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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-07 · Heft 2765 (7.11.1926) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2765 (7.11.1926)
Date
1926-11-07
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Yk. SSW MM. MADIfePIKI r l V1% MW ML* K VON KVBf NBrZER Es ist eine ganz un^iaribf;..f: , üiuchei»^ itärrische imd njäet Bermmft bare Geschichte, dir ich hier erzichlen will. Aferwb Mot nun lachen und spotten mag: auf alle Gefahr HL« ütuß ich mich allssprechen. Endlich: Ich muß mir daS Herz erleichtern, dem Gewissen Genüge tun. Denn so vedr ich meine .Hand - auch fühle, das Unerklärliche lastet wAg Sch«K> und Berbrechen auf mir. Wo: es giitg mir schlecht damals, seit Jahr- und Dag schon. Der Nmsturz alles Bestehenden hatte auch mich getroffen, ich hatte mein Vermögen verloren, allen Besch, ich mußte anfs neue versuchen, mein Leben einzurichten und zn .erhallen. Ich hatte nicht viel mehr als' Eue Musikitnd Sprachkenntnissc, und die verwertete ich alft. Ich ninrde spanischer Korrespondent m einem großen Unternehmen uttb gab Klavier- und Geigenstunden. j Esiwar recht hart, denn ich fegantt ja zu. altern. Die Vierzig hatte ich längst überschritten, ich war bequem, fast faul geworden. Und cs schien mir eigentlich sinnlos, dieses Dajedr weiterzuführen. Ich war ganz allem . . . Ich hatte für rüemanden zu sorgen, meinand liebte oder brauchte «sich. Wozu fristete ich mein Dasein? Unt Briefe nach . SKdmnerika zn schreiben? Jungen, törichten Mädels Musik beiztckrmgen, u)n zu schlafen, zu essen und abends unter Sfevnen und Wolken zu spazieren? Ich lebte. —- Nein, es ist keine süße, es ist eine bittere Gewohnheit. Und ich hatte die Gewißheit, daß nur ein ÜHähtter Mensch mir einmal die Angen zndrückcn, oder ich wie ein Tier verlassen sterben würde. Nie mehr Etzmte ein Weib meine' Gefährtin werden, seit — — — And hier beginnt mm die Geschichte- Ick) muß mich -- so schmerzhaft es ist — erittneru . . . Es sind fast acht Jahre her, aber ich habe nie aufgehürt, bttvitnfcv zn tetbeit, tief nnd gegttält. wie mü ersten Tag . . . Wir waren drei. Einer aber zuviel. Ich liebte Helene. Wer Rudolf liebte sie auch. Nur: er war männlicher als ich. dreister, selbstischer. Ehe ich den Mut fand, sie zu sägen, mich ihr zu bekennen, war sie Rudolfs VerlioMv. Ich sehe noch das trüunphieretrdc, höhnische Lächeln, Mt dem er tnir ans Fenster hinaufrief, in der Juninacht, als er, von ihr kommend, an meinem Hause vvrübepgiilg, wo ich in die Sterne und Rvsenbeete hinaus LväÄnrte, ich Schwärmer und Tor. Fch Erließ damals die Stadt, ohne sie toiedergeseheu M haben. Aber zwei Jahre später begegrietc ich ihr in einer Berliner Hotelhalle. Sie war es, die auf mich zuekkte, mich anhielt. Sie ivar allein hier, um größere Einkäufe zu erledigen. Ich mußte mit ihr in einer stiüen Ecke sitzen, sie war kinderlos seit fast zwei Jahren mit Rudolf verheiratet; sie sah glücklich aus, wie Nur eine Frau, die ihren Mann liebt und von ihm angebetet wird. Ich hatte iintmcr gedacht: ich bin es, der sie liebt, beint audereir ist es Eitelkeit, Leichtfertigkeit, nnd ich hatte nWt begriffen, daß sie ihr: vorgezogen hatte. Mer jetzt sich ich es ihr au: er liebte sie sehr, er vergötterte sie, er trug, sie auf Händen. 9hm denn: Gott mit Euch. Doch beinahe haßte ich ihn mm unt so mehr. Ich hatte feit damals ein Feuer,, cittc ewige Flamme der Wirt, der Rachsucht in i'nir. Und als ich mm sah: er «liebt Kte ja, wie ich sie liebte, da schlug dieser wilde Brand nur hoher und verzehrender in mir ans . . . Mötzlich sagte -sie — offen, heiter, ftei, wie. es ihre M um: ' „Warimn, lieber. Fremrd, flohen Sie damals vor uns»? Ich verstand es reicht. Ich hatte wohl gewußt, daß Sie unr . geneigt waren, aber nachdem Sie ftviwMg vor Rudolf zurückgetreten ivarcn —" Ich starrte sie so entsetzt, so saPrngslos an, daß sie verstummte, sich vexbengte,, erblaßte und fchließlkch rief: „Aberlpatürüch! Wollen Sic jetzt lengnert? Als Rudolf dimckls abends kam und mich fragte, ob ich seine Frau werden wollte, tmd als ich mit der Antwort zöMrte und nach der Tür Ülickte, als sollte die Entscheidung dort eintreton — warum kamen Sie an jenem Abend nicht? — Da sagte er, aM erriete er den Grund nreines Schwürtkens tmd Zauderns er sägte: Ich brn hier mtt WiWu Georgs, er tritt zuiM> « siM ein, daß ich es Kn, der Sie inniger liebt Ich schrie auf. So- Uuit, daß man sich nach, erschrocken umivaüdte. Alles Verschivamm vor meinen Augen^ drehte sich, stürzte auf mich, „Er hat gelogen;" keuchte ich Ich hörte nW , . tms sie sagte. Mmcbtc sie mir? Ich sah nur ihre Lippen, . die sich bewegten. Und dann hörte ich es doch, diese fürchterlichen, iiüem .Herz durchbohrenden Worte: „Nun, wie dom auch sei, lieber Fremrd, ich bin ja glücklich geivorden, unaussprechlich glücklich. Und ich hoffe, daß mich Sie mich eirünal—" Ich schnitt ihr diese ironische, kalte Phrase ab, ich erhob mich, hielt mich aufrecht mit Aufgebot aller seelischen Energie und verabschiedete mich ... Ich sah sie itfe mehr wieder. Zwei Monate spSwr las ich in der Zeitung, daß sie abgesiürzt sei, in eirren« Gchlveizer Kurort, auf einem harnilofen Wege, fehlt Bluiüenpslückeu. Sie nmr in aller FrHe hinaufgestiegen, allein, und ein Hirt fand sie am Fuße einer zwanzig Meter hohen Felswand, wo ofeu eine Anssichtsbank stand; der einzigen Stelle weit und breit, tvo er« kleiner Felssturz zu treffen war. Der Zeitungsbericht ließ offen, ob es Selbstmord oder Nnglücksfall lvor. sTranerte ich um sie? Kaum . . .'.Am Gegenteil vielleicht. Ich triumphierte, daß sie mm auch dem Rivalen entrissen war, er hatte, das volle Glück ausgekostet, der Verlust mußte ihn also tiefer treffen als mich, Und nur eines wunderte mich: warum schmolz jetzt nicht ntetit Haß, warum legte sich nicht meine boenuende W»it auf ihn, diese verzweifelte Rachsucht? . . Seit ich um feilte Lüge wtlßte, seit ich lvus-i.', dchl er Wterlistig mrd verräterisch die Geliebte 'mir entrissen hatte, flammte ich wir umso furchtbarer in verzehre.wer Gier, mich zu rächen. Aber, nie — alle Nächte, alle Einsamkeiten sind meine Zeugen' - , nie ja«n ich darauf, mit Tat gegen ihn aufzutreten: nic dachte ich an die Möglichkeit, nie an einen Plan, ihm zu schaden, ihn zu »erderbeit, lind dennoch? . . . - Ich wußte nicht esiiwm mehr, itw er lebte. Ob er noch immer in de?- alten Stadt war und sich als reich gebliebener Mann die Passion leistem konnte, ohne besonderes Ziel geologische »nd wmttsmatische Studien M treiben. > Nurt, es wareit_ alß) feit jener Junmachi der Lüge und Hinterlist acht Jahre vergangen. Endlich begann es mir etwas besser zu gehet«, ich hatte bereits kleine Eesparttisse geiwacht und beschloßt endlich wieder einmal zrt reisett. Nicht wie früher, großen Stils, an Luxusküsten, in Palasthotels, itaef» fernen Inseln und afrikanischen Städten. Sonderrt bescheiden., bürgerlich, wie es einem Korrespondenten nnd Musiklehrer znkvmmt, fuhr ich in eilt kleines Schlveizer Dorf an einem stillen, grünen Bergfec und logierte mich zweitklaffig ein. Es lMv ein lieblicher, ivarMer Ort mit einem -Blick auf Schrteegipsickt hinter den Bergen des anderen Ufers. Und ich schwöre bei den Gräbern menter Eltern: ich'wußte nicht mehr, daß es der Ort war, an dem Helene den. Tod gefunden hatte, vor sechs Jahren. Ich dachte wahrhaftig nicht darcnt. Oder doch «nein Bewußisem hatte es sicher und fest verdrängt. . Schon in der ersten 'Nacht ijattfe ich. einen Traum, aus dem ich schweißnaß erwachte, als Hütte ich leibhaftig Gespenst und Geist gesehen. Ich träumte, daß ich unter Sternen und Mond durch das Dorf-schritt, das ich fei meiner späten Ankunft zu Wasser gar nicht mehr gesehen hatte.. Und, andren Tages stellte rch fest, daß der Ort wirklich genau meinem Traumbild enffprach, und ich war auch ftüher nie hier. geftrcfeit. Ich träumte also, daß ich in stiller, milder Sommernacht die Straße hitmufschreite Gasthofen, Bauernhäusern, Scheimen, Gärien, kleinen Billen. Alles ist. dunkel. Aber hinten in den Wiesen steht Min Lanichausi weiß gestriche», mit einem Hellen Fenster. Ich verberge mich hinter einem Brmmeustvck nUd.lfeG »itzt, warm» ich dv: htau»- m* itmrte.?8fer da SW«L sich drüben im Mtzm HmK >gMe Tür, ein Mmtn kommt heraus, barhaupt, langsam, schveivet herüber zur Strafte, geht an wix vMübAp sieht «Wh au, und kch sehe das krmmWeveude, höWsche Lächelu RndoW ans jtntx verfluchten Jmtinacht ... Hivr erwachte ich ,mt einem Ährei. Der Mond schreit auf infeht Bett, ich zitterte vor Entsetzen, mein Herz schlug, als sei ich gctäufeu, gerannt, gesprungen — Uick am Tage, wirklich, ich gehe, dem ' Ttechiulfew nach! und sinde hinter dem Dorf in'den Wiesen dastt»,'iß- Landhaus meiner Rachtphanttchen.... Ich lachte. Ja, damals lachte ich noch. Ich lachte ein unheimliches, beängstigendes Gefühl fort. Was glarrbte, «vas snrchLrrc ich?... O, ich muß geglaubt und gefürchtet Hafen, .fefn ich nagte nicht zu fragen, tver in jenem «nsamen Hause schke...< In der nüchst-vn Nacht — o Grauem! — kehrte dieser fMe Traum wieder, nur daß es dunkler war, wrükig, der Hiuvmel mond- und storuenlos. Und diesmal folgte ich dem. grinsenden Gespenst, ich folgte ihm auf dem Fuße, wie sein Schatten. Er halle mich gesehen, aber nun uahm er dennochkeine Notiz vor mir, kehrte sich nicht an meinen Schritt, »rein Keuchen hinter ihm. O, diese Richtachtmig ivar fttrchterlLchl Dieses 'Mich-nrcht- BemefrjEeit verbrannte mich, fraß an nnr wie FßMich heulte auf vor Wut. — Da scch ich, daß ich Wn berg auf gefolgt war auf eine Felsplatte. Eine Bank statch . dort hart an emmn Absturz. Er beugte sich hirmiller; ich, neben ihm, sah auch hütab üt die geringe, doch schauvige Tiefe. Undda fcch ich sie unten; liegen^ ne ünmer Geliebte, die nie Besessink, von ihm mir stohlene, HÄene... Helen« lag dort auf fem MR» in schauerlich verkrümntter Stelknug, gebrocheue Augen afef uns gerichtet... Es war Nacht, aber ich — wt« r sichen sie ttr einem grellen Licht furchtbar deutlich dort in 'Tieft liegen... Mir schwindelte, ich fiel, ich ach, ich siel hinab, ihr nach; sie wuchs mir grarchg «itgegegen, ungehmer sich vergrößernd. —- Und d» — » ' Gott! endlich — erwachte ich nt kattevt Schweiße,.. Ich. beschloß, sofort abzurseifen. Alles >oar m&c per giM, ich> wagte mich nutzt mchr vom Seeuftv fovt. >Mvr als ich in der drillen Nacht tramrllos fcWf, «llnpete Zch auf und blieb. Ich brachte sogar den Mut auf, dft^stvtsiottsinhaberm nach dem weiße« Haus in den AÄstu m ftvgen. Hätte ich. es doch nicht getan!..., Rudolf turchnie dort, es war Rudolfs Halls, er hacke gskanst, als seine. Frau hier den Tod gefunden chiid hier fegrabett worden war. Er komtte sich, sagte m«pe A-Berichterstatterin. gerührt, tränenden Auges, ,,^fe»n^ . dem Ort nicht trennen, wo er die letzten glücklichen - T-age mit der gekebtett Frau verbracht-mtd sie verloren hatte. Er lebte seit sechs Jahrert hier, gartz still und einsmn, zwischen Büchern, Münzen nnd Steinen. Cr bekam keine Besuche nnd ging nirgends hin. AllgMftür War man im Dorf überzeugt, daß ein SchzvrMl die junge Frau an. der harmlosen Stelle gepackt, hiahjen müsse. Als man sft fand, hielt sie noch die PlunM in der Huck, die sie auf den .hatte -ßelftn wvllm. Üw o^clock Eüpdefi Abenc füraie Keise 9gCWE MASSWERKSTÄi rg vii. »fif w r. c n fs m %. t

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