Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2755 (27.10.1926)
- Date
- 1926-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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o Men, Mittwoch Wiener Msrsenzettmrs 27. OktvLer 1926 Nr. 2786 s SH!//! Fm Auftrag des Völkerbundes. —y Wien, 27. Oktober 1926. «,« englische Kolonicnminister Amery hat der britischen Reichskoilfererlz einen Bericht über das Mandatsland Palästina erstattet irnd die Konferenz hat sodann einen Svrrderausschuß zur Prüfung der Mandatsfrage eingesetzt. Die Konferenz ist den Mandaten gegenüber unfreundlich gestimmt. Sie hat sich den Unwillen der Zentralregierung zu eigen gemacht, die die Fragebogen der Genfer Völkerbundkommissiön f$i* zornig bekämpft hat. Die permanente Mandatskommission hatte sich auf ihre eigentliche Aufgabe besonnen, im Namen des Völkerbundes die Durchführung der Mandate und die Handhabung der Administration zu prüfen, rrnd sie hielt es für notwendig, in der Frage des Pctitionsrechtes Klarheit zu schaffen. Die Ausrottung dieser Themen enthüllte sofort die Schwächen der Konstruktion des Völkerbundes. Während die kleineren Staaten, wie Holland und Schweden, die nur reguläre Kolonien, aber keine Mandate besitzen, das Verlanget der Mandatskommission als gerecht anerkannten, lehnten England und Frankreich, die außer ihren regulären Kolonien auch noch Mandatsgebiete verwalten, schroff ab. Irr der britischen Reichskonferenz ist nun die Stimmung laut geworden, es wäre besser, mit dem Mandatssyftent Schluß zu machen. Eine direkte Wirkung kann diese Anschauung im Augenblick oder auch für absehbare Zeit nicht haben, aber sie ist doch sehr bezeichnend für die Auffassung, die in den leitenden Kreisen des Imperiums über die Frage des Mandates an sich besteht. Der Sonderausschuß der Reichskonferenz wird dle ihm vorgelegten Berichte prüfen und vielleicht nicht bloß zu einer technischen, sondern auch, prinzipiellen Stellungnahme kommen. Für alle Fälle ist es darum von Wert, daß England für Palästina nichts ansgiLt. Der Bericht Amerys konstatiert die Besserung der politischen und der wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem „neuen Gebiet britischen Einflusses". Er schreibt diese Entwicklung der unparteiischen Verwaltung zu und hebt insbesondere die Tätigkeit Sir Herbert Samuels mit rühmenden Worten Hervor. Es schmälert wohl nicht die Verdienste deS gewesenen Oberkommissärs, ivenn man den Aufschwung der Wirtschaft auch wenigstens zu einem Teile für dijüdffche Arbeit reklamiert. Wäre sie nicht gewesen, so würde Palästina heute wahrscheinlich trotz der starken natürlichen Begabung seiner arabischen Bevölkerung so aussehen wie der Irak. Durch die Tätigkeit der Juden ist auch das ökonomische Niveau der Araber gehoben worden, was sich auch in einer Verstärkung ihrer Populatwn «rsdrüL. Me jMsche Bevölkerung ist nur durch Äe Einwanderung verstärkt tvordcn, was, wie der Verlauf der Krise leider zeigt, eine sehr schwankende Sache tffc dagegen hat sich die arabische Ziffer auf dem natürliche» Wege verdoppelt, was rwch wett stärker in ^-r Zchkrmst sich auswirkt. SÄbftherständlich ist dieser Prozeß, der uns an eine heikle Stelle unserer Einwandenmgspolitik erinnert, auch den Gegnern des Zionismus kein Geheimnis geblicheu, und es erklärt sich hieraus weit besser als aus der britischen Verwaltung das Einlenken der Nationalisten gegenüber der Balfour-Deklaration. Sie sehen, das sEmströrnen des jüdischen Kapitals und seine die Wirtschaft und Industrie befruchterrde Wirkung. Das nehmen sie gerne zur Kenntnis. Sie sehen, wie die brittsche Verwaltung die jüdische Immigration „regelt" und den Aufsaugungsprozeß in der Weise reguliert, daß sie den Staatsboden nicht zur Verfügung stellt (weil doch, die Vermessung des Landes noch immer nicht erfolgen konnte), und sie nehmen das noch lieber zur Kenntnis. Sie sehen weiter, daß die jüdischen Einwohner doch auchnur „natives" sind, daß sie aus der höheren und aus der «niederen Beamtenschaft langsam, aber sicher hinarrsgeschübst werden, daß sie von dem englischen Polieeman so behandelt werden, als wäre er der Gorodowoi in einem russischen Ghetw, kurz, sie sehen, daß dieses jüdijsche Nationalheim etwas ist, was nur in ihrer ängstlichen Phantasie besteht. In den jüdischen Städten drängen sich die Mensche», und der noch primitive Wirtschastsapparat kann sie nicht absorbieren; auf dem flachen Lande steigt der Bodenpreis durch die jMsche Nachfrage und dank der künstlichen Drosselung durch die Behöbe. Daran verdienen die 120 Familien der arabischen Effendis, denen der größte Teil des Bodens gehört mü> für die die europäische Demo-, kratie zum Schutz gegen die Mischen Bolschewisten augerufen wird. Weshalb sollten denn diese Effendis ihre Politik der'Negation noch fortsetzen, wo ihnen doch schon in naher Sicht das Parlament wmkt, das — hoch die Demokratie! — alle Schichten der Bevölkerung gemäß ihrer Kopfstärke wählen sollen. Sie können sich also mit der Balfour-Deklaratton, einem Akt der britischen, Regierung, abfinden. Kommt Zeit, kommt Rat. Aber diese Balfour-Deklaration ist doch inzwischen durch Aufnahme in den Iriedensvertrag geltendes Recht geworden. Sie ist heute ein Akt des Völkerbundes« der ausspricht, daß in Palästina ein Misches nationales Heim errichtet wird, zn dessen Borbereitllng England das Marrdat erhält, urü> daß die Juden nicht kraft Duldung, sondern kraft Rechtes sich in Palästina befinden. Mandat heißt Auftrag, und Palästina ist keine Kronkolonie, auch wenn das Gebiet so klein ist, daß es von den britischen Schiffskanoneit beherrscht wird. Unter dem Auftrag und seiner Definition des jüdischen Rechtes stehen die Unterschriften der großen Nationen, hinter ihm abersteckt die KLUB RADIKALER ZIONISTEN Heute Mittwoch, präzise 8 Uhr abends, im Cafö Atlashof, i., Aspernplate (Klublokal) Klubversammlung Tagesordnung: Ule wichtlosfeit Vorgtlnoe ln der zton. Organisation Referent: Hr. Nahtim Goldmann (Berlin) Freie Aussprache. — im österreichischen Landesverbände organisierte Zionisten als Qäste willkommen bös jMsche Nation, die aus ihrem historischen und durch opfervolle Tat, durch Blut und Arbeit bestätigten Anspruch keinen Fetzen Papier machen laßt. Der Spezialmtsschuß der britischen Reichskonsereltz wird dies zn bedenken haben. Klapproth Mer Anklage. Die Landsberger Femewordprozesse. Berlin, 26. Oktober. Dar dem Schwurgerichte M Landsbery an der Warthe begann: heute vormittags der zweite Prozeß in der Fenrenwrdsevie. Hsnte erschien der gestern als Zeuge einvernommene Feldwebel KlapprotH vor dem Gerichts als An-geklagter. Dieser Ktepprutth ist eine der interessantesten, zugleich aiber aitch der siurchtbarsten Gestalten ans der schwarzen Reichswehr. Seme Aufgabe war jahrolanig die A>usf.ii!hrnnig von Fememorden. Im Verein mit zwei Komplizen, die sich ihrer Verurteilung durch Wucht nach Südamerika lentzogen, reiste Klapproth im ganze n R e i ch e n m h e r, mn die von der geheimen Feme zuni Tode Verurteilten zu beseitigen. Überall, wo er in den SchliN'pstwinkeln der schwarzen Reichswehr anstauchte, verbreitete sich Schrecken und Entsetzen, da man ihn und' seine fürchteMche Mission bereits kannte. Wer in seine Hände geriet, war verlöre n. Der mit ungeheuren Körperkräften aalsgestattete Mörder e r - würgte seine Opfer mit d c n Händen oder s ch l n >g i h n e n m i t dem Revolverkolben den Schädel ein. Die genaue Zahl der von ihm nmgebrachten Personen wird wohl nie s esitz n st eilen sein. Das Erscheinen des riesenhaften Menschen mit den buschigen A-ugendranen «und 'dem wilden, furchterregenden Gesichtsailsdrück auf der Änklaig'eban'k erregte al lg e m e in es A n s s e h en.. Sechs Polizeibeamte bewachen jede seiner Bewegungen. Der Angeklagte wird gleich All Beginn der Verhandlung über seine Personalien vernommen und .gibt an, von Ber-uf Landwirt zu sein. Als der Krieg ansbrach, war er in Tsingtau. Bei der Einnahme Dsingtalus geriet er in Gefangenscha-ft und war vicr Jahre lang japanischer Kriegsgefangener. Er ist dann znrückgekommen -»mb sofort in die schwänze Reichswehr eingetreten. Die Verhandlung wird öffentlich dnüchigeDhrt. Der Reichswehroberst Gudovius, dessen merkwürdiges Auftreten gestern Befremden erregte, wird vom Gericht als militärischer Sachverständiger nicht m-elhr hmzugezogen werden. Unter deir Zeugen befindet sich der Oberleutnant Schulz, einer der Führer der deutschen Gehemrorganisationen, der bei allen Putschen die Hand im Spiele hatte und der auch seinerzeit gemeinsam mit dem Obersten Bauer die Verbindung zwischen den Erwachenden und den Münchener Hitlerleuten organisiert hat. Er war, wie er angibt, dem Landesverterdigungsministerium.zugeteilt, leitete die Aufstellung von Formationen gegen einen polnischen Einbruch lind hatte Waffen vor den Ententeoffizieren zu retten. Ueber diese Sabotage des Fried ensvejrtrages macht er als Zeuge sehr gewichtige Allssagen-. ,Hch stellte im Einverständnis mit dem Kommandanten besonders zuverlässige Leute ein, und zwar etiva dreißig bis vierzig Mann, deren Führer Feldwebel Klapproth war. Er war Tag und Nacht unterwegs, um die Bestände, die heimlich per Achse anrollten, zu entladen und zu verstaueir. Zur Verrichtung der größeren Arbetten brauchte ich Abteilungen von 80 bis 160 Mann. Das ReichswehrMinisterium teilte die Aufstellung solcher Formatiollen dem preußischen Innenministerium mit. Sie erfolgte also nach vorheriger Zustimmung dieses Ministeriums." (Bewegung.) Morgen wird ein dritter Mordprozeß, der Fall des Chauffeurs Brauer, verhandelt werden. Seidel» BerhmrBluusen mit de» »eamteu. Daneue Regiernngsanb-t rmznläuglich. Der Fünsundzlvmiziger-Ausschuß der Bmldescmgestellten und die Technische Union hielten gestern eine Vollsitzung, iir der das Exekutivkomitee über die vortägigerl Verhandlungen mit dem Bundeskanzler Dr. Seipel und dem Finanzminister Dr. Kienböck sowie über das Anbot der neuen Regierung berichteten. An diesen Bericht schloß sich eine längere Debatte, in der einstimmig zum Ausdruck kam, daß dieses neue Anbot unzulänglich und als Basis für meritorische Verhandlungen ungeeigm t fei. Dös inerteren wurde betont, daß die Regierung in den hauptsächlichsten Forderungen (Spannung saus gl eich in den mittleren Dienstklassen und lineare Erhöhung der Bezüge) kein Entgegenkommen gezeigt habe. Der Vorsitzende, Direktor Hold, wurde vom Bundeskanzlcramte verständigt, daß Bundeskanzler Dr. Seipel die Vertreter des Fünsundzivanziger-Ausschusses und der Technischen Union behufs Entgegennahme der heute aefaßten Beschlüffe heute vormittags empfangen rverd«. 8k Millionen Verlust bei der Zentralbank. Thay ent als Brief. — Die Verwaliungsrät^ find haftbar zu mache«. Die letzte Sitzung des Zentr<ttbaiikunterfuchuii.gs-ausfchuffes wurde mit der Verlesung einbs Schrei>bens des früheren Sekretärs des jetzigen großdeiutschen' Vizekanzlers Doktor Dinghofer, des Ministerialrates Dr. S ch a ch e r.m <t t) c r, eröffnet, der die Tatsache, daß er noch mit einem offenen Konto bei der Industrie- und Handelsbank auffcheint, danrit zu erklären versucht, daß er bei dieser Dank sein Borkrregsvermögen eingelegt habe. Bekanntlich hat der Präsident der Holzbank, Thayental, in einem Briefe an ftte Presse bestritten, daß er anläßlich des Mschlusieö eines Kredites der NationaWavk eine Provision von einer Milliarde erhalten habe. Hofrat Stern verlas nun ein Sitzungsprotoikoll der Holztank vonr 27. Juli 1624, in ivelchem es heißt: Uelber Antrag des Herrn Vizepräsidenten Dr. E i ß l e r wird beschlossen, Herrn Doktor Thayentak den Betrag von 300 Millionen Kronen durch Gutschrift zu munisizieren. Das Protokoll enthält ferner die lFeststelliung, daß der Firma Eihler u. Brüder 720 Millionen Kronen durch Ueberlassung von 16.000 Stück Aktien der Hokz'bank als Provision für das Giro vergütet wurden^ das sie für den Kredit bei der Nationalbank beiftelltc. Die Bankenkommission sei damals auf dem Standpunkt gestanden, daß der Präsident eine solche Renumeration in dem Mom-ent nicht nehmen durfte, ba§ ganze Aktienkapital verlogen war, und auch der Großaktionär hätte kein Recht gehabt, sich eine Giroprovisiou vergüten zu lassen. Später ist dann konstatiert morden, daß Dr. Thayental ein umterdecktes Konto von 1400 Mil-ltonen hatte, das hauptsächlich aus Beteiliginngen aus Holzbanltsyndikaten herrührte. Die Firma E i ß l e r verhandelte nun mit Dr. Thayental wegen Uebernahme seiner Holzl'an'kaktic.n «und dieser beabsichtigte, im Falle des Zustandokommens des Arrangements, den Betrag von 000 Millionen an die Bank abzustatten. Dr. Danneberg brachte dann die Behauptung zur Sprache, daß Dr. Thayental infolge seiner guten Beziehungen zu Regierungskreifen eS verstanden habe, vor einigen Jahren einen langjährigen H olz lief er ungSb ertrag auf 700.000 bis 800.000 Kubikmeter Holz aus den ' Rcichra m inger Forsten abKuschttoßen. Der Vertrag wurde daun an eine zu diesem Zwecke gegründete Reichraminger Holziudustrie-A.-G. übertragen und das Forstärar mußte schließlich der Gesellschaft die Schuld von zehn Milliarden für geliefertes Hoklz nahezu zur Gänze Nachlassen. Dr. O d e h n a >l, der Vertreter der Chriftlichsogialen im Ausschüsse, wiederholte seinen m der vorigen Sitzung geäußerten Wunsch, daß die Kuratoren. gegen den deutschnationalen Faiseur Pieter Westen, der der Jndustriobank schwere Milliarden schulldet, mit aller RücksichtSlos-igfeit Vorgehen mögen. Der Kurator der Zentralbank, Abg. Streeruwitz, legte den Status der Zentralbank der beutjschon Sparkasien per 30. Juni 1926 vor. Danach betragen die Aktiven auf Grund der durchgeführten Einschätzung 76,427.704.68 Schilling. Die Passiven ohne Mtienikapital und Reserven 144L63.019.17 Schilling. Daher beträgt der Ausfall für die Gläubiger 66,836.3 14.49 Schilling. Dieser Ausfall kann jedoch noch nicht als Grundlage für die Berechnung einer Quote dienen, da vorher noch die bevorrechteten Gläubiger berücksichtigt werden müssen. Wenn das Geld, das die Negierung zur Verfügung gestellt hat, als definitiv hingcgeben erscheint, würden sich die Passiven natürlich um diesen Betrag verringern." D er Gesamtverlust des Unternehmens beläuft sich auf 80,2 00.000 Schilling. Hofrat Stern fügte noch hinzu, er habe im Kucato» rium fortgesetzt den Standpunkt vertreten, daß, -bevor das Kuratorium abtritt, gegen die Verwalt'ungsräte der Banernbank, der Steirerbank, der Industrie- und-HandelsbanL und der Zentralbau" die Nvfundieriungsmtfprüche nach dem Gesetz erhoben wovden müssen. Es sei ziveifellos, daß ein Hauptanfpruch gegen die Hauptaktionäre der Zentralbauik, Wutte und Artmann, vorlregt. Solche Ansprüche können aber auch erhoben werden gegen den Verwältungsrat der Graz-Küflacher. Die Beschlüffe des VonvaltungS« rates, eine Vergütung von 6 Prozent pro anno M leisten, ferner die Anträge des Vizepräsidenten der Ulüonbank, Sektionschef S o l v i s, an die Hauptakttonäre Wutte und Czerweny bedeutende Honorare zu zahlen, fallen zweifellos unter den Titel der Refundierungen. Bevor das Kuratorium abtritt, werde es noch die Gerreralhaftbar» in a ch u n g der V e r w a l t u n g s r ä t e der Jntetstrtennd HandelSbaük bezüglich der Esse-ktondepots anmeldev^