Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2756 (28.10.1926)
- Date
- 1926-10-28
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■B'itü 2 Man, Donnerstag Wiener Morgen^eitimg 28. Oktober 1926 Nr. ms MÜniSI - JAHRESKREDIT nWBCla WEINBERGER & HOFFMANN 11., Praterstraße 50. Besuch lohnend. Kostenlose Einlagerung. zweierlei Maß. —y Wien, 28. Oktober 1926. Es liegt nunmehr der ausführliche Bericht über» die Joint-Konserenz in Chicago vor, auf ivelcher, den erstm Meldungen zufolge, ein« Art Aussöhnung mit dem Zionismus erfolgt sein sollte. Sie sei in der Weise zustande gekommen, daß die Beschlüsse der Konferenz von Philcüwlphia im September 1925 wiederholt wurden. Aus dem uns vorliegenden Bericht ist jedoch deutlich zu erkennest, daß nach wie vor das russische Kolonisationswerk den ersten Platz im Herz»n des Joint entnimmt und daß die Leistung für Palästina eine sehr ärmliche bleibt. Wenn man bedenkt, daß für .das russische Werk doch hauptsächlich die russische Regierung aufzukommen hätte, während die Sorge für Palästina ungeteilt auf den Schultern des jüdischen Volkes lastet, so erhält man die richtige Beurteilung für die in Chicago vorgenommene Aussöhnung. Man gelangt aber auch zu einer richtigen Abschätzung des Wertes, den die durch die Joint-Herren zu erfolgende Erweiterung der Jewish Agency für den Palästina-Aufbau besitzt. In Chicago erstattete Herr Felix M. Marburg den Generalbericht. Nach den von ihm mitgeteißen Ziffern wurden im laufenden Jahr bis zum September ausgegeben: für Rußland 2..S Millionen, für das übrig« Europa 1.7 Millionen, für Kulturarbeit und „Ort", also gleichfalls Europa, eine halbe Million, für die Palestine Economic Corporation eine halbe Million, für Kinderfürsorge in Palästina 50.000 Dollars. Für 1927 werden veranschlagt: Rußland 1.6 Millionen, „Ort" 100.090 Dollars, Paleftine Economic Corporation eine halbe Million, medizinische Tätigkeit in Palästina 37.500 Dollars. Nach den Ziffern des Gesamtbudgets waren in der abgelaufenen Berichtsperiod^ für Palästina rund zehn Pro zent aufgewendet worden, im kommenden Jahr werben 6.6 Prozent reserviert. Das ist eine Aussöhnung, die sich sehen, läßt und die Herr Marburg in folgenden klingenden Worten begründet: „Was Palästina betrifft, so wendet Joint dom Aufbau dieses Landes fortgesetzt ein reges Interesse zu. Wir widmen viel Zeit den Angelegenheiten der Hebräischen Universität und waren bei den ZtrsaMmeuVünftsn in Paris und' Lotckon vertreten. 50.000 Dollar widmeten wir der Waisenerziehung in Palästina und stellten auch dem medi- SirrHfchen Werke Summen zur Verfügung. In diesem Jahre - wenden wir der. Palestine Ceonomic Covtzoration 500.000 Dollar zu urD werken in den nächsten zwei Jahren wieder jo 600.000 Dollar/beitragen.. Herr Marburg berichtete über dis Jnvch'titionszrele der Korporation und erwähnte insbesondere die Stützung der Rukhenberg-GeseWschaft. Wir hoffen, sagte er» auch in Bananen-Plan tagen Summen anlogen zu können, auch das Hotol-Prckblem behalten wir im Auge. Ich hübe mit den Herren Sololow, van Vriesland, Ingenieur Löwenstein, Sir Alfred Mond und Richter Mack die. palästinensischen WirtsHaftsprobleine studiert und hierher Telegramme und Briefe mit Dr. Weizenann, Cölon«el Mch, Dr. Magnes u. a. m. ausgetauscht. Das PrMe.m,' das in nächster Zukunft der Lösung harrt, ist die Linderung der' Arbeitslosigkeit in Palästina. Herr Bernard Wexner und einige 'Herren vom Joint werden dafür Sorge tragen, daß ein Teil des für Palästina reservierten Geldes bej Lösung dieses Problems gewidmet wird." Es wird somit für die Linderung der Arbeitslosigkeit in Palästina ein Teil der 37.500 Dollars aufgewendet werden. In dieser Arbeitslosigkeit liegt im Augenblick die ganze schwere Krise des Aufbauwerkes. Man sieht also, daß der Joint noch nicht das volle Verständnis für die Pflichten besitzt, die dem Judentum der Diaspükä aus dieser Situation erwachsen. Niemand kann zur Liebe gezwungen werden, und es wäre wohl ein Fehler, von den Führern des Joint -inen besonderen Palästina-Patriotismus zu erwarten. Ist es aber nicht auch ein Fehler, ihnen in der Jewist) Agency die 50.60-Relation zu . konzedieren? Ser arabische Srotzgrandbefitz. ISO arabische Familien besitzen 300.000 Hektar Boden. In dem palästinensischen Arbeiterorgan „Kuntreß" er- - örtert Ben - Ztvr in einer Aufsatzreihe die politischen Forderungen der Arbeiterschaft des Landes und kommt dabei auch auf daS B e r h ä l t n i S d e r I u d % n z u b e n Arabern zu sprechen. In diesem Zusammenhang gibt der Verfasser wichtiges, nicht allgemein bekanntes statistisches Material Wer die Araber Palästinas. Ben-Zwi unterscheidet die städtischen Araber (2 2 Städte mit 264.000 arabischen Einwohnern, vondenen 130.000 Mohammedaner und 86.000 Christen sind), die ländlichen Araber (1000 Dörfer und Einzelwirtschaften mit 370.000 arabischen Einwohnern, von denen,18.000 Christen, 7000 Drusen und der Rest MohaHitttedaner sind) und die. etwa 100.000 muselmanischen B e d it i n e n. Klassenmäßig zerfällt die arabische Bevölkerung in d i e aus einigen hundert Familien bestehende Oberschicht, in deren Hand der grtztzte.Aeil des Bodens liegt: drei Millionen D un a m Boden gehören 120 Familien. Dem gdaenlOSk steht die Maste der F ü l l a ch e n, zum ge» ringest Teil Keine Bodenbesitzer, zum größeren Teil Cvb- oder Lohnpächter. In der Stadt sei die berufliche Differen» zieruny etwas imiter fortgeschritten, doch fehle es noch iinmer an Industrie, außer primitiver ^-^ustrie nach dem SMvitzsystem. ' Pilsuds« und der ' ' . Hochadel Sie ftonfetenaea im Schlaffe der RaoziwW. Warschau, 26. Moder. Marschall Pilsudski vevliieß am SomÄag plötzlich Warschau euch reiste in Bsglslinng feilte» Md-futantsn, des Grafen Grocholski und des Fürsten James Radziwill nach Brest Litowsk ab, von wo er sich .nach N i e -s w i e z begab. Offiziell wind als Ziel der Reife des Marschalls nach Nieswieg die Dekoriermrg des Sarkophags des im Kriege gefallenen Ädjuibanben von Pilisubski, StaniAIaw R ad-z iw i l >1, cmgebcm. A.us diesem Anlaß nehmen auch an der s^ ier alle 'bisHeMen Mju-banten des Marschalls teil »ich zwar der Gvaf Potoeki, Dr. Switalski nttd Oberst Tadbäus Mieniawa-Dlu^oszewskii, der Intimus «des Mimsteopräsiidenten teil. Bwl vor merkt in Politischen Kreisen wurde auch die Tatsache, daß gleich, zeitig ntitt dem MinisterpräsidentL'n auch der Ju-stizmmilstsr M e j st o w i c z, «der Ackerbcumimister N r e z a b it o w s k -i «und der Verkehrs>m!i>nister R o m o c k i nach Nieswiez abgereist sind. Irr Niaswiez sinid auch die bedeutendsten Führer der Polnischen Hocharistokratie und der polnischen Monarchisten, darunter Fürst Gustachius S a p i e h a, Wiivst LlU'dwiig Czetw erty nski, «die Fürstin Radz«i will aus den: Hause Habsdu-vg, der Fürst Luibomirski, die Fürstin P o t o e k a -und diele andere oiingetvoffen. In informierten Kreisen verlautet, daß es sich in Nieswiez um eine Konferenz der polnischen Monarchisten führe.r unter Teilnahme des Lenkers d>er pol« nischsn Politik, Marschall Pilsud 3 ki, handelt. Heute, um 10 Uhr früh, kehrte Marschall Pilsudsk i nach Marschau zurück. Ueber die Ausammenkimst te'vlt «das Organ der Wilna er Monarchisten „Slo«wo" mit, daß nach den Feierlichkeiten aus dem Schlosse des Fürsten A lbt echt Rad z-iw ill oin Empfang M Ehren der Gäste statt'gefundlsn hat, bei welch.m die Dertrter des polnischen Hochadels Trink spräche auf das Wohl Marschall PÄsudskis ausAbracht haben. Marschall Pilsuds kr habe sö'mersests ans die hohen Verdienste des Geschlechtes Radziwill Dr Polen hiingemiesm. Me ihr Korrespondent erfährt, soll die positive Folge dieser Zusammenkunft ,die vollkommene Trenn>un>g. des Hochad el-s und der Großgrundbesitzer von den Na» ttonaldemokrate>n sowie von der christlichnationalen Partei sein. Es ist die Schaffuny einer sepa- 'rabe>n kon se rvativ«e'N Partei geplant, die sowohl Marschall Pilsudski als auch die gegenwärtige RegiEUg unterstützen wüvde. Im Zusammen'han.g mit diesen BespvschWVsn scheint auch eine heulte im Ackelbauministerium sta-ttglSflmdene Besprechuing über die Bodenreform -u stehen. Iw dieser Gnauete, «deren Vorsitz der Acker« bamninister selbst Dhvte, «waren auch Vvrtvstvr «des Grotzgvunidbesihes erschienen. Die Kötttgsfrage. Warschau, 27. Oktober. Im Gegsnifatz zu einer Rsihe von polnischen Zeilungon, die behausen, daß auf der Nieswiczer Zu'sammenku-nst des konfer.vativen Hoch adels Ma rschal l P\ls ud s ki «die Kön igSkröne angctragen worden sei, stellt das Wilnaer MonarchisteiMatt „Slowo" fest, daß in Nioswicz «die K ö n i g s f r a -g c üiberhcvupt nicht erörtert worden ist. Lar Programm der polnischen Monarchisten. Im. Zusamilmenhanlg mit der Konferenz in Nieswiez bevöfseEicht „Slowo" das iProgramm der lstonarchi'stischeu Ouganlsatio>n Polens. Ücber das Derhälbniis zu den Mmderheiten heiß es im Pvogra-mm: ,,Die königliche Macht, die ein Ausdruck «des nationalen Geistes 'ist, wird Ihren Schutz den Brudervölkern, dan Ukrainern, Weißrllfsen und Litauern angedeiihen lass'Al, damit sir sich im golneii-nisamen Vaterland als gleichberechtigte Mitarbeiter fühle-n und zu dessen Entwicklung beitvagen." Ueber das VerihäEnis zur jüdischen Minderheit betont das Pvogranmr, daß die Jndsn, die den polnischen Staat bewohnen und in 'der polnischen Kultur nicht verwltt-Mlt sind, ,/mit Toleranz behandelt werden sollen, bei gleichzeitiger' Verteidignmg der bodenständigen Elemente vor dem Ueberwuchern dar jüdisch-in Einflüsse auf Luldurellem nn^ wirtschaftlichem Gebiete." Sie Habsburger im ungarische« Sberhaus. Budapest, 27. Oktober. In der fortgesetzten General debatte über die OberhauSvorlage protestierte Mgeordneter Zoltan Horvath (Kossuth-Partei) dagegen, daß Mitglieder des Hauses Habsburg die Oberhausmitgltedschaft erhalten. Die ungarische Bauernschaft müsse dagegen kämpfen, daß man die Habsburger wieder nach Ungarn bringe. Horvath stellte schließlich den Antrag, daß die Familie des Reichs Verwesers die Oberhausmitglichschast erhalte. Abg. R a k o v s z k h führte aus, er stehe zwar nicht auf der Grundlage des Entthronungögesetzes, aber so lange dieses bestehe, könnten habsburgische Erzherzoge nicht Mitglieder des Oberhauses sein. Er bemängelte' auch, daß Dr. Erzherzoge die sonst Dr Mitglieder des Ober-. Hauses vorgesehene Altersgrenze von 35 auf 24 Jahre herabgesetzt tourde. Ties sei deshalb geschehen, damit ein bestimmter jugendlicher Erzherzog (gemeint ist Erzherzog Albrecht) die Mitgliedschaft erhalte. Es gehe auch nicht an, daß ein provisorisches Staatsoberhaupt VaS Recht erhalte, Oberhausmitglieder auf Lebenszeit zu ernenne^. Als das Gesetz über das Staatsoberhaupt geschaffen wurde, habe man nicht daran gerächt, einen Konsul auf Lebenszeit zu wählen. Wuhirechttaub an guvea in Sowjetrublauv. Aus Moskau wird uns berichtet: Tie Sowjotregiemttg erließ vor kurzem eine Berorbnung, die in ihrem Endziel fich gegen die Juden richtet. Im Sinne dieser Verordnung besitzen De die bevorstehenden Munizipalwahlen^ Kleinhändler und Handwerker,' die zwei Lehrlinge beschäftigen, weder das aktive noch das passive Wahlrecht. Ausgenommen hievon sind bloß Invalide und Kriegskrüppel. Durch diese Wahl- Verordnung wird eine im Vorjahr getroffene Verfügung, durch welche 70 Prozent der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit gegeben war, sich an den Wahlen zu beteiligen und in vielen städtischen und Gemeindesowjets in Weißrußland und der Ukraine eine jüdische Majorität zu erreichen, wieder rückgängig gemacht. Bei den kommenden Wahlen, für welche Zehntausenüe von Juden ihres Wahlrechtes verlustig geworden sind, sind jüdische Majoritäten in den munizipalen Sowjets fast ausgeschlossen. Hiedurch werden auch die Fewsekzien, die jüdischen kommunistischen Sektionen, stark betroffen, da st« nunmehr befürchten müssen, nicht mehr auf die jüdischen Massen ihren terroristischen Einfluß üben zu können, wodurch der. Zionismus an Anhang gewinnen könntet Ties wird auch von Vertretern der Jewsakzie offen zugegeben, ebenso daß diese neue Verordnung eine Folge der gegenwärtig in Rußland an die Oberfläche getretenen antisemitischen Welle sei. Ta die Jewse^ieselbst gegen diese Reform ohnmächtig zu sein scheint, wirft sie sich mit desto größerer Wüt auf die Zronisten, die in letzter Zeit in verstärktem Maße verfolgt werden. Ebenso ist hie Konfiskation von Synagogen und Bethäusern auf der Tagesordnung. Ueber den Regierungs an tisemitismuö in Sowjetrußland beklagt sich auch da- Charkow« kommunistische Blatt „Stern", indem es darauf -inweist, daß die RegierungSanstaltvn selbst in Städten wie Ber-- dyczew und Krementschuk, wo die Mische Bevölkerung 70 Prozent der Gesamtbsvölkerung beträgt, jüdische Arbeiter nicht beschäftigen. Unter den Cisenba-navbeitern in Berdyczm befinden sich bloß 94 Juden «-»gen 2726 nichtjtidische Arbeiter. Noch schlimmer stehen die Verhältnisse in der P o stu n > * elegraphen v e rw a l t u n g. Das Blatt fordert die Regierungskreise auf, diese antisemitische Praxis in den öffentlichen Anstalten abzustellen. Sie erwacheude« Prosefforeu. Budapest, 27. Oktoher (I. T. A.). Jln der heutigen Sitzung «der unM>ri'schen SMtanatoetfairtvmluTtß brachte Abgeordneter Pakots (mtion>Memokvatische, Opposition) die arMenri-ti,schen Ausschreitungen an der Miversität zur Gpvache und führte aus, bk Wülsten Ausschreitungen sei'en zum System gewordsn, man dürfe nicht länger schweigen. Mgwvdnstsr Dr. Fabian sagte, die Hörerschaft werde durch «die Professoren selbst zu Ausschveitungen verhetzt, zu welchen -die- Ernennung «Professor Adams Ä-nlatz bietet. Man isbllte die.Professoren maßregeln. Mgwvdneter P a k o t s führte weiter ans, die nachgiebige Miethods des KMusm'misters Grafen K l e b e l s b e r g, ermutige die Jugend zu den brutalen Taten. Tatsache ist, «daß immer wieder selbst «die wenigen Hörer Mischer Konfession, «die der Nmnevus olausus zum Studmim zuläßt, cm der Miversität godsmütigt, verpv'igM und hinauögejagt werden. Es kämpfsn f ü n f z i g g e g e n einen. Das ist verruchte Feigheit und Gchänidunig des Ungartums. Die iProfesform, «die den M-ißhandlungsn lächslnid zuschen, geben mit ihrem böswilligen Zynismus sin Vorbild für enron gewissen Teil der Hör«?rschaft. Die überwiagonds Mehr- -heit bar Hörerschaft ist 'dieser VorMa ü'berdyMig. ser «eoe Gouvcrueur de» Sudan. Kairo, 87. Oktober. Der König von Aegypten Hat auf Empfehlung der englischen Regierung Sir Johu Loader WtaUety, der eine Reihe von hervorragenden Stellungen in Indien bekleidet hat, zum General» gouverneur des Sudans als Nachfolger von Sir Geoffoch Archer erNMUt. Der zurückgetreteNe Generalgouvemeuv hatte zur Verschärfung des englisch-ägyptischen KonstiKteS durch geflissentliche Mißachtnug der Souveränität des Königs von Aegypten über den Sudan beigetragen. 29