Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2759 (31.10.1926)
- Date
- 1926-10-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Wen . Sonntag Wiener Morgeuzettung 31. Oktvtzer IM. SMe M Nr. SÖB9 Der Apfelbaum Von JfolllB aalswortfftw Es war fast elf Uhr, als Ashurst M jenem Abend die Taschenausgabe der Odyssee zur Sette legte, die er eine halbe Stunde lang in den Händen gehalten hatte, ohne zu lesen, und durch den Hof in den Obstgarten hinausschlüpste. Der Mond toar gerade ganz golden über dem Hügel aufgegangen und lugte wie ein mächtiger, heller, spähender Geist durch die Gitterstäbe der noch halbkahlen Eschenzweige. Zwischen den Apfelbäumen war es noch dunkel, und er blieb stehen, um sich über die Richtung i■; orientieren, da er das harte Gras unter seinen Füstspürte. Eine schwarze Masse dicht hinter ihm rührte'sich'mit schwerfälligem Grunzen, und drei große Schweine legten sich wieder dicht - aneinandergedrängt an der Mauer nieder. Er lauschte. Es ging kein Wind, aber das murmelnde, flüsternde Gekicher des Baches war doppelt so laut tvie bei Tag. Ein Vogel, er wußte nicht, was für einer, schrie eintönig: „Pip pip, pip pip!"; er konnte aus tvetter Ferne eine Nachtschwalbe und eine Eule schreien hören. Ashurst ging , einen oder zwei Schritte und blieb stehen, da er einen dämmerigen, webenden, weißen Schein um seinen Kopf bemerkte. An den dunklen, regungslosen Bäumen waren unzählige Blüten und Knospen von dem schwebenden Mondlicht wie in einem verschwommenen Nebel zu einem zauberhaften Leben, erweckt. Er hatte das seltsame Gefühl, als wäre er tatsächlich nichtallein, als ob unzählige weiße Motten oder Geister zwischen dem dunklen Himmel und dem nachtschwacken Grund in einer Ebene mit-ihren- Augen hin und her wogten und ihre Flügel auf- und zuklappten. In der verwirrenden, lautuird duftlosen Schönheit dieses Augenblicks vergaß er fast, warum er eigentlich in den Obstgarten gekommen war. Der'flüchtige Zauber, der den ganzen Tag über die Erde gebreitet gewesen, war nun, bei hereinbrechender Nacht, nicht geschwurrden, ' sondern hatte nur diese neue Form angenommen. Er ging langsam vorwärts durch das Dickicht von Aesten und ' Zweigen, die alle mit dem lebendigen Weißen Puder bestäubt waren, bis er zu dem großen Apfelbaum kam. Den konnte man nicht verfehlen, nicht, einmal im Tunkeltt; er war fast zweimal so hoch und dick wie: die - dnderen^iknd' -neigte sich den offenen Wiesen und b^ni Päch --.zm -N-ntyr.'.den dicken Zweigen blich Äshurst rÄeder'^stehech um M lausch em Genau dieselben Geräusche itnl) ein schwaches. Grunzen von den schläfrigen Schweinen. Er legte seine Hände auf den 'trockenen, fast warnten Baumstamm, dessen rauhe, bemooste Rinde bei der Berührung eilten Torfgeruch aüsströMte. Würde sie kommen — lvixklich kommen? Und zwischen den vom Mond verzauberten, geisterhaften, bebenden Bäumen ergriffen ihn Zweifel an allem. Alles war hier so unwirklich, für ichisch -Liebende"garnicht geeignet. Hier könnten nur Götter sich begegnen, Faun und Nymphe, nicht er und dieses kleine Bauernmädel. Würde es nicht fast eine' Erleichterung' sein, wenn sie nicht käme? Aber die ganze Zeit über horchte et. Noch immer vernahm man das „Pip pip, pip pip" des unbekannten Vogels und das Ein Standardwerk der Kunstgeschichte •*; ': ■' haben wir soeben in ganz neuer Ausstattung heraüsgebracht Das alle Testament Im Bilde . Ein lUustrationswerk in Qrofiquart zirka 1000 Seiten stark, mit Uber 200D Abbildungen auf feinstem Kunstdruekpapler Herrlicher Ganzleinenband mit Goldprägung Preis 120 Schilling Die Kunst von .sechzig Generationen, m’i der früh-christlichen Aera beginnend, bis zu unsren Tagen, wird in diesen! Werke vorgeführt B. LÖWIT VEBUG // WIEN 1. Rotenturmstrafle 22 101 Ä3S DEUTSCH VON LEON SCHALIT. geschäftige Plätschern des kleinen.Forellenhaches, dem der Mond feine Strahlen durch die Defängnisgitter der Zweige zuwarf. Me Blüten rings um chn schienen jeden Augenblick lebendiger zu werden, schienen mit ihrer geheimnisvollen, weißen Schönheit zu seiner bangen Erwartung beizutragen. Cr brach ein Zweiglein ab und hielt es dicht vor seine Augen — drei Blüten. Entweihung — Blüten eines Obstbaumes zu pflücken und sie wegzuwersen! — zarte, heilige, junge Blüten. Plötzlich hörte er die Zauntür schließen,-die Schweine grunzen und sich wieder bewegen; und sich an den Baumstamm lehnend, preßte er beide Hände an den moosigen Stamm hinter sich und hielt den Atem an. Sie hätte ein Geist sein können,, so unhörbar wand sie sich. zwischen den Bäumen hindurch! Da sah er sie plötzlich dicht vor sich — ihre kleine, dunkle Gestatt, schien mtt mnem Stamm verwachseu und ihr weißes Antlitz ein Teil der Blüten zu sein, so still war es ihm zugekehrt. Er..flüsterte: „Megan!" und streckte seine Hände aus. Sie lief auf ihn zu, gerade an. seine Brust. Als Ashurst ihr Herz gegen seines schlagen fühlte, kämpften Leidenschaft und Ritterlichkeit in ihm. Sie gehörte nicht zu seiner Wett; sie toar so einfachjung und unbedacht, so schutzlos und voll Anbetung — tvie konnte er anders, als ihr Beschützer sein in der Dunkelheit! Well sie.so ganz einfach, so ganz natürliche Liebe und Schönheit war) so sehr ein Teil dieser Frühlingsnacht wie die lebendigen Blüten, tvie konnte er anders, als alles nehmen, was sie chm geben würde, als den Frühling in ihrem imd in seinem Herzen erfüllen! Und zwischen diesen beiden Gefühletr hin- und hergerissen, zog er sie fest an sich und küßte ihr Haar. Wie lange sie so standen, ohne zu sprechen, wußte er nicht. Unaufhörlich, plätscherte der. Bach, schrien die Eulen und der Mond stahl sich näher und wurde weißer; die Blüten um sie herum u«d über ihnen leuchteten ' auf in Ungewißheit über ihre lebendige Schönheit Jhpe> Lippen hatten einander gefunden und sie sprachen nicht. In dem Augenblick, da sie sprechen mürben, würde alles unwirklich sein! Der Frühling hattekeine Sprache, pur Rauschen und Flüstern. Der Frühling sagt so viel mehr als Worte in seinen sich entfaltenden Blättern und Blüten, in dem Strömen seiner Bäche und in diesem süßen, rastlosen Verlangen! Und manchmal erwacht der Frühling zum Leben, erfüllt die Gegenwart mit seinem Geheimnis, umschlingt Liebende , mtt den Armen und verzaubert sie durch seine Berührung, so daß sie, Lippe an Lippe, alles vergessen über diesen .Kuß. Während ihr Herz gegen seines schlug und..ihre Lippen auf seinen zitterten, fühlte Äshurst nichts als Entzücken das Schicksal hatte sie für seine Arme bestimmt, der Liebe konnte man nicht entgehen. Aber als sie ihre Lippen voneinander lösten, um Atem zu schöpfen, war sofori die Trennung wieder da. Und jetzt war auch die Leidenschaft um so viel heftiger, und er seufzte: . „O, Megan! Warum bist du gekommen?" Sie blickte aus, verletzt und erstaunt. „Gnädiger. Herr, Sie haben mich doch darum! gebeten." „Sag' nicht,gnädiger Herr' zu mir, mein Liebstes." * „S23ic . soll ich Sie denn nennen?" „Frank." „Das könnte ich» nicht. O nein!" „Aber du liebst mich doch, nicht wahr?" „Ich mußte Sie einfach liebhaben. Ich möchte bei Ihnen sein, das ist alle^" „Alles!" Sie flüsterte so leise, daß er es kaum verstand: „Ich sterbe, wenn ich nicht bei Ihnen fein kann." Ashurst holte tief Atem. „Dann komm' und bleib' bei mir!" „Achst' * Berauscht von dem erschreckten Entzücken in diesem „Ach!" fuhr er flüsternd fort: „Wir werden nach London geh-'n. Ich werde dir hie Welt zeigen. Und. ich werde so gut für dich sorgen, ich verspreche es dir, Megan! Ich werde niemals brutal! zu dir sein!" „Wenn ich nur'Lei Ihnen sein kann, das ist alles." Cr strich ihr ühers Haar und flüsterte Wetter: „Morgen werde ich nach Torquah fahren, Geld beheben und dix ein paar Kleider kggsen, die niM auffallen, und dann, werden wir heimlich auf.und 'davon geh'n. Und wenn wir dann nach London kommen, vielleicht schon bald, und du mich genhg liebst, dann heiraten wir. 4- ) Er fühlte an ihrem zitternden Haar, daß sie den Kopf schüttelte. „O nein, das könnte ich nicht. Ich will nur bei Ihnen sein."; ■ Trunken von seiner eigenen Ritterlichkeit fuhr Ashurst fort zu flüstern: „Ich bin es, der nicht gut genug für dich ist. O Megan, wann hastdu angefangen, mich zu lieben?" „Als ich Sie auf der Landstraße sah und Siemich anblickten. .Gleich am ersten Abend ^ab' ich Sie geliebt;' aber ich HE nieymls gvgkarM, daß G8e mckh tzdNsu -möchten." | ' - Plötzlich glitt " sie auf die Knie niAer rmd versuchte seine Füße zu küssen. Ein Schmeer des Entsetzens durchfuhr Ashurst; er hob sie em^e und drückte sie fest an sich, unfähig, Kr sprechen. Sie flüsterte:, „Warum wollen Sie mwAs nicht erlauben?" >< ,Zch will deine Füße küssen!" Ihr Lächeln trieb ihm die Tränen in die Augen.. Ihr weißes, mondbeschienenes Gesicht so dicht vor ihm, das matte Rosa ihrer geöfftreten Lippen hatte die uvirdische, lebendige Schönheit der Apfelblüte. . Da plötzlich öffneten sich ihre Augen weit und pli* ten entsetzt an ihm vorüber. Sie entwand sich seinen Armen und flüsterte: „Dort!" Ashurst sah nichts als den glitzernden Bach, den blaßvergoldeten Ginster, die glänzenden Buchen und dahinter den Schimmer des iveithingestreckten, mondbeschienenen Hügels: Sie flüsterte hinter ihm, starr vor Schrecken: „Der Zigeunergeist!" „Wo?" ) ' „Dort — bei dem Stein — unter den Bäuntenft, Empört sprang er über den Bach und mtt großen Schritten auf die Buchcngruppe zu. Täuschung durch das Mondlicht! Nichts! Zwischen den Felsblöcken rmd. Dornbüschen stolperte er voller Haft hin und her, nnrr-' rend und flucheich, und dennoch fast von Entsetzen ergriffen. Unsinnig! Verrückt! Dann ging er zn dem Apfelbaum zurück. Sie aber war schm fort; et; nahm ein Rascheln, das Grunzen der Schweine und das ' Schließen. einer Zauntür. Anstatt ihrer nur dieser atze. Apfelbaum! Er legte seine Arme um den Stamm. Welch'' ein Ersatz für Ken weichen Körper! Das rauhe Mobs an . seinem Gesicht, welch ein Ersatz für ihre 'weiche' Wange! Nur der Dust wie von Wäldern wür fast derselbe. Und die Blüten über ihm und um ihn fatoufy?] teten im Mondlicht lebendiger als je. und schienen.zu glühen und zu atmen. .,'.J (Aus der unveröffentlichten Novelle „Der Apfelbaum",' 6. Kapitel.) ,. .. ,V;; '. OOOCKXXXXXXXXXXXXJOOOOOOOOOOOOOCXJCCOOGq | SMode und SKunstgewerbe OOOOOC ln dieser Rubrik erscheinen entgeltliche Anzeigen OQOOOO * bb s ■< in bOBlchtagen n’ 6705 Gagr. 1897 Felnsta AuafWiriing Solide'Preise B «M-MOdBllhauS VMüSfifllllllBiSSI.IZ B^BSBSb Adolf BlRlCp« Telepd.80-14 Atelier für vornehmste Pelzwaren. —• Solide Preise, KURSCHNERMEISTER VII., Neiibaugasse Nr,-88 Beste Bedienung : LyNde Preise Wiener Spezial - Schuhwerkstätte Nonreautos * Eisoaganir feinster Schzjxwaion neuester Passen . Wien, II., TaborslraBe Nr. 47 (Eingang? n.. Große StadtgutgasBe Ne. ft) 0709 jPB" JKcmm eröffnet f Damaiilrat- L Ellenbogen «.«i WlMiil A ttfip-Ml.! SIUHTHUTE große Mode in größer Auswahl bei 201 HORWlTjg, Wien, Vit., Mtnileingaae aa Schilder- und Schriftenmaler ' 0700 ANTON STE P H A N WÄW Telephon 47-8-55 — Oegrandot 1874 Beete Bedienung. _Prima Referenzen. 8oUdo Preise. AT BITl S D tiOFsdineraielsier ■ ■ Klm Ri Bilm XX,, SottmslLSpeso Rr. S Pelzwareq jeder Art Prima Ausführung . 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