Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2756 (28.10.1926)
- Date
- 1926-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2758 Men, DrmmeMwg 28. Okkober 19N GMeÄ wtCTW SWvfgWIJ? tiURy Zabotinsly bei Den LegionSren. „Sie erste Manisestation ver iildischrn Km!t." Tel-Awiw, 24. Oktober. Wladimir Jabotinsky hielt im Klub der Revisionisten anläßlich seines feierlichen Empfanges eine Rede, in der er u. a. sagte: „Die Gegner des Revisionismus behaupten, daß der Revisionismus darum stark sei, weil er die unzufriedenen Elemente umfasse. Diese Behauptung stimmt auch. In der zionistischen Bewegung gibt es jetzt nur eine Gruppe von Zufriedenen — es sind dies die, die in der Exekutive sitzen. Die Gegner des Revisionismus behaupten, dah wir nichts Neues in den Zionismus hineinbringen. Auch das stimmt, denn wir kämpfen im: die 'rspriingliche Konzeption des Staatszionismus, gegen die jetzt in der zionistischen Bewegung herrschenden Galuth-Tendenzen und gelangen aus unserer einheitlichen Erfassung des Zionismus' zu eigenen politischen, wirffchafLlichen und organisatorischen Methoden."' Am selben Lag fand in Tel-Awiw eine Zusammenkunst der gewesenen jüdischen Legionäre statt, in der Jabotinsky unter anderem folgendes ausführte: „Der. zukünftige Historiker, der die Ereignisse aus der geschichtlichen Perspektive betrachten wird, wird feststellen müssen, daß mindestens die Hälfte dessen,, was in Palästina geschaffen wurde, der Legion zugeschrieben werden mutz. Die Legion war bisher die erste reale Ma- . nifestation unserer Kraft. Es gibt einen Zionismus in Deutschland, in England, in Amerika, die Einheitliche Volksbewegung fand seit Herzl ihre Verkörperung nur irr der Legion. Die jüdische Legion eroberte die Brücke über den Jordan, die Legion hat Transjordanien Palästina einverleibt. Dann erst kamen andere, die Transjovdanien in Besitz nahmen, doch Transjordanien gehört uu-, und wir werden das Land einmal schalten, denn das Recht ist auf nuferer Seite." Weiters erklärte Jabotinsky: „ England trifft keinerlei Schuld für die jetzige krisenhafte Lage. Die Engländer sind eine Kulturnation. Da auch die Juden eine Kul-turnation sind, ist die Verbindung dieser beiden Nationei: zu begrüßen, doch sie müssen einander verstehen. England versteht gewisse Angelegenheiten, wenn sie gerecht sind Md wenn man sie entsprechend erklärt. Das konnten wir im Jahre 1916 schen, da es kaum drei Männer gab, die d i e I d e e der Legion unterstützten gegen eine elicheitliche Front von Lord Kitchener bis zur z i on i stis ch e n. O r g a n isat i o «. A ll e n b y sagte damals: „Eher lasse ich mir die Hand abschnerden, bevor ich den Juden erlaube, in Palästina zu kämpfen." Damals , sagte ich zu euch in der Londoner Versammlung: „Die Partie mutz zu Ende gespielt werden!" Und diese drei Leute haben gesiegt und England verstand sie, weil das Recht auf ihrer Seite war." Eine Propagandareise Jabotinskys durch Deutschland. Wie Svir erfahren, wird Herr Jabotinsky unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Palästina an zwanzig verschiedenen Orten Deutschlands Vorträge über das Thema halten: „Was. lernt man in Palästina?" Jabottnsly spricht. ^on unserem Jerusalemer Berichterstatter. Der Führer der Revisionisten hat seine Rede in Tel- Awiw mit der Mitteilung eröffnet, daß er den Gesamtkomplex der Gegenwartsfragen des ZionisnAs in einer Reihe von vier Vorträgen behandeln will, von dem:: die ersten beiden, irr Tel-Awiw und in Jerusalem, bereits stattfanden, während die beiden anderen, in. Haifa und wiederum in Tel-Awiw, noch cmsstehen. Es ist deshalb in diesem Augenblick noch nicht möglich, zusammenfasseud über die gegenwärtigen Auffassungen und das Aktionsprogramm des Revisionismus zu sprechen. Und doch genügen die ersten beiden Vorträge, um einige vorläufige Bechtrachtuugen an sie anzuknüpfen, die auch der Klärlmg der allgemeinen Situation dienen dürften. Jabotinsky hat sich mit vollem Recht iu Tel-Awiw nicht allzu lange mit der Schilderung der gegenwärtigen Sage iu; Palästina aufgehalten. Dort, im Zentrum der Krise, wo sie am schwersten auf jedem Einzelnen lastet, war es nicht erforderlich, viel Einzelheiten zu bringen. Jabotinsky begnügte sich damit, die Frage auszuwcrseu, wo die Millionen Pfund geblieben seien, die man in Palästina investiert habe. Er. schilderte die moralische Lage in den schwärzesten Farben, in zU schwarzen Farben vielleicht, sprach ■ von der offenen Verzweiflung der Auswarrdevnden und der stiller: Verzweiflung Vieler, die iwch nicht ausgewandert; seien,' und charakterisierte dann die politische Lage durch i drei Beispiele: die Entrechtung der Inder: iu der Gen- . darmerie, der Plan eiues palästinensischen Parlaments zwecks Legalisierung der Obstruktion gegen die Balfourerklärung und die Einbürgerungsangelegenheit (wo übrigens die heute mitgeteilte Herabsetzung der Gebühren ans 25 Piaster eine sehr wesentliche Erleichterung Und nach längerer Zeit wieder einmal einen Erfolg darstellt). Dann erörterte er die Frage, wo die Schuld an dieser Situation liege und versuchte alle üblichen Antworterr als imgenügende Teillöftmigen, wem: nicht geradezu als falsch rmchzuweisen. Aber hier komme:: wir schon zu Gedcmkengäugeir, die er auch in Jerusalem behandelt hat. Diese zweite Rede ivar, wie angekündigt, ganz der A n seinandersetzung mit der MandatSreg iernng gewidmet und mit einer ausdrucksvollen Gebärde wurde sehr häufig „Hamigdal hahu", das GouveruementSgebäude, apostrophiert. Die mit größter Leidenschaft vorgetragene, aber zweifellos von Demagogie nicht. freie Rede brachte viele uns aus der Literatur und den Reden des Revisionismus geläufige Gedankengänge, wirkte aber als Ganzes betrachtet zuerst sehr überraschend, weil der Schluß nicht recht zum Anfang zu passen schien. Das ist fteilich, wie wir zeigen werden, ein Fehlschluß, was erst ganz deutlich werden wird, wenn Jabotinsky in Haifa über die Araberfrage gesprochen hat. In Tel-Awiw und Jerusalem versuchte Jabotinsky zu beweisen, daß es eine Illusion sei, auf Grund der heutigen Bedingungen eine jüdische Majorität in Palästina schaffen zu wollen. Niemals Ms der Welt habe das kolonisierende Volk den Boden auf dem freien Markt zn kaufen brauchen und sei dadurch gezwungen gewesen, Phantasiepreise zu zahlen, wie sie bei keiner anderen Kolonisation der Welt gezahlt worden seien. Nirgendwo aus der Welt habe mm: eine Industrie gegenüber der Uebermacht der Weltwirtschaft errichten können, ohne Schutzzoll von seiten des Staates. Vergeblich unser Kampf für Dozererh Haarez (Landesproduktion), auf die Dauer muß die billigere ausländische Ware den Vorzug haben. Für das alles hat Jabvtinsiy eine Formel: Das Regime des Landes mag gut sein, aber es ist kein „Mischtar kolonisatori" (kein l o l o u > s a i o ris ch e s Regimes Für die laudwirtschaslüib?. Kolouisatiou, Ernseuui!.? von Schätzungskonlmissivueu, für die Industrie Lchm-.zr.lle, Schutz des iu stärrdiger Gefahr jchwebendcu jüdisclnu Lebens in Palästina durch jüdische, bewaffnete Macht, eine nicht von finanzpolitischen, sondern von der Absicht der KvlcmsatiorKförderung geleitete Verkehrspolitik, ein Parlament, wo Juden Und Araber als Landesbewohner den einen Teil der Delegierten wählten, ivährend der andere iu analoger An» tvendung des Beispiels vieler Kronkolonie:: vom jüdischst Volk als dem kolonisierenden Faktor gestellt würde; das etwa hat die Mandatarmacht zu schaffen, dannt unsere Arbeit nicht unter schlechteren Bringungen vor sich geht, als bei anderen kolonisierenden Völkern. Vieles davon wurde mit aller aufrührerisch«: 'Rhetorik Jubötinskys gesagt; ffo, .als er an deit greisen Soldaten appellierte, dort irr jenem Turme, von dem er nicht verstehe, wie er die Berantivortung für Leib mrd Leben der im Lande befindlichen eugtischeuj Frauen 'und Kinder übernehmen könne. Aber in: Ganzen ivaren es geläufige Gedankeugünge... Und warum, fuhr Jabotinsky nun fort, lut die eng tische Politik nichts von alledem? Die zionistischen Führer Tja&ctt bis vor kurzem erklärt, daß alles gut fei und wir keine Klagen hätten. Dmui, nach Ausbruch der gegenswür tigen Krise, sei man ins GegenG.il verfallen und erkläre nun, England habe uns betwgen, es wolle unsere Forderungen nicht erftillen, so berechtigt sie seien, und Zwangsmittel hatten tvir nicht. Aicherdenr beschutdigten die' zio niflischen Führer das jüdische Volk, das nicht seine Pflicht tue, und 'Palästina, das eber. die einwr.rwemden M'ass«: nicht aufnehmen körme. Nur sie selbst ftchlten sich itn schuldig. Jabotinsky widerspricht alldem Mfs schärffte: das jüdische Volk habe schm: ungeheure Opfer für Palästina gebracht, obwohl das russische Judentum zerstört sei und auf dem amerikanischen alle Lasten des gmizen Volkes ruh- . ten. Palästina biete auf beider: Seiten des Jordan reichlichen Platz zur Einwcmderinrg. Vor allem über sei das Urteil über die Engländer völlig verkehrt. Früher habe man den Engländer für den „Ächer-Gentl«mau!" erklärt, den man an die Erfüllung seiner VerpflichtrMtzerr nicht zu. erinnern brauche. Heute sei er ein RänbLr, der sich durch nichts gebunden fühle. Die Wahrheit sei, daß die Englmuder, wie jedes Volk, havtnäc^g aber ehrlich seien, sie würden niemmw nachlaufen, :mr ihre Schulden zu bezahl«^ aber den präsentierten Wechsel Ms einlösen, wem« sie feheu, daß der Gegenpartner auf seinem Recht so hartnäckig besteht, wie der EngläM>er es selbst zu tun pflegt. Die Rede schloß geradezu mit einer Mvwtheofe für Europa ihn allgemeinen und die Engländer im besowderen, einer Apotheose, die wohl einen Teil der Schuld daran trug, daß das große Publikum, das auf dem Sportplatz des Mäkkabi Jabotmskys MssÄhruurgeu folgte, Mr wenig vbn der Begeisterung zeigte, die die rMsiomistffchen Freunde Jabotinskys erwartet haben mochten. iJn der Tat: wie paßt der ganze Tenor der Mtze, der nur Versämnuisse Englands enthält, zu dieser SchkußbegeifterUng? Gewiß ist das zU einem gewissen T«! bei Jabvliiisky hinreichend damit motiviert, daß er Dr. Wetzmanu für den Schuldigen hält, dessen Politik er als ^impressionistisch" bezeichnete. Aber immerhin leugnet ja Mch Jabotinsky nicht, daß Weizmann unsere Forderungen wiederholt erhoben habe, so daß schließlich auch bei seiner Darstellung ein Teil der Schuld bei der Mand^tsregierung - und nicht nur bei der nichts fordernden Exekutive bleibt. Das wirkliche Geheimnis scheint arr einer anderen Stelle zu liege::. Der Schlüssel für Jabotinskhs ganze Konzeption liegt in der Araberfrage. Er hält die Feindschaft der Araber für rraturgegeben 'und erkemtt Natürlich Aar genug, daß wir nicht stark genug sind, :nit Arabern und Böhmische Norfjuden. Bon Professor Dr« Salomon Ghrman«. Im Hochsommer dieses Jahres schrieb Hoftat Professor Ehrmann das nachstehende Geleitlvvrt zu dem Buche böhmische Dorfjnden", von Prof. Dr. Oslar.Donath, welches dieser Daye im Jüdischen Buch- und Kunstverlag in Brünn «rschernt. Wir bringen diesen Anssatz des ausgezeichneten Mannes, dm man gestern zu Grabe trug, mit Erlaubnis des Berlages zum Vorabdruck. Sehr gechrter Herr Doktor! Sie verlartgeu von mir einige Geleitworte für Ihr verdienstvolles Werk. Ich bin kein Literarhistoriker, aber Sie wissen, daß ich in einem tschechischen Torfe zu einer Zeit geboren und ausgewachsen bin, als das absolutistische Regime in Oesterreich jede sowohl nationale Regung — also auch die des tschechischen Volkes — wie auch jedes fortschrittliche irnd freiheitliche Bestreben im allgemeinen unterdrückte. Ich konnte von Kindheit an das Leben des tschechischen Dorfes beobachten u:ü> seinen oft unftchtbareu, aber zähen uui> intensiven Kampf gegen den Absolutismus um Bildung, wirtschaftlichen Aufschwung und politische Geltung. In unserer Wohnstube käme:: die Bauern zusamnten und ich hörte aufmerksam auf ihre Beratungen untereinander und mit meinem Vater über die beste Art der Bewirtschaftung, über neue Pflüge m:d Samenarten, über Viehrassen und Preise der Produkte. Bei uns wurde der fast stete Kampf gegen Wild- und Wasserschäden, der zähe Widerstand gegen die Schädigung durch die Gutsherrsch ast bei Arrondierungen, gegen das Bauernlehen usw. besprochen. Mit den Bauern umrden die tschechischen, mU den Glaubensgenossen die deutschen Zeitungen gehalten. Meine Mutter war der ärztliche Berater des Dorfes, bei uns wr:rden die Besprechungen mit dem Landarzte über alle Kranken im Dorfe gepflogen. Unsere Sprache in der Familie und in der Judenschule war deutsch, aber unsere tschechische Aussprache: war frei von allen Fehlern, wie sie vielfach den Ghettojuden anhafteten. Und doch pflegte ein Jugetidgenosse meines Vaters, : der Großbauer Strouhal, zu ihm zu sagen: „Markus, du bist dumm; wenn du lvolttest, wärest du reich Und wir arm, aber jetzt ist es fast umgekehrt ". Ist Frantisek Pravda, Vaclav Kosnrak und aller: cnrderen Schriftstellern, die den Juden ungünstig schilderten, niemals dergleichen zu Augen gekommen? — Meine Mutter, die im Jahre 1849 in unstr 1818 von meinen: Großvater erbautes Häuschen einzog — die; Eltern konnten erst nach Auchebung des Familianteu-; gesetzes heiraten, alle diesbezüglicher: behördlichen Schriften sind übrigens ganz deutsch abgesaßt — pflegte zu erzählen, wie' es damals im Dorfe eine Unmenge Säufer gegeben habe, obwohl kein Jude Braurrttvein schenkte, und. wie dann deren Zahl immer geringer wurde. In meirrer ganzer: Kindheit bis' zur Matura erinnere ich mich eines Einzigen, der durch Suff herabgekommen, der: Weg nach' Amerika lvählte. Der von den herrschaftlichen (Domänen) Branntweirrbrennereien erzeugte Branntivern mußte — koste es, was es wolle — arrsgeschentt werden, gewiß auch von Juderr. Hat hoch im Jahre 1852, als die Ä-olera ausbrachdie Sanitätsbehörde aus „sanitären Rücksichten" die Zahl der Schenklizenzen vermehrt. Der Branntweirl galt als Heilmittel. Die Feindschaft gegen die oft bettelarmen Juden hatte politische, nationale, tvohl auch religiöse Gründe- Die Juden sprachen nntereinander deutsch (oder deutsch-- jüdisch) aus dem kulturellerr Zusammenhänge heraus mit den Juden Deutschlands.. War doch -die Mendelssohnsche Bibel überall im Hause und alle besseren Juden besaßmr die deirtschen Klassiker, besonders die Werke von Lessing und Schiller; ferner aus der josefinischen Tradition, die ihnen die Dankbarkeit für den Befreftr vom größten Trrrcke überlieferte; aus Gründen fceS Fortkommens der Kinder, die ja nicht alle zn Hause bleiben konnten, und loerl der Judo als solcher und <üs Kaußuttom von der Gunst der auftragsgemäß germauisiertru Bchörderr viel abhängiger war als der Bauer. Karel Havliceks Ablehnung d« Inder: — nicht Zudeusemdschast — floß aus einem hochgespannten naiiachrlen Instinkt. Hlavioek war aber doch eine kraftvolle» edle> gegen jede Unterdrückung sich ausbäumende Persönlichkeit und ich erinnere mich noch als Heranwachsender Jünglintz seine Schriften und die von unserem Dorflehrer ererbter: ^Faha-- gange der „Narodni Novintst^ mit Begeisterung gelesen M haberr, und wie «tief mich das Leiden dieses vom Bach'schat Msolntisuws in den Tod getriebenen MLrthrers bewegte. Twtz aller Mlehnmrg des iFudeir wünschte Havlicek, daß sein Volk die guten, ethische», wirtschaftlichen ünd Familien-Ergenschaften der Juden «Mehme. Der Jude koninite ja nicht sdanernd im Lande bleDen, waren doch die tschechischen Dörfer selbst gezwungen, in die Fremde zjn gehen, well besonders iu unserer Gegend die wirtschaftlichen Verhältnisse so drückend tvarrn, der Landhunger in dem latifundienreichen Mittel- Und Südteile Böhmerrs nicht befriedigt werden konnte. — Der Jude Müßte Händler und Hausierer senr, ehe ihm mit der Freizügigkeit vom Jahre 1859 die Gewerbefreiheit geboten wurde. Wie segensreich wirkten nur die jMfchen Wundärzte! Magister der Chirmgie Moses Klepeiar, per zum erster: Mal^ in ünserer Geaerü» die Laparotomie (Bauchschintt) an 8161