Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2760 (2.11.1926)
- Date
- 1926-11-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeile 2 Stcn, Dienstag Wiener Morgenzeitung 2. Nvvember 1926 Nr. 2760 MÖBEL JAHRESKREDIT auf Qualitätsmöb«l bei WEINBERGER & h|OFFMANN II.. Praterstraße 50. Besuch lohnend. Kostenlose Einlagerung. -4— Die Balsour-Derlgration. —y Wien, 2. November 1826. Die Balfour-Deklaration tritt heute in ihr zehntes Jahr. Als diese Erklärung verlautbart wurde, stand das jüdische Volk mitten in der grausigen Katastrophe, die ihm der Weltkrieg beschert hatte. Nirgends zeigte sich eine Hoffnung auf ein baldiges Abklingen der Not. Die Berbnürung zwischen den einzelnen Volksteilen war zerrissen. Biele tausende Juden hatten im 'Osten das Leben lassen müssen, viele Tausende lixueu in die Verbannung getrieben woäden, hatten Vermögen und Wirtschaft verloren. In' einer namenlosen Pein durchlebten die jüdischen Massen diese Tage. Sie ahnten, daß die Wirren der revolutionären Krämpfe für sie noch weiteres, schrecklicheres Unheil vorbereiteten. In diese Stimmung fiel die Kuirde von dem Londoner Akt. Äas jüdische Volk .horchte hoch auf und hob wieder die müde Stirn. Es )i<rt also doch nicht verlassen. Der Zionismus stcnrd auf seinem Posten und die Organisation, die über die Schreki'en des Krieges hinweg die Verbindungen aufrechterhalten hatte, hatte sich Gehör verschafft. Der moralische Eindruck dieser Tatsache, die sich in der Erklärung der britischen Regierung ausgesprochen hatte, war ein. gewaltiger. Wieder, wie zwanzig Jahre vorher, trug die Idee von dem Freiheitswillen der Nation neuen Trost und Mut in die verzagenden Massen, riß sie aus chrer Müdigkeit empor. Der Zionismus hatte nicht versagt und das Vertrauen rechtfertigt. Die Balfour-Deklaration war uns nicht als ein Geschenk aus den Wolken in den Schoß gefallen. Sie ioar schwer erarbeitet worden. Sie war die Fortsetzung des Werkes des politischen Zionismus, der die Forderungen nach der öffentlich-rechtlich gesierten Heimstätte in Palästina zuerst formuliert und dann in Basel von. der Tribüne des ersten Kongresses proklamiert hatte. Nun, da sich eine neue Ordnung der Welt anzukündigen, schien, bereitete sich der Zionismus darauf vor, an die Mächte zu appellieren. Zwanzig Jahre schwerster Mühe, innerer Kämpfe waren vorhergegangen, der Schöpfer des politischer: Zionismus war an gebrochenem Herzen gejiöpbm. Jetzt erst reifte der Keim. Mit neuer Kraft stand der Zionismus und forderte. Er verlangte, die Feststellung des jüdischen Rechtes auf Land, Freiheit und Entwicklung. Er setzte sich durch, weil er forderte und weil er sich'und der durch ihn repräsentierten Nation Geltung schaffen wollte. Weil er es verstand, in das System der Negierung des jüdischen Seins Bresche zu legen. Der politische Zionismus hatte einen Willen, und das erzeugt immer Respekt. Die britische Regierung erklärte, sie anerkenne die historischen Zusammenhänge zwischen dem jüdischen Volk und Palästina; sie erklärte, daß das jüdische Volk krast eigenen Rechtes in Palästina sei und daß es sich dort seine nationale Heimstätte errichten solle. Die Regierungen Frankreichs, Italiens, der Vereinigten Staaten und Japans schlossen sich an und der Völkerbund trug die Deklaration in das internationale Recht ebu Die neun Jahre, die seit der Textierung der Balfour-Erklärung vergangen. sind, haben' neue Schlvierig- * ketten und Kämpfe gebracht. Das jüdische Volk war auf ein ihm völlig ungewohntes Terrain getreten. Es wurde in die Weltpolitik verstrickt und warunvorbereitet vor Aufgaben gestellt worden, die seine Kraft hatten auch dann erschöpfen müssen, wenn es vckr einem einheitlichen Willen beseelt gewesen wäre. Die < Feindschaften, deren Arbeit sich bisher nur auf den. einzelnen Territorien der Diaspora aögewickelt hatte, konzentrierten sich jetzt aus das vom Völkerbund bestätigte. Ziel. Sie hatten ein neues Gebiet gefunden. Sie hatten, erkannt, daß der politische Zionismus die stärkste Säule des so gehaßten Volkes ist. Er strebte nicht ein bloßes geistiges Zentrum an, da cs doch von selbst Kommen muH, er verlangt die politische Selbstbestimmung. Er ruft alles auf, was das Judentum bejaht, er trägt den Gedanken der aktven Arbeit in die breitesten Massen. Er schafft ein neues Judentum. Er hat das nationale SelbstbewuHtsein verstärkt und er ist dem internanonälen Judenhaß das Kvistallisationszentrum aller Bemühungen geworden, das jüdische Problem von einem einzigen ^Punkt auszuheben. Den Forderungen dieser Situatton kann der Zionismus nur dann entsprechen, wenn er der feindlichen Front, die noch durch Wirtschaftskrisen verstärkt wird, seine Organisation entgegenstellt. Die Fragwürdigkeit unseres heutigen Lebens muß unsere politische Arbeit bekämpfen. Politik ist nichts für sich selhH, sondern Mittel eines höheren Zweckes, und dieser Zwech. ist. die Erfüllung des jüdischen Volkes mit dem revolut^näpn Geist, mit dem Geist des Protestes gegen eine upsaufgezwungene Existenz des Pariatums. Unser Volk kann nur gesunden, wenn es die Klassenunterschiede ausschaltet, wenn es wirklich so, wie dies Herzl gesagt hat. zu einem einzigen Volk zusammenwächst, das nichts Höheres über sich anerkennt als das Interesse seines Seins. Aus der Balfour-Deklaration ist ein Akt des Völkerrechtes geworden, England hat das Mandat angestrebt, erhalten und angenommen, uns zu Helsen. Es ist der freiwillig übernommenen Aufgabe nicht so gerecht gewogen, wie wir dies 'erträumt hatten. Aber doch nur deshalb, weil uüser Wille versagt; well wir nicht mehr die reine Idee zü unseren Massen ttMm, haben wir die Massen nicht. Der politische Zionismus, der den Kongreß geschaffen hat, der die Seele der Jugend wie in einem Sturm erfaßt, der sich die Balsour-Deklaration errungen hat, traut nicht der Kraft der Idee. Er ist schwach geworden, und deshalb ist auch die politische Position des jüdischen Volkes geschwächt. Der Zionismus verlangt nichts mehr von den Zionisten, er gibt es auf, um die Seele des Volkes zu werben. Er ist nicht die politische Bewegung geblieben, die den Himmel anfaßt. Er verzichtet. Er sammelt Geld, er kolonisiert, aber er legt den politischen Inhalt beiseite. Und deshalb fällt ein Stück nach dem andern von der großen politischen Errungenschaft. Deshalb ist das Mandat so geivorden, wie es eben heute ist, deshalb iverdeu. wir in Palästina zurückgedrängt und auf das Niveau des Geduldeten herabgedrückt. Hier müssen wir Wandel schassen und zu der Linie zurückkehren, die uns zur Balfour-Deklaration geführt hat. Der Zionismus muß dorthin zurückkehren, wo in der Brunnentiefe die Quellen jüdischen Lebens rauschen, zu dem granitnen Gefüge des Baseler Programms, zum jüdischen Volk und seinem Glauben an sich und an feine Zukunft. Diesen Glauben haben die Mächte als vorhanden angesehen, die aus der Balfour-Erklärung geltendes Recht gemacht haben. Diesen Glauben und dieses Recht kann nur ein vom Zionismus organisiertes und geführtes jüdisches Volk zur politischen Tat vollenden. Der zionistische Delegiertentag. Tie Generaldebatte und die Referate. — Das Abfolutorium. Ueber die Eröffnungssitzung des Delegiertentages der österreichischen Zionisten haben wir in unserem Sonntags-Blatt bereits ausführlich berichtet. Zweite (Sonntag Vormittags.) Sitzung. Zu Beginn «der SonntagSsitzung ü'bcnbmchte Dr. Mechner die Gvüße der tschschoflowaikischen Zionisten. Sodann erstattete Dcll. Bruno Rabinowiez sein Referat über Organisation und Propaganda. Er faßte seine Forderungen in einer Reihe von Thesen zusammen, deren wichtigste folgende sind: Der KDÄogiierteintag stellt fest, daß das Landeskomitee die poil'itische Expositnr der Woltonganisativn sei und von ihrer Vorgesetzten Behörde, der Londoner uu£> Jerusalemer Exekutive, geleitet wird. Die Ortung der notianalen Fonds und die des Landeskomttees stich durch eine Personalunion zu verbinden. — Einführung eines Dertrauens-männersystems. — Auf die 'kulturellen Institutionen möge Bedacht genommen wew'Mn. damit sie nicht Zufälligkeitein und Eigenmächtilgkeiten ausgesetzt sind. Das jüdische Schulwesen soll unter die Kontrolle der Organisation .gestellt werden. Die Leitung der Fonds soll idurch nichtz-ionistische Mitglieder ergänzt werden. Sodann 'berichtete Otto H o ch st ä d t über Jugendfragen. Er forderte ein innigeres Zusammenarbeiten der Organisation mit den Jugendverbänidsn und die AnsE» Wring von Jugsirdführern, die ihre ganze Kraft für meihreve Jahre der Bewegung zur Verfügung stellen. Der Präsident verlas'' sodann ein Boarüßungsschreibrn der zionistischen Organisation in Warschau und ein Schreiben der Ortsgruppe in Linz, aus dam hervorgoht, daß die Qinger Zionisten es aMihnan, an dom Wiener Drlegiiertentag teilizunehmen, weil, wie es in dem Schreiben heißt, die innere Atmosphäre noch nicht genügend „entgiftet" ist. ,/S-o lange die Ovgamsationsfrage in Wien nicht ibLsriedigiond gelöst ist, erscheint es uns müßig, über Fragen 'der aktiven Beteiligirmg der vaterländischen PoMk zu verhandeln." Die Linzer Ortsgruppe vertrete den Sta.ndp.mrkt, die Jmrsnpolitik sei nicht vom Landeskomitee, sondern von einer gesonderten'Organisation zu verwalten. Weiters tag ein Schreiben der Liga der Z i o n i st e n- Revis'ioni sten Oesterreichs vor, in dem es unter anderem heißt: „Das Endziel des Zionismus ist die Schaffung des Judenstaates, die erste Etappe eine jüdische Mehrheit in Palästtna. Wir erklären jede Abschwächung des zionistischen Endzieles für unzulässig. Wohl hat die Leitung der zionistischen Organisation in letzter Zeit Erklärungen abgegeben und auch Beschlüsse gefaßt, die eine Uebernahme einzelner im revisionistischen Programm vorgesehener Methoden beinhalten. Wir können jedoch in dieser teilweisen Aenderung der Taktik keine Wandlung der bisherigen Ueberzeugung erblicken, sondern bloß eine Verbeugung vor der revisionistischen Ideologie und einen Beweis mehr für die Berechtigung unserer Forderungen, die nur einen Kamps ums Recht, um die Erfüllung der Balfour-Deklaration bedeuten... Wir protestieren gegen die Mechanisierung der zionistischen Bewegung und die Herabwürdigung zu einem Apparate für die Geldaufbringung und fordern die Erfüllung der Orgamsations- Erneuerung durch ein zielsicheres Programm, durch neue Methoden und neue Menschen. Der Revisionismus ist keine Partei und keine Fraktion, er will das Gewissen der zionistischen Oessentlichkeit aufrütteln." Die Generaldebatte. Als erster ergriff Gemeinderat Dr. Plaschkes das Wort zu einer mehr als dreistündigen.Rede, in der er sich hauptsächlich mit dem Problem „Sozialdemokratie un d Zionismus" auseinandersetzte. Er wandte sich zunächst gegen die Ausführungen des Delegierten Rabinowiez, der gegenüber der zionistischen Leitung eine Art Kadavergehorsam gefordert habe. Redner erinnert an Herzl und W o l f s o h n, die sich die schärfste Kritik gefallen ließen und sie als befruchtend bezeichnet haben. Es wurde uns der Vorwurf gemacht, daß wir in der Kultusgemeinde nicht Genügendes erreicht haben und daß wir uns mit den Assimilanten verfeinden. Ich behaupte, daß wir nur etwas erreichen können, wenn wir den Kampf gegen die Assimilation, auch gegen die rote, auf allen Linien ausnehmen. Auch in der Kultusgemeinde haben wir nur durch Kampf erwirkt, daß ein größerer Betrag für den Palästtna-Ausbau gewidmet wurde. Eine unserer Hauptforderungen muß es sein, das hebräische Schurwerk unter zionistische Leitung zu bekommen. Dann wird es nicht passieren können, daß der sozialdemokratische Stadtschulrat von Wien, Hebräisch als Unterrichtssprache im jüdischen Realgymnasium verbietet. Der Präsident des Stadtschulrates Glöckel will das Hebräische überhaupt aus der Schule verbannen. Das Verhältnis des Zionisten zur Sozialdemokratie muß folgerichtig cm negatives sein, weil die Sozialdemokratie marxistisch ist. Redner erinnert an den Beschluß der Stockholmer Konferenz vom Jahre 1917 über die Aufnahme der Poalc» Zion in die zweite Internationale, in dem es hieß, daß der K l a s s e n k a m p f auf nationalen: Boden am besten mit nationalen Mitteln geführt werden darität ablehnen und an ihre Stelle die proletarische Solidarität ablehnen und an ihre Stelle die poltische Solidarität stellen müsse. Nun hat aber der Zionismus die Aufgabe, die nationale Heimstätte in Palästina zu begründen und dafür zu sorgen, daß wir dort die Mehrheit erreichen. Wer das nicht im Auge hat, kann nur Kolonisationspolitiker, niemals aber Zionist sein. Ein Zionist kann sich die sozialdemokratische Ideologie nicht zu eigen machen, wobei Redner nachdrücklich daraus hinweist, oas die Begriffe „Sozialismus" und „Sozialdemokratie" nicht verwechselt werden dürfen. Redner bespricht die Beweggründe, welche die einzelnen Gruppen der Juden zum Anschluß an die österreichische Sozialdemokratie veranlassen. Zum Teile seien sie materieller Natur (Erlangung des Heimatrechtes, Anstellungen, Erlangung einer Wohnung). Neben jenen, welche vor dem Kriege bei der Partei waren, als es noch keine fetten Posten gab, ist eine große Zahl „Novembersozialisten" zu verzeichnen, die ihre Parteizugehörigkeit besonders unterstreichen, wie Täuflinge besonders laut beten. Manche erklären, zionistische Interessen zu vertreten, wenn sie sich sozialdemokratisch organisieren. Denn es gebe doch in der Partei Juden, die man beeinflussen könnte. Wenn man aber die Anzahl der bewußt jüdischen Marxisten betrachte, die sich dort organisieren, wo ihr Platz ist, nämlich in der Poale Zion, müsse man erkennen, daß diese Hoffnung nicht aussichtsreich sei. In seiner Rede, die wir hier nur teilweise wiedergeben können, übte Dr. Plaschkes an dem Wiener jüdischen Realgymnasium Kritik und begründete in eingehender Weise die Notwendigkeit der innerpolitrschen Arbeit der zionistischen Landespartei. D r i t t e S o n n t a g - (N a ch m i t t a g s-) S i tz u n g. (Fortsetzung der Generaldebatte.) Nach dem Delegierten Löwen so hu, der für die Ausgestaltung der Jugendarbeit spricht, begründet Delegierter S i tz m a n n, daß die Lande s P o l i t i k einen integrierenden Bestandteil der zionistischen Arbeit bilden müsse. Delegierter Rabbinowitz wendet sich gegen die Vorherrschaft der Landespolitik. Delegierter Weinreb (Hitachduth) weist auf die wichtige Tätigkeit des Jugendbundes Brith Hanoar hin. In einer Polemik gegen Delegierten Gemeinderat Dr. Plaschkes betont er, daß man zwischen den österreichischen Sozialdemokraten und den Sozialdemokraten anderer Länder wohl unterscheiden müsse. Nur die Haltung der österreichischen Sozialdemokratie in der Judenfrage und insbesondere dem Zionismus, gegenüber sei zu verurteilen. Delegierter Doktor Tartakower erinnert daran, daß es nicht gleichgültig sei, wie sich die große sozialistische Welt zum Zionismus verhalte. Dieses wichtige Moment sei zu berücksichtigen, auch wenn man der österreichischen sozialdemokrattschen Partei scharf entgegentreten müsse. Hierauf spricht Oberbaurat Stricker als Führer -des Klubs der radikalen Zionisten und führt aus: Der Grund des Niederganges der zionistischen Partei liegt darin, daß die zionisttsche Bewegung völlig uninteressant geworden sei. Interessant war der Zionismus nur, als er den Judenstaat verlangte. Wir beginnen allmählich so wenig interessant zu werden wie die Jea oder die Alliance. Der Geist der Verneinung deszionistischen Endziels kommt von Deutschland. Für ein bloßes „Kolonisationsunternchrnen" ist das Volk nicht zu begeistern, Für eine „Kolonie" wird sich der Chaluz nicht opfern, für ein „arabisch-jüdisches Gemeinwesen" ist kein Pioniertum aufzubringen. Wenn Weizmann wieder fragen wird: „Jüdisches Volk, wo warst du?" — wird er die Antwort Wommen: „Dafür soll ich mich ganz hingeben?" Die Evtveiterung der Jewish Agency wird in Amerika zweifellos beschlossen werden. Dann wird sich der wirkliche Zionismus aufraffen und durchsetzen müssen — denn sonst bliebe vorn Zionismus nichts übrig als ein paar große Herren und eine Bureaukratie. In Oesterreich lausen däe