Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2759 (31.10.1926)
- Date
- 1926-10-31
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zette 10 Jim, Somitoii 91. Ottrtet 1996 m. ms Das Buch der Zeit LITERATUR-BEILAGE DER „WIENER MORGENZEITETN'G” «lfremtv.«mich «>» leim Seim*. LS ist das Schicksal jeder bedeu tenderen wissenschaftlichen Theorie, sich an einer früheren, .verwandten, aber zuntftdbest Znm Teil gegensätzlichen zu entzünden. Wissenschaft ist viel mehr als Kunst, eine lange Kette, deren einzeln Glieder einander bedingen, iwttft auch vielfach rmr so, daß das eine Glied durch fein Anderssein das nächste zur Gelttmg bringt. Die Geburtsstimde in der Wissenschaft ist fast immer gleichzeitig eine Krisis tn einem großen Kampf. Und str geschah es, daß der größte Teil des mit großer Sachkenntnis nnd noch größerer Liebe geschriebenen Buches*) der Auseinandersetzung mit Freud »nd der Pstjchvanalyfe gewidmet ist. Leider wunde dieser Kampf, der strotz allem in seinen ^tzanptzügen jedem Lehrer-Schüler- Kmnpf gleicht, beiderseits mit unnötigen persönlichen 'Ausfällen geführt, deren NachklSnge noch allzu deutlich in dieser populären Broschüre §u spüren sind. Schließlich beweist ja auch die Schilderung der Freud-Adlerschen Auseinandersetzung von Sperber nichts anderes, als daß Adler die einzelnen grundsätzlichen Erkenntnisse seiner Jndividualpfychologie selbständig 'und unabhängig errungen Hai-, gleichzeitig aber,daß der letzte Impuls, die Anregung, wenn auch oft aus dem Gegensatz heraus — die Psychoanalyse und die Theorien Freuds waren. Alfred Adler, ein Wiener, ein. Arzt und Denk«, dessen psychische Wurzeln — wie er selbst sagt — in einer r,.Gast jenkwbenkarriere" in Rudvlfsheim liegen, die ihn dc» gesellschaftlichen Mut schätzen lehrte und »vie Sperber meint, sich bald statt für die Angst für die Tai entscheiden ließ, war sicherlich berufen, einer mehr aus pes s i m i stis cken. kosmischen Erkenntnisqnellen entsprungenen Lehre, wie sie die Psychoanalyse ist, eine optimistische, sozial verwendbarere und nützlichere Jndivibualpsychologie entgegenzustellen. -Abgesehen aber von diesem, allerdings sehr wichtigen Unterschied, in der Gefumtrichdrng, im Vorzeichen dieser zwei psychologischen Theorien, haftet ihnen aber beiden jener Mangel an, der alle Psychologie kennzeichne» muß, die sich anmaßt, durch eines, zwei oder dreh wenn auch an sich richtige Grundprinzipien eine Weltanschauung dos Seelenlebens geschafft» zu htcken. Wie eS ZUmüchest naiv unb kurzsichtig wäre, aus einer medizinischen Theorie heraus eine medizinische Weltanschauung bildvr ztt wollen, statt nnmer wieder neue normal« und Krankhevtserscheinungen zn beschreiben, sie zu oÄmen und Heilnngsmethvden zu suchm, ebenso unmöglich ist es,, aus der unendlichen Wannigfal-tigkeit des menschliche« Seelenlebens einige Gesche herauszngreiftn. und sie als einzige Säulen eines Wettanschcruungsgeb äudes hinzustellen, zu dessen Aufbau wohl außer den psychologischen noch viele andere Lebenselemente notwendig find. Mit Nur-> Pfychvlogie wird man ein Zeitalter und eine leidende 'Menschheit kaum erlösen können. Ob sie «nn Psychoanalyse oder Jiünvidualpsychologie heißt und in ihrem Bereich richtige Und wertvolle Erkenntrcksse geschafft» hat. Wenn die Jndividualpsychologie an ©teflie der m der Psychoanalyse allmächtige» Prinzipien der sexuellen und Jch-Triebe die Prinzipien von Minderwertigkeits- und Gemeinschaftsgefühlen setzt, so hat sie damit nur zwei neue Grundsätze geschaffen, die ebenso wie die alten nicht alles, aber manches, vielleicht diel erklären. Sie zu alleingültigen, z» umfassenden Grundsätze!, zu machen, besteht aber in beiden Fällen kein Grund. Das Begabungsprvblem zum Beispiel, eigentlich das Hauptproblem der Individual Psychologie ist vion ihr durch die Lehre von der Kompensation und Ueberkompensation minderwertiger Organe zweifelsohne nach einer wissenschaftlich ersprießlichen und der Wahrheit nahe liegenden Richtung gelenkt, keineswegs aber schon restlos erklärt worden. Es ist schon ein gwßes Verdienst, dem metaphysischen, göttlichen Begabungsglauben ein Ende gesetzt und die Begabung wie alle anderen Lebensformen des Menschen wrib seiner inneren Organisation in den Bereich diesseitiger, wissenschaftlicher, pshchologischer Forschung gezogen zu haben. Sowie die Sexualität Und deren Sublimierung, wird aber auch di« Organ* Minderwertigkeit und deren Uebssrkompenjation bei de» Begabten einiges, bei manchen meKk bei gndersn weniger, aber nicht alLs erklären könne». Di« Lehren der IMvidMpWptogft Vvn den Fiktionen des Neurotischen, von dessen Agressivität gegenüber - der Gemeinschaft und seiner Unfähigkeit zumindest eine der drei Lebensaufgaben (die soziale, die berufliche und die erotische) zu erfüllen, wie auch die individualpsycholo'' Msche Behandlungsmethode, die auf Ermutigung und chärakterologlfcher Umgestaltung basiert, besitzen sicherlich eine ungeheure Bedeutung für die Psychologie und insbesondere Psychopathologie. Aber auch die beste Diagnose der Krebskrankheü \m auch deren wirksamste Therapie kann «vrl> keine Wel?qu'c.-.mung bilden und auf de» Gmwand, daß Psychologie uno besonders Eh.iraltnotogie wvhl mehr M- *) Menrsbeeber, „Ztc frmr ‘’efjvf'' von I. F. Bmgnnrnn, Rüvchpn). gemein-Menschltches umfasst, als eine medizinische Erkenntnis, muß geantwortet werden, daß das Lebe« des Menscher, mW ftine Einordnung in die Welt »och viel mehr als Psychologie beinhalte. Wen« daher die Jndividualpsychologie Nnd mit ihr die sehr lesenswerte 'Arbeit ihcks heißen Bekenners,- des Adler-Schülers, Sperber, in eine Weltanschauung ausläv^ die außer der Erziehmrg (für welche sie noch am ehesten geeignet ist) schon alle rPobleme, so die künstlerische Betrachtung und das künstlerische Schassen, die Philosophie, die Masseirpsychologie, sogar die Frauensrage erklären zu können glaubt, so' ist es, gelinde gesagt, ein Optimismus, der zwar ihrer Ueberkompensalionsthrorie entspricht, aber noch durchaus nicht berechtigt ist. Sie arbeiten an guten Psychologien, aber an einseitigen W?ltanschammgeit. Es ist nicht irotwendig und es muß nicht sei». .Leopold Thaler. .Srchesber vo« «Jen*. Die Lektüre Alfred Polgarischer Schriften erzieht zu möglichst prägnanter üitb möglichst geschmackvoller publizistischer Tätigkeit. Dor allem: nur nicht Wiederkäuen! Wir Haber: über sein rühmliches Buch „An den Rand gd« schrieben", über seine gewichtigen drei Bände gesammelter Kritiken an dieser Stelle eingehender berichtet. Eine neuerliche Darlegung, warum wir seine Arbeiten überragend finden, warum delikat, tief und zu wiederholtem Genüsse einladend, will uns bei der Anzeige seines ne,len Buches*) nicht nochmals in die Feder. So begnügen wir uns, ftstzustellen, daß uns dieser Band noch in erhöhtem Maße Freude und Genuß bereitet. Im Hinblick auf einzelne Stücke, ganz besonders auf jenes, nach welchem bst Sammlung benannt ist, könnte man enthusiastisch werden. Aber Aeußerungen des Überschwangs wagen sich unter dein Einfluß diefts Autors nicht vor (Weltanschauung, Selbstbeobachtung und Vornehmheit, haben ihm die Qualität des Enthusiasmus genommen). Dieser nrehr als 300 Seiten starke BÄrd ist Reportage eines Dichters, also das Beste/was «in Schöngeist in feinen besten Stunden zu geben hat, nämlich Tagebuchblätter. Keine Zeile Ist geschrieben, ohne daß sie aus innerem Zwang geschrieben werden mußte. Aber eS^st auch kttn Wort hingesetzt, das nicht mit heißein Bemüh'k bis zur Schlackenreinheit gehämmert worden wäre, bevor er eS dem Druck übergab. Sein Humor ist nachdenklich (mit Verlaub: hier ist das sonst gewöhnlich mißbrauchte Wort tatsächlich am Platz), das Urteil, welches der Behutsame, nicht aus der Fassung zu Bringende, über Menschen, Ge- *) Alfred Polgar: ,-Vvchester von oben", Ernst Rowohlt, Verlag, Berlin. 0 I E LIEBHflBERBIBLIOTHEK Die Bibliothek der guten und billigen Bflcher SOEBEN ERSCHIENEN DIE ERSTEN 10 BANDE Arnold Zweig Der Spiegel des großen Kaisers EnShlung ', Stefan Zweig Volpond Eine (loblose Komödie, frei bearbeitet nach Ben Jonson Mit Bildern von Beardsiey Befand von Naao Chronik der Giftmischerin Eriflhiung Die sieben Schlösser des Mellk Schah Orientalliche Märchen, gesammelt von H. Lindem* nn Olaf Atlaguon Trampleben Deutsch von Erwin Magnus Arnold BenneU v Geschichten aus den fünf Stödten Dwfech von Bruno Oiascr 11469 Ventura Oarcla Calderon Peruanische Novellen beotoeh von eil«, und O. Mbr. vnn BoHwtf Berber d'Aunvilly , 5 Die Teuflischen Deutsch von Oeorg Qojwt Jene Peter Jacobsea Sechs Novellen Deutsch von ff. v. Bord« W/fft. Hefnt. Waefrenrodar Herzensergießungen Mit sechs Bildern Jeder Bend Khrt. Rm J*S0 (.einen Rm 3*50 Halbleder Rm 3‘SO In Jeder guten Buchhandlung vorrätig Preepekte verlange men kostenlos direkt vom Vertag OUSTÄV KTEPENHEUER VERLKO, POTSDAM seNfthastszustände und die Beziehungen der beiden zueinander fällt, ist, wenn man es aus der angenehmen Hütte Polgarscher Diktion schält, kräftig, ja sehr rebellisch und man findet in diesem Bande, den ich in seiner, )Snze alS ein poetisches Werk erachte, auch Lyrika, auch Dramatisches, sogar Romane, letztere allerdings in der denkbar kürzesten Form, ohne daß man Mangel an Inhalt z/u bettagen hätte. Siehe das fünfeinhalb Seiten umfassende Stück „Denwiftlk". Und statt des weiteren über den Inhalt zu sprechen, setzen wir als Exempel Polgarfchev Kunst das kürzeste in dieser Samntlung aufgenomme^ Opus hieher: „Soziale ttnordnun „Was wünschen Sie zum Abendbrot-" fragte der Ga fängnisdirektor den armen Sünder, der morgen früh am Galgen sterben sollte. „Sie dürfen essen und trinken, w«S und wieviel Sie wollen." „Schadet" sagte der Deliiv quent. „Schade! Wenn Sie mich daS drei Monate früher gefragt hätten, war' der ganze Raubmord nicht passiert." O. A., Sven- Slenton: eigne- Lsrleifsons Pferde. *) Jungin, das Füllen der Schimmelstute Flyga, wächst auf in Freiheit und Jugendtollen. ES lebt daS karges schwere Dasein beS isländischen Heidebauern mit, nicht als Arbeitssklave. Es darf sein Leben genießen, bis eS dann eines Zages bet Mutter genommen wird und mit einem Pferdetransport zu Schiff in die Fremde wandern muß. Sein letzter Blick fällt auf die Schneegipfel der Hvimatz deren letzten Gruß das schmerzliche Wiehern der Mutter entbietet. Ctn Buch vott Liebe und Größe, dieser Tierroman, der aus dem Dänischen übersetzt bei Eugen Diederichs in Jena erschienen ist. DaÄ traurige Leben der isländischen Torf- und Schneewüste rollt sich in dieser Schilderung auf, ergreifend in der Detailmalerei aus einem Sanb, von hem man nur selten spärliche Kunde erhall iund das mit der übrigen Welt nur wenig Verbindung hat. Die Großartigkeit der Natur übertönt aber die Freudearmut unb mit einer -tiefen, heiligen Liebe hängen die 'Menschen an der Scholle, die ihnen so bllltwenig zu bieten hat. In der Einsamk»it wird das Tier zum freund tfts Herrn; auf sich selbst gestellt, geht es ebend Schlamm und Sumpf zugrunde, v DaS Schicksal des Füllens Jungin, das ahnungslos durchs Leben dahinrennt, wird mit einer realistischen Deutlichkeit erzählt. 7 In diese Geschichte mitverwoben ist die Erzählung vom Leben und' Tod des Hundes Schnell, dem die Schimmelstute erst ein Auge herausschlägt, als er ihr Füllen auf dem Rasen stellt, und dem de Ionn den Schädel zermalmt, als er sie hindern will, ihrem letzten Kind, das im Elf ertrink, nachzueilen. In einer eindringlichen, manchmal von einem wehmütigen Humor erfüllten Darstellung werden die Genossen des Füllens vorgeführt, die Vögel, die Pferde, das Stierkalb; sie alL führen einen ewigen, .atemraubenden Kanchf mit der Armut und der Mensch steht ihnen nahe, lebt mH ghnen zusammen, kämpft mit ihrer Hilft. Die grandiose Schilderung des furchtbaren Schneesturmes, des Rittes über das Lavafeld, in beffett Einsamkeit die Knochen verdursteter Tiere und Menschen bleichen, ragt an das beste iy.van, was an Naturdarstelsimgen aus dem hohen Norden geschrieben worden ist. Und der Schluß des Romans, die Szenen, da Jungin von dem Schiffskran in die Höhe gerissen wird und die Heimat entschwinden sieht, wächst zu tragischer Kraft ans. »ücherlchs«. De. Alfred Adler; Lievesöe^iehungen und deren Störungen.. Verlag Moritz Perles, Wien und Leipzig. ftatott BlftritzNr „Jamim welejkoth". (Bier Teile in zwei Bänden). Verlag „HamadPtS", Jemftlem. H. F. Blunckr Kampf der Gestirne. Verlag Eugen Diederichs, Jena. A. Srouer; Der Herr HaudelSLammersyndikus. Verlag Carl Reitznsr, Dresden. Herbert Anlenbe«; DtervNch Unsterbliche. Verlag Bruno Sasfirer, Berlin. ®sen* 0h”mro>- *“■ K. ^-Inemannr Deutsche Dichtung. Verlag Alfred Kröuey De. Karl Heiuemuuur Goeitze-Kalender für das Jahr 1W7 Tietrichsche Berlagsbuchhandlung, Leipzig. Mob Schaffner; DaS große Erlebnis. (Roman). Union Deutsche Berlagsanstolt, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Karl Scheffle« Die europätkhe .Kunst im IS. Jahrhundert. Verlag Bruno Vafiirer, Berlin. •’Tää, »as &vwb* «n Quinta. DtnbnrkbS Ikrtao. Lette.