Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2760 (2.11.1926)
- Date
- 1926-11-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sftt. 2760 Wen, MenÄvy' Wvm-r MvrAenHSttmrg L MvsmSbvr 1986 SstteS Schwierige Kunden. Sb» »elttag zur Erhöhung »m «Snferpsycholos.e. Der moderne Verkäufer ist schon so etwas wie ein Psychologe, der den Kunden zu nePnen versteht. Mer an manchem Käufers Benehmen wird auch der feinste Instinkt des Verkäufers zunichte. ES ist schließlich von einer kleinen, ermüdeten VerkäHrin nicht zu verlangen, daß sic dem Kunden etwa mit den Methoden der Psychoanalyse beikonnne. Und doch wäre sie mitunter ganz angebracht. Man könnte bei fchärferev Analyse finden, daß im Untcrbewußtsein des Kauwilligen oft Hemmungen störend austreten, kleine seelische Momente, die man sonst im Leben kaum ivahrnimmt ind die bei dem Einkäufen erst hervortreten. Der geübte Verkäufer kennt viele solche Typen: Ta ist die Kundschaft, die nicht weiß, was sie will. Sie ist die Strafe für jedes Geschäft. Ohne, festen Willen, ohne bestimmten Plan tritt dieser Kunde, zumeist ist es eine „Sie", in den Laden; die Hntform, die ihr Auge erträumt, ist noch nicht geschaffen, die. Schuhnummer, die ihren First zieren soll, nicht vorhanden. Die junge Dame verlangt enrerr Halbschul) und erklärt dann mit flötertder Stimrne, nachdem sie ein halbes Dutzend anprobiert hat, daß es „eigentlich" eilt zarter Tanzschuh sein soll, um schließlich, nachdem die Kartons sich ringsunt türmen, zögernd zrr gestehen, sie müsse es sich noch einmal überlegen. Der Kunde, der es sich noch einmal überlegen muß, anstatt es sich vorher überlegt zu haben, tritt in allen Branchen ans. Es sind die. unselbständigen Naturen, denen, die Auswahl eines Taschentuches zuni rPoblenr wird. Ohne Assistenz sind sie. hilflos; entweder gehen sie. unverrichteter Dinge wieder aus dem Geschäft, „um cs sich noch einmal zu überlegen", oder sie treffen in überstürztenr Angstlauf, nur um der Sache ein Ende zu machen, eine r das heißt schlechte Wahl. Die Begleitperson ist für diesen Knndentyp von großer Bedeutung. Der kundige Verkäufer weiß, daß er gut daran tut, sich rasch mit ihr in Verbindung zu setzen. Da ergibt sich bald eine Verständigung über den Artikel, die Sorte und den Preis. Und alle drei sind zufrieden. Andererseits gibt es auch unangenehme Begleitpersonen, die die Situation noch meh verschworen. Hiehor gehören vielfach Gattinnen, die über der: Anzugeinkauf ihres Mannes durchaus nicht entzückt sind, und auf Befragen achsekzuckend erklären: „Das mußt du ja selbst am besten wissen, du sollst ja den Anzug tragen und nicht ich." Und der Mann steht weiter ratlos vor dem Berg neuer Winterstoffe, wie er denn auch die gleiche zurückhaltende Rolle spielt, wenn er seine Frau bei der Wahl eines neuen Hutes beraten soll. Seine Objektivität leidet unter dem Zwiespalt zwischen der schönen Form und dem billigen Preis. Zu den unangenehmen Typen gehören ferner die Spezialisten und Kenner. Sie tragen eine Kennermiene zur Schau, die den scharfblickenden Verkäufer auf das Schlimmste gefaßt macht. Sie sind imstande, int Oktober frische Radieschen zu verlangen (ausländisch bitte!), sie kaprizieren sich aus echten Stanlslauer. den sie ln Stanislau getrunken haben wollen — — — und kein anderer darf es sein. Wehe, wenn das Geschäft nicht jenes Pariser Parfüm hat, Marke „Dich sieht mau von weitem", baß, wenn auch nicht Vesser, so doch teurer als das der geliebten Freundin ist; ein verächtliches Lächeln ist dem Verkäufer gewiß. Schwierig ist mitunter auch die Kundschaft in Buchläden, insoferne sie geistig beraten sein möchte — eine undankbare Aufgabe. Ueberdics gibt die moderne Literatur Anlaß zu einer Menge von Mißverständnissen und Verwechslungen; wenn ein Fräulein heute beispielsweise der „Weißen Affen" von-na, von dom Dingsda verlangt, dann kann darunter alles mögliche gemeint sein und an dem Buchhändler ist es, das literarische Kreuzworträtsel aufzulösen. Das Kind als Käufer. Wenn ein Kind in ein Geschäft kommt, mit einem Schilling in der Hand, und weiß nicht, was cs laufen soll und kauft doch richtig, das ist ein Kunststück. Dein tüchtigen ' Verläufer kann dies gelingen. Da lommt zum Beispiel eilt Kind und will seiner Mutter etwas zu,n Geburtstag kaufen. Da hilft nur Geduld und bei etwas gutem Willen trifft mem das Richtige. Das SeDstbcwußtsein dos Kindes wird gehoben, man hat einen dankbaren Kunden gewonnen, der immer wieder vertrauensselig kommen wird. Anschauen kostet nichts. Ptan lommt nicht, mn zu kaufen, man wnunt aber auch nicht, um nicht zu kaufen, sondern überläßt die Entscheidung der Gelegenheit, der momontaneit Eingebuitg. dem äußeren Anstoß. Disser Zufälligrett des Käufers sind ganz besonders Jnwclengeschäfte und Modesalons ausgesetzt. Für btefcit Kunden, den fast ausschließlich das weibliche Geschlecht repräsentiert, gilt der Grundsatz: „Was du heute lannst besorgen, das verschiebe nur auf morgen." •— Manchen Frauen ist es vom Gesichte abzulesen, daß sie heute nur probieren wollen und gar nicht an das Kaufen denken. Dennoch lau die Verkäuferin nicht sagen: „Gnädige kaufen ja doch nicht, also hat es keinen Zweck." Und so muh sie geduldig Stück auf Stück der Dame vorlegeu, bis diese uach einer geschickten Ausrede den Rückzug anritt. Bei manchen Frauen wird das Ansehen, das ja ttichts kostet (außer der Zeit, die der Verläufer verliert) zu einer währen Leidenschaft, zu einem Selbstzweck, zu einer Sensation der tausend Dinge, die mau in der Phantasie kauft, in die Hand nimm, probiert, um sie schließlich mit irgend einer leeren Begründung ungekauft liegen zu lassen. Bis zum letzten Augenblick HW man die Selbsttäuschung aufrecht und genießt die Illusion der reichen Käuferin. Die Umtauscher. Sie sind am unangenehmsten. Während des Inventurausverkaufes lommt sie, ihr Hauskleid umzutauschen, das sie drei Wochen vor Beginn der Inventur gekauft hat, und zwar möchte sie jetzt dafür ein kleines Abendkleid häben. Es ist nicht leicht, dieser Kundschaft begreiflich zu machen, daß dies nach so langer Zeit und unter so geänderten Verhältnissen nicht, möglich ist. Auch gegen „Draufzahlen" läßt es sich nicht machen. Als Kinder haberr wir Brieftnapken gegen Münzen, Münzen gegert Mineralien, Mineralien gegen Ansichtskarten getauscht. Dieser Spieltrieb — auch im Sinne des Bevgnügerts — bleibt manchem Menschen erhalten und treibt dann beim Umtausch gekaufter Waren besondere Blüten. Der Geschäftsmann haßt sie, sie sind bei ihm so beliebt wie Freikartenbittsteller dem Theatcrdireltor. -—ch. eilt italienische» Institut (Sr PaiSstinaersorschung. Zum Studium des Toten Meeres und der Jordausouke. Die italienische geographische Gesellschaft hat beschlossen, nach dem Muster ähnlicher Institutionen in Deutschland, England uitb FraiAreich ein Institut für Palästina-Forschung ins Leiben zu rufen. Die Mittel hiefür sollen durch staatlich e Zuschüsse und durch private Sanrniilungen aufgebracht werden. Ms erste Aufgabe des neuen wissenschaftlichen Unternehmens ist das eingehende Studium des Beckens des Toten Meeres und des Flußbettes des I o r d a u vorgesehen. Die Erforschung des Toten Meeres war früher sowohl durch die Unsicherheit in der Gegend als auch durch die klimatischen Verhältnisse vielfach behindert; in neuerer Zeit waren der Irländer Eoftigan im Jahre tQB-B und der englische Leutnant M o l y n e u x im Jahre 1847 die ersten, die das Tote Meer beführen. Beide aber erlagen dem Fieber, das sie sich in der ungünstigsten Jahreszeit geholt hatten. Der amerikanische Forscher Lynch war der erste, der im Jahre 1848 Lotungen vornahm. Es folgten verschiedene andere Gelehrte, aber bis heute harrt noch utancheS geographische u,td physikalische Rätsel der Löfttng. Die italienische Forschungsexpeditton des neugegründeten Palästina-Instituts, die im Herbst nächsten Jahres die Ausreise antreten will, tvird zunächst Material für die Aufnahme einer Karte des Toten MeereS in großem Maßstaü zusammentragen. Danebeit soll die Geologie und Morphologie des Beckens genau festgestellt und an Ort und Stelle auf Grund der Durchforschung der aWett Benbindungsstratzen und der menschlichen Siedlungen den Spuren der Vergangenheit nachgegangen werden. Denn auch dort l,'alten die Römer Straßeit gebaut und Brücken Über den wrdan geschlagen, dessen heute verödete Ufer damals mit Dörfern besiedelt waren. Nach Erfüllung ihrer Aufgabe wird die Mission am Toten Meer eine Station gründen, die mit allen erforderlichen Instrumenten ausgerüstet ist, um dauernd Beobachtungen machen zu können, die dem Zwecke dienen sollen, die Veränderungen des Niveaus des Toten Meeres und der Klimatologie des Gebietes genau zu verfolgen. Endlich soll mit dem Sitz inIerusalem ein Institut gegründet werden, das alles bibliographische und kartographische Material sammeln uird den Forschern zur Verfüguitg stellen soll. SemeftererSffnmm an der Jerusalemer IlniverfM. Me UNS aus Jerusalem telegraphiert wird, hat gestern die offizielle Eröffnung des Wintersemesters, des ersten normalen Semesters stattgefunden. In diesem Semester werden Kurse von den Professoren und Dozenten des Institutes für jüdische Stttdien, des Orientalischen Instituts, der Institute für Chemie und Mathematik avgehalten werden. Die Jnstttute für Mikro-Biologie, Hygiene wnb palästinensische Kulturgeschichte werden Me Forschungsarbeiten fortfijhrerr. Mt Beginn dieses Semesters erfährt die Universität eine weitere Ausgestaltung. Wie die Abteilung für Biochemie soll auch diejenige für allgemeine Chemie nunmehr eine endgültige Leitung erhalten, ebenso das Mikro-Biologische Institut; die Errichtung des maHemattsch-physikalifchen Instituts sol lunter der Leitung der Professoren Landau- Götttngen und O r n sie i n-Utrocht geschehen. Schaffung von Professuren für jüdische Soziologie und Anthropologie, hebräische Dichtung der spanischen Epoche, biblische Philosophie und Geschichte, sowie talmrtdische Rechtswissenschaft wird vorbereitet. Die Bibliothek des verstorbenen Professors Klein aus Böttingen, die für das mathematische Institut erworben ist, wich in diesem Semester den Studierenden zugänglich gemacht. Diese Bibliothek enthält rund AM Bünde der mvihema tischen Disziplin, sowie eine große Anzahl der mathematischen Zeitschrift^ in mchreren Sprachen. MALOWAN TOM/. iUMTWAit s> miMZ WIEN, I., OPERNRING 21 bringt für die heurige Herbst- und Wintersaison RUCKE .Hiiiiiliiiiiiiiliiililliiiiitiiiiiiiiiiiir fn herrlichen Dessins und Farben auf Seide fl iQA gearbeitet, zum Preise von.,,.» JQU« HAARHUTE iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiir in den modernsten Fassons, durchwegs mH fl AL Seide gefüttert, dazu passend, zum Preise von 4 A3« Sin unbekannte» tont in Rumänien entdeckt. Aus B u ka rest wird uns geschrieben: Im südlichen Teil Siebenbürgens, zwischen der Stadt Lugoj und den Gemeinden Ilia und Dobra erstreckt sich ein ungeheurer Waldkomplex, der größte in Rumänien. Ter Wald ist Eigentum des Staates und nur zu kleinem Teile in Exploitation. Er bedeckt ein wildzerklüstetes Gebirge; es gibt Teile, die ein Menschenfuß nach nie betreten hat. Ueber diesen Wald gehen schon lange seltsame Gerüchte in den Nachbargegenden. Man erzählte sich, in der Mitte des Waldes gebe es ein ganzes Dorf, dessen Bewohlner eine vollkommen freie Gemeinschaft bilden und von deren Existenz niemand etwas bisher wußte. Da sich rings tmt den Wald in der letzten Zeit Räuborüberfällo immer öfters wiederholten, unternahm unlängst eine Gendarmerieabteilung eine gründliche Streifung durch die wildesten Teile des Waldes. Hiebei machte sie eine merkwürdige Entdeckung, welche die sagenhaften Erzählungen der Bauernbevölkerung als begründet erwies. Sie fanden in der Mitte des Waldes ein kleines, aus etwa 2b HolWusern vestehpndes Dorf. Dieses Dorf existierte amtlich nicht. Es ist in keine Landkarte eingetragen, auch die genauesten militärischen Spezialkarten wissen, nichts über dessen Existenz, es hat nicht einmal einen Namen, keinerlei staatltche Autorität besteht darin, keine Kirche, keine Schule, kein Gemeindeamt und seine Bewohner lebten bisher vollkommen nnavhiingig von der Kontrolle des Staates. Sie leisteten keine Militärdienste, zahlten keine Steuer, sie hatten die staatslose Gesellschaft seit vielen Jahrzehnten verwirklicht. Mit der übrigen Welt hatten sie bloß in zweifacher Beziehung eine Verbindung. Sie holten sich Mädchen als Wofrauen aus der Umgebung und raubten die Reisenden aus, um sich die notwendigsten HausWlHmrgsgegenstände zu verschaffen. >. Die Entdeckung des geheimnisvollen Dorfes hatin ganz Rumänien große Aufmerksamkeit erregt. Soziologen und Historiker wollen diese Leute jetzt besuchen, um an ihnen die Wirkung der herrfchaftslofen Gefellftl-aft zu studieren. Sine seltsame Ratnrerscheinnng Aus P e r p i g n a n tvird gemeldet: Ueber R v tt f f W* Ion sind von heftigen Stürmen begleitete Wolkenbrüche niedergegangen. In C e r b e v e fiel während mehrerer Minuten ein schlammiger, rötlich gefärbter Platzregen, nachdem vorher eine ungeheur-e k u p f e r r o t e W o l k e am Himmel gestanden war. Die gleiche Erscheinung wird aus der großen spanischen Ebene von Amourdans nach einem ziemlich Heft t i g e n E r d b e v e n und aus den Departements B a r inrt Herault sowie aus der Provenee gemeldet. Fernbebenaufzeichrmug der Schweizer Erdbebenwarte. Zürich, l. November. Die Schweizer EchMenwarte in Zürich verzeichnet heute um 3 Wv A Minuten 13 Sekunden früh ein Fernbeven in etwa 9400 Kilometer Entfernung Sie Prager SensationsvffSre. Prag, 1. November. Me das „Drorüagbürtt" meidet, wird die Untersuchung in der Angelegenheit Dr. Eisler fortgesetzt. Eisler befindet sich noch in Haft. Die Staatsanwaltschaft beschüstigt sich sehr eindringlich mit der Tätigkeit des Konsortiums Dr. Steiner-Frau Einem-- Karl Diary. Dr. Eisler, der von den: Kousortrmw des Mllionenbetruges bezichttgt wird, hat diese Anklage mit frei' Anfdecknng des Konsortiums pariert, von dem er angibt, es habe bernfSmüßig Großgrundbesitzern günstige Erledigungen von Angelegenheiten der Bodenreform versprochen. Zu diesen Grmwbesitzeru gehöre auch der Fürst Metternich. Das Konsorttmn habe sich hinter einflußreichen Personen versteckt und auch tcrtsSchljch Erleichterungen für feine Kundschaften erzwlü Singverirhr zwischen England mch PMftina. Die ersten zwei Passagier-Aeroplane, die für die 2800 englische Moilön betragende Lnftstvecke zwischen Kairo und Karachi bestimmt Md, werden England Mischen lö. und 20. Dezember verlassen. Diese Maschinen find die ersten einer Gruppe von fünf De Havilland Hereules-Aero« planen, die für die neue Reichs-Luftlinie gebaut wurden. Die Route wird sein: Creydon, Dijon, Marseilles, Pisa, Neapel, Malta, Khoms Bmghazi, Sollum, Mouktr, Kairo, Gaza (Palästtna), Bagdad, Basra. Der Fahrpreis von London nach Kairo wird 80 Wmd botragM. '