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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-07 · Heft 2765 (7.11.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2765 (7.11.1926)
Date
1926-11-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Soito 2 Wien, Sonntag Wiener MorgenzeiLung 7. Ttmwfcr 1026 Nr. 2765 Der Krieg der Wetten. —y Wien, 7. Noöeniber 1926. fl ■;* Der Mars, unser nächster durch ocu Raum freijVnder Nachbar, neilte dieser Tage in der^ Erdnah". Diese Nähe ist nach immer nnvvrstcllbar weit. Doch Hut dieses kosmische Ereignis beit Erdbe'-rohnern im, Gedächtnis gerufen, daß sie nicht allein ans der Welt.sind, daß sic nicht der Nabel der Dinge sind, sondern eine Masse höchst unzulänglicher, stanbgeborener Kreaturen, deren Herrschaft über alles, ivas da kreucht. uich fleucht, in einent Nu verlern würde, rvenn so estr Nachbarplanet oder Komet durch irgendeinen ungeahnten Anlaß aus seiner Bahn allzu nahe an unsere Atmosphäre streift. Gewiß, die menschliche Wissenschaft reicht sehr weit, und sie hat schon einige Stufen der Erkenntnis erklommen. Sie hat erkannt, daß sich die Bewegungen im All nach Gesetzen vollziehen, und sie hat einige dieser Gesetze berechnet. Sic hat erkannt, daß sic in der. Unendlichkeit steht. Mer schon diesem Wort gegeisicheis. versagt alle Vorstellungskraft, und darum ist auch häs FLort von der Weltanschauung, das so oft gebraucht jpirh, und das so viele Mängel und bösartige Verirrungen s verdeckt, eine innere Unwahrheit. Es gibt höchstens eine Erdanschauung, und auch sie ist nicht allen Menschen .oder Völkern zu eigen. Nur die englische Nation, die sich von ihrer Insel aus mit einer unvergleichliche Zähigkeit,in einer über die Jahrhunderte schauenden Politik die halbe Welt unter-- toorsen, den mnerikanischen und australischen Erdteil in ihren Kulturrreis gezogen hat, besitzt, das Gefühl für Universalttät. Sie und das jüdische Volk, has sein leidvolles Schicksal über die bewohnte Epde - zerstreut hat. Nur in England konnte der kühne l Versuch auftauchen, die Geschichte der Menschheit ms Unen Teil der kosmischen Entwicklung aufzufassen mrd/zu ^durchwandern. G. Wells, der Dichter des bekannten utopischen Romans pan der Invasion der Marsmenschen äuf der Erde, hat ein Buch „Die Geschichte unserer Welt" geschrieben (das eben in deutscher Uebersetzung im Verlag fPaul Zsolnay erschienen ist), in welchem er auf der' Flammarionschen Zeitmaschine über die Erde hiwoegfliegt und das Treiben und Hasten, das wir Weltgeschichte neunen, wie auf einem Filmband tief unter sich abrosienf läßt. Er will über den Dingen bleiben, vergessen, fdaH er selbst zu dieser Menschheit gehört und daß auch in ihm ihr Streben, ihr Drang imb — ihre Unzulänglichkeiten leben. Und es ist nicht unwert der Erwähnung, daß auch dieser sich zur gemessenen Kühle zivingende Philosoph die Unbefangenheit verliert, wenn er, her Engländer mit der Erdanschauung, auf das Judentum ^zu sprechen kommt. Er ftndet schöne und warme WoHe, rvo er der historischen Größe der jüdischen Ethik atz der freie Beurteiler gedenkt. Aber in dem Augenblick, wo er von dem Stifter der christlichen Religion spricht, wird er zum Christen und der jüdische Gott zu - einem Gptt, der mit sich handeln läßt. Bon den Vorgängen jener Zeit ist im jüdischen Schrifttum, das doch immerhin zu berücksichtigen wäre, nichts zu finden. Ächer^diese Vorgänge ließen sich doch viel zwangloser aus-. der Situation des jüdischen Landes erklären, das, von feiichlichen Truppen überschwemmt, cingeklammert von einer im Krieg brennenden Welt, seine innere Geschlossenheit bedroht sah. Und daß seine Furcht berechtigt loar, Hermes doch der -Gang der Ereignisse. 70 Jahre später «.brach auch der letzte Rest jüdischer Freiheit unter bep Stiefeln der Legionen zusammen. Auch Wells fcrrtUj nicht wider seine Natur. Und der Judenhaß gehört zum Christentum, das nach einem fast zweitausend lJahr? 'langen Strafe'dzug noch •uujiivt: von oer Rachsucht dyö alttesta.......arischen Gottes zu reden sich unterfängt.,,Und diese Stellungnahme zum Judentum ist in Her Tat zur Weltanschauung geworden, zu der einzigen, die geistiger Besitz aller Völker geworden ist. u Wells will kosmisch denken. Nach^ Jahrmilliarden zähtt bisher das Mer der Erde. Aus dem brennenden, kreisenden Urnebel ist das Leben bis zur elektrischer: Straßenbahn vorgeschritten. Die arische Zeit, in der es kein bewußtes Leben gab, war von ^Perioden gefolgt, in denen allerlei Getier, von der kleinen Schnecke bis zmn Titanosaurus, einander ausfraß,, Hann kam, lange, lange nach der Entstehung einer festen^ Erdrinde, der Mensch. Und siehe da, er tut nichts Anderes wie der Brontosaurus. Er frißt seinesgleichen' Wells will ausführen, daß nach den 500.000 Ja^en, die der Mensch Wer die Erde geht, wir erst im Jünglingsalter sichen und daß die Nöte der Menschheit ^ie.. einer wachsenden und völlig ungebändigten Kraft seren^ Wenn man es so hört, mag es leidlich scheinen. Ein ^abschließendes Urteil wird nicht möglich sein, nicht,, süx uns, '-'nicht für die Nachfahren. Mer wir sind doch heute schon imstande/ das, was.war, zu überschauen und die Gesetzmäßigkeit des Werdens zu erkennen. MARri - JAHRESKREDIT *uL?Äar flVDHb ' WEINBERGER S HOFFMANN 11., Praterstraße 50. Besuch lohnend. Kostenlose Einlagerung. Wir sehen sicherlich einen Fortschritt. Der Troglodyt, der die Schenkelknocheu seinrs Freundes aufknackte, ist nicht mehr. Die Menschheit ist humaner geworden. Sie hat sich organisiert. Sie ist zur Familie, zum Klan, zmn Volk entwickelt worden, und sie hat dies aus bewußtem Willen, nicht aus einem Trieb heraus vollbracht. Das ist ihre Ehre, und an diesem Werk waren alle Menschen beteiligt, nicht bloß die von Wells so gepriesenen blauäugigen, blonden Arier. Unb damit kommen nur auf bett Sinn, in dem Wells »seinen Rurtdflug unternimmt. Was er darstellt, ist in der Hauptsache die Geschichte der europäischen Völker, nicht die der Menschheit. Wohl haebn die weißen Nationen in Erkenntnis der Natur, in der Technik Großes auch für die anderen geleistet. Aber sie haben es zum Zweck des Herrschens getan und ihre Herrschaft haben sieschließlich selbst untergraben. Sie haben, ungeheuerliche Schuld auf sich geladen, und unter ihnen trägt die schwerste Last jener Teil, den Wells in Anpassung an sehr beliebte Schlagworte die Arier nennt. Ihre Diktatur tritt immer wieder in der Geschichte hervor. Sie ist im Abklingen. Und darum singt der christliche Engländer Wells, der Juden, Chinesen und Inder über die Schulter ansieht und der vom Martyrium der schwarzen Rasse recht kühl berichtet, sein Weltanschauungslicd von der jünglingshaften Menschheit. Niernand vermag es zu sagen, wo der Endpunkt des Geschehens liegt, wann er eintritt. Niemand vermag die Schwierigketten zu ermessen oder auch nur zu erdenken, die noch vor uns liegen. Mer wir alle wissen, daß die Menschheit nach ihren: Ursprung eins ist, daß ihr Weg austvärts geht, aber daß sie vor allem diee Hybris zu übmvinden hat. Wenn sie darauf vergißt, dann muß nur ein anderer Planet in die Nähe kommen und das grauenhafte Bild der kosmischen Revolution an das Firmament malen. Vox diesem Krieg der Welten verstummt das Lob der arischen Rasse. LOMBARDIERTE PELZE Herren-, Damenkonfektion and Raiihweron in grABt«r Auswahl billigst abieugeben bei iSi JOHANN W3SCHNITTER « JAKOB SCHWARZ KQraohnermelatar Wien, 1. Baz., Ertlgasae 4 Zugang: Bauernmarkt 14 iBBBBBBnBBBBBBpBBBBBBBBBBBBBp»nBBBBBBB Battüvins Vermittlung im Kohlenlonflitt. Vor der Nationalisierung der englischen Bergwerke? London, 6. November. Heute trat das britische Kabinett zusammen, um die neue Situation im Grubenstreik zu prüfen. Nachher empfing B a l d w i n zusammen mit den Mitgliedern der von der Regierung eingesetzten Kohlenkommission, an deren Spitze Sir Herbert Samuel steht, die Grubenbesitzer, und übermittelte ihnen die neue Stellungnahme der Arbeiter. Me Grubenbesitzer scheinen, soweit bekannt, auf tar restlosen Durchführung regionaler Verträge zu bestehen, wodurch die Vereinbarung zwischen der Regierung und den Vertretern der Arbeiter in ihrer Durchführung erschwert würden. Für. die Weiterentwicklung der Dinge , hängt alles von einer klaren Haltung der Regierung ab. i Soweit bekannt, scheint die Regierung im Gegensatz zu ihrer bisherigen Haltung die letzten Vorschläge der Bergarbeiter, die' sich vor allem auf Mindest löhne und eine Arbeitszeit von 7H Stunde« beziehen, als eine geeignete Berhandlu ngsbasis anznsehen. Es liegt in der. Hand der Regierung, mit dem nötigen Nachdruck bei den Grubenbesitzern die Annahme dieser Vorschläge zn erwirken. Ministerpräsident Baldwin empfing im Lause des heutigen TageS auch den Vollzugsausschuß der Bergarbeiter, dem er die Antwort der Grubenbesitzer mitteilto. ES wird als günstiges Zeichen gewertet, daß die Verhandlungen Montag fortgesetzt werden. Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, soll die Regierung in ernste Erwägung ge. zogen haben, aus dey ursprünglichen Vorschlag der Kohlenkommission zurückrngreifen, daß in absehbarer Zeit eine Na- Gegen alle wirken vorbeugend und lindernd die ärztlich erprobten und empfohlenen ScndSwean - Knoblauchtropfen. Vorzüglich bei Frauen in den Wechseljahren. Preis S 3.50. erhältlich In allen Apotheken. ist Erzeugung: Alte Feldapotheke, .Wien, I. Stephaneplatz. tionalisivrung erfolge. der KoHlongruSen in England JIM Senatsmaudat der ggsstzer Handelslummer. Bukarest, b. November (I. X, A.). Die Handelskümmern in Jassy und Gzernowitz Hatten mit großer Majorrtctt den jüdischem HawdeilsTammerMtL Me M endelisdchn zum Senator gÄvä'hllt. Infolge der Jntrvgem der Kreise, die den unteTegonm Kandidaten Czerkes hatten durchsetzen wollen, annullierte der Senat diose WM. Nachdem die Jassyer Handelskammer aufgelöst und bei den MuwMen eine andere Zustunmenfetzung erreicht wurde, wurde auch die Nachwahl zmn Senat ausgeschrieben. Cserkes echiM 39 Stimmen und wurde gewWt, während Mendevsohn «mit 38 Stimmen in der Mnorttäit biliöb. /' f JO l *. Die Probleme des jüdischen Volkes und die Sozialdemokratie. Betrachtrmgen eines österreichischen Oftjnde«. Von I. Hellenberg. I. Das jüdische Proletariat in dar ö ist e r» reichischen Politik. ' Man stelle sich einmal vor, irgend ctu liberaler Politiker der vergangenen Zeit hätte früher, als es noch keine sozialdemokratischen dlbgeordneten im Par «mente gab, seinen Kanrpf mit Freiheit imb Fortschritt in der Weise geführt, daß er den Vertretern der sozialen Reaktion, den programmatischen Scharfmachern, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nur immer wieder vorgeworsen hätte, sie seien eigentlich keine Scharfmacher, da und dort hätten sie sich sogar mit der Arbeiterschaft ihrer Betriebe eingelassen, um schnöder persönlicher 'Vorteile willen seien sie viel zu oftihrem antisozialen Programm untreu geworden, es sei ein besonderer Skandal, daß sie dieses Programm gar nicht ernst nehmen, trotzdem 'sie es feierlich verkünden' und kennzeichnend für die Niedrigkeit ihrer persönlichen Handlungen sei, daß sie diese in Gemeinschaft und zum teiliveisen Nutzen mancher Arbeiter begangen haben. Wenn im Mundo dieses liberalen Politikers typische Arbeiternamen, die Zehntausende ehrlicher Menschen von ihren Vätern bekommen haben, Franz Bierhofer, Anton Dlouhy, Benzel Schmidt, nie anders denn als Schimpsworte charakteristischen 'Schmutzes erklungen wären, gerade geeignet, seine 'Gegner -der größten Niedertracht zu kennzeichnen, so oft er irgend eine praktische Ausnahme, eine einmalige Umgehung ihres sonst nichts zu wünschen übrig lassendert arbeiterfeindlichen Programmes enthülst habe. - ( Was wären wohl die Gefühle der Arbeiterschaft, sofern sie politisch schon so weit informiert wäre, irnl von dieser Kampfmethode Kenntnis zu erlangen, was wären die Gefühle der sozialistischen Intellektuellen, diesem sonderbaren „Bekämpser des Scharfmachertums" gegenüber? Wie hätte die Arbeiter-Elite, wie hätten die Vorstände der Gewerkschaften auf die Zumutung reagiert, diesen ehrenwerten Mann nicht etwa als einen für die Behandlung von Arbeiterfragen untauglichen Abgeordneten zu betrachten, sondern als Lewfmen berufenen Vertreter ihrer Interessen, der, indem er die Vertreter 'ihrer Interessen, 'denn, Indem er int Vertreter der Reaktion bekämpfe und ihnen eine Blamage nach der aiDeren'beibringe, "fördere er eigentlich Arbeiberinteressen. f I Nun, uns jüdischen Sozialdemokraten, schon gar so wett wir Ostjuden sind, und die ärmsten Teufeln unter! uns sind zumeist Ostjuden, wild Aehnliches seit Jahr und Tag nicht imr zugemutet. Eine Vertretung des jMschen Volksteils als solchem gibt es 'derzeit im österreichischen Nationalrat nicht. Unter denjenigen aber, die als berufene Vertreter der Klasseninteressen des Proletariats auch als unsere Sachwalter betrachtet werden sollen, sind gerade die . am lautesten, die den Christ.'ichfozialen noch bei jeder Gelegenheit vor allem Mangel an Antisemitismus, Beziehungen zu Ostjuden (wie schändstch!) vorzuwerfen wissen, und unsere jüdischen Namen nicht anders in den Mund nehmen, denn als Schimpfworte charakteristischer UnredlickLett. Bedarf es da iwch weiterer Darlegungen um die Situation des jMschen Volkes in der österreichischen Politik und des jMschen Proletariates in seiner eigenen Partei klar vor Augen zu führeir? ( Während jedoch das jüdische Bürgertum offen ünd' unabhängig nach allen Richtungen hin seine Interessen währzunehmen nnndestens sich beniühen kann, hat das jüdische Proletariat nur die Hälfte seiner Aufgaben in halbwegs guten Händen, während die andere Hälfte unerfiillt 'bleibt, roas zu katastrophalen Folgen, Mafsenausweisung und Masfenentrechtung führt, und, zu unserer Schaüde!, schon geführt hat. . 1 1 Das jüdische Bürgertum kümmert sich wohl den Teufel um die Meinung seiner proletarischen Volksgenossen, wenn es im Jndüstri ellenverbmid und in den Handelskammern über seine rein bürgerlichen Klasfeninteressen gemeinsam mit den 'Vertretern des ikichtjüdischen Bürgertums zu beraten. und zU beschließen hat. Es ist aber oiu ch diesen seinen Klassengenossen nichtjüdischen Stammes keine "Rechenschaft 'darüber schuldig, wenn «S in Gemeinde und Synagoge, in Verein und Loge die Interessen seines Stamnwolkes indem Ausmaße llnd insoweit wahrzunehmen versucht, als es sich berufen ftihlt. Der jüdische Angestellte und der jüdische Arbeiter hingegen sind lvohl in der Lage, rm Wege ihrer Partei- Und Ge-- lverkschaftsvrganisattonen die reinen Klassen interessen, soweit wollen Ihre Wäsche sauber haben sollen Ihre Wäsche schonen müssen daher waschen lassen bei der PRIN WASCH ANSTA LT BIANCA HU» LINZBRBTRA88E 300, TELEPHON 814*1 holen und stellen Jedes Quantum Wäsche kostenlos su. weschen Ihre Wäsche ganz separat, schonend und blütenweiß, halten Ihre Wäsche gegen Jedes Risiko voll« versichert. W

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