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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-24 · Heft 2752 (24.10.1926) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2752 (24.10.1926)
Date
1926-10-24
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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GsttrrS wiener viPf0VR|e 1111119 24. OkttBSr IS« Nr. 3752 Eine KomevalsnadiL I. GiS m Äe Äjftr hatte Mb Gchmul Hördes «die Tochter geleitet. Es drängte ihn, ein Wort z?n sagen, doch das Mädchen hob «den Mick nicht und ob der tiefen Falte, die ihre Lirppen Ausammenpretzte, lag beklemmendes Schrveigen; -und so würyte der Albs die Worte hinunter, strich sich mit breiter Bewogirng über den Bart und schritt schkveiyend im Zimmer mrf und ab. Und als das Mädchen mit ihren! Bruder, der die Laterne vorantru-g. längst draußen »vnr, seufzt« er tief ans: „.Herr der Welt, blick hm auf die Schmach, die deine Kinder tragen um deiner Ehre willen". Das Mädchen trug über dem Arm einen roten Da-lnmet mit Nadckln nnd .Häkchen, von Gold- und Srlberfäden durchgoy^n. Still schritt sie ihrem Bruder Kur Seite durch die schmalen Gätzlem des römischen Ghetto. Mar lag die Mondnacht da und die Laterne, die der Bruder trug, Süindvte, daß ein bräutlich Mädchen nahe, und brannte mehr ihr zu Ehren, als die Straßen zu beleuchten, die der Mond erhellte, — darf doch keine Braut im Dunkel über die Gasse gehen. Schweigend durchschritten sie die Oktavia-Aüve, durch wÄche einst die Römer ihrem Titus entgegenjubelten, als er heimFog nach der Bezwingung Jerusalems, dort wo das 'hölzerne KreuZ mrfgerichtet ist mit der Trutzschrvft in >hebräiM Zeichen: ,^Hartnäckig Volk, was wendest du dich ab von Gottes Wort-!" Sie t-atten diese Inschrift schon oft abgvlejen, sie hatten das Gleiche schon so oft aus Priestermunde hören müssen, wenn sie am Sabbaihnachmittag der Büttel mit PettscheNschlägen zur Kirche trieb, und dennoch brannten ihnen 'die Worte «heiß auf der Seele, ein heftiger Schreck, eine schwere Beklemmung lastete auf ihrer Brust. Stumm gingen sie -weiter, fest aneinander geschmiegt, und Hamen zu Reh Josefs Haus. Der Bruder trat nicht ein, obwohl seine Braut hier wohnte, «Äs scheute er, sie hier zu treffen m solcher Stunde. In Reb Josefs .geräumiger Stube waren die vornehmsten Töchter der römischen Juden beisammen und stickten beim Scheine qualmender OelLmrpen auf purpurrotenr Sammet mit Gold- «und GWevfäden prmckende Niemand blickte auf, ckls das Mädchen erntrat, sie üsgrühte nicht wie sonst die Freundinnen, der Braut des Drudes nickte sie schweigend zu, als diese ihr dunkles, edelgesichntttenes Antlitz flüchtiig erhob. Schweigend wie die übrigen setzte sie sich zur Arbeit und stickte emsig das Haupt eines Löwen in den Samt, an 'dessen Pranken eine andere die Nadel führte. Und still« war's im Gemach, als säßen Hier nicht Kühende Mädchen mit -unruhigem Mut und hochpochendom Herzen. Kein sonniges Lachen wie sonst, wenn die Braut heimlich den TalliAbeaM für den Geliebten naht, mit glücklichem Lächeln, daß der Seide bunte Farben hell auf leuchten. Viel eher Wen es, als säßen uralte Werber rmr Mitternacht «und nähten schauernd «in Totenhemd. Denn dies« Arbeit war KnechtdieNst, war schimpflicher Tribut. Die jüdischen Mädchen stickten T^rpiche zu Schmuck un-d Zier — für den TttuSbogen, für das Trrmniphmal, das Rom atzchgerichdet, als es Jerusalem medergerungen. N»m sollte der Bogen prangen Ehren der Prozession, die mit dam Hoilligen Vater morgen am ersten Dag des Karnevals hmdurchz leihen wird; an dieser Stelle wird rnovgen der Fuß des Papstes 'dem ältesten Rabbi auf den Nacken treten, der ihm die Dhorrwolle entgegen- HÄt. Dann blicken von den Wänden -der Pforte in Stein gemeißelt hoch herab der fiebenarnrige Leuchter und der Tisch mit den Schaubroten aus dem Tempel von Jerusalem, eingehüillt von den Prunddecken, die jüdische Mädchen gestickt für dies« Feier, und dulden diese Schmach in stummer Würde wie gefesselte Könige. «Sv saßen jüdische Töchter, wogten nicht mit einem Wort 'das bange Schweigen zu bvechen, das sie niederzwang — und taten Fron. Da trat ein Aufseher des movgigen Festes ein, und ahne ein Wort zu sprechen, ging er auf die Arbeitenden zu, riß ihnen die Stickerei aus der Hand und beschaute sie prüfend. Die Väter der Mädchen steckten die Köpfe M Tür 'herein, damit der Christ nitfjt allein bei den Jndenmädchen weile — nach Vorschrift des heiligen Gesetzes. Näber zu karmnen wagten sie nicht, sie bangten,' im Gewaltigen zu reizen. Der Aufseher warf ein Stück nach dem anderen zur Sette und, alls könnte Br den Mädchen nicht in die Augen schauen, dir in ihren schwarzen Samtgewä-ndern und im Mmvck ihrer Perlenschnüre gefangenen Prinzessinnen Von Schaloftt Aach. Nach dem Jüdischen von Hugo Zuckertnann glichen, wandte er sich an die Juden an der Diirschwelle: ,finden, Gauner, chr wollt Ms an Stoffen und Seide betrügen." Und im Wsggchen warf er hin: „Wenn ihr keine anderen Teppiche aufbringen könnt, so werde ich die Vorhänge von der Burvdesl-ade herunter reißen lassen und die Hemden von den Dhoravollen, um den Bogen zu belangen." „Sieh' doch, das Schönste und Kostbarste haben wir aufgoboten!", wandten die Juden begütigend ein. ,Ms Mn ersten Glocken schlag 'habt ihr Zeit" — damit verließ er die Stube. Die Mädchen ließen.die Arbeit sinken, Md .die Fäden noch zwischen den Fingern drehend, blickten die einen tief z-n Boden, die andern zu den Vätern hin, noch andere irgendwohin, weit pttt Fenster hinaus, und schämten sich, einander angmsehen. Die Väter an der Tür schwiegen in tvofem Nachsinnen. So warteten alle und schwiegen. Reb Josef nahm zuerst «das Wort. ,Jüdische Töchter, die Ehre der Dhora liegt in euren Händen, ttit, was ihr könnt." Einen Augenblick nur zögernden die Mädchen..Dann erhob sich ruhig imd entschlossen, aber bleich und lautlos, Reb .Josefs To-chter, ging in vbr Zimmer, riß den Kasten auf, der 'die Aussteuer barg, und kramte ein schwarzes Gamtmäntte-in aus, bestickt mit goldenen Fäden, die Klagsmauer bildend rntt den vier Trauerweiden. Die Blätter waren aus mattem Silber, umranki von Weinlaub, woran Ta-uttovsim aus SUberflitter hingen. Seit drei Jahren stickte sie -gor kunstvoll an dem Stoff für den Liebsten, zum ersten Mo?e sollte er ihn in die Hand nehmen, wenn er zum Traualtar schritt. All ihre Mädchenträume, all ihre bräutliche Sehnsucht hatte sie in diesen Stoff gewoben, ihre Freude hcttbe die Bänder Heller gefärbt und Trauer dämpfte die Farben. Und ohne mit einer Wimper zu zucken, nahm sie das Brautgeschenk und begte es schweigend auf den Tisch. Jedes bräutliche, Mädchen eilte nach Hause, hotte das Geschenk, das für den Liebsten bestimmt war, DalliSboutel, Sedertuch und Mtardecke, und trug es schweigend zu Reb Josef. Und sie nähten alle. Tallisbsutel, Sede Eicher «und Altardecken zu einem einzigen großen Teppich, den Titusbogen zu schmücken, den «die Römer aufgebaut im Jubel über Jerusalems Fall. 2. In selbiger Nacht sprangen die Pforten der Petruskirche auf und der Jude aus Nazareth, so in Galiläa liegt, stieg ab von seinem Kreuz und die Wand der Kirche blieb leer. Seine Wunden verhüllte er mit dem Leilich, das ihm Josef von Arimathäa gab, und wandelte durch die Gassen Roms. Er trug nicht den gelben Fleck, das Schandmal seiner Brüder, und die Wächter am Tore hielten ihn nicht zurück. Denn das Tor war dem Juden verschlossen und er hätte es nicht durchschreiten dürfen nach dem Abendläuten. Rom war beschäftigt, Masken zu schminken und Kostüme zu put-, zen für den morgigen Karneval. So sahen die Römer nicht den Gottmenschen, der die Kirche verlassen hatte, um unter ihnen zu wandeln. Bleich wehte sein Leichentuch zwischen den hohen Säulen. Er schritt am alten Bethaus vorbei, dem Kolosseum gegenüber, und hörte die Juden weinen und flehen: Pott möge ihnen beistehen, morgen am Karnevalstage, er möge sie nicht zuschanden werden lassen^ und wenn es schon fein Muß, daß morgen der Papst den Fuß dem alten Rabbi auf den Nacken setzt, so soll er doch die Dhorarolle nicht in den Staub treten. Am Kolosseum schritt er vorüber. Der. Mond irrte durch die hohen Hallen, als fände er keinen Ausweg. Der Jude von Nazareth glaubte noch den Todesschrei seiner ersten Bekenner zu hören, die hier mit den Bestien rangen und sterbend seinen Namen röchelten. Der Gottmensch durchschritt das Tor des Augustus, das den Eingang nach Rom bewacht. Dort fand er, tief in Nacht gehüllt, den Messias, der auf einem Steine saß, mit schweren Ketten an die Mauer gefesselt. In der Hand trug er di« Posaune, zur Seite stand dgs Oelkrügleiu und so harrte er auf das Geheiß des Herrn, den Weckruf der Freiheit zu blasen. Den Blick tief in den Boden gebohrt, hielt er die hohe, stolze, stählerne Stirn der endlos langen, grauenvollen Bia Appia wie einen Schild entgegen. Der Gottmensch wandte sich an den Messias und sprach: ^Messias, zu dir bin ich gekommen, vergib mir, was jene tus, in meinem Namen." Der Messias beugte das Haupt tiefer und schwieg. „Bin ich denn nicht euch erschienen, Hab' ich denn nicht euch unter den Flügeln bergen wollen, wie eine Henne ihre Küchlein? Hab ich denn nicht für euch mein Blut vergossen, vö« meiner Mutter Augen? Bin ich nicht zu Mserem Tempel gewallt. habe ich.nicht sin Tempßlhos geweilt und unter un-, für uns meine Wor'e ar»«gestreut? Nun aber sinh FmZntze gekomme». Das Bahrtuch hoben sie von mir gerissen und Fahnen daraus geschnitten, die Fahnen haben sie in mein Blut getaucht; und so ziehen sie aus, Jammer und Berzwekflung meinen Brüdern zu bringen, mein Wort auf den Lippen. Mein Wort des Friedens haben sie in Kriegsgeschrei verwandelt. Ich sprach: „Vergebt!" und sie predigten Rache. Die Söhne meines Volkes haben sie ins Joch gespannt, meine Töchter haben sie schamrot gemacht." Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Auf meinen Thron haben sie sich gesetzt und wollen die Welt regieren. Sie künden Worte in meinem Namen, die ich nie aussprach. O, Fremdlinge, wer gab euch das Recht zu richten zwischen Brüdern? Mein Herzleid könnt ihr nicht fühlen, meinen Jammer nicht fassen." Der Messias beugte das Haupt noch tiefer Md schwieg. „Hier bei dir will ich sitzen, meine Hände an die Mauer ketten wie deine, meinen Blick will ich Niederschlagen wie du, und mit meinen Brüdern und Schwestern will ich Spott und Schande erdulden. Mit dir will ich harren, bis der Tag Gottes anbricht. Dann stoße in die Posaune, die Völker zu sammeln, auf deinem Berge, und wie der treue Hirt die Herde im Mittagsbrande zum Quellwasser leitet, will ich meine Gemeinde hüten, ich will die Wunde« lindern, die der Löwe schlug, und wärmen, was im Winter erstarrte, und heile», was die Wölfe zerrissen. Dann will ich unter ihnen weilen u»d meine Worte sollen auflieben in ihrem Herzen." 3. ... Es war die Zeit des Wettrennens. Der enge Äorso mit seinen altohrwürdigen Palästen war überflutet von einer Woge persischer Hute und türkischer Kappen. .Die Balkone waren vom vornehmsten Publikum überfüllt, in tollen Masken und ausgelassenen Kostümen gafften sie auf das Schauspiel. Aus jedem Fenster, von jedem Balkone, den ganzen Korso entlang wehten breite, bunte Fahnentücher, Girlanden und Blattgewinde hingen fast auf die dicht-, gedrängten Köpfe herock. Mit Mühe hielten die Wächter barfuß mit flammroten indischen Federhüten die Laufbahn frei. Und über dem Korso, wo einstens vor der Ehristenzeit die schönsten und edelsten Jünglinge Roms dem Ziel entgegenliefen, wo die herrlichsten Mädchen dem Sieger entgegenjauchzten, dort vor den Augen des Heiligen Vaters, der am Portal der Markuslircho thronte, keuchten heute acht eisgraue Juden, gehetzt von berittenen Stadtknechten, mit Ruten gepeitscht. Die Juden waren fast nackt, kaum mit Fetzen bchangen, mit auSgerenkten Füßen und aufgedunsenen Leibern schleppten sie sich fort. Brüllendes Gelächter empfing sie. Vorwärts trieb sie die Peitsche. Sie rafften die Fetzen zusammen, schamhaft ihre Blöße zu denken, strauchelten mit unbeholfenen Bewegungen, ringsum wirbelten schallendes Gelächter unb tolle Späfse durch die aufgeregte Menge. Die Leute rannten hinter ihnen her, scheuchten sie mit Papiersächer vorwärts, und die alten Juden, gehetzt von den galoppierenden Pferden, gestachelt von der wilderregten Menge, betört vom tosenden Lärm, jagten wie wahnsinnig. Sie liefen wie vor einem Brande, wußten nicht, woher und wohin, sie liefen wie Besessene, unter Gelächter und Peitschengeknall, liefen, als wollten sie sich selbst entfliehen, sie liefen wie im Traume, sahen nicht Weg noch Ziel, nur Teufel, Gespenster, Peitschenknall Md Gelächter; — so erreichten sie San Marco... Noch brandete die fiebernde Menge, noch riefen sie ihnen mit Spottgelächter Worte nach, noch flatterten die Tücher von den Balkonen, aber plötzlich, jedes Haupt entblößt, alles wirft sich zu Boden, erschreckende Stille lastet auf dßn niedergebeugten Schultern, ruht über den Köpfen, die im Staube liegen. .Da und dort klirrt ein Fenster zu, die Herren und Damen auf den Balkonen sinken ins Knie, beugen sich nieder, der ganze Korso ein Saum tiesgesenkter Köpfe, Schreck und Schweigen wuchtet darüber: Er, der Gottmensch, war unter den Laufenden. Er wandte sein bleiches Antlitz, mit dom Leilich Josefs von Arimathäa verhüllte er die nackten Füße, hoch hob er das Kreuz über die Liegenden und schritt mitten durch sie hindurch. L Der Letzte von den fünfen pochte ans Fenster: „Leute, die Unseren liegen erschlagen mitten am Markt, ich bin verfolgt-verbergt mich...!" Des Bruders Herz war verschlossen wie das Tor. Es blitzte auf, und eines Jünglings Blut wärmt« den kalten Stahl. Die Sonne verkroch sich in dunkelblaues Gewölk, aber die Strahle« fluteten.aus Wolkenriffen und streichelten Wasser, Feld, Haus und Baum mit tzimmelslicht. Darm schloß sich der Wolken ^itz Md trüb wurde Wasser, Feld, HauS und Baum.

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