diese Geschichtsbetrachtung allwenden, auch der Stein sich des Mangels an Weisen nicht zu beklagen hat. Und daß das Forschungsergebnis, die Lehre von der geschichtlichen Aussichtslosigkeit des jüdischen Volkes, totsicher, hieb- und stichfest ist. Es gab mrd gibt zwar noch einige junge Marxisteli, die zu einem entgegengesetzten Forschungsergebnis gelangt sind. Die Borochow, die Locker und' andere. Mer wer ist" denn das? Ein paar zionistisch angehauchte Ostjuden, Poale Zion, die dicht maßgebend sind. Die offizielle Lehrmeinung ist noch immer für uns -hoffnungslos. Und die offizielle Lehrmeinung bestimint die Politik: Wir haben als Volk nichts zu erwarten und sollen keine Geschichte!: machen. Je rascher wir verschwinden, desto gescheiter. Nur über unsere Todesart ist man mit den anderen Parteien noch nicht einig. Die Christlichsozialen halten es mit dem Antisemitisnlus, während die Sozialdemokraten den Antisemitismus für.ein. Palliativlnittel halten, das neuerdings schon darum versagen muß, weil die Christlichsozialen cs damit gar nicht mehr ernst meinen. Ja, Lueger, düs lvar noch ein Mann! Dafür haben wir ihm auch kürzlich, als die Christlichsozialen ihm ein Denkmal setzten und eine Heerschau der Anhänger feiner Lehre veranstalteten,' einen schönen Hymnus gesungen. Aber auf die heutigen Christlichsozialen ist ja kein Verlaß. Nun denn! Seit wann ist es zulässig, einem Sterbenden alle Rechtsansprüche zu verweigern, unter Hinweis darauf, das; er ohnehin bald sterben werde? Was ist das einem Todkranken gegenüber für ein Trost, daß er ohnehin bal-d im Grabe liegen und die Schmerzen wohl nicht spüren werde? Warum darf man einen Ostjuden aller Rechte berauben, bloß weil seine nntionalkulturelle Erscheinungsform dem Typus, den wir auf Grund unserer Geschichte-ausfassung von der zukünftigen Generation mit Bestimmtheit erwarten, nicht mehr entspricht? Warum müssen Eingaben, die ausgesprochen jüdische Namen tragen, von vornherein der Ablehnung gewärtig sein, so daß man zur Nachhilfe mit dem Argument klingender Münze gezwungen ist? Seit wann darf man die Menschen auf diese Waise schuldig werden lassen, um ihre Namen ■ dann dem Schimpf preiszugeben? Seit wann sind alle diese und tausend andere Dinge, deren Auszählung uns nicht zngemutet werden kann, vereinbar mit den Prinzipien der Menschlichkeit, die doch in unserem Sozialismus auch noch eine Nolle spielen? Seit wann ist. Rücksichtslosigkeit gegen Wehrlose vereinbar mit den Prinzipien der Ethik, die' in unserem sozialistischen Ideal doch auch noch ein Motiv bildet? Oder sind alle diese schönen Dinge, Menschlichkeit, Ethik und dergleichen Firlefanz, längst nicht mehr Beweggründe unserer politischen Handlungen? Nur Rationalismus! Steigerung der Produktivität und Organisation. Alt und wehrlos gewordene Volksgruppen sind, wie bei manchen Naturvölkern aus einer gewissen Kulturstufe, ein unnützer Ballast. Man räume die Todkranken weg! Wohlan! Aber es wird schwer gehen. So merkwürdig es klingt, es gibt nämlich eine Tatsache, die sogar als psychologische Erklärung, — beileibe nicht als sittliche Rechtfertigung —- angesehen werden kann, weshalb man mit uns so nervös ist, aber eine sehr wichtige Tatsache: Wir lassen uns mit dem Sterben zu viel Zeit, •-) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 7. November d. I. MÖBEL JAHRMKMDIT 11. auf Qualitätsmöbel bei __ WEINBERGER & HOFFMANN Praterstraße 50. Besuch lohnend. Kostenlose Einlagerung. Und das ist wirklich der Kern der Sache. Die Umwelt des jüdischen Volkes hat in den letzten Jahrzehnten gewaltige Wandlungen erlebt, die Welt ist eine andere geworden, und der uns vorausgesagle Tod ist noch immer nicht eingetreten. Die österreichische Sozialdemokratie hat viele Partien ihres Programmes, zufolge dieser Wandlungen in der Umwelt, überholt und revisionsbedürftig befunden. Ob da nicht auch die bisherige Einstellung unserem Volke gegenüber, infolge des üeritnbecfen Weltbildes, revisionsbedürftig geworden ist. wollen wir im nächsten Artikel untersuchen. Lr. Wriimm»« itt Amerika. Ein Staatsbankett für den Präsidenten der Zionistischen Organisation. Newyork, 8. November. Der Gouverneur des Staates Massachufsets hat eine Abordnung der Zionisten von Boston empfangen, die ihm die Einladung zum offiziellen Empfang für den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim W e i z m a n n überbrachte. Der Gouverneur dankte für die Einladung und gab bekannt, daß er am 19. November zu Ehren Dr. Weizmanns ein offizielles Staatsbankett geben und sich an die S p i tz e der zionistischen Kampagne stellen werde, die in Boston am 18. November eröffnet wird. Ebenso sprach er den Wunsch aus, die Delegierten der vereinigten Zion-Appeal-Konferenz persönlich zu begrüßen. Ier letzte Landsberger Fememordprozeß. Landsberg, 8. November. Gegen den Freispruch der Anstifter des Fememordes an dem Feldwebel G r o e s ch k o, Oberleutnant Schulz und Feldwebel K l a p p r o t h, hat der Staatsanwalt Berufung eingelegt. Inzwischen hat als letzter der Landsberger Femomordprozesse heute vor dem hiesigen Schwurgericht, der gegen den Bruder des freigesprochenen Klapproth, EricheKlapproth, ferner gegen den schon genannten Oberleutnant Schulz und gegen ' einen zweiten Oberleutnant namens Hayn, begonnen. Substrat der Anklage ist ein Mordversuch an den Feldwebel Gaedicke im Juni 1923 im Fort Tschernow bei Küstrin. Dieser Prozeß düvfte zwei Tage dauern. Sie Presse in Pslen. . Warschau^ 7. 9kovember. (Poln. Tel.-Ag.) Eine heute veröffentlichte Verordnung des Präsidenten der Republik setzt die Strafen für Mißbräuche der Pressief r e i h e i t und die Verösfentlich u n g s a l s ch e r N ,a ch r i ch t e n fest. Sie Au Wanderung nach Argentinien. Eine Warnung r>eS polnischen Gejandlen in Argentinien. Der Spczialkorrespondent des Warschauer „Robotnik" hatte mit dem' polnischen Gesandten in Buenos Aires, MazurLewicz, eine Unterredung über die Einwanderungsmöglichkeiten aus Polen. Gesandter Mäzurkewicz äußerte sich wie folgt: Aus Polen kommen jetzt 800 bis 900 Einwanderer jährlich. Die Einioanderer kommen zum größten Teil ans den Randstaaten. Die Hälfte von ihnen sind Juden. Die Po en sind zumeist Bauern, die sich zuhause mit Feldarbeit befaßten. Diese Kategorie von Einwanderern ist in Argentinien der größten Not ausgesetzt, da sie von der Regierung keinerlei Stütze erhalten. Die Erlangung der von der argentinischen Regierung auf deni Papier in Aussicht gestellten Unterstützung stößt aus solche Schwierigkeiten, daß im besten Fall jeder vierte eine Unterstützung erhält. Der größte Teil der jüdischen Einwanderer besteht aus Handwerkern, denen cs schon, weil sie die Landessprache nicht sprechen, nicht besser geht als den polnischen Bauern. Sie Aemestarkatsstrophe«. Erdbeben und Vulkanausbruch in San Salvador In San Salvador wurden Sonntag, wie aus London berichtet wird, den ganzen Tag über zahlreiche heftige tErdstd ße verspürt, durch die viele Häuser zerstört wurden. Der bereits erloschene Vulkan I z a l c o ist wieder in Tätigkeit; starke L a v a st r ö m e rinnen über den Abhang; der Gipfel des Berges ist in Rauch gehüllt. Taifun ans dev Philippinen. Manila^ 7. November. Flüchtlinge aus Batangas berichten von ungeheuren Verwüstungen, die ein Taifun und Sturmfluten auf den Inseln angerichtet haben.' Die Stadt Batangas sei überschwemmt, mehrere Ortschaften zerstört,mindestens 300 Personen getötetvon denen bisher nur 70 Leichen hatten geborgen werdet: können. Der Materialschaden beläuft sich auf mehvere Millionen Dollar. Q<x)ooooGQOooo(X)oaQQoaQOOQOoaQQOooaoooa Die „WIENER M0R6ENZEIT0NG“ — das einzige jüdische Weltblatt! onooooocxxxxxxxxxxxxxxxxxxx>oooQoogxxioo 0. November 1926 Nr. 2767 KLUB RADIKALER ZIONISTEN Morgen Mittwoch, den 10. November 1926, um halb 9 Uhr abends, im Cate Atlashof. 1., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klubvers ammlung Tagesordnung: Resumd über die Ergebnisse des österr. Parteitages Referent: INO. ROBERT STRICKER Fortsetzung der begonnenen Debatte Von Klubmitgliedern eingeführte Zionisten als Gäste. willkommen ioc Tagesbericht. Hofrat Pros. Ir. Frankfurter — 70 Fahre alt Eine markante jüdische Persönlichkeit, tief verwurzelt mit dem jüdischen Wien seit der Kindheit, und verwachsen mit der jüdischen Tradition hochbedouteuder Ahnen, die Leuchten rabbinischer Gelehrsamkeit in Deutschland und Ungarn waren, begeht heule Hofrat Professor Dr. Salomon Frankfurter seinen siebzigsten Geburtstag. Bon dem Forscher und Gelehrten auf den Gebieten der römischen Philologie, Epigraphik und Archäologie, in denen er Mommsen, Bahlen, Härtel, Schenkel, Benndorf und Hivschseld zu seinen Lehrern zählte, soll hier weniger die Rede sein. Auch seine überragende Bedeutung als Bibliotheksfachmann von W e l t r u f, die er als Direktor der Wiener Universitätsbibliothek, in deren Dienst er 1884 getreten war, und um welche er sich in'der Vor- und insbesondere in der Nachkriegszeit außerordentlich verdient machte, soll an dieser Stelle nicht ausführlich behandelt werden. Was Frankfurter endlich als Vorkämpfer des klassischen Bildungsideales, als Seele und Schriftführer des Wiener „Vereines der Freunde des humanistischen Gtimnasiums" und als Kuratormmsmitglied des Vereines „Carnuntum", als wissenschaftlich bedeutender Literat und als Fachreserent für Bibliothekswesen im österreichischen Unterrichtsministerium geleistet hat — all dies macht uns, die jüdische Gemeinschaft, auf ihn stolz, allein damit ist noch nicht erschöpft, was er uns ist. Hofrat Frankfülter ist durch und durch eine jüdische Persönlichkeit.' Als Salomon Frankfurter, mit diesem und keinem anderen Namen, ist er die Jahrzehnte hindurch von Stufe zu Stufe gestiegen, der Jude Frankfurter ist er geblieben, während rechts und links von ihm in der Staatslaufbahn kleine Menschen und schwache Charaktere durch die Taufe sich aufwärtsschoben. Er harrte aus weil er seinen inneren Wert kannte, und wußte, es müsse auch für ihn die Zeit der Anerkennung kommen. So wurde Salomon Frankfurter nach Himmelbauers Tode Direktor der Universitätsbibliothek, ohne Untreue, ohne Kompromiß, nur durch die Stärke seines Wissens und. seiner, fachmännischen Bedeutung. Als Jude hat er.dein Staate treu und pflichteifrig gedient, und sein Judentum stets auch betont. Nicht nur jüdisch-kulturellen Bestrebungen, wie d-em „I ü d i s ch c n Musen m", in dessen Kuvatoripm er seit 1008, jetzt seit 1920 als Präsident überaus verdienstvoll wirkt, oder wie als Obmann der Bibliothekskommission und als Mitglied der historischen Kommission der- Wiener jüdischen Gemeinde, widmete er .sich, sondern auch jeder anderen betont jüdischen Sache ergab er sich mit Wärme und Hingabe. Hofrat Frankfurterist Vizepräsident d e r jüdischen Völkerbun d.l i g a f ü r O e st e r r e i ch, Vizepräsident des Kuratoriums des jüdischen Lehrerseminars, Mitglied des Kuratoriums . der' israelitisch-theologischen Lehranstalt, Vizepräsident des Tempelvereines „Chewra Beth-Hatefilla" im 9. Bezirke, dessen Vorstand ihm zu Ehren am 13. dieses Monats, um Y9 vormittags, einen Festgottesdienst im Tempel Müllnergasse 21 veranstaltet, und bekleidet noch zahlreiche andere Funktionen im jüdischen Leben Wiens. Außerdem ist er Konsulent für jüdische Angelegenheiten im Unterrichtsministerium. Frankfurter verdient diese Ehrung und alle anderen, die ihm heute so zahlreich erwiesen werden, so die Feier des jüdischen Museums, des Humanitätsvereines „Wahrheit" B. B. in vollem Maße. Als treuer Jude und gütiger, bescheidener, stets hilfsbereiter Mensch, an den sich hunderte jüdischer Studenten aus der Zeit ihres Studiums mit dankbaren Gefühlen erinnern, ist Frankfurter dem Gedächtnis der Geschichte des Wiener Judentums für dauernde Zeiten überliefert. Er bleibe uns lange, lange erhalten! Ad neah weeßrim schancch! Br. Sine Radisstation in die Luft gesprengt. Die „Notwehr" der Verbrecher. Wie aus New-Kork gemeldet wird, ist die Radiostation bei Elizabeth (New Jersey) offenbar von Verbrechern in die Luft gesprengt worden. Die Station hatte vor kurzem die telephonische Mitteilung erhalten, datz sich ein Unglück ereignen würden wenn sie sortfahren sollte, die Beschreibung von Verbrechern und andere Polizei nach richten m ihrem Rundfunk zu veröffentlichen.

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