Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2752 (24.10.1926)
- Date
- 1926-10-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 Wien. Svnntog WfMer' MorgEN-eit««- Welzmanns Abreise nach Amerika. Bernard Barons neue Widmung Kr den Keren Hajeffod. Aus London ivkrd uns geschrieben: Eine imposante Abschiedfeier für den Präsidenten der Zionistischen Organisation Tr. Ch.. Weizmann wurde Dienstag abends im Hotel Cecil in London vom englischen Keren- Haiejfoiy veranstaltet. Tie Ei:-!adungen waren von Sir Alfred M o n d nusgegangen, der auch den Vorsitz führen sollte. Er war jedoch im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert, da er ,;u einer wichtigen Veranstaltung im Rahmen der soeben eröffncteu Britischen Rcichs- Lon serenz erscheinen mußte. An seiner Stelle begrüßte die Erschienenen Herr Joseph Co wen, der, aus dem Schatze seiner reichen zionistischen Erfahrung schöpfend — war er doch einer von Herzls Vertrauten von Anfang an und insbesondere Mtarbeiter auf der: ökonomischen und politischen Erbieten, für die in England gearbeitet wurde — hervorhob, welch gewaltige Fortschritte, trotz aller Angriffe aus dem jüdischen und nichtjüdischen Lager, der Zionismus in den letzten 25 Jahren gemacht hat. Mit eindrucksvollen Worten bekundete er, daß olle Zionisten, die Sinn für politische Propoirtionen haben, die Leistungen des Führers Tr. Weizmann ihrem ganzen Werte nach schätzen. Mitten in seiner Rede erschien, vom Beifall der Versammlung begrüßt, Herr Bernard Baro n, der erst vor kurzem 100.000 Pfund Sterling in Aktien der Palestine 'Electric Corporation investiert hat, nachdem er vorher 10.000 Pfund Sterling für die hebräische Universität und 25.000 Pfund Sterling für den Keren Hajessod Herrn Tr. Weizmann zur Verfügung gestellt hatte. . Herr Bernard Baron nahm das Wort zu einer mit ebensoviel Bestimmtheit als Warme vorgetragenen Erklärung. Er. feierte in erster Reihe Dr. Weizmann, dessen Wirken er mit immer wachsender Bewunderung verfolge. Deshalb habe er sich auch vor wenigen Tagen, als Tr. Weizmann ihm die Lage in -Palästina, die Aufgaben der Zionistischer: Organisation und die Erfordernisse des Keren Hajessod dargestellt habe,,, sofart entschlossen, das seine zu tim und durch einen Beitrag von weiteren 25.000 Pfund Sterling seine Beteiligung am Keren Hajessod aus. 60.000 Pfund Sterling zu bringen. Er habe Dr. Weizmann versprochen, mehr zu tun und werde sein Versprechen halten. Er sei zwar britischer Bürgeraber doch russischer Jude. Als solcher hofft er, daß alle englif^en Juden gegenüber Palästina ihre Pflicht tun werden/ aber ' . - auch die amerikanischen «Juden, die begreifen müssen, daß Amerika mit allen seinen ein ausgezeichnetes mimisches und komisches Talent. Wenn er ein wenig mehr Bildung besessen, hätte, iväre er sicherlich ein hervorragender Schauspieler geworden: da er aber in seiner Jugend Schuster war und keine Gelegenheit hatte, sich eine jüdische oder weltliche Bildung anzueignen, wurde er Badchan, nachdem er einige „Handgriffe" erlernt hatte. Er erfand eigene Texte, führte einen Koffer mit Masken und Kleidern, auch Frauenkleider, mit sich und brachte bei Hochzeiten ausgezeichnete Soloszenen. Tie Lieder und die Musik mußte man ihm beistcllen. Obwohl seine Tätigkeit nichts mit Bad- ' chanuth zu tun Hatte, nannte er sich doch „Soine, der . Bialystoker Badchan". Diese Sorte Badchamn setzte in den Augen der gebildeten. Menschen die Badchanuth herab, und alle Bestrebungen, die Zunser machte, um den Stand zu heben, sie dem Geschmack der neuen Generation anzupassen, waren erfolglos. Man war bereits an Opern, Operetten und Ballette gewöhnt und nahm kein Jitteresse mehr an den Liedern und Melodien Zunsers. Ich traf ihn eines Sommers, als wir von Hochzeiten kamenich VM der weinigen, er von der seinigen. Er klagte:'„Brüder, es ist übel um uns bestellt: die vornehmsten Gäste erlauben sich, mich auf der Bühne stehen zu lassen und ins Nebenzimmer zu gehen, um dort Karten zu spielen; für mich ist hier kein Platz mehr." Tatsächlich ging er ein halbes Jahr später nach Amerika. - - Tie Früchte hatte er eingesammelt und ging über den großen Teich — ich blieb bei den Restjen. Ich klage mich jedoch nicht. Mein Berus ernährte mich durch 43 Jahre, ermöglichte mir es, meinen Kindern die bestje Ausbildung zu gewähren. Ich bin alt; für mich, ist wohl schon die Zeit für die letzte Fahrt gekommen. Wem übergebe ich mein Amt? Ich glaube, niemcmdem. Doktor Eljaschoio hatte wohl recht, als er mir sagte: „Ihr-seid, wie mir - scheint, der Letzte Eures Faches, das durch zirka 200 Jahre bei den Juden in Ehren bestand. Ihr seid der letzte Badchan, das heißt, der letzte von denen, die man mit Recht Badchan nennen darf." Und wenn Tr. Eljaschow Recht hat, dann bilden diese Zeilen wohl die Zeilen des letzten Badchan. Vorzügen und Vorteilen nicht Jerusalem ist. Was die Arbeit in Palästina betrifft, die die Zionistische Organisation durch den Keren Hajessod leistet, so sollte sie seiner Meinung nach in der Richtung geführt werden, daß die Einwanderer zu Bauarn auf der Scholle von Erez Israel werden, nicht zu Kleinhändlern und Kranrbefttzern. .r In diesem Sinne wolle er heute seinen Beitrag leiftejn und überreiche Dr. Weizmann den versprochenen Scheck. Dr. -Weizmann sprach hierauf in. überlegt ruhiger und deshalb um so wirkungsvollerer Form sowchl über die gegenwärtige Lage in Palästina als über das Ziel der zionistisch!«: Arbeit. Er dankte Bernard Baron für seine verstjändnisvolle!Mthilfe und erklärte, daß er durchaus optimistisch ' der schweren Arbeit in Amerika entgegensehe. Hat doch bisher nur ein relativ kleiner Teil der amerikanischen Jüdm — 15 Prozent — sich ftir dr« Mitarbeit an Her Palästina-Arbeit wirklich akttviert. Der Rest muß von unserem Appell noch erreicht werden. Die Zionistische Organisation ist geduldig, weil sie auf ihren Erfolg vertraut. Keine vorübergehende Krisis kann sie von ihrem Weg ablenken. Es muß möglich sein, so viel Mittel aufznbringen, um in zehn Jahren die Ansiedlung seiner solchen Anzahl von, 'Inden dnrchznführen, daß unser .Werk uns sicheren .• Gnmdlagrn steht.; -- Dr. Weizmann erwähnte auch die jüngst durch die Presse verbreitete Kritik Prof. Franz Oppenheimers an dem System der großen landwirtschaftlichen Kwuzah und hob hervor, daß sich die Oeffentlichkeit offenbar darüber nicht im klaren sei, daß die großen Kwuzoth nur einen Teil-der lmldw.irtschastlichen Betriebsformen der zionistischen Organisation,, darstellen. Im übrigen verfolge die Exekutiv e selbst die Entwicklung mit wachsamem Auge und sei entschlossen, aus allen Erfahrungen zu lernen. In einem aber sind Freund und Feind, Fachmänner und Touristen, Juden und Nichtjuden, die Palästina besucht haben, sich dock) einig: i der Fortschritt der MdischE Arbeit in ' Palästina ist nicht zu übersehen. Wir werden, schloß Dr. Weizmann, unseren 'Weg weitergehen, obzwar wir die Schwierigkeiten wohl kennen, die in unserem Volk liegen, die das Laitt> mit . sich bringt und die sich raus der gegenwärtigen Konstellation in der ganzen Welt ergeben. Nach Tr. Weizmanns Rede : -vuvdeu noch einige weitere Reden gehalten. Lord Balfour, der Staatssekretär des Kolonialamtes Amery und Sir Alfred Mond hatten warme Begrüßungen geschickt, die Begrüßung Amerhs . hatte besondere Blutung, da sie ja von dem verantwortlichen Leiter der englischen Kolonial- und Mandatspolitik kolmmit. Der Betrag von 25.000 Pfund Sterling wurde vom Hcmptbureau des Keren Hajessod sofort nach Jerusalem weitergeteitet, nebenbei bemerkt, der letzte Akt der Tätigkeit des Londoner Hauptbnveaus des Keren Hajessod. Wer alle möglichen durchzemacht hat und trotz großer diätischer Entbehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen, konnte, WMMi wViltw v4>qIv«v4v, 4VIUHv^ , WDMMM ■ versuche Dr. Hoffbauerö Entfett»««-- mm tat» letten, die vor allem keine Aenderung der .. ._ ftlfo harfrtttn#»« mih in gewohnten Lebensweise verlangen und in kürzester Zeit GewichtSverminoeruvs bewirken. — Depot r Apotheke H. Bayer, Wollzeile Nr. LS Kollmann wieder Mrgerm elfter in Raden. Der zurückgetretene Finanzminister Kollmann dürfte bereits in der - nächsten Gemeinderatssitzung der. Stadt Baden wiederum zum Bürgermeister der Kur- Ztpdt gewählt werdest. Als er nach dem Rücktritt Dr. Ahvers .sich für die Annahme des Finanzportefeuilles entschied, wurde im christlichsozialen Gemeinderatklub von Baden eine schriftliche Vereinbarung niedergelegt, das der Machfolger Kollmanns in der Bürgermeistevwürde, Kommerzialrat Brussati' sofort diese Stelle niederlegen werde, falls Kollmann wieder für das Bürgermeisteramt frei geworden sein werde. Dieser Fall ist nun eingetreben. 24. Sfttofet 1026 Rr. 2782 Reinigung des . und wirtschaftlichen Lebens. Dle Haudelskatnnierpräf,deuten bei Dr. Seipel. Bmwcskanzler Dr. Seipel empfing gestern die Präsidien der Handelskammern. Präsident Tilgner (Wien) begrüßte die neue Regierung, der die nnrtschaftlichen Kreise v v l le s Vertraue n cntgcgenbringen. „Die Kammern," sagte er, „legen Gewicht daraus, auszusprechen, daß die Wirtschaft die restlose Säuberung des politischen und wirtschaftlichen Lebens von allen schädigenden und zü mißbilligenden Begleiterscheinungen der Nachkriegszeit , ertvavtet, gleichgültig, ob es sich hierbei um mit großen Opfern fruchtlos versuchte Sozialisierungsmaßnahmen oder aber um wie Unzulässige Durchdringung von Erwerbsnnternehniungekr mit Politt'k handelt." Leider hasse dstr 'Art der Durchführung dr-r Untersuchung im Lichte 'der Oeffentlichkeit mehrfach Tendenzen erkennen, ivelche keinesivegs der Wirtschaft förderlich fein können, vielmehr in hohem Maßgabe die Gefahr in sich bergen, deren Ansehen und Krr- Tjt zu schädigen. Die Kamnrern begrüßen daher die durch den Bundeskanzler ergangene -Aufforderung zur Rückkehr zür fruchtbringenden Arbeit. . Bundeskanzler Dr. Seipel erwidert: „Wir mißbilligen 'gewiß nicht die öffentliche Untersuchung dieser Angelegenheit an sich, aber die Art und Weise, wie sie durchgefi'chrt wird, denn lmr glauben, es wäre ganz gut möglich gewesen, jeden Schein des Bertuschenwvllens zU vermeiden, vhne die Erörterung so lange hinzuziehen, daß daraus die vom Herrn Präsidenten Tilgner besagten Gefahren für ,unseren Kredit entstehen könnten. Andererseits bin ich sicher, daß gerade die^ lange Dauer der Untersuchungen und Nachforschungen wenigstens das Gute hat, daß wir sicher sein dürfen, daß nunmehr alles a'uFgedeckt ist, was Noch an "Resten übler Wirkungen oer 'Inflationszeit übrig geblieben war. Ich meine, lmr müssen endlich einmal beginnen, viorzubauen und die geeigneten Sicherungen zu schaffen, damit Aehnliches nicht wiederkehre. Man hat in die- . fern Zusammenhang von weitausholenden Programmen gesprochen, deren Durchführung bewirken soll, daß die Mvtschäft so sehr als nur möglich von der Politik getrennt! Und eigenen zuständigen Körperschaften, einem Wirtschafkspärlanient, einem Wirtschaf t'srat, oder ähnlichen Einrichtungen überantwortet werde. Ich bin der Meinung, daß wir nicht so lange warten, sondern im Augenblick zu greifen müssen, und darum habe ich zunächst eine der Quellen des Uebels, die politischen Interventionen st« jgeschäftttWn AntzMM- - Heiken, ' zu' verstopfen getrachtet. Ich werde mit allen Kräften darauf dringen, daß das Parlament wirkliche Arbeit leistet, und bin überzeugt, damit auch den wirtschaftlichen! teressen des 'Landes zu dienen. Zwei Beamte in Disziplinaruntersachung. Gegen den Präsidenten der Grazer Finanzlcmdesdirektion Dr. Otto Pfleger und dem Leiter der Anttlichenj Nachrichtenstelle in Graz, Regierungsrat Martin P ö s chh waren im Zentralbankuntersuchungsausschuh' schwere Anivürfe erhoben ivorden. Beide haben bei der Steirerbcmk ungedeckte Spekülativnskonti in bedeutender i Höhe und hatten sich an den vielkritisierten 'Sieweagtrans> aktionen beteiligt, in deren Folge dem Lande Steiermark Steweagaktien zu einem in die Höhe getriebenen Kurse angehängt wurden. Pöschl ivUrde überdies ein Betrag vion über 300 Millionen von seinem Konto abgeschrreben. Doktor Pfleger, gegen den das Disziplinarverfahren bereits eingeleitet ist) wurde beurlaubt, gegen Pöschl tMvde vdm Bundeskanzle-ramt die Diszlhlinaw-anzeige er statt ett. Reklame «ad Preffe. In den Räumen des österreichischen Handelsmuseums farck gestern die Generalversamnilung der österreichischen Reklamefachleute statt, bei der der Präsident des Vereines, Ing. Stefan Popper, einen interessartten Vortrag über die Bedeutung der Reklame für das Wirtschaftsleben und den wichtigsten Faktor der modernen Propagandadie Presse, hielt. Der Redner erläuterte die Anfänge des Reklamowesens und kam zu der scharfen Trennung von-Propaganda und Reklame. Erstere dient dazu, Ideen und poüttsche Ansichten in die breiten Massen zu tragen, letztere ist ein Wevbemittel für die persönlichen Interessen eines eiiMlnen. Die Zeitung ist berufen, beide Formen der Reklame zu vereinen. Im redaktionellen Teil wird für Ideen Propaganda gemacht, während der adnrinistrative Teil einer Zeitung die Interessen des einzelnen gegenüber seinen Konkurrenten. vertritt. ' Ein richtig redigiertes Blatt legt daher nicht nur Wert 'auf den gediegenen . Propagandainhalt im redaktionellen Teile, sondern auch auf eine ebenso typographisch ur:d reklame-psycho- 'logisch richtige Arbeit in feinen Ankündigungen. In diesem Siiine 'steht die österreichische Preffe hinter ausländischen Zeitungen nicht zurück. Die erwerbenden Stände Oesterreichs müffen zu der Erkenntnis kommen, daß die Neklame heute bereits zü einem unerläßlichen Behelf -des kaufmännischen Lebens geworden ist und ihr inrmer steigende Aufmerksamkeit zuwende. Eines der wichtigsten Mittel für eine wirksame Neklame ist die P r e s s e, und die Kaufmannschaft kann es nur als Gewinn buchen, wenn sich die Zeitungen m den Dienst ihrer persönlichen Interessen stellen. 454