Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2761 (3.11.1926)
- Date
- 1926-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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^eit" e>- Vieri. D^ittnwch Wiener Morgsnzeitung 3. Rovombsr 1Ä26 Nr."Ml \*\\*\\*i\ «I Zer Delegiertentag der österreichischen Zionisten. -r. Leo Soldhammer znm PrSfideaten geMWt. kraft und Werbetätigkeit «der zionistischst Onganisation KÜU8 RADIKAL EJR ZIONISTEN Morgen Mittwoch, den 3. November 192(5, um halb 9 Uhr abends, im Cafe Atlashof, Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klubversaminltiiig Tagesordnung: Die österr. zion. Organisation nach dem Parteitage Referent: S. KANTOR Freie Aussprache — Von Kiubmitglieäerh eingeführte Zionisten als Gäste willkommen £02 Die Schöffe vsn Bologna. —y Wien, 3. Noöember IS26. Di« däachuichten, die über das in Bologna verübte i-.l-tentat ans Mussolim einia-usen, geben noch immer kein klares Bild des Vorganges. Es wurde auf Mussolini geschossen. Das ist das einzig seststehenlds Detail. Es ist unaufgeklärt, ob der sechzehnjährige Bursche, der erivürgt und von nicht wendiger als 14 Dolchstichen durchlöchert liegen blieb, cnrch wirklich der Attentäter war. Das M-Iiiou, aus dem er stannnt, ist eher faszistensceundlich. Der junge Gymnasiast hat salbst einer sosz'istrschen Fugeudovganisation angehört, die er allerdings verlassen hat. Sein Vater, ehemals Anarchist, -ist jetzt klerikaler Katholik, fein Bruder aktiver Korporal. Es ist nur zu leicht möglich, -daß in der Aufregung/ die dem Schutz folgte, der wcrhre Täter entkommen ist und daß die Volksmenge einen Falschen lynchte. Man weiß aus zahlreichen Fällen, so zum Beispiel ans der Geschichte des Studenten Steiger, wie mW solche Jrvtümer geschahen imd wie sie wirken. r ' Der faszistische Generalrat ist in Rom zusammengetreten. Es wird die Einberufung^ der Kammer erwogen, die Matzna'hmön gegen Attentate^ beschließen soll. Es wird sich aber wohl mehr um dich Einleitung von legalen Repressalien handeln, die ill-Hgah bereits in vollem Gange sind. Ans vielen Orten kommen Nachrichten über Zerstörungen von Zeiiungsdriüökereien. Verhaftungen werden vorgenommen, darunter' auch die der gesamten Familie Z a m b o n i, der der Attentäter von Bologna angchörte. Im Kreise seiner Gtzmnaftalkollegen soll «ine geheime Verbindung bestanden, «halben, deren Ungehörige durch Eid sich verpflichtet Hatten, Mussolini zu ermorden. * Für albe Fälle hat die faszistische Partei, die doch sie Regierung bildet, mit ihren Maßnahmen begonnen. Sie hat d ie gesamte Op p o s rt i o n s p r es s e eingestellt, was allerdings nicht viel besagen will, da es in Italien nur eine rudimentäre lOpposition gibt. Italien ist schon seit dem 28. Oktober' in einer Art Kriegszustand. Für diesen Tag, die Feier 'des Marsches ans Rom, hatte eine Order Mussolinis die Mobilmachung der gesamten faszistischen Orgoniisationen angeordnet. Es ist berechnet worden, daß nicht weniger als z w a nzig Millionen M e n s ch e n, Männer, Jünglinge, Frauen und Mädchen, faszistisch organisiert' sind. Wenn auch nur die Hälfte von ihnen dem Einberusrmgsbesehl Folge geleistet -hat, so kann traun sich eine ungefähre Vorstellung von der Stimmung im Lande machen. Die Regierung hatte weiters verordnet, daß in den Festversammlungen keine Reden gehalten und nur die Botschaft Mussolinis, die den endgültigen Sieg des Faszismus feiert, verlesen werden dürfe. Der Enthusiasmus ist also bis zur Siedehitze aufgepeitscht worden. In Bologna, wo ,das Attentat erfolgt ist, waren 30.000 faszistische Militzfoldaten zur Begrüßung Mussolinis konzentriert worden. Z>u einem unter solchen Umständen unternommenen Anschlag gehört eine Nervenkraft, wie man sie vort einem sechgehra iäbriqen jungen Burslchen nicht erwarten würde. * rt: Das Attentat gegen Mussolini ist' das vierte, und der Duce versichert in seinen Kundgebungen, er sei gefeit gegen den gewaltsamen Tod und habe sein Werk noch nicht ganz getan. Aber seine Partei bemüht sich, den Vorfall van Bologna politisch zu verwerten. Sie sucht nach Mitverschworenen und ist in der Sorge um das Leben des Führers zu Entschlüssen gekommen, die in der politischen Geschichte ihresgleichen suchen. In Ferrara ist unter dem Vorsitz des Generals Balbcp, b^schü>ssen wor- »den, eine Liste von antvfaszistischen Persönlichkeiten aufzüstellen, die mit ihrem Leiben haften sollen. Das ist wohl, die Fortsetzung des Säubevungsprozesses, der ja nicht erst seit gestern «datiert. Es wird in den nächsten Tagen ein gewaltiger Zulauf zu «der Partei zu verzeichnen sein. Und da -der Faszismus nichts sein will als die Macht und da ihm jede Schwäche Verrat dünkt, so werden die nächsten Botschaften «des Ministerpräsidenten einen neuen Anstieg des Glanzes mitteilen können. Mussolini kommandiert die Miliz, er befiehlt der Aruree, er verfügt Wer die Gewerkschaften und er will sich nur mehr auf die Bajonette stützen. Aber die Rethenisolge der Attentate sollte doch nachdenklich stimmen. Rach zlveitägiger anstrengender Beratung wrnde der diesjährige Delegiertentag der österreichischen Zionisten gestern, Dienstag, in der vierten Morgenstmrdc geschlossen. Er hat wichtige organisatorische' Arbeit geleistet, in der Frage der innerpolitischen Tätigkeit, die er als integrierenden Bestandteil der zionistischen Arbeit neuerdings erkannte, klare Stellung genommen, die Probleme der zionistischen Politik ernst und sachlich behandelt, in der Kultur frage und der mit ihr zusammenhängenden Erziehungsarbeit wichtige Beschlüsse gefaßt Und durch eine mit starker Majorität angenommene Resolution gegenbie Verkleinerung des zionistischen Endzieles Und für die Idee vom Judenstaate Stellung genommen. Dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Pros. Weizmann, wurde ebenfcllls durch starkem Majoritätsbeschluß, das volleVertraueu zum Ausdruck gebracht und seinen Bemühungen zur Schaffung einer einheitlichen jüdischen Front für den Ausbau Erez Israels Erfolg gewünscht. Der abtretende Präsident der österreichischen zionistischen Organisation, Herr Dr. Desider Friedmann, darf mit Genugtuung auf seine und seiner Mitarbeiter Leistungen zurückblicken. Dieser ausgezeichnete Mann, den die Zionistische Organisation wiederholt mit den schwierigsten Posten betraut hat, erwies sich auch diesmals als ein Führer, der Kraft seiner großen Begabung, seiner heißen Zionsliebe und seines ungewöhnlichen Verantwortungsgefühls die Zionistische Partei Oesterreichs in einer Zeit schwerer lokaler Krisen aus den Weg der Einigung, der fruchtbaren Zusammenarbeit, der Konsolidierung zu leiten wußte. Sern Nachfolger als Präsident der Organisation ist Rechtsanwalt Dr. Lev Goldhammer. Man weiß, daß er im letzten Jahre der wichtigste Mitarbeiter Dr. Friedmanns war. Man weiß aber auch, daß Dr. Goldhammer, einer der fähigsten jüngeren Zionisten aus der Herzl-Zeit, als Bildner der Jugend, der er seine ungewöhnliche Kenntnis der Palästina-Kunde vermittelte, als Politiker und als Publizist bisher außerordentliches geleistet hat. Wir verweisen mir auf seiue in unserem Blatte erschienene' undvon der jüdischen Presse der ganzen Welt übernommene Studie über die Juden Wiens. Nachstehend der Bericht der weiteren Verhandlungen des Delegiertentages. Herr Dr. Na hum Blauer erstattete den Rechenschaftsbericht des Wiener Palästina-Amtes. ^n der Berichtsperiode wurde für 494 Personen englische Visa beschafft. Die überwiegende Mehrheit, nämlich 391 Personen besä'den sich im Alter von 18 brs 35 Jahren. 134 Auswanderer waren Landarbeiter, 149 Handwerker und 31 Industrielle. D-r Einwandererstcvm aus Polen und der Tschechoslowakei geht nicht über Wien, sondern über Konstanza. Gegenüber dem Vorjahre ist ein Rückgang bezüglich der Auswandererzisfer zu verzeichnen. Hingegen ist das perzentuelle Verhältnis derjenigen Auswanderer, welche die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen, bedeutend gestiegen. Sie betrugen 26 Pwzent der Gesamtzahl. Zu beachten ist, daß aber auch die anderen Wanderer, die die österreichische Staatsbürgerschaft nicht besitzen, mit ganz geringen Ausnahmen solche Personen sind, die in Oesterreich geboren oder jedenfalls seit vielen Jahren hier seßhaft sind. Der Referent bespricht die Fürsorgetätigkeit des Palästinaamtes. An ReisHarlehen, an Ausgaben für Kranke sowie für die Erhaltung des Heimes wurden insgesamt rund 16.000 Schilling verausgabt. Die Hechaluz-Organisation entwickelt sich günstig, die Zahl der jungen Menschen, die sich für Palästina beruflich ausbilden (namentlich in der Landwirtschaft) beträgt gegenwärtig 700 Jünglinge und Mädchen. Der Referent widmet längere Ausführungen den land-- wirtschaftlichen Arbeiten dieser Chaluzim auf österreichischen Bauerngütern und die guten Erfolge dieser Arbeit. Gegeirwävtig wird von der Zionistischen Exekutive ein Reorganisationsplan bezüglich der Wanderung ausgearbeitet unb es ist fraglich, ob das Wiener Palästina-Amt weiterhin ausrecht erhalten werden wird. Weitere Referate wurden über die beiden Fonds Keren Hajessod und Keren Kajemeth von den Leitern Dr. N. M. Gelber und Dr. Chaim Tartakower erstattet. In der Nachtsitzüng von Montag äuf Dienstag wurde der Bericht der Permanenzkomnnssion entgegenaummwen. Nachstehend veröfsentlicheu wir die wichtigsten Resolutionen: l. Der Delegierton'tvg der österreichischen Zionisten 'bellt mit Besorgnis fest, daß ebne pegen die Idee vom Judenstaats, Mo mf Verkleinerung des zionistischen Endzieles gerichtet^ Propaganda innerhalb der zionisti- 'chen Reihen immer merklicher wirkt und in einzelnen Teilen der zionistischen WMargamUatvon vielfach geduldet oder gefördert wird. Ein Uebevhcmdnehmen dieser Tendenz führt not-gedrungen zur Lähmung der Schtag" und bedroht sie m ihrem Rechte, vom jüdischen Volke, von den jüdischen Massen und der jüdischen Jugend restlose. Hingabe an das Palästina-Werk zu sondern. Angiesichts dieser Sachlage erachten es die österreichifchien Zionisten für geboten, die Erklärung abzug-eben, daß sie daran festhalten, daß die Erreichung des Juideuistaates i«n Palästina das mit allen Kräften anizulstrcbende Endziel der zionistischen Bewegung ist. (In namentlicher Mstimmung mit 18 gegen 5 Stimmen angenommen.) n. Der DÄegieriteNliag spricht dein.Präsidenten Weizmann das volle Vertrauen ans und »vünfcht ihm zu seinen BemüHungen Sur Schü'ffnng einer einheitlichen Wdifchen Front zum Anslbau Evez Jfmeils besten Erfolg. (In -namenMcher Mstimimnnig mit 19 gegen 4 Stimmen angsnommen.) III. Der Deklegieröenlag der österreichischen Zionisten «bcgWckwü.nscht «den Keren Kajemeth zu seinem 26jährigen Jubiläum und gedenkt mit tiefer Genngtumng der Leistungen dieses Fonds. Es ergeht aus diesem Anlässe an alle Gestnnnngs>genossen die Au'ffordernng, den Keren Kajemeth bei fre? Aufbringung seines Kontingents von 7600 Pfund nach Kräften, tusbeson-- dene knt-rch Ukibevnalhme von ScWstvontingents, zu unterstützen. IV. Der DÄ-egiertentag beauftragt «das nöngewählte Lanideskomitee, dem Hechaluz seine vollste Auiftnerksamkeit zu schenken und ihm jode .mögliche Hilfe angedeihen zu lassen. V. Der Delegieckentag der österreichischen Zionisten beschilteßt, den Beztpkssektwnen zur Pflicht zu -machen, ' die von Frauen und Mädchen, soweit sie nicht Jugendgvuppen angehören, eingesahlten Schekel und Partei-- stöuevbeiträge'? auf das beisondere Konto der Organisation zionistischem Frauen Oe sie r reich's zu buchen, damit eine der Zahl und Leistung der Frauen entsprechende Vertretung in der allgemeinen zionistischen Ongamsatvon künftighin gesichert sei. VI. Resolutionen des Keren Hajessod. 1. Der Delegiertentag bringt den Kongreßbeschbutz in Erinnerung, wonach die Zionisten für «den Keren Hajessod errifprelchende Bei'tmgsleistuiN'gen zu enbr-ichten haben und wonach Ehrenstellen nur jene Zionisten beneiden können, die ihrer Keren-Hajessod-Pslicht restlos nachgLkommen sind. Der Dekegiertentag fordert das Dandeskomitee ans, die Einhaltung dieser Beschlüsse streng zu überwachen. 2. Angesichts «der jetzigen Krise in Palästina und der Verantwortung der zionistischen Organisation für ldas Palästina-A-rlfbiauwerk wird jeder Zionist verpflichtet, außer seinrm regMren Keren-Hajesso«d-Beitrag einen entsprechenden Slonderbeitrag im Sinne der von der Exekutive der zionistWen Weltorganisation und dem Direktorium des Keren Hajessod proklamierten Sonideraktion zu leisten. 1 3. Der Delegiertenlag verpflichtet sämtliche ziomstische Sektionen und Ortsgruppen, für den Keren Hajessod aktiv tätig zu sein und Keren-Haj>ess'od--Arbe!tskom-ftees ins Leben zu rufen. 4. Der Delegrertentag «dankt «den zionistlschen Man» 'datcrven in der KtMusgemeinde und den Mandataren der KMusgomeinden anderer Ortschaften Oesterreichs für ihre Bemühungen wegen Einsetzung eines bestimmten ^ren-Hajessob-Beitrages in den Budgets der einzelnen Kultusgemeinlden. Die Mandatare werden aufgesordert, für die Einsetzung entsprechend'er Posten für den Keren Hajessod Pw 1927 im Budget ihrer Kulltilsg-smieiniden ernzutreten. Die Resolutionen, betreffend die kulturelle Betätigung, «haben wir bereits veröffeEicht. Die lhierarrf stattgvhabten Wahlen hatten folgendes Ergeibms: Zinmstrsches Landeskomitec. Prälsidsnt: Dr._Iso G oldhammer. Mitglieder: Softe Löwe nt Herz, Dr. Mfred L o e.w Y, Dr. David R o t h b l mu, Sailo Schmvrler. Partoigericht. Obmann: Dr. Desider Friedmann. Pa-vteianwaft: Dr. H e r z b e r g. Partei richter: Dr. Rybaczewsky, Dr. Krasny, Doktor Waldmann,. Dr. David Taubes, Dr. Bernhard t, Dr. E b n e r, Dr. Norbert H o f m a n n, Doktor Schubert, Ing. Eugen Buchbinder, Schaje Horowrtz, SigmMd Haber imd Meier Henisch. Revisoren: Sigmund Me ch sbe ry, Joachim R u b' n. SchekelftumMstär: Mpx SchtfLsnEi».