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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-03 · Heft 2761 (3.11.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2761 (3.11.1926)
Date
1926-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sorte 4 Wien, Mittwoch Wiener Morgen-ettmrg 3. November 1926 Nr. 2761 ivenn es eben mi'CH'r* nicht ginge, selbst mit Verleugnung« der dcnrokratischen Methoden brechen würde. Und dies sogar auf die Gefahr hin, daß in dem Kampfe die Denwkratte, aber vielleicht auch die Diktatur des Proletariats überwunden werden konnte. Das wurde >vvhl nicht gesagt; aber es ist eine Bin-» fcnwahrheit, daß sich der Ausgang eines Krieges nie Vvraussehen läßt. Wer nach einem allgemeinen Tohuwabohu schließlich die Macht ergreiferr würde, .kann weder Doktor Bauer noch Dr. Adler Vorhersagen Es könnte der Fall sein, daß dann statt des Proletariats oder dessen Führer ganz andere Leute irr Oesterreich d-iktiererr. Bon einer beneidenswerten Naivität zeugt es, wenn sich die Verantwortlichen einer so großen Partei just irr einem Staate die Köpfe über die Formen der Proletarier» diktatrrr zerbrechen, der seit vier Jahren seine Existenz von den Krediten des ivestlichen Kapitals fristet urid sich bin» nen kurzcnl wieder rvegen neuer Kredite aus Ausland wird tuenden müssen. Außerhalb des engen Beratungssaales in Linz ivird man wohl Oberösterrcich oder den anderen Bundesländern ivcnig Interesse für die dort produzierten dialektrischen Spitzfindigkeiten enoecken. Herr Dr. Bauer möge es nur versuchen, etwa in Timmelkam oder Kallham, keine ztvei Bahn stunden von Linz entfernt, mit der Proletariern diktätur zu kommen. Die Bauern würden ihn vielleicht nicht einmal Volt der heiterell Seite nehmen ulld Formen der Abwehr finden, die mit den faschistischen Methoden mehr Aehnlichkeit haben als mit derr demokratischen, aber jedenfalls auch voll Theoretikern der Diktatur, empfunden und verstanden tverden. »Re größte« Schreier". Linz, 2 .November Auf dem sozialdemokratischen Parteitag legte Abg. Skaret den Tätigkeitsbericht des Pärrteivorstandes vor und kritisierte hiebei das Bestreben vieler Organisationen, ohne Groschen Geld Arbeiter- oder Sportheime zu bauen. Unvorsichtig seien auch die Lokalorganisationelr bei der Auswahl der Gemeinberatskandidaten. Gewöhnlich werden die größten Schreier ausgewählt, die natürlich großen Schaden anrichten. Dr. Danneberg referierte über die politische Lage. Er schlug eine Resolution vor, in der die Gesetzwerdung der Arbeiterversicherung und staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verlangt werden. Sei das Parlament rncht imstande, diese dringendsten Ausgaben zu erfüllen, dam: sei der Nationalrat sofort aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben, welche die Partei je eher, desto lieber herbeiwünsche. Nach eingehender Debatte wurde eine von Doktor Danneberg vorgeschlagene Resolution angenommen, in der unter anderem die Forderungen nach Fertigstellung der Gesetze über die Alters-, Invaliden--^ Witwen- und Waisenversicherung sowie eine brauchbare A n g estelltenversicherung und staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Sollte der Ncrtionalrat nicht imstande sein, diese dringenden Aufgaben zu lösen, so fordert der Partei- ' tag die eheste Auflösung des Nationalrates. Ferner stellt die Resolution im Hinblick auf den Zentralbankskandal fest, daß die Reinigung des öffentlichen Lebens die Schicksalsfrage der Republik ist und fordert mit allem Nachdruck vom Nationalrat die hiefirr erforderlichen Gesetze. Der Parteitag mahnt die Genossen und Genossinnen in Stadt und Land, sich für die bevorstehenden schweren Kämpfe zu rüsten, um die Einheit und Geschlossenheit der Arbeiterklasse zu wahren. „Im Bewußtsein, daß wir die Mehrheit erobern können" — schließt die Resolution — „mutz es uns gelingen, alle, die ihrer Klasse nach zu uns gehören, aus dem Banne ihrer Feinde zu lösen. So werden wir in den nächsten Wahlkampf ziehen, den wir je e h e r, d e st o lieber herbeifichren wollen." Nachdem noch einige andere der Provinz, darunter einer, welcher die Wedeireinführung des Wohnungsanforderungsgesetzes, ein anderer, der die Abschaffung des konfessionellen Eides und Einführung einer einheitlichen Eidesformel verlangt, angenommen worden waren, wurde die Wahl des Partei- Vorstandes vorgenommen, aus der der alte Parteivvrstand zur Gänze wiederge wählt hervorging. Heute findet die Schlußsitzung statt, bei der der Bauersche Programmentwurf zur Abstimmung gelaugt. Re RationalsoMifte«. Der Parteitag der Wiener Nationalsozialisten nichttzitlerischer Richtung (Partei Schulz-) hat am Sonntag beschlossen, sich an den kommenden Wahlen in Oesterreich zu beteiligen. Da diese Partei fast schon aufgelöst ist, bedeutet chr Beschluß das Aufgehen in der großdeutschen Bolkspartei. Die Beamtenverhandlongeu aus dem toten Punkt. Die Verhandlungen mit den Beamten stocken seit einigen Tagen. Gestern berichteten s-jie Unterhändler der Bundesangestellten ihren Organisationen. Gegen 9 Uhr abends trat der Fünfundzwanzigerausschuß zu eitler Besprechuirg zusammett. Die einzelnen Organisationsvertreter spräche»! ihre Meinung zur gegerUvärtigen Lage aus. Es wurde sodann die Frage erörtert, toie man über den gegenwärtigen toten Punkt hinivegkommen könnte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Beamtenvertreter nochmals Fühlung mit der Regierung suchen loschen. MM Spateriefornien in großer Auswahl bei 201 HOWWITZ, Wien, VH., _M Es wurde beschlossen, die Verhandlungen mit der Regierung in dem Sinne sofort wieder aufzunehm e n, daß seitens der Regierng endlich jene Grundlagen geschaffen werden, mrf denen Verhandlungen zu einem raschen Abschluß gebracht werden können. Solche Grundlagen wären nur gegeben, wenn auch die Regierung von ihrem zletzt bekanntgegebenen Standpunkt im entgegenkommenden Sinne abweicht. Srhöhnng des Brotpreifes? In den Reihen der Erzeuger von Schwarzbrot ivird mit Rücksicht auf die gestiegenen Gestehungskosten des Brotes eine Preiserhöhung als unumgänglich notwendig erklärt. Es fanden bereits in der Genossenschaft diesbezügliche Aussprachen statt, die aber noch zu keinem Ergebnis führten. Wie wir erfahren, ist für kommenden Freitag eine Sitzung einberufen, in der die Frage der Erhöhung des Brotpreises entschieden wenden soll. Reue ßrdftSße aus Mauila. Manila, 2. November. Hier wurden zwei Erdstöße in kurzen Zwischenräumen verspürt. Die Häuser wurden leicht erschüttert. Es wurde kein Schaden angerichtet. Sine zettuugraUre kn Budapest. Budapest, 2. November. In politischen und journalistischen Kreisen erregt die Meldung ziemliches Aufsehen, daß der Generaldirektor der „Budapesti Hirlap", Zeitungs- und Druckerei-A. G>, Alois Böhm, der seit vielen Jahren an der Spitze dieses Unternchmens tätig ist und dem sehr gute Beziehungen nachgesagt iverden, plötzlich seiner Stellung enthoben worden ist, nachdem eine vor drei Wochen vom Exekutivausschuß des Unternehmens veranlaßte Untersuchung mit einem für de Geschäftsführu ng Böhms ungünstigen Ergebnisse abgeschlossen hatte. Gleichzeitig mit Böhm wurden auch seine Stellvertreterin Marie Gabor sowie ein Sekretär entlassen. Mit der Leitung des Unternehmens wurden Chefredakteur Franz Csajthay und der verantwortliche Redakteur Tibor Landor betraut. Absturz eine« Poftanto« in der Tschechoslowakei- Fünf Fahrgäste verlebt. 4 Warnsdorf, 2. November. Das zwischen Steinschönau und Böhmisch-Kamnitz verkehrende Po st automobil fuhr vorgestern abends in der Nähe von Oberkamnitz mit voller Wucht gegen die eiserne Schranke einer Kanalübersetzung, so daß die Steine, Ln denen die Schranke ruhtch abbrachen. Das Auto stürzte die ungefähr zwei Meter tiefe Straßenböschung hinab und legte sich auf die Seite. Von den etwa 30 Fahrgästen erlitten drei ziemlich schwere, zwei leichtere Verletzungen. Nur dadurch, daß das Auto auf den weichen Wiesengrund stürzte, wurde ein größeres Unglück vermieden. Als die Ursache des Unfalles wurde ein Steuerungsdefekt angegeben. Beim Radio eingeschlafen- Das moderne Dornröschen. Aus London wird berichtet: Eine Kommission von Aorizttzn und Psychologen hoitte sich dieser Tag« in einem Spital in Not-tiinig'hiaim mit - dem Falle eines jungen Mädchens zu beschäftiig-en, das sich seit einem Jahre in einem Hy pn ose ähnlichen Schlaf befindet, ohne daß es bisher lgelnnigen wäre, dasselbe zar Wecken. Die swanzMährigs Doris H-in t o n iist am 2. Oktober 1926 im Speisezimmer ihrer elterlichen Wohnung beim Nadiohören eingeschlafen. Der Trancezustand änderte sich während dieses Jahres iübevhaupt nicht. Man hat das Mädchen künstlich ernährt. Die an» fäniglUchle Vermutung, daß es sich hier um eine Schlafkrankheit -handle, wurde durch die auffallende Zunahme des Körpergewichtes der Kranken sowie durch eine Blrrtuntevsuchung widerlegt. In den letzten Wochen, also nach einem Jahre düs schlafend>en Anstandes und der küwstlichen Ernährung,, begann das Mädchen die evsten Zeichen des Erwachens zu zeigen. Es ist gelungen, ihr mchreve Mate einige Worte verständlich zu 'wachen, >mud sie versuchte auch, auf einzelne ihr gestellt« Fragen zu antworten, verfiel aber gltoich wieder in ihren Zustand der Bewußtlssigiksit. Die Aenzte halben ihr Gutachten noch nicht abgegeben. Sie fanden das Mädchen trotz der künstlichen Ernährung in einem güten GesurÄheitszustand. Die Schmer-öniPfindLichkeit ist, wie experimentell festgestellt wurde, sehr stark herabgesetzt. Die Bchandlung durch einen Hypnotiseur blich ebenso wie die Vevfuiche, das Erwachen durch Elektrisieren herbe izuführen, bhue Erfolg. Der Fall wird von den Aenzten als eine ungemein starke Bewußtseinsstörung aus Psychologischer Grundläge angofelhen. Die meiste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es sich >um eine Art t o d ä h n l i ch e n Schlaf ^handelt, den man bei indischen FcMren Häufig zu ^beobachten GBegenheitrhat. Re dritte Grabkammer de« Tutankhamen Sämtliche altägyptische Bestattungsrequisiten gLfnildkn. Aus Kairo meldet Muter: Wie die ägyptischen Blätter berichten, ist die jüngst geöffnete d r i t t e K a m m ,c r in der Gruft des Königs Tutankhamen zwar ntch t so reich ausgestattet, wie die beiden anderen, jedoch dadurch von großer historischer Bedeuttlng, daß sie alle jene Gegenstände enthält, die bei beit Bestattungsfeierlich leiten verwendet zu werden pflegten. Wan« ist da« Bett rrsunden worden? jJn früheren Zeiten begnügten sich die Menschen damit, auf Teppichen zu schlafen und sich mit Decken oder Tier-, fetten zuzudecken. Zum erstenmal wird bei H-erodot von der Beimtzung von Betten gesprochen. Der griechische Schrift-- stellet' schildert, wie der Tyrann von Samos im Jahre 450 vor Ehr. einen persischen Gesandten empfing, während er „ans einem Ruhebett lag, das Gesicht der Wand zugrkehrt, und ohne die Höflichkeit zu besitzen, sich nach seinem Gast umzudrehen." Es handelte sich dabei um ein richtiges Beit, in dem man lang ausgestreckt lag und nicht etwa saß. Das Bett der damaligen Zeit war ein erhöht aufgestellter Diwan, Mf dem viele weiche Kissen lagen. Genau wie ein moder- - ner Diwan, bestand es aus einem viereckigen Gestell,dasl auf vier Füßen ruhte, rmd dem Reichtum des Eigentümers! entsprechend, waren die Stützen Ms Bronze, Gold, Silber, Eisen oder Holz. Die Matratzen bestanden aus Gurten oder Riemen, über denen sich eine Leinwanddecke befand;, darüber lagen Lederkissen, die mit Leinen oder mit Federn gestopft waren. Aber das Bett stand so hoch, daß MM zu seiner Benutzung eine kleine Treppe brauchte, um hinMfznsteigen. Erst einige Jahrhunderte später wurden Betten gebMt, über denen sich ein viereckiger Rahmen» befand, an dem ein Baldachin befestigt wurde. Diese Betten waren besonders in Italien verbreitet. <Hn Totschlag in Ättakriug. Gestern früh trat am Johann-Nepomuk-Bergerplay der 23jährige Gerüster Johann Formann, Quellenstraße 35, auf einen Wachmann zu und teilte ihm mit, daß er kurz vorher durch einen Messerstich in den Bauch verletzt worden fei. Während der Wachebeamte den Verletzten der aus der Bauchgegend durch bi te Kleider hindurch stark blutete, in das Stefaniespital führte, gab der Mann noch an, daß ex mit einem zweiten Manne, den er nicht weiter kennt, einen Streit gehabt habe, iuf dessen Verlauf dieser ihn durch den Messerstich verletzt habe. Formann ist im Spital, bevor noch eine weitere Einvernahme erfolgen konnte, der Stichverletzung erlegen. Die von: Polizeikommissariat eingeleiteten Erhebungen lenkten den dringenden Verdacht der Täterschaft gegen den wegen Messerstechereien mit sechs Monaten schweren Kerkers vorbestraften 24jährigen Pflasterergchilfen Josef Peyerl, der sofort verhaftet wurde. Er war von Zeugen in unmittelbarer Nähe des Formann am Johann- Nepomuk-Bergerplatz gesehen worden, als dieser um Hilfe rief. Peyerl stellte die Tat entschieden. in Abrede. Die Erhebungen werden fortgesetzt.. Znr Wasser gegangen. Selbstmordversuch oder Raub an fall? In der gestrigen Mittagsstunde wurde im Winterhafen von einem Motorradfahrer die 34jährige Gutsbesitzersgattin Irma Schlesinger im Wasser stehend aufgefunden und auf die Wachstube gebracht. Dort gab sie in großer Aufregung au, sie sei das Opfer eines Raubanfalles geworden, den zwei Knaben verübt haben. Als sie durch die- Hafenmittelstraße gegangen war, seien plötzlich ztvei Knaben auf sie gestürzt, hätten chr das Handtäschchen, in dem sich 45 Schilling befanden, geraubt und sie dann in das Wasser gestoßen. Sie sei bis zu den Knien in das Wasser geraten. Auf chre Hilferufe sei dann der Motorradfahrer gekommen. Die Rettnngsgesellschaft leistete der FrM erste Hilfe und brachte sie aus chren Wunsch in ein Sanatorium. Die Polizei fand 'bei der Nachschau im Wrnterhafengeöiet das Handtäschchen mit dem Gelde in einem Gebüsch versteckt. Der auf die Wachstube berufene Gatts gab an, daß der Raubüberfall offenbar von seiner Frau erfunden worden sei. Die FrM hatte frülj die Wohnung nach einem ehelichen Zwist mit dem Bemerken verlassen, daß sie „in das Wasser gehen" werde. Es dürfte sich somit tun einen Selbstmordversuch handeln. Die FrM hat Ms neuerliches Befragen jede Antwort verweigert. Wien, den 3. November 1926. * «Das Wetter. Das wanne Schönwetter der letzten Tage hat eine Abkühlung erfahren. Die Vorhersage kautet: Nordalpen zeitweise heiter, stellenweise vielleicht Morgensrost, tagsüber wärmer. Südalpen vorwiegend trüb, zeitweise Niederschläge. * Ter Wiener polnische Gesandte, Dr. Karl Bader ist gestern aus Warschau zurückgekchrt und hat die Leitung der Gesandtschaft übernommen. * Hofvat Dr. Blaschke gestorben. Am 30. v. M. ist hier der o. o. Professor der Technischen Hochschule in Wien i. R., Hofrat Dr .Ernst Blaschke im Alter von 70 Jahren gestorben. Hofrat Dr. Blaschke hat an der Technik durch Jahrzehnte ein Kolleg über mathematische Statistik gelesen, das stark besucht war. Cr besaß auch loeitretchenden Einfluß auf das gesamte Versicherungswesen Oesterreichs. * Selbstmord. In der Nacht zuws 1. d. ,M. erhängte sicl) in ihrer Wohnung die 68jährige Psründnerin Anna Kap'v uu aus KMt p«r Mer oewrstchenden OpeMon. I 8977^971

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