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Wiener Morgenzeitung · 1926-10-24 · Heft 2752 (24.10.1926) · p. Seite 9

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Nr. Tr Msn, Gcmniag 24. SkMer '1Ä2ss Gerte 0^8 KvcN DERZEIT LITERATÜRBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG Ita «WWchtt SeflwDnbwt. Die Mischen Achtundvierziger und vollends ihre Herren Söhne hatten es eilig, alle Brücken hinter sich abzubreckM, alle Erinnerung an das Ghetto zu verschütten. Hätte sich Leopold Kompert nicht umso bewegter an die Jugend in der böhmischen Judcngassc erinnert, je kräftiger ihn der Strudel des Wiener deutschen Liberalismus erfaßte — es wäre rasch vergessen worden, daß es eine Generation früher noch einen westjüdischen Volksmund gab. In Prag und Boskowitz, Nikolsburg und Proßnitz, Frankfurt und Preßburg. Und eine Spanne Zeit früher Wohl auch in sämtlichen Judensiedlungen Deutschlands und der westlichen Länder des ehemaligen Oesterreich. Vor fünf Jahren unternahmen zwei Schriftsteller, die sich zur jüdischen Moderne bekennen, M e i r W i e n e r und Siegfried Schmitz den ersten Versuch, dieses kostbare jüdische Volksgut des Westens hervorzuholen »nd zu bergen. Die alten Prager „Sippurim"-Bändchen gaben ihnen reichen Stoff. Sie waren nicht von literarischem Ehrgeiz besessen, sondern wollten einer guten und großen Sache dienen. In ihrem Schlußworte wünschten sie, die von ihnen gebrachten Proben mögen anrcgen, daß man den alten Weinberg umgrabe und schleunigst rette, was an, jüdischen Volksmärchen im Westen noch lebt, wenn auch Mit kaum merklichen Atemzügen Leben zeigt. Ter stattliche Band fand freudige Leser, die Auflage war rasch vergriffen — aber die Mahnung der Autoren, westjüdischen Legendenstosi zu sammeln und ihnen zur Bearbeitung zu überlassen, fand in dieser verwirrten, hastenden Zeit kein Echo. Tarum hat einer der beiden Herausgeber, Siegfried Schmitz, das Werk nochmals durchgearbeitet und auf Grund eigener Forschung um eine ansehnliche Zahl von legendären Bolksgeschichten bereichert. Nun ist das Buch. in neuer, gediegener, sehr geschmackvoller Ausstattung aufgelegt.*) Es beginnt init Sagen der Prager Juden. Diese, Geschichten von Prager Gassen, vom hohen Rabbi Löw zeigen wesenhafte Züge, Ivelchc sie von ostjüdische n Legenden unterscheiden. Köstliche Gestalten heben sich aus diesen , (ÄyschichtA U vmckere Hebamme in odr Geschichte-von der „Hölderien Gasse"- zuMjn., Sehr. bezeichnerch ist die.Schilderung des Retters der Frager Judengemeinde Schime' Scheftelin° derneu aüfgenommenen Erzählung „Das stille Jüdel". Es" ist die Mär von einem Attcntatsversuch auf den Landes-, fürsten während seines Besuches im Prager Ghetto, die Merkwürdigerweise in sehr ähnlichen Variationen sich auch' in der Nikolsbnrger jüdischen Lokallegende erhalten hat. In beiden Fällen wird von einem hern'ögeschleuverten Ziegelstein erzählt. Die ganze Gemeinde soll ausgervttet werden, wenn sie nicht innerhalb. einer bestimmten Frist den Täter namhaft macht. Da opfert sich „das stille Midel" ohne sich vor dem schlveren Gang zur Selbstanzeige aÜch nur einer Menschenseele im Ghetto anznvartrauen. Wie dieser arnie, ungebildete, verschüchterte Handwerker, der sich wortlos verspotten läßt, hier gestaltet ist, macht den großen Wert dieser Legende ans. Man erkennt einen bestimmten jüdischen Menschenthpus, der mit der Auflösung deS Ghettos aufS Aussterbeetat kam. Als sich Schime Scheftel heroisch geopfert und die Prager Juden aus nn- - saglicher Not befreit hatte, erkannte man wohl, warum seine Großmutter Zipperl stets den Spottmäulern zuriefr „Laßt ihn nur gehen, mein Schimeler die stillen Wasser sind tieft — merkt euch btfS'V. In kluger Anordnung zeigt diese Sammlung an gut gewählten Beispielen, wie die Phantasie des jüdischen Volkes auch im Westen über die Chroniken, über Midrasch und Agada in die Aem der Blüte des jüdischen Lebens und Milchen Geistes in Spanien und.vis in die biblische Zeit schweifte. Sagen über Moses ven Mainron, Raschi und König Salomon stehen neben der Geschichte von Napoleon und dem Baal Scham und einigen knappen, typischen. Legenden aus der Gaß. Sehr bemerkenswert ist die noch recht junge Sage vom Nikolsvurger Landrabbiner, Rabbi Mordechai, „Der Traum". Sie enthält das Motiv vom bindenden Ehe- Verlöbnis (das u. a. Perez Hirschbein in seinem Drama „Tkias Kas" behandelt hat), ein neuerlicher Nachweis, Ivie lange und wie ttef die volkstümliche jüdische Legende auck im Westen wirkte. * Die Perle der Sammlung ist wohl die Erzählung „Ja rar-Da j", mit der wir unsere Leser durch den gestatteten Vorabdruck vekanntmachen durften. Eine dev schönsten Novellen, die wir je gelesen haben, insbesondere in der ersten Hälfte von Gottfried Kellerscher Feinheit. (Der Name des ursprünglichen Verfassers, I. Rosenau er. soll nicht in Vergessenheit geraten). Und ein köstlicher Beleg für die Besonderheit des jüdischen Humors ist der Bericht über die Begegnung Rabbi Akibas mit dem sündigen Steuereinnehmer, der im Gehiuom *) „Sippuri irr". Prager Sammlung jüdischer Legenden in neuer Auswahl und Bearbeitung. R. Löwit-Verlag» Wien und Lelp-lg. täglich im 'Feuer geschmort wird. Das erforderliche Holz muß er selbst mühsam Tag um Tag auf der Obertvelt zusammenklauben. Rabbi Akiba trifft den armen Teufel beim Holzschleppen und sucht in recht ausführlichem Gespräche die Ursachen dieser furchtbaren Strafe zu erfahren. Da mahnt ihn der Steuereinnehmer, er möge ihn nicht zu.lange aushalten, denn je länger er ausbleive, -umso länger werde er dann drunten im Gehinom gebraten. Ein gutes frisches, lebensvolles — ein sehr dankenswertes jüdisches Volksbuch. Otto Abeles. Las Judentum in der Rufik. So nennt sich ein kürzlich in der „Deutschen Verlags-Anstalt" in Stuttgart erschienenes Buch von Heinrich Berl, welches seiner Anlage und seinem Inhalt nach wert eher den Tiwl verdienen würde: ,-Orientalische Emflüsse in der Musilmoderne." Der Autor geht von der ganz richtigen Voraussetzung aus, daß. das Judentum im Orient wurzelt, und gibt sich redliche Mühe, das Orientalische vom Okzidentalen in der Musik abzugrenzen. Leider vermeidet er jede Möglichkeit» sich mit seinem Thema stilkritisch auseinanderzusetzen. Er betrachtet, wie er selbst sagt, nicht muftkhistorisch, sondern ..musikpsychologisch", um nicht zu sagen „nmsrkmetaphysisch". Dabei gerät er auch in die Jrrgängc der Aesthetii und bekennt sich -im ü'hr-jg-n - zu Oswald Spengler und zu Paul Be'KerS Schriften über die Musikmoderne. Gewiß wird ihm niemand widersprechen, wenn er in der auch rem Orient ’ wesensfremd ist. oder, wenn er -in der Moderne die Vertiefung des Quantitativen zum Qualitativen, des- Extensiven zum Intensiven hin findet, oder, wenn.er hier e:!N Eindringen der ursprünglich melodischen Zeitkunst d'es'Orierr-ls in die harmonische Raumkunst des Okzidents feftstellt. Er übersieht nur die Hauptsache: Judentum und Orient) sind heute.längst nicht mahx idxntisih. "iAlKnicr^ )wcitLr. hahHH das Judentum auf seinen Wanderungen durch - die ^Jahrtä'ü-scntc van '> seiner Quelle -«niserü't-'.-imd. -das 'ngch und Üach EreMo^ und. t»ön den - WirtSviWern dazu. Erworbene haben - gemeinsam mit der Landschaft, zu einer westlich-östlichen Synthese der Varwclt und Ilmwcli geführt. Die ursprünglich rem östliche Musil hat sich gleichsam nach - naturwissenschaftlichen Gesetzen im. Westen uingewandclt und angepatzt. Was an ihr. tatsächlich all oder non ist, läßt sich nicht mit Hilfe wcnsizer Pcrsöulichreiten u>:e Mahler, Schreiber - oder SchünSerg -^in - Schlag-Worten abtun, sondern nur--an" der Hand eines möglichst umfangreichen, ftil- 5ont>ersngsdol 6er vückersckvemme R. LÖWIT, WIEN, I. RotenturmstraBe 22 Herrlich ausgestattete Ganzlcfnenbände mit Goldaufdruck aus der Sammlung: nDas neue Buch*4 « WUzu 2 Schilling u. <3 Schilling Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte, 427 Selten. — Verbrechen und Strafe, 708 Seiten — Memoiren aus einem Totenhaus, 403 Seiten. — Tolstoi: Kreuzersonate, 110 Seiten. — Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers, 230 Seiten, — Flauheit: Bouvard und Peouohet, 320 8. Gogol: Mirgorod, 305 Seiten — Die toten Seelen, 416 Seiten — Abende, 280 Seiten. ffuysman. Tief unten, 300 Seiten — Gegen den Strich, 200 Selten. Nützen Sie diese nie wiederkehrende Gelegenheit! kritisch zu prüfenden Tatsachenmaterials, in welches namentlich auch drc lobenden, jüdrfch fühlenden Tondichter 'iwic Achron, Krojn, Engel, Gncssin und andere einbezogcn werden müßten. Mit Worten, wie dämonisch, weiblich, Outrierrhe:. gewagte Morde, kecke kokette Melodiesprünge usw. kann mau alles und nichts beweisen und vom Cancan Offenbach's bis zu den ostjüdischen Volksliedern oder vom Sprechton in Schönüerg's „Pierrot lundire" bis zum synagogwlen Sprechgesang zieht sich der Weg denn doch weiter als Ber'l ahnen mag. In unserer Zeit der S t-il'k r i t i k und der vergleichenden Musikwissenschaft erfordert ein Buch über das „Judentutn in der Musiik" eine genaue quantitative und qualitative Untersuchung über Eigenes und Fremdes, über Ererbtes und Erworbenes, an Haupt und Gliedmaßen der sogenannten jüdischen Musiik. Man müßte jede Art von Musik in die Unter-, suchungen einbeziehen, die noch mit dem Judentum einen Ausschnitt gemeinsam hat und man müßte sie gleichsam mit mikroskopischer Genauigkeit auf melodische Struktur und Inte rv-allbivdung, aus Rhythmus (musikalisch unv psychologisch), aus Kolorit, auf primäre oder sekundäre Mkordik und Nuancierung hin prüfen. Von einer derartigen Untersuchu-ng von Rasse, Volk und Völker Mischung glaubt aber Berl als Psychologe (?) grundsätzlich abschen zu dürfen; zudem sind auch die einschlägigen Vorarbeiten gar nicht weit genug ^gediehen, weshalb Berl trotz aller paradoxen und geistreichen Einzelheiten jeden exakten Beweis für Werden und Wandel -für Gattu»i-gsüns Artmerkmale der jüdischen Musik von vornherein schuldig bleiben mutzte. Erwin Falber. Jnsel-Almanach auf das Jahr 1927. Zur gewohnten Zeit legt der Insel-Verlag seinen Freunden den Jnsel- Almanach vor, der in diesem Jahre textlich und bildlich besonders reich ausgestattetist. Man fönnic i-hst einen Novelle n-Almanach nennen. . Die besten Namen des Verlages, sind init:mancherlei,Arten- -der NovelleVertreter« , Ricarda Huch, Hans Carossa, Ghcvivood Anderson, Stefan ' Zweig, Otto Taube, dazwischen stehen Verse und Prosa von Rainer Maria Rilke, Alb recht Schaeffer, Theodor Däubl-er, Felix Braun, Regina Ullmann, Alfred Mombert, -.Ernst Bertram und anderen, nebst einer Auslese aus den Büchern des Brelagcs, lvie sie von jeher den Jnsel-Almanach aÜschloß. Besondere Aufmerksamkeit wird die) Uebertvagung Rudolf Alexander Schröders aus der Ilias erregen; , ist sie doch ein Zeichen dafür, daß die große Arbeit des Übersetzers tveiterrückt. Claude Auet, „Ende einer Welt". Aus dem Französischen übertragen von Georg Schwarz. Verlag Weller u. Co., Leipzig. Die Romantik der UrböNer, das Leben der Höhlenbewohner, ihre Gemeinschaft in Familie und Volk, ihr Mythus, ihr tiefer Glaube an die Geisterweli erstehen in so lebendiger Gestaltung, als ob das längst Vergangene gegenlvärtig ist. Bleibende Erlebnisse sind ihre Kämpfe mit der Natur und den Tieren der Eiszeit, ihre Mannbarkeitsfeste, Hochzeitsspiele imd Gestalten wie Mah, No und Mara. Es ist Anets unvergleichliche Kunst, die tiefe Gedanken und umfangreiche Studien Mer prähistorische Kunst zu einem plastischen, fesselnden Roman verwebt. P. Büchereinlanf F. Bernstein: Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung. Jüdischer Verlag, Berlin. Bernardo Breuler: Im Lande des Silberstromes. Verlag Moraw u. Scheffelt, Berlin-Hamburg-Leipzig. Brneys: Advokat Patelin (Komödie in Prosa, nach der berühmten Farce Maistre Pierre Patelin). Verlag Carl Seffert, Köstritz in Thür. Svend Fleuron: Sigurd Torleiffons Pferde (Romme). Eugen Diederichs-Berlag, Jena. HannS Günther: Wanderungen im Radioreich. (Ein Buch vom Rundfunk für Buben und Mädeln.) Franckhfche Verlags- Handlung, Stuttgart. Atzton Herrnfeld: Herrnfeld-Humor. Globus-Verlag, Berlin. . Otto Müller: Sexuelle Verirrung. (Mensch und Gemeinschaft, 4. Heft.) A. Hoffmanns Verlag G. m. b. H., Berlin. Alfred Polgar: Orchester von oben. Verlag Ernst Rotvohlt, Berlin. Dr. R. W. Schulte: Psychotechnik und Polizei. Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg.

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