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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-30 · Heft 2758 (30.10.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2758 (30.10.1926)
Date
1926-10-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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OMe 4 Wien. Kimsta«g Wiener Morgerizettunh 30. -Oktober 1926 Nr. 2788 bei den Juden. Das bekmute nmrMische Lvhnigesetz erscheint okso bei dvn Juden m sein Gegenteil verkehrt: es laufen nicht ,^ver Arbeiter einem Meister", sondern zwei Meister emanr Arbeiter nach. Diese paradox klingende Porrrerorng hat m Wirklichkeit Wvevwicigonden realen Untergrund, derr wir in unserer SWußibetmchtnng, die den heute zum MbsMlß gebrazten statistischen Darlegungen foigen soll, genau auseinandorfetzen werde Sven Hedi« «nd der alte Wische Feldscher. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht eine Beitragsserie: „Von Menschen, die man nicht wiedertraf — und die man doch nie vergaß." Darin ist ein.Beitrag Sven Hedi ns mit der Ueberschrift „Gruß und Daick an einen alten Juden" eMhalten. Sven Hedin schildert, wie er, als junger Student in eine russische Einöde verschlagen und an schweren rheumatischen Fieber erkrankt, von einem alten jüdischen Felds cher mit großter Aufopferung und Hingebung gesundgepflegt worden ist. „Dieser alte jüdische Feldscher Go ritzki", erzählt Hedin, „wohnte sechs Wochen in meinem Krankenzimmer. Er trug einen langen Rock, der wohl vordem einmal schwarz getvesen sein mochte, aber unter dem langet: Einflüsse von Regen mrd Sonnenschein eine grünliche Farbe angenommen hatte. Seine Schuhe waren ausgetreten und zerrissen, und seine Hosen waren zu schleppenden Fransen zerschlissen Sein Gesicht war bleich und gewöhnlich, fei~ zieherlocken über die Wangen. Aber aus seinen Augen Bart lang und ungepflegt, sein Haar hing ihm in Korknstrahlte reine Güte und Treue, und man fühlte, daß idiesser Mann eher in seiner Armut gestorben, als vom Weg> seiner Pflicht abgewichen wäre. Während ich dalag uniitt Fieberträumen umherirrte, saß Goritzki Tag und Nacht an meiner Seite. Er sah bekümmert aus, und seine Gedanken schienen stets mit der Frage beschäftigt zu sein, wie er meine Leiden lindem könne. ... Er sprach wiemals, wenn er nicht angeredet wurde. Schlveigsam und finster wie ein Schatten, gebeugt und alt, bewegte er sich irn Zimmer, wo die ganze Nacht hindurch eine Lampe brannte. Nur loerrn ich ihm dankte und ihm sagte, daß seine Behandlung mich die Schurerzen vergessen lasse, leuchtete sei-.: Antlitz für einen Augenblick auf, aber nur um sofort wieder das grüblerische Aussehen anzunehmen; und er begann von neuem. Stunde für Stunde, meine Knie zu Massierern" Hedin schildert, wie er tatsächlich durch die Findigkeit und Ausdauer des alten Juden am Leben erhalten wurde und fügt hinzu: „Das Meiste von der Dunkelheit und den Qualen jener Zeit ist mir entfallen; aber den alten Juden, der mir mit so viel Sorgfalt und Treue wortlos seine Hilfe immer wieder gab, kann ich nicht vergessen. Wieviele hohe Herren habe ich seitdem getroffen, M die die Erinnerung im Laus der Jahre verblieben ist! Das Bild des alten Juden wird bis zu meiner letzten Stunde scharf und deutlich vor mir stehen: Denn er gab sich selbst, gab seine Zeit und sein Herz hin, um cniem Mitmenschen zu helfen. Und als ich nach Beendigung der Behandlung ihn - bezahlen wollte, weigerte er sich, mein Geld anzunehmen. — „Gib es den Armen", sagte er, mit wehmütigem Lächeln. Und doch gab es unter der ganzen armseligen Bevölkerung von Balakhani nicht einen, der ärmer war, als er. Durch seine Armut machte er nrein Leben reicher, und seine Bescheidenheit erhöhte ihn um eines Hauptes Länge über die Deisten unter den Großen der Erde." Jura will er studieren, bitte Euch, macht, daß er Geschmack daran findt. Er hat viel Fleiß, viel Talente und eine gute Seele, feine häuslichen Umstände sind nicht die besten. Sprecht ihm Mut und Trost zu, und — ich ikenn Euch und Hab schon zuviel gesagt." Der Empfehlungsbrief hatte die Wirkung, daß ihn Höpfner in sein Haus aufnahm. Mit Recht konnte Goethe, von Spinozas Ethik berührt, damals von sich erklären: „Uneigennützig zu sein in allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freurüsschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung." Er schenkte Klinger auch das Manuskript vom „Jahrmarktfest von Plundersweilern" mit der Weisung, dm Gewinn! der Herausgabe sich zuzueignen. Klinger hat sich die Handschrift als kostbare Reliquie bewahrt.'So läßt fick) die Verherrlichung erklären, die Klinger Gocthen in seinem Trauerspiel „Das leidende Weib" (1775) zuteil werdm ließ. Ihm in der Gestalt des edlen Bruders der Heldin gelten die prophetischen Worte: „Die Nachkomnren werden staunen, daß je so ein Mmsch war." , An Frau von Stein schreibt Goethe am 10. Dezember 1781: „Ich bitte Gott, daß er mich täglich Haushälterin scher werdm lasse, um fteigebig sein zu können, es sei mit Geld oder Gut, Leben oder Tod." Zu derselben Zeit ist die Ode „Das Göttliche" mtflanden: „Edel sei der Mmsch, Hilfreich und gut!... Unermüdet schaff' er Das Nützliche, Rechte, Sei uns ein Vorbild Jener geahnten Wesen!" Diese sittliche Forderung ist dem Dichter Lebens Maxime. Als Schüler 1787 zum erstenmal nach Weimar kam, während Goethe in Italien abwesend war, schrieb er seinem Freunde Körner: „Goethe wird von sehr vielen Menschen (auch außer Kerbern) mir einer Art Anbetung genannt, und mehr noch als Mensch denn als Schriftsteller geliebt und bewundert." Ae Leiden der jüdischen Wanderer. R«e Sakftellang der britischen Innenministers Aus Lottdon wird Es Verichdet: Die bereits ge- MÄdete Verfügung des Staatssekretärs für imrere Angelogorcheiten, wostUttH die ön den Daracken von Eastiigih seit 1923 interniert gewesenen Mbschsn gestmndeben Duvck-wandevsr ans der Internierung entlassen und das Recht erhielten -m London zu bleiben, hat den Kreisen der A-ntisemiten den Vorwand für eins juden fei nd l i che Agitation geboten. So richtete auch das Pai^amentsm'ttgklied A. M. Hudson an 'den Stvatssakretär Johnson- Hicks ein Schreiben, in iveDchom der Rsgreowns der Vovwurf gemacht wird, daß sie etwa 1000 Personen TN London swei wohnen läßt, die den eiinhei,mischen Avoeilern die Arbeit wegnehmen würden. Auf diesen antwortet nun der StaatNßEretär mit o'rnsr ArMaHt, in welcher die LeitzensgeEckG' diiessr jüdisckM Amswanderer geschildert wird. Staatssekretär Joynson-Hicks i umosr cmdevsun I ükigeit Ende des Jahres 1923 Samen hier etwa ' 1900 ffkufcncn aus Rußland als Durchwcmdever auf dem r Wog rrrrch den Vereinvgien Staaten cm. Sie alle waren j m Dssitz der evfordrvlichsn amevckanischsn Visa mit der r Einre?i§ebM-llligU'NH nach den Deve'mrgten Staaten, aber \ rmrnittÄbar nach ihrer Ankuin-ft in London 'bangte die l Milteikung aus New-Aork ein, daß imsdlge der Zu° f lasfurvg einer geoßon Zahl russische'r Einwanderer, die über den fernen Osten nach Amerika gekommen'waren, die russische Quote bereits erschöpft sei. Diesen Leuten war 'daher die Möglichkeit genonrnron, nach den Vereinigten Staaten weiterzufahren, noch konnten sie in ihre alte Heimat zurt:i>cköehren, da sie selbst nicht nach Rußland zurückwollten und überdies auch von der Sowjetregierung ein Entgegenkormnen nicht zu erve-ichm war. So mußten sie durch die Schisfsgesellschasten in der Durchwand crerher- ^be^e in Eastligh untevgebraichjt werden, wo sie das weitere adzulvartsn hatten. Im -nächsten Jahr wurde in den Vereinigten Staaten die russische Quote noch weiter herabgesetzt, so daß die Hoffnungen der Durchwanderer auf eine Weiterreise wieder hinausgeschoben wurden. Im Verlaufe der letzten zwei Jahre gelang es -dem überwiegenden DeA dieser gestrandetsn Durchwanderer neue amerikanische Bisa zu erhalten, so daß 'in Eastligh im ganzen 176 Durchwände ver, wovon 130 Frauen und Kinder sind, zuirückbliebm. Es scheint -nun sicher zu sein, daß diese restlichen Durchwanderer kaum vor z w e t b i s drei Jahren die Möglichkeiten habsn -werden,' nach «den Vereinigten Zimten we>ibsr zu reifen, da im nächsten Jahre eine neue Ernwanderun-gsregel u n g in Amerika m Kraft treten wird, durch welche die russische Quote noch mehr herabgesetzt werden dürste. Unter solchen Umständen sprachen bei mir Vertreter der jüdischen Gemeinde in London vor, und «baten nE) Ul« die Bulvilligilttüg, daß diese noch hier wöilenden Durchwanderer auf ihre Kosten und Verantwortung ans Humanitären Gründen fre'i-gsgr'ben werden, «da diese unglücklichen Msnschm bereits seit drei Jahren interniert sind, und ihre wettere Internierung einen furchtbaren Zusammenbruch dieser Menschen zur Folge 'haben müßte. Dieser Appell machte auf mich einen sehr tiefen Eindruck, und in A'NibetrcM des Umstandes, daß die Zaihl «der Dltrchwa-nderer auf einen ganz kleinen Teil lhemibgeschmolzen ist, stimmte ich dem Vorschlag zu, stellte jedoch Bedingungen, die eine dauernde Niederlassung diese' Personen Mlsschkießen und die britischen Arbeiter schützen. Die ersten zwsr Bedin>gungen waren, daß die Schiffsgesellschafben S ch! i f f s k a r t e n dieser Durchwainderer na :vie vor als gültig anerkennen und n Namen an die Spitze jener Liste zu setzen ha'ben, für welche das Ansuchen wm amerikanische Visa gilt richten ist, so daß diese Gestrandeten in,der möglichst kUirzesten Frist nach Amerika Weiterreisen sollen. Die dritte Bedingung war, daß 'das jüdische Komitee die Garantie dafür übernehme, daß diese Einwanderer s o untergab rächt werden, daß keine Wohnung s ü b e r s ü l l,u n g v-erursaicht wird, amd daß dies^en Personen nur solche ArbettsgelegenheitLN geboten werden dürfen, durch welche den britischen Arbeitern keine Konkurrenz geschaffen wird oder die nicht die Zustimmung der britischen Arbeiterschaft finden. Diese Beding-rmgen wurden von der jüdischen Gemeinde -und dom jüdischen Komitee akzeptiert und so werden jetzt die 46 männlich-en mfo 130 weiblichen beziehungsweise Ki nder-Durchüvanderer allmählich aus den Baracken entlassen. Sie werden, lieber Mr. Hrid-sön. Klsgeben, daß es sich um einen sehr außergewöhnlichen Fall Handelt, der durch eine unvorgesehene Sta-uung im Strom der A-uswanderung lniach 'den Vereinigten Staaten entstanden ist und ich bin überzeugt, daß zugegeben -wird, daß unter diesen Umständen ein Entgegenkommen recht u n d. m e n s ch -l ch war, und daß mmve Verfügungen es verhindern werden, Latz die -bowilligte Konzession irgendwie den Interessen die'fes- Landes schädlich werden könnte. Mich selbst hat dieser Fall außerordentlich beschäftigt und.ich ergreife gern den Anlaß, h'iemit den Tatbestand vollends darz-ul>cg>on. Die Wische Palästina ImmIgration aus Polen. Warschau, 29. Qkt«-ber &■ T. A.) Nachdem schan am 10. Oktober eine Gruppe von mehr als 100 Juden sich nach.Palästina b«gab, hat am 26. Oktober Me weitere Gruppe von etwa 100 Juden die Reise nach!Palästina angetreten. Sin Wunder In der soeben ettchienerren Sammlung „Herrnfeld-Humor" "Globus-Verlag, Berlin) erzählt Anton Herrnfeld folgende Anekdote: In der Universitätsstadt H. lebte der getaufte Professor Herz, der.als sehr geschickter Operateur weit und breit bekannt und berühmt war. Ebenso bekannt war aber auch seine Unnahbarkeit und Unzugänglich'eit. Eines Tages besuchte ihn ein junger jüdischer Student der Medizin und bat ihn, da er mittellos wäre, ihm doch twtz des „numerus clausus" einen Platz während der Vorträge des Herrn Professors in dessen Klinik zu gewähren. Er berief sich auf seine guten Atteste, sagte auch, daß er der Sohn einer armen jüdischen Witwe sei — doch ei war alles vergebens, der Herr Professor lehnte das Ansinnen kurz aber entschieden ab. — Jetzt begab sich der junge Mediziner zu einem anderen Operationsspezialisten^ dem Professor W. in H., brachte dort seine Bitte vor und ward angenommen mit der Bedingung, daß er sich irt der Klinik des Professors W. durch Beihilfe bei Operattonen nützlich machen sollte.. Nach Verlauf von zwei Jahren ist aus unserem jungen Studenten ein tüchtiger Arzt geworden, dessen GeschickliiMit bei operativen Eingriffen auch dem berühmten Professor Herz nicht unbekannt geblieben ist, und — als nun der Jünger Aeskulaps wieder zurück nach F., seiner Heimatstadt, ziehe:: sollte und sich bereits von Professor W. verabschiedet hatte, hielt er es anstandshalber für geraten, auch dem berühmten Professor seine Abschiedsvisito Kn machen. Aufs freundlichste heut von Professor Herz empfangen und in dessen Privatzimmer geleitet, schien der Geivaltige im Gegensatz zu damals die Liebenswürdigkeit selbst; mehrmals erklärte er, daß er unendlich viel Rühmenswertes von seinem ju»gen Kollegen gehört habe, und fügte jovial hinzu: „Wenn Sie, mein junger Freund, mal irg?rft»wie in einer Sache meines Rates bedürfen, ich stehe jederzeit zu Ihrer Dispositioll, oder — falls Ihnen in Ihrer bisherigen Praxis etwas ausgefallen sein sollte, worüber Sie sich nicht klar sind..." — „Pardon, Herr Professor," fiel ihm hier der junge jüdische Arzt ins Wort, „halten Sis mich nicht für unbescheiden, ioemr ich hier sogleich Ihre gütige Aufklärung in Anspruch nehme; es ist mir da nänilich erst in letzter Zeit ein Fall vorg'kommen, der mich im höchsten Grade interessiert und über den ich mir doch nicht klar bin; Herr Professor W. zeigte mir kürzlich ein iMlgeborenes Kind, das, wie die Unterstichung ergab — ohne Herz zur Welt gekommen ist — und doch über 84 Stunden gelebt hat." „Wer das ist ja gar nicht möglich!" rief in vollster UebErzeugung der Professor, „denn Sio müssen sich doch selbst sagcn, daß ohne dieses wichtigste! aller Lebensorgane fein Wesen auch nur eine Sekunde zu atmen vermag.". „Ganz recht, Herr Professor," stimmteihm jener zu, „das war auch meine Meinung, und doch habe ich den vollgültigsten Beweis des Gegenteils erlebt. Sehn Sie, Herr Professor, es ist eine unbestrittene Tatsache^ daß hier in H. zwei Menschen ,vhne Herz' gelebt haben- — das sind Sie und ich!" Amnndsenr wiffenschastlicher Material vom Norvpolflug gestohlen. Aus Oslo wird gemeldet: Als vor einiger Zeit 209 Kisten dev „Maud", des Schiffes, das Amundfens Nordpolflug begleitet und die gesamte Ausrüstung übermunmen hatte, hier geöffnet wurden, zeigte es sich, daß der größte Teil des Inhalts verschwunden und nur wissenschaftliche Instrumente vorhanden waren. Alles, was die Mannschaft in ihrer freien Zeit angefertigt, mt nicht auffindbar, desgleichen arkch das persönliche Eigerüum der Mannschaften und ein wesentlicher Teil der wissensch aftlichen Sammlungen. Es wird hier mit der Möglichkeit gerechnet, das; der Diebstahl an der kanadischen Grenze begang<nk wtrvde. Eebs» auf Manila. M a ri i l a, 29. Oktober. Ein hestiaeä Erdbeben har gesu-ru, 8 Uhr nrorgenS, die Ltadt erschiUtert. Tie Erd'oeivegung dauerte zehn Set und eit und war so stark, daß einige große Äeüäude noch längere Zeit nach den Stößen Wvanlteu. Mehrere- Häuser zeigen Ris'> |- den Mauen:.

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