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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-08 · Heft 2766 (8.11.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2766 (8.11.1926)
Date
1926-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Montag Wiener Morgerizettrmg 8. November 1926 Nr. 2766 Irktömliche Begriffe. Die Ursachen -er wirtschaftliche« Depression ln Palästina. Von M. W. Weiögal (New-Yory. Der nachstehendc Artikel ist der erste einer Serie von' Artikeln über Palästina, die Herr W e i s g a l, Redakteur des „New Palestine", der mm einem vierivöchigen Besuch des Landes zurückgekehrt ist, gc'chricden hat. Der „New Palestine, dem wir diesen Artikel entnehmen, erklärt, daß die darin zum Ausdruck gebrachten Meinungen nur die Ansichten des Herrn Weisgal und keineswegs die des „New Palestine" Wiedengeben. Nichts hat die Aufmerksamkeit der zionistischen Welt während der letzten Monate so sehr in Anspruch genommen wie die augenblickliche wirtschaftliche Depression in Palästina. Die Ansichten über ihre Ursache gehen weit auseinander. Die verbreitetste Aitsicht, die allgemein angenommen zu sein scheint, schreibt die Krise äußeren und psychologischen Momenten zu, mit anderen Worten nicht fundametltalen Fehlern in der ökonomischen Struktur des Landes, sondern der wirtschaftlichen Krise in Zentral- und Osteuropa, besonders in Polen, wodurch eine zeitweilige Stockung im Zustrom von Geldern und Einwanderern der sogenannten „kapitalistischen" Klasse eingetreten ist. Dies ist teilweise richtig. Eine andere Ansicht geht dahin, daß es in Palästina feilte Krise gibt — ein Standpunkt, der ebenso kurzsichtig tvie gefährlich ist. Wenn 7000 oder 8000 Leute arbeitslos sind, wenn 90 kleine Jndustrieunternehmungen geschloffen werden müssen, wenn die Mieten enorm hoch sind, während Zimmer lcerstehen, wenn zahlreiche Häuser unfertig dastehen, wenn Hunderte von Menschen auswandern — nicht weil sie es wünschen, sondern weil ffe dazu gezwungen sind — so kann man an der Bedeutung dieser Tatsachen nicht Vorbeigehen. Die Ursache der Krise liegt viel tiefer als ihre oberflächliche Erklärung mit dem vorübergehenden Mangel an Kapital aus Polen. Dies mag die Krise beschleunigt haben, aber es hat sie nicht geschaffen. Eine Krise geht stets aus einer ökonomischen Struktur hervor, die von Faktoren abhängt, über die sie keine Kontrolle hat. Es ist vielleicht eine falsche Benennung oder Auffassung der Tatsachen, wenn man die augenblickliche wirtschaftliche Depression und Arbeitslosigkeit in Tel Awiw mit dem allumfassenden Namen einer „palästinensischen Krise" bezeichnen wollte. Bestenfalls, oder vielmehr schlimmstenfalls ist sie auf die Städte beschränkt. In Tel Awiw haben 5000 bis 6000 Menschen keine Arbeit; in Haifa beträgt die Zahl der Arbeitslosen bei. einer jüdischen Bevölkerung von 15.000 Seelen nicht mehr als 1000 und in Jerusalem zirka 2000. . Es ist nicht nötig, die allgemeinen Ursachen ,mrtschaftlicher Depressionen und daraus folgender Arbeitslosigkeit zu erörtern. Wirtschaftliche Gesetze gelten für Palästina ebenso wie anderswo. Wir kennen genau die Booms in Amerika, in deren Kielwasser eine scharfe und zerstörende Reaktion folgt. Die Schwachen gehen zugrunde, und nur die Starken und Mächtigen sind imstande, sie zu ertragen oder davon zu profitieren. In Tel-Awiw gelten dieselben Gesetze, aber mit noch iveitreichenderer Wirkung. Abgesehen von anderen Faktoren und Begleiterscheinungen, liegt die Ursache der jetzigen wirtschaftlichen Depression in der städtischen Bodenspekulation, wie sie sich in Tel-Awiw zeigte. Die große Einwanderung 1924/26, die von den zionistischen Behörden weder organisiert noch geleitet worden ist, wurde nicht von produktiven Unternehmungen absorbiert oder über große Flachen verteilt, sondern sie blieb in Tel-Awiw. Dort , entstand ein tolles Jagen nach Boden und Häuserbau,! das zum künstlichen Austrieb der Bodenpreise führte,! die ganz unverhältnismäßig zu dein wirklichen Wert des Bodens raketenartig in die Höhe stiegen. Im Bodenkauf und Häuserbau wurden Hunderttansende von Pfunden angelegt, in den meisten Fällen das ganze Vermögen des Betreffenden oder sogar mehr als das. Oftmals blieb das Geld nicht einmal in jüdischen Händen, so daß der Verlust des Einzelnen sogar nicht dem nationale Vermögen zugute kam. So z. B. erhielt ein Araber 12.000 ägyptische Pfund für 21 Dunam Boden an den Grenzen Tel-Awiws. Diese Jagd nach Boden und das anormale Steigen der Preise griff auch auf die Preise des anliegenden ländlichen Bodens über. Das Ergebnis war unvermeidlich. Hohe Mieten lasteten schwer aus der Mehrheit der Bevölkerung. Der Lohnempfänger war gezwungen, für ein Zimmer vier Pfund monatlich zu zahlen. Man vergleiche dies mit Newyorker Preisen, und das Bild ist fertig. Um diese hohen Mietspreise auszugleicheen, rvar der Arbeiter gezwungen, höhere Löhne zu verlangen. Dies wieder zog die Industrie in Mitleidenschaft, welche, im Kampf um ihre Existenz, dieser Ueberspannung nicht gewachsen war. Die natürliche Folge ivar die Schließung mancher industrieller Unternehmungen mit der sich daraus ergebenden Arbeitslosigkeit. Von 'großer Bedeutung ist weiterhin, daß, während überall sonst Häuser gebaut ivurden, um der Nachfrage zu genügen, in Tel-Awiw Häuser gebaut ttmtfcen in Erwartung einer zukünftigen Nachfrage. Mit anderen Worten, . der Prozeß dort ivar verkehrt. Seitdem die nach Palästina komncenden Immigranten nicht genug verdienen konnten, um die geforderten hohen Mieten zu bezahlen, tvurden sie gezwungen, in Baracken zu wohnen. Dies schuf den Anblick leerer Zimmer und überfüllter „Zerisim". . Es tat eingewendet werden, daß Bauen eine proüicktive Beschäftigung ist, weil es einer menschlichen Notwendigkeit entspricht. Aber es hört ans produktiv zu sein, wenn das Resultat der Bautätigkeit den Hoffnungen derjenigen, denen sic nützen soll, nicht entspricht. 'Diese fundamentale Wahrheit wurde von den Gpeku'lmtten nicht beachtet, «die mehr an schnellen Umsätzen als an nationaler Oekonomie und Wohlfahrt interessiert waren. Es wäre fcklfch mrd ungerecht, den Spekula tionskrach allen denen in die Schuhe zu schieben, die in Tel- Awiw Häuser bauten und die ungeheuer hohen Preise für den Boden bezahlt haben. Es ist notwendig, die PsYchollogie der osteuropäischen Juden zu verstehen, um sein Verlangen nach einer Heimstätte und die daraus resultierende unglückliche Anlage seines beschränkten Kapitals in Sand und Mörtel zu begreifen. In Osteuropa kannte er den Begriff „Heim" nicht. In Palästina, der Mischen Heimat, konnte er weniistens seinen Traum von einem Heim für sich selbst und seine Familie verwirklichen. Aber was auch die Ursache gewesen sein nrag — das Ergebnis war dasselbe, sein Kapital war aufgezchrt, und er besaß kein weiteres, um es in produktiven Unternehmungen anzulegen. Der Fehler liegt augenscheinlich bei unserer zionistischen Verwaltung, die es einerseits verabsäumte, entsprechende Maßnahmen zur Ver- Hütung der Spek-ulation zu treffen, und andererseits einen großen DeÄ der Einwanderer aus dem Mittelstand abzuleiten, die in produktive Berufe im Lande hätten überführt werden können, anstatt gezwungen zu sein, wieder auszuwandern, wie es jetzt der Fall ist. Dies bringt uns zu der schon so oft erörterten Frage: Wie soll Palästina aufgcbaut werden? Worauf soll der Nachdruck gelegt werden, auf Landwirtschaft oder Industrie? Alle Arien von feinen Theorien sind über dieses Thema ausgesponnen worden. Die Landwirtschaft wurde in ausgeslprochenem Gegensatz zur Industrie stehend hingestellt, eine Bclhauptung, die reine Demagogie ist. Die Beweisführung, die zeigen soll, -daß eine jüdische Majorität nur durch die Industrie ermöglicht wird, ist Spiegelfechterei. Die gegenwärtige Krise -hat es bewiesen. Für! diejenigen, die nicht in ^lästina waren, ist es unmöglich, die Gefahren dieses nnc-i.,gebrachten Schreiens nach „Majorität" und „Industrie" richtig einzuschätzen. Wir haben uns daran gewöhnt, amerikanische oder europäische Begriffe auf Palästina anzuwenden. „Wenn es in Warschau möglich ist, warum sollte es nicht auch in Tel Awiw möglwich sein?" In, Warschau ist es-möglich, aber nicht in Tel Awiw. In Warschau sind wir eine Minorität, in Tel Awiw eine Majorität. In Warschau haben wir ein landwirtschaftliches Hinterland und eine landwirtschaftliche Bevölkerung, die Verdicnstmözlichkeiten gibt. A"er daZ Icntblti tschöstliche Hinterland von Tel Awiw muß selbst noch gestärkt und entwickelt werden. Bei uns herrscht die Theorie „bei Juden ist alles möglich", eine Theorie, die falsch und für die gegenwärtige Krise in hohem Matzeverantwortlich ist. Statistiken; sind lehrreich. In Europa beträgt die Höchstzahl, von Leuten, die von Handel und Verkehr leben, 16 Prozent. In Palästina ist der Prozentsatz weit höher, während er niedriger sein sollte. Wenn man durch die Straßen Tel Awiws geht, ist man erstaunt über die vielen unproduktiven Geschäfte und die große Zahl von Berufen. Wenn die Dentisten alle ihren Lebensunterhalt verdienen sollen, so müßten die 10.000 oder 50.000 /Juden der Stadt an chronischem Zahnweh leiden. Tie Mannigfaltigkeit der Bclschläftigungen erzeugte die Illusion des Wohlstandes. Zwei Jahre lang dauerte diese Illusion — dann verschwand sie. Tie Tatsache, daß von 165.000 Juden weniger als 15 Prozent landwirtschaftlich tätig sind, ist eine Anklage gegen unser gesamtes Kolonisationsshstem. Je eher wir erkennen, daß in Palästina, wie überall, eine starke und gesunde Landbevölkerung Vorbedingung für die Schaffung von Handel und Industrie und füt eine jüdische Majorität ist, in desto weitere Fertre wird die Wiederholung einer Situation rücken, wie sie augenblicklich das Land verheert. ^exxxxxxxxxrrxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxr HII Cffl CD xu 1, 2, 3 :fcAf{fin£ in der ^UicAevscIlivennme R.L$WII / WIEN 1. ittotenuvmsvafle JKw. 22 ♦ » flealliott. Von Dr. Paul AreSberg, Frankfurt a. M. Kann eine historische Entwicklung sinnlos fein? Die Ereignisse sprechen da.flir, denn die Geschichte beeilt sich, die Entwicklung der letzten Jahre zu revidieren. Als ob der Weg der letzten Jahre ein falscher gewesen wäre, so werden die Spuren des revolutionären Fortschrittes verwischt. Wie man auch die Umwälzung der letzten Jahre -bewertet, sei es vom Standpunkt der boLfchewi'stischen Revolution, sei es gar von dom Blickpunkte einer Masaryk'schen ,/Weltrevolution" oder vielleicht nur eines deutschen „Umsturzes", es mutz zugegeben werden — das Tempo des Weltgeschchens war rasend und der Weg ging nach vorne. Heute scheint alles dies vergebens und mit demsoWen Tempo geht der Weg dorthin zurück, wo eine neue — offenbar „sinnlose" Entwicklung ihren Ausgang getrommen hatte. Jode politische Bewegung — in besonders starkent Maße der Zionismus — wird hiervon betroffen. Gerade er muß zu all diesen neuen Kräften Stellung ncihmen, damit ein Rechenschaftsbericht feiner bisherigen Tätigkeit nicht als „sinnlos" gewertet werden kann. Es ginge über die Grenzen rnenschlichen Verstandes, auf die Dauer mit der ,Mnnl>ostgkeit" einer historischen Evolution sich abzufinden, und so wird diese neue an'blrevolutionäre Welle bei genauer Prüfung weniger eine Belastungsprobe unseres logischen Denksystems, sondern sie zeigt sich als eine klare Ausdrucksform einer „spießbürgerlichen" Eigenschaft, der Reaktion. Selten ist mit einem Ausdruck ein größerer Mißbrauch getrieben worden, als mit dem Worte „Reaktion". In dem Konkurrenzkämpfe der Parteien glaubt jede Gruppe ohne Beweis die anderen als „reaktionär" abstompeln zu müssen, um damit ohne besondere Anstrengung als höherwertig zu gelten. Den Dingen wird trat« also wohl kaum aus beit Grund kommen, wenn man „Reaktion" als Schlagwort der Politischen Bfchimpfnng erfaßt. Eine idealistische Bewegung enisteht, so sagt es das Wort, in der Erkenntnis einiger Weniger, daß das Leben der Zukunft einer Idee gemäß gestaltet werden müsse. Diese „Idealisten" sind am Anfänge in der verschlvindenden Minderheit, aber es gelingt ihnen mit der Zeit, durch gedankliche Agrtation die öffentliche Meinung bis zu dem Punkte zu 'beeinflussen, wo man dieser inzwischen stark gewordenen Gruppe der Idealisten die Führung der Geschäfte überträgt, und damit ihr die Gelegenheit gibt, ihre ,Zdeen" zu „realisieren". Dies war auch der Weg der zionistischen Bewegung, und in diesem Sinne war die Balfour-Deklaration ein revolutionäres Ereignis ersten Ranges. Der Atrgeitblick. in dem die „Idee" beginnt „real" zu loerden, ist das, tvas man als Revolution zu bezeichnen pflegt, und demgemäß der Moment der stärksten A kt i o n. Die Widerstände der zu gestaltenden Gegenwart sind in der Regel zu stark, als daß mit unveränderter Spannkrast die „stärkste Aktion" der Idealisten so lange anhielte, bis das Ziel der Idee erreicht ist. Man findet sich mit den jeweils gegebenen Tatsachen ab und ist zufrieden, nur einen Teil des Ziels erreicht zu haben. Der Höhepunkt der revolutionären Aktion ist überschritteit und es geht mit mehr oder weniger raschen: Tempo „nahezu" bis zu dem Zustand zurück, 'den die kleine Gruppe der Idealisten umgestalten wollte. Die Gemeinschaft der Idealisten spaltet sich, denn die Mehrheit stellt sich auf den Boden per Tatsachen; es sind dies, nach wie vor die (Pseudo-)„Jdealisten", die Minderheit, die mit unveränderter Spannkraft an dem Ziele der Idee festhält, das sind die radikalen Phantasten, die Ideologen, in den Augen derer, die urprünglich dasselbe wollten ... in ben Augen derer, die nicht ausdauernd genug waren, mit eiserner Energie den Zustand der „stärksten Aktion" zu erhalten und den Versuchungen der „Reaktion" zu widerstehen. Dies ist der heutige Zustand des Zionismus. Die Aktion hat die Gegenbewegung, die Reaktion provoziert. Es geht darum, die Stoßkraft der Idee wieder zu stärken, auch dann, wenn die Mehrheit eine Minderheit, um sie als Konkurrenz auszuschalten, wie üblich, als „reaktionär verschreit. Die Begriffe stehen fest, so daß jetzt wohl ein Mißverständnis darüber unwahrscheinlich ist, wer reaktionär im ernsthaften soziologischen Sinne ist. Die Geschichte ist nicht damit beschäftigt, den Zionismus als „sinnlose" Angelegenheit zu vernichten, sondern sie fordert Anstrengungen, um die zionistische und antizionistische Reaktion zu überwinden, sie fordert die Wieder- ^befreiung der zionistischen Idee von den „gegebenen Tatsachen". Der Begriff Reaktion hat feine Big-ngefetzlichkeit, er, ist relativ. Im zionistischen Sinne bedmtel er jene py-, litische Einstellung, die sich von der Urkraft der zionistischeiy Idee deshalb entfernt, da in der heutigen Zeit die Von aussetzungen feinet; ursprünglichen Auslegung nicht tneh'y gegeben ist. Reaktionär ist die von der Exekutive „gedul-, dete" Propaganda gegen ben Judenstaat. Professor Oppen-, Helmer kann heute als Propagator des „Keren Hajessod" erklärett, eine jüdische Mehrheit in Palästina sei nicht wünschenswert. Die Stärke dieser zionistischen Verirrung ist, ein Lichtblick zugleich, da man annehmeit darf, daß eine, weitere Steigerung derart Reaktionärer Impulse kautn mög-' lich ist mtb somit der Weg der Erkenntnis bald geebnet seit! wird. Das ursprüngliche Ziel des Zionismus ist die

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