Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2760 (2.11.1926)
- Date
- 1926-11-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gölte i W'ven, Dr^stcvfl Wiener Morgen-elturrs 8. NvvenGsr 1936 Nr. 2766 ...—....-.—. . .-r.-... " ' die Jewish »Agency anvelangt, sind die Ergebnisse der Re i s e We izmannS nach Amerika abguwarten. Tatsache ist» daß der Joint eine V c r st ä n d i g u n g sucht. Ob die Verständigung möglich ist. ob sie uns moralischen und finanziellen Gewinn bringt, läßt sich heute noch nid# sagen. Man pflegt die Krise der Organisation mit der Jewish-Agency- Politik in Verbindung zu bringen. Rosenblübh glaubt jedoch, daß den: Erfolg konstruktiven Aufbaues durch ein Zusammenwirken mit Nichkzionisten der taktische Kampfcharcüter der Bewegung geopfert werden könnte, wenngleich die geistige Auseinandersetzung mit der UnÄveld ungeschwächt fortgesetzt werden muffe. Die unmittelbare Verknüpfung mit dem Aufbau und mit dem Ctzaluztum sei ein vollwertiger Ersatz. Die Organisation könne nur stark sein, wenn ihre Mitgliedes ausgezeichnet sind durch die Tugenden des Opfermutes, der Disziplin und der Einigkeit in dem Dewutzisein, daß Palästina noch in dieser Genemtion aufgrbatst werden muß. Die Interessengegensätze in Palästina selbst schaden nicht» eine Gefahr besteht aber nur dann, wenn diese Gegensätze bis in die Galutlh hinaus verlängert und zugespitzt werden. Wir muffen uns als Menschen mit autzerördentlichen Kräften erweisen und wieder eine kämpfende Einheit sein. (Stürmischer Beifall.) Dr. Desider Friedmamt kommt in feinem Schkußlvorte auf die in der Debatte zu seinem Berichte vorgebrachten Bemerkungen der einzelnen Rchner zurück und führt aus, daß die zum Ausdruck gebrachte Meinung des Delegiertentages dahin gehe, daß die bestehenden Organisätion'Sg rundfätze beibehalten werden sollen. Er verweist bezüglich der Zusammensetzung der Schekelkommission auf deren ausdrückliche Approbier« ng durch die Londoner Exekutive. Zu dem umstrittenen Problem der Landespolitik führt der Redner aus, daß anscheinend den meisten Zionisten der fundamentale Grundsatz der B also» r-Deklarat io n aus dem Gedächtnisse entschwunden sei, der besagt, daß durch den Aufbau des Nationalhsrms in Erez Israel die Rechte oder politische Stellung der Juden in ihren Wohnländern nicht beeinträchtigt werden düHe. ' * Ueber die Arbeit in der Diaspora habe Nahum Sv ko low auf dem 13. Kongreß in Karlsbad seine Dheseu entwickelt, die noch heute Geltung und Anerkennung für sich in Anspruch nehmen dürfen. Nahum Sokolvw habe damals darauf verwiesen, daß die Friedenskonferenz ein Analogon zur Balfour-Deklaratron geschaffen habe, nämlich den Schutz dev ethnisch e n M i n o r i t ä t e n. Zahlreiche, zionistische OrganisaUonen und Konferenzen hätten das Postulat aufgestellt: „Palästina und nationale Reihte für die Juden in ihren A^hnländern." Um jede Unklarheit und Zweideutigkeit auszuschließen, sei der Standpunkt der zionistischen Organisation dahin präzisiert worden, daß sie als geschlossene Einheit ihr Programm habe, das auf Erez Israel hinzielt und daß nicht um eines Haares Breite von dieser klaren Bahn abgewichen werden dürfe, daß es aber anderseits nicht angängig sei, die Gegenwartarbeit für die Diaspora zu negieren. Die Erreichung des zionistischen Ideals in Palästina und die Erhaltung des jüdischer: Volkes bedingen sich gegenseitig. Das eine ohne das andere weil das Ojsiziers-Korps einen Juden nicht wählen würde. Ich versammelte bald darauf die Offiziere und sagte ihnen, daß in einem Kriege von solchem Ausmaß alle Kräfte des Volkes angespannt werden müßten, und dazu gehörten auch die Juden. Wenn wir Leistung.m von ihnen verlangten, dann müßten wir ihnen aber auch Gerechtigkeit angcheihen lassen. Ms Wolf später eine sehr forsche Patrouille durch den Kownoer Wald geraten hatte, schlug ich ihn zur Beförderung vor, und das Offizierskorps wählte ihn mit 80 Pwzent der Stimmen. Der tapfere junge Offizier ist später als Führer einer M.-G.-Kompagnie an des Somme den Heldentod gestorben. Weiter gedenke ich während der Bzurakämpfe im Winter 1914-15 eines Einjahrig-Freiwilligen Dr. Rawitscher, von Berus Chemiker, vom Jägerregiment z. Pf. 3, unseserem Brigaderegiment. Da ich die Brigade führte, hatten die Jäger mir ihn als Gefechtsordonanz kommandiert. Ms das Feuer gerade besoiürers lebhaft war, brachte er mir eine Meldung. Ich gab ihm..in meinem Gefechtsstands den darauf basierten Befehl. Sofort wollte er wieder hinaus durch das Feuer laufen. Ich sagte, er solle noch etwas macken, bis das Feuer abflaue. Darauf er lächelrch: Jchj bin hin durchgekommm, da werde ich zurück auch durchikommen. Später habe ich ihn aus den» Auge verloren. Ob er Mm Offizier befördert worden ist, weiß ich nicht» ich habe es jedenfalls bei seinem Regiment energisch befürwovtet. In diesem Zusammenhang miuß ich auch der vielen mutigen Juden gedenken, mit denen ich heut« Schulter an Schulter für den Bölkersrieden kämpfe. Bei der skrupellosen Kampfesweise der Nationa isten und Kriegs interessanten gehört dazu nicht weniger Mut, als zum Durchlaufen, des Sperrfeuers. Nach alledem glaube ich, daß die Juden sowohl in den Ländern, in denen sie heute leben, tNe ln dem, wo sie. sich ein eigenes Heim gründen wollen, In soldatischer Hinstcht durchaus ihren Mann stellen könne:! und werden, wenn man ihnen nur dieselben Gelegenhei.« m bietet, wie den anderen Volksgenossen sei nicht möglich, sie gchören zusammen und ergänzen sich. Die Arbeit für das Nationalheim in Erez Israel falle zur Gänze in draS Programm der Zionistischen Organisation, wohingegen auf dem Gebiete der Diaspora- Angelegenheiten die Zionisten an der Arbeit für den Schutz und die Erhaltung de- Volkes sich beteiligen müssen. Bei dieser.richtigen EinschäMng stehe der Diasporaschutz m keinem Gegensätze oder Widerspruche zum Palästina-Zionismus, sondern, als logische Voraussetzung zu ihm, in einem völlig durchsichtigen und verwirrungsfreien Verhältnis. Es bestehe somit für uns die unabweisliche Pflicht, uns an den Arbeiten für den Schutz dejüdischen Volkes in den einzelnen Ländern M beteiligen. * * Am Montag wurden die noch ausstchenden Referate (Keren Hajeffod, Keren Kajemeth und Palästina-Amt) erstattet und die Debatten durchgeführt. Dm Bericht werden wir nachtragen. La» Absolntorlnm einstimmig erteilt. In der gestrig"» Abendsitzung wurde dis folgende Resolution, welche Gemeinderat Dr. Plaschkes als Berichterstatter der Permanenskommission beantragte, o i nstimmig angenommen: Der Delegiertentag der österreichischer: Zionistm nimmt dm Bericht deS abtretenden Direktoriums für unter dm schwierigsten Verhältnissen geleistete vorbildliche zionistische Arbeit zur KmntniS, spricht attm drei Mitgliedern der «-tretenden Parteileitung Dank und Anerkennung aus und erteilt ihnm für ihre Tätigkeit die Entlastung. Der Delogiertmtag benützt die Gelogoubcit, die Herrm Dr. Desider F r i e d m a n n und Komm.'Rat MarkuS. welche zu feinem Bedauern eine Wiederwahl in das Präsidium avgelehnt haben» zu bitten, ihre unentbehrliche Kraft der zionistischen Organisation an anderer Stelle zur Verfügung zu ftellm. Die muerpolitische Arbeit Der Delegiertentag hat die folgende Resolution mit allen gegen eine Stimme angenommen: „Der Delegiertmtag der üsterveichiischm Zionistm spricht die Uoborzmgnng a«S. daß es zu den Pflichtm des zionistifchm Landesverbandes gehört, für die Anerkennung der nationalen und politischen Rechte der jüdifchm Minderheit Oesterreicheinsntretm und daß die LandeSpolitik einen wesentlichen Bestandteil der zionistifchm Bestrebungen bildet." Ferner 'wurde nachstehende Resolution e i n st i m m i g zirm Beschluß erhoben: „Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten Verschließt, dm Mitgliedern der zionistischen Bezirkssektionen, Ortsgruppen und Sonderverbände div Förderung, die Verbreitung und den Bezug der „Wiener Modenzeitung" zur Pflicht zu mache::." * In unserem SonntagZbericht ist Herr Rabi'nowitz als Mitglied der PerinanenzTammIssion genannt warben. Dies ist ein Irrtum, toen wir hiemit berichtigen. Eine Erklärung des Colonel Symes. Jerusalem, 1. November. Wie „Haaxetz" mitteilt, hat eine Abordnung des jüdischen Nationalrates bei Colonel Symes, dem Zivilsekretär der Regierung vorgesprochon und von ihm die Beseitigung der Maßnahmen verlangt, derzufolge keine jüdischen Mannschaften mehr in das neugebildete Grenzschutzkorps ausgenommen und die hebräische Sprache nicht anerkannt wird. Colonel Symes antwortete kurz, daß für neuemtretende Juden und für die hebräische Sprache k e i n PI a tz in dem Korps sei. (Bon 156 jüdischen Rekruten, die sich meldeten, wurden nur 17 als tauglich befunden und auch diese nr:r als Facharbeiter mit kurzfristigen Verträgen. —Red.) Sie Lanvvermeffnng. Jerusalem, 1. November (I. T. A.). Colonel ShmeS erklärte in einem Gespräch mit dem Herausgeber der arabischen Zeitung „Mevast ul Sherk", die Palästina-Regierung werde im Verlause von 10 Jahren alljährlich 60.000 ägyptische Pfund zu Landesvermessungszwecken ausgegeben, um endlich den endlosen Rechtsstreitigkeiten hinsichtlich des Eigentumsrechtes auf Boden ein Ende zu bereiten. Die Mandatskommission des Völkerbundes fei stark an einer schnellen Lösung dieses Problems interessiert. Sie Nalnralifietung. Jerusalem, 1. November (I. T. A.). Im Hinblick auf die bevorstehenden Stadtgemeindewahlen hat der Nationalrat der Juden Palästinas im ganzen Lande eine Kampagne eingeleitet, um die Juden Palästinas dazu zu bewegen, ihre Naturalisation als palästinensische Bürger schnellstens durchz »führen. Das Hauptrabbinat in Palästina hat einen Aufruf an die Juden des Landes gerichtet, sich naturalisieren zu lassen. In mehreren Synagogen ganz Palästinas wich in den Predigten der Seelsorger auf die Wichtigkeit hingewieson, daß Qerlnflpttdd; tir ^6Nlocics iWeihbwggasse 11 I r! Crepe de Chine- Kleid . äS 19*~ Crepe de Chine- Kleid . ä S 25*— Velour-Mantel im ä S 29’— Velour-Mantel, mit Pelz verbrämt, äS39*— Schicke Crepe de Chine-Tanzkleider in jeder Preislage! die jüdischen Einwohner des Landes das Bürgerrecht erwerben. Der Advokaten verein von Jerusalem hat eine Beratung abgehalten, die der Regelung der Bürgerschaftsfrage gewidmet war, und hat alle Vorbereitungen für eine wirksame Durchführung der Naturalisierung von Juden getroffen. Ltto Bauer» Programmrede kn Linz. Demokratie und Diktatur. Linz, 1. November. Als erster Punkt der Tagesordnung des Sozialdemokratischen Parteitages lvurde entgegen der ursprünglichen Aiwrdmmg die Revision des ParteiprogrammeS angesetzt. Das Re,erat über den im August d. I. veröffentlichten Entwurfs des neuen Parteiprogrammes erstattete Abg Dr. Otto Bauer. Er legte dar, daß der Programmentwurf dem politischen Kampf keine neue Richtung gebe, sondern eine gemeinsame Auffassung! auf Grund der Erfahrrrngen der letzten acht Jahre zusammenfassen solle, um die breiten Massen zu wahren Sozialisten zu machen. Zufolge der Uebcrlegenheit Amerikas, wohin der Schwerpunkt der kapitalistischen Entwicklung durch den Krieg verlegt wurde, werde sich Europa! schwer wieder ausraffen können,' die Krise werde noch durch die Zerreißung Europas in kleine durch hohe Zollmauem gegeneinander abgespervte Wirtschastsgebiete sowie durch den Protektionismus verstärkt. In Oesterreich erscheint die Eroberung der politischen Macht nicht mehr als Traum für ferne Zeiten, sondern als Ausgabe dieser Generation der Arbeiterklasse. Das ist der eigmtliche Grundgedanke des Parteiprogram'mes. Die sozialdemokratische Partei muß in den Bundesländern eine starke Machtposition erobern. Ferner ist die Ei nigung der manuellen und geistigen! Arbeiter eine Voraussetzung des Sozialismus; wir werben — führte Redner aus — um die Mittelschicht«, die weder dem rPoletar'at noch der Bourgeoisie angehört, wir können aus diese Zwischenschicht, auf die Kleinbauern und Kleinbürger nicht verzichten, da diese die Macht der Bourgeoisie stabilisieren. Be: der Frage, wie der Kainpf M führen ist, stößt man auf die Frage der Demokratie! oder Diktatur. Wir wollen den Weg des Blutver-i gießens und des Krieges nicht — schloß Bauer. Zu einem! Weg der Gewalt kann uns nur der Gegner zwingen. Bor! allem sind es die tvirtschastlichen Erwägungen, die uns diesen Gedankongang vvrschreiben, dem: Bürgerkrieg bedeutet vollständige Zerrüttung des Wirtschaftslebens und Hungersnot. Daher ist das Wichtig"'b der Gedanke: de-, mokratisch, solange wir können, Diktatur nur dann!, ivemu man uns zwingt und so tveit uran uns zwingt. An das Referat, das eine starke Anpassung an drei gegenwärtigen Verhältnisse auch in politischer Hinsicht darstellt, schloß sich eine lauge Debatte. In der gestrigen Sitzung führte im weiteren Verlauf der Debatte über das Referat Dr. Otto Bauers Professor Max Adler aus, daß Demokratie nur ein Mik tel für Klassenherrschaft ist. Man fühlt heule nicht nur die Verantwortung den Illusionen des Bolschewismus! entgegenzutreten, sondern auch den Illusionen dev Demokratie, die gefährlicher sind, weil sie Illusionen des Bürgertums sind. Das Proletariat müsse erkennen, daß es keine Pflicht zur Demokratie gibt. Das! Ziel der Sozialdemokratie sei die Diktatur des Proletariat tes. Sodann sprachen Dr. Karl Renner, der wegen dev Armut des Staates die Herrschaft für die Arbeiterklasse als nicht verlockend bezeichnete und Dr. Friedrich Adler, der empfahl das zweideutige Wort Diktatur durch „Klast senherrschaft" zu ersetzen. Redner wünschte folgende Einschaltung in das Parteiprogramm: „Das Ziel, für das die sozialdemokratische Arbeiterpartei dm Klassenkampf sülhsrt, ist die Auflösung und Aufhebung aller Klassen." In seinem Schlußwort besprach Dr. Bauer die Bevölkerungspolitik und die Notwerüsigkeit der Aufhebung des § 144. Es kann die Möglichkeit eintreten, so schloß Dr. Bauer, daß wir in Situationen kommen, die uns vor die Wahl der Unterwerfung unter dis Knechtschaft oder die Ergreifung außerordentlicher Mittet stellen. Dann n»e''d" ma" zu den: Mistel der Diktatur greifen müssen. 9910