Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2753 (25.10.1926)
- Date
- 1926-10-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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-- Seite 2 Men, Monkag Wiener Morgenzeltung 25. Oktober 1926 Nr. 2763 Ueber die Nottvendigkeit eines Gesamtvianes der Kolonifatio«. Interview mit Ing. Agr. I. Oettinger. Agrunvm Lettiuger, lange Ia-Hre der Leiter der jüdischen Kolonisation in Siidrußrand, Argentinien und Palästina, gegenwärtig orsiyender deo Waad-Hachaklauch, gründlicher Ken »er "unseres tandiviAsäm'^ lichen KolonisationStvcrkes, war so freundlich einem unserer Mitarbeiter seine Ansichten über die nächsten Saben der landwirtsämstlichen Kolonisation r»ntlen. Wir geben die Aeußermlgeu Octtingi-rs wieder, ohne jedoch olle darin enthaltenen Vorschläge für akzeptabel zu halten. . „Wie vor etwa 10 Jahren", sagte Herr Oettinger, „müssen wir beute dagu gelaufen, einen Gesamtk o «l o n i f a t i o n s t"l a n an'fizrlstellen. Damals, Mo noch vor der Balfour-DMaraition, veröffentlichte ich im Haag einen solchen Gesamtplan in meiner Schrift „Method-eu und Kapitalbedarf her jüdischen Koloirisaition in Palästina". Unabhänvig davon hat Dr. A. RuMpin 1918 seinen „Aufbau des Landes Israel" geschrieben, der 1919 erschien. Obwohl damals -die polit-ische Neugestaltung noch nicht vorauAgeschen werden konnte, war doch bereits das Bedürfnis Kr einen Gesamtplan -unserer Arbeit vor^harrden. Gegeriwävtig manifestierte sich auf der Sitzung des A. C. in London wieder dieses Bedürfnis. Bon neuem ist nun die Aarfstellnng und Du-rchfü'hvnng eines solchen Gesamtplanes auf der Tagesorümmg. R e m es Hat seinerseits.einen solchen Wan in London angedeutet. Joschua C Hank in, der große Praktiker des Bodenerwerlbes, Hat, wie mir bekannt rft, att einem Kvlonäsationsplan gearbeitet, -der nach Veröffentlichung sicher weitgehendes ^Interesse erwecken wrvd. Es besteht für mich kein Zweifel, daß wir die großen Mittel, die für rnrser Werk, nötig sind, nnr -mit HAfe eines entsprechenden Gesamtplwres erlangen können.. .Unsere beiden Fonds müssen ihre Tätigkeit selbstverständlich fortsetzen. - Neuer Schwung wird ihnen durch einen großzügigen Kolomsation splgn verliehen werden. ' -i > Was Ihre Frage betrifft, ab ich mit "Kolonisation nur die l a n dw i r t s ch a f t l i ch e S i e dl um g meine, so möchte ich betonen, daß ich diese vor allem im Auge Ha'be. Denn ich glaube, >daß für die städtische Siedlung-Mitte'bdÄ sein .werÄ.en, wenn wir sie f>ü!r die Landwirtschaft haben, während ich das Gegenteil verneine. Unsere Industrie wird yttm großen Teil auf der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte aufgebaut fein. Es ist für mich keine Frage, daß die Basis unserer nationalen Kolonisation nationaler Boden sein muß. Zn diesem Zweck besitzen wir auch das notwendige Werkzeug/den National-, foüds. Der Keren Hajessod ist andererseits der Embrya -unseres nationalen Kolonifativnsfonds. Diese beiden Fonds werden möglichst bald 'durch die noch fehlende nationale Kol o nisation sb ank' M ergänzen sein. ' Sie fragen, obich mit dem Tempo iW'erer Koloniscckion Kufrieden bin. Nein, keineswegs. Pas Tempo der Kolonisation muß -stärk beschleunigt werden. In meinem Plane, 'den ich vor 10 Jahren vorschliug> forderte ich i>m ersten Jahre die GchaMng dreier Siedlungen, im zweiten von sechs', im dritten von neun ichv. Das Tempo muß herrte ein viel schnelleres sein, da Nicht nur wir heute die vorhandene ..Gelegenheit 'benützen können, das Land zu kolonisieren, sondern auch andere. Heute wie vor 10 Jahren nmß wieder ein Gesamtplan fixiert werden für die Ansiedkmg von etwa 100.000 Fa-milien landwirtschaftlicher Bevölkerung, im Laufe eines gewissen nicht Zu längen Zeitraumes. Für diesen Zweck sind e i n i g e M r l l i o n e n D n n a m Boden nötig, die in kurzer Zeit, etwa in 10 bis 15 Jahren erworben werden'Müssen oder es wirdzu spät sein. Ich schließe hier selbstverständlich, wie auch 'damals, Transjordanien in den Gesamtplan -ein. Hierbei rvird hinreichend für die arabische landwirtschaftliche Bevölkerung, die selbst arbeitet, Platz bleiben. Um dieses Ziel zu erreichen, -ist außer den 'bestehenden Fonds das Zustandekommen einer großen N at i o n a l - A n 1 e i h e, sei es mit Unterstützung des Völkerbundes und der Mandata-vmacht, sei es ohne diese, absolut notwendig. Im Nahmen der durch die Anleihe und die bestehenden Fonds erlangten Mittel muß Kr den B o d e n k a u f entsprechender Posten festgesetzt wer- -den. Es versteht sich von selbst, -daß wir neben diese? Schritten, nicht auf unsere Rechte auf Negier u n g sbode n, wie sie im Mandat sestgel-egt sind, verzichten können. Doch wäre es falsch, mit der käuflichen Emverbung von Boden zu warten, bis wir Regierungsboden «rhalten; es wird vielmehr daz-ukommen, daß wir parallel mit der Erstarkung unserer Kolonisation die C-Hancen der Erlangung des hinzukommenden Bodens der verschiedenen Kategorien erhöhen werden. Aus den Mitteln der Anleihe wird .".sch die unentbehrliche Kolonisationsbairk gegründet werden müssen. Die Realisierung der Anleihe -denke ich m'' so, daß im Laufe einer gewissen Periode, eine bestimnste, Summe Aktie« urrd Obligationen alljährlich abgesetzt werden. Der Verkauf derselben ist jedoch nur möglich, wenn die R e n t a ü i l i t ä t gewisser Zweige der Landwirtschaft anher Zweifel steht. Solche gibt es schon heute. In erster Lime stehen da Pflanzungen. Diese werden die Basis für die Kreditbeschaffung im großen bilden. Paläi strna ist ein Pflanzungsland Par excellence. Es'ist nicht j das Land von Gärtnereien oder bloß Gemüsegarten. Es ist vielmehr das ideale Land für Meten, für Planungen. Wenn bloß 6 Prozent des Howe unter Kultur stehendem Bodens nsit iPflau-zung-en bedeckt wären, so wäre die Kredi-tbäsis für die Lan-dwirtschaft des Landes bereits so ziemlich vorlxrndön. In einem Gesamtplan der jüdischen Kolonisation müssen die Pflanzui-gen, miudeutlch b ew ä s s e r b a r e Pflanz n n g e n. einen 'bestimmten minimalen Prozen',atz e'innehmM, de-- natürlich bodsntend bößar sein muh als 5 Prozent. In Idem jüdischen landwirfichasEM Betrieb muß von i,-un an, ivenn ai,ch die ,^emisüche Wirrsck)aft" unbe- M’Hvt lveiterhin nötig ist, mindestens der f ü n f t e T e i l - .'s Bodens f ü r P f l a uzu n g s k >n l i u r e n der- ,.^t werden. Jede Siedlung rnuß ihrerseits dieses PriüMp ernhalten -und mindestens 20 Prozent der gesaurten jüdischen Bodenfläche wird für Plantagen -M verwerkn som. Bewässerte Pflanzungen, die heute fast nur aus O mngeuplanto.gen bestehen, sind so rentabel, daß kein Finanzinstttut sie als Kreditbasis anzweifeln kann. Außer der Orangenkultur haben im Lande eine großartige Zukunft der Anbau der -Grape-Fruit und der Banane. Ebenso ist die Tafeltranbenkultur und der Arrbau von Trauben für die Rosineuindustrie der weüesten Ausdehrmng fähig. Biele Fruchtarteu, die heute im Lande so gut wie nicht verbreitet sind, können auf bewässerte^ Terrain in Erez-Jsrael ausgezeichnet gedeihen. Auf Grund der bisher vorhcnrdeuen Pflanzungen ist freilich, trotz ihrer hohen Bedeutung für unsere Kolonisation, im Sinne der Krediterlmzgung noch wenig zu machen. Sip können nnr geringe Garantien bieten, weil sie ja jeder Pflanzungsbesitzer bereits privat ausnützt. Dagegen ist die Erlangung von bedeutenden finanziellen Mitteln auf Grund der Schaffung zahlreicher neuer Betriebe, in denen die Pflanzungen den ihnen zukommenden Raum voll einnehmeu werden, nicht bloß möglich, sie ist der richtigste Weg, der zur jüdischen Besiedlung Palästinas in denkbar kurzer . Zeit führen witt». - - Plantagen auf minimaler Bodenfläche köirnen auf verschiedene Art und Weise geschaffen werden. Eine der für die Zukunft wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Art tvird die Anlegung von Plantagen auf Grund von Verträgen zwischen Pflanzern und Geldgebern sein. Tie'Geldgier 'werden, wenn die Pflanzungen bereits Früchte trägen, die Hälfte derselben erhalten. Eine Jury wird die Flächen in zwei gleichwertige Teile tollen und die eine dem Pflmrzer, der an der Hochwertigkeit der gesamtere Plantage - von Anfang an interessiert ist, zukommen lassen. Auf diesem Wege sind bekanntlich! Millionen DWnam in Tunis bepftanzt. Auch hier existieren bereits vielversprechende - einzelne Bespiele für die Anlegung von Plantagen auf Grundlage des beidseitigen Interesses von Arbeit und Kapital. In rneiTler vor zehn Jahrerr verfaßten Schrift habe ich den Kapitalbedarf der jüdischen Kolonisation Palästinas mit' 80 Millionen Pfund berechnet, womit über 700 j ü d i sch e K o l v n i e n verschiedener Formen sowie Gartenstädte geschaffen werden sollten. Wenn man heute auf Grund der inzwischen gewonnenen Erfahrmrgen den Kapitalbedarf für einen Gesamtplan des Ausbaues unseres nationalen Heimes von neuem kalkulieren wird) wird man kann; auf eine um vieles geringere Summe kommen. Ich. zweifle nicht, daß diese lMittel zu finden sind, wenn 'die zionistische Organisation sich einen solchen Gesamtplan zu eigen macht. Tie Möglich^- keiten unseres Landen des Pftanzungslandes Erez Israel, nrüssen neben allen sonstigen Bedürfnissen und Verhältnissen in Erwägung gKogsn werden. Die Durchführung des Gesamtplanes für das nationale Heim binnen kürzester Zeit mit Hilfe der aus der Anleihe und den Fonds zu erlangenden Mitteln wird demnächst dem jüdischen Volke vorzulegen sein. . Kurt Grün Wald. OOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX3 *u f, £, 3 m der ipiiclilKscliroemme R tÖWII / WIEN I. (wiatentuKmatvaße jav. Z9 □□□□□Pioa Re Srriehungsfrage auf dem Delegiettentag. Bon M. Ungerfeld. ES ist sehr erfreulich, daß arif die Tagesordnung der östev reichischen Ziouisteutagung auch die E r z i e h u u g s s r a g e gestellt wurde. Wir hoffen, dah diose Frage nicht nur einen Zierdünkt der Tagesordnung bildet, sondern als eine der vitalsten Fragen der Zionisten Oesterreichs auf der Konferenz ernstlich behandelt wird. Es währt schon geraume Zeit, das; die zionistischen Organisationen aller Länder, und hauptsächlich Oesterreichs, der jüdischen Erziehungsarbeit zwar wohlwollend gegenüberstehen, aber sich aktiv an ihr überhaupt nicht beteiligen. System oder zufällige, vorübergehende Erscheinung? Tatsache ist, daß in allen Ländern, wo gute Erziehungsarbeit geleistet wird, sie von anderen Faktoren, nicht von der dortigen zionistischen Leitung durchgeführt wird. Und mevkwückrig: Theoretisch wird die Dringlichkeit dieser Arbeit nirgends und von niemanden bestritten, wogegen aber die landcspolitische Arbeit von vielen zwar bestritten, überall aber — ob mit Erfolg oder nicht — im höchsten Maße geleistet wird. Die Behauptung, daß Wischen der politischen und Erziehungsarbeit in der Galuth ein enger Zusammenhang besteht und daß der Erfolg der ersten gänzlich von der Leistung der zweiten abhängig ist, wird manchem paradox klingen. Es soll zunächst sestgelegt werden, mit welcher Arbeit der Zionismus sich im Galuth zu befassen hat, und in welchem Rahmen sie geleistet werden darf. Dann ist die Frage zu erörtern: Palästinismus oder auch Landespolitik? Ferner: Nur Drives für den Auf-- baufonds und Propaganda für den Keren Kajemeth, oder auch Kultur und Erziehttilgsarbeit? Die Palästinisten behaupten, der Zionismus habe zur einzigen Ausgabe den Aufbau Palästinas, alles andere in der Galuth kümmere sie nicht. Die anderen glauben aber, daß außer denr Ausbau eines jüdischen Heimes in Palästina der Zionismus auch die Arbeit für die Kräftigung des ganzen jüdischen Volkes in der Galuth zu leisten habe. In bezug auf Palästina sind doch alle einig, daß für dessen Aufbau nur die Galuth Menschen und Geld geben kann und muß. Jede gute Regierung sucht das Wohlsein ihrer Bürger zu fördern, damit sie an ihnen gute Steuerzahler habe. Auch wir müssen schon deshalb — nebst anderen, viel wichtigeren Gründen — am ökonomischen Wohlsein der jüdischen Massen in der Galuth Interesse haben, damit sie gute Keren-Hajessod-Zahler und eifrige Keren-Kajemeth-Spcnder sind. Das heißt: Kamps für die Gleichberechtigung der jüdischen Massen und - ihre wirtschaftliche - K r ä s t i g u i g. Wir müssen daher aktiven Anteil an der L a n o e s p o l i t i k nehmen, auch dort, wo auch nur die mindesten-Aussichten auf Erfolg vorhanden sind, nur darf diese Teilnahme die Palästina-Arbeit nicht beeinträchtlgen. Bei uns Zionisten kommt es aber nicht bloß auf die-ökonomische Leistungsfähigkeit des Juden, sondern'auch auf 'sein Wollen an. Es hängt also alles von der Erziehungsarbeit ab. Eine breite, - kulturelle mid erzieherische Tätigkeit unter den jüdischen Massen zn entfalten, heißt, nicht nur den Zionismus mit Antisemitismus und Postromen zu begründen, sondern bei ihnen den jüdischen Erneuerungsgedanken zu wecken. Palästina wird noch durch längere Zeit von der Diaspora auch in kultureller Hinsicht abhängig sein. Die zionistische Organisation muß sich also schon heute um die künftige Generation kümmern, in deren Händen noch lange das Schicksal des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina ruhen wird. Sie muß also überall, ebenso wie in Palästina das jüdische Erziehmlgswerk in die Halld nehmen, Schulen usw. gründen und^für ihre Existenz sorgen. (Wie es heute aus der ganzen Welt, lnit Ausnahme Palästinas, Litauens und teilweise Polens, mit dem jüdischen Schltlwerk und mit der jüdischen Jugend aussieht, soll hier nicht behandelt, aber kurz und bündig angedeutet werden: schlecht, sehr schlecht.) Schrrlen gründen und sie erhalten, seht ein ständiges Budget voraus. Da kommen wir auf die vorher aufgestellte Behauptung zurück, daß zwischen Landespolitik und Erziehungsarbeit ein Zusammenhang existiert, und daß, ähnlich wie für den Palästinaaufbau, auch für die Laudespolitik die jüdischen Massen und hauptsächlich die junge jüdische Generation zuerst erzogen werden muß. Landespolitik betreiben heißt, neben den bürgerlichen, die jüdischen Minderheitsrechte z« verteidigen, die der jüdischen Bevölkerung, laut dem Friedensvertrag, zugesichert worden sind. Die jüdisch-nationale Autonomie,, laut welcher die Regierung verpflichtet wird, die Schulen der jüdisch-, nationalen Minderheit finanziell zu subventionieren — Ist der Sinn der Minderheitsrechte. In Polen z. B. hat die Regierung eine Ausrede, sie sei durch den harten Sprachenkampf zwischen den Hebraisten und Jüdischisten verhindert, dort das jüdische Schulwerk zu subventionieren. In Oesterreich kann dies nicht der Fall sein. Zur Landespolitik gehört auch die Kuttusstubepolitik. Was wir von der Regierung zu fo'.' -e«" haben, müssen unsere zionistischen Mandatare in der Kultusgemcinde nachdrücklichst vertreten. Die Wiener Kultusgemeinde steht heute de-r hebräischen Erziehungswerke wohlwollend gegenüber und gibt jährlich für diese Zwecke große Summen aus; sie würde auch auf Verlangen unserer Mandatare noch mehr geben. Das Rückgrat des jüdischen Erziehungswesen sind die Volksschulen, und solche gibt es hier einstweilen überhaupt nicht. Nur die zionistische Organisation Oesterreichs müßte und könnte hier das jüdische Schulwesen organisieren und dazu von den beiden envähnten Instanzen die nötigen Subventionen erhalten. Wird es eine gute jüdische Erziehung geben, so wird es künftig auch Geld und Menschen für Palästina, sowie eine erfolgreiche Landespolitik geben. Voraussetzung ist aber, daß die Erziehungsarbeit den wichtigsten Punkt unserer Tätigkeit bildet. n. Hier in Wien sind aus diesem Gebiete noch andere Schwierigkeiten zu übcrtviuden. Um Zubtentionen für Schulen ftnfotm zu können, müssen zuerst solche vorhanden kein.