Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2752 (24.10.1926)
- Date
- 1926-10-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 376Z wwuvt wi ining 24. ÖTWBer 1996 EU Mm, MmMy *'■ -----....... 1 ---- --E-E-- r -.—----- .■ .'=ay.a S«m Selegiertevtag. Von Dr. N M. Geiber. Der diesjährige Delagier-tendrg tM in emvm eensten Au-geEicke -er Krise mnevholl-b «unserer Organisation zusammen. Schon aus diesem Grunde wird eS notwendig fein, -atz die Delegierten über die Probleme unserer Organisation ernst und wüvdevoll beraten. Me Kampagne, die in Men seit Jahr und Dag gsgr-n einzelne Gruippen und Personen in der Zionistischen Lvndesorganisation gvführt wird, muß endlich abgebaut werden, mn einer verständnisvollen Zusammenarbeit, wie sie unter Mitgliedern einer einheitlichen Organisation «herrschen soll, Platz zu schaffen. Der diesjährige Deliegiertentag wind sich vor allem Mit der Trage des Wiederaufbames der Organisation, 'dem persönlichen Verhältnis der Zionisten zur Sammeltätigkeit für Palästina, sowie mit «der Kulturarbeit zu beschäftigen >haiben. Es ist kein Geheimnis mehr, daß unsere Organisation in Oesterreich in den letzten zwei Jaihren durch interne Meinungsdifferenzen geschllvächt wurde. Wenn m«dj in den einzelnen Ssktivnen ein reges Leben 'herrscht, so sipürt man doch den Mangel jener Schlvgfertigksit und Msziplinievtheit, die stets unsere Organisation auszeichnete. Der DÄegiertentag lvird der künftigen Leitung entsiprechende Richtlinien geben müssen, wie und mit welchen Mitteln «der organis«atovlsche Aufbau wieder errichtet werden soll. Vielleicht wird sich sogar die Notwendigkeit ergeben, für den Aufbau unserer Organisation eine andere Form, als die der Bezirkssoktionen ■ ausfindig zu machen. Für seiden Fall müssen die Delegierten, diesen — und nicht Persönlichen — Fragen ein besonders Augenmerk schenken. Mit dieser Frage eng verkn>ü!Pft, ist auch die der Propaganda. Unsere Propaganda m>uß von nun an auf ganz andere Grundlagen «gestellt werden. Es gonü«gt nicht, an die Massen mit allgemeinen Schilagworten über jüdischen Nationalismus und Zionismus zu treten, ohne sich selbst zu bemühen, der eigenen zionistischen Anschauung einen Inhalt zu verleihen. Unser Nationalismus beschränkte sich bis -nun'auf das bloße Bekenntnis zur gemeinsamen Abstammung und Volkstum. Das Bekenntnis allein, genügt aber nicht. Wir müssen in der La«ge sein, die VerbirtdungSbrüicke Zwischen unserer Vergangenheit und Zu- ' kunft in Palästina herzustellen. Dies kann aber mit durch die Erkenntnis der geistigen Werte unseres Volkes, Verbreitung «unserer Sprache und Kultur, zumindest aber in «den Kreisen unserer Jugend erzielt werden. Die Jugendarbeit, die eigentlich die wichtigste Voraussetzung jieder iPropaga-ndatätigkeit unserer Org-. » sation bilden soll, muß sich -cmsMi-eßlich auf die Verbreitung der jüdischen Kultur «und hebräischen Sprachkenntmsse m den Rechen unserer Jugend beschränken. Unsere bisherige Aus meinen Srinnerungeu an Badchnaim. Von Jatov Dtsmvv. Der Autor der nachfolgenden Erinnerungen zählte - zu den bedeutendsten Badchanim (HochzeitSspagma^ern), die der jüdische Osten aufzuweisen hatte. Er dürfte» ebenso wie ttn Westen, in gerviss-er 'Analogie der vor kurzem devstorbene Professor Nasche, wohl der Letzte idieses Typus' gewesen sein. Seine Vorträge in Prosa uno in Reimen, seine zahllosen Witze und Aussprüche waren allgemein bekannt uno brachten es mit sich, daß er, obwohl fern ständiger Wohnsitz Grodno war, zu j^»er Hochzeit in Polen, Litauern und der Ukraine berufen wurde. Er starb im Jahve 1919 in Wilna in den schlechtesten materiellen Verhältnissen. Einer seiner Söhne ist ein hervorragender und gesuchter Arzt in Deutschland. Bor ungefähr 40 bis 50 Jahren lebte in dem Städtchen Sislewftz d«r Badchan Eleasar Sislewiczer. Ich habe ihn persönlich gekannt, da ich mit ihm an tzwei Hochzeiten teilnahm. Er war ein hervorragende« Gelehrter. Seine Borträge waren aus dem althebräischen Schrifttum und dem Midrasch geschöpft. Er pflegte die Namen der Brauteltem in ein Kapitel des Midrasch zu verknüpfen. Slslewiezer war aufrichtig fromm, wich nicht um ein Iota von den religiösen Vorschriften ab, trug stets eine kleine Ausgabe des Talmud und dcS .Midrasch Nabba" bei sich. Dazu kam sein würdiges Aussehen, seine stolze Haltung. Die Hochzeltgeschenke pflegte er niemals auSzurufen: „Wie steht denn das ans?" sagte er. „Kaum habe ich meinen Vortrag beendigt, soll ich ausrufen: ,Ein HochzektSgescheuk von her Sippe des Bräutigams', wie wenn ich bei einer Versteigerung zu fragen hätte: Mer bietet mehr?'" Er aß auch bei keiner Hochzeit. Wegen seines vornehmen, gediegenen WefenS war er bei Hochzeiten von Rabbinern und sonstigen Gelehrten sehr gesucht. Man sagte ihm auch nach, daß er den größten Dell seiner Einkommenfür wohltätige Zwecks, wie zum Beispiel Ausstattungen von Bräuten, Erhaltung von Talrnud»Th ora-Schulen tifjv., zu perlenden pflegte. In seinem Hermatsstädtchen besaß er «in Jugendarbeit krankte eben daran, daß wir der Jugeno mit Ausnahme programmatischer ErKärungen und Theorien nichts bieten konnten, was sie an das Judentum und den Zionismus enger zu knüpft« in der Lage gewesen wäre. Aus diesem Mangel «heraus, erklärt sich auch, warum «unsere Jugered nach Äbsalvierung ihrer Studien dem Zionismus aktiv ftrndlei-bt und an den Bestrebungen «unserer Organisation und des Aufbaues unsevsr Heimstätte so gut wir gar kein Interesse nimmt. Werden wir unserer Jugend die Kenntnis der hebräischen Spm-che und ein lebhaftes Interesse am Zionismus, als einer Bewegung, die die nationale Heimstätte in Palästina unfy die Renaissance unseres geistigen nationalen Lebens zury Ziele 'hat, -erbringen, so werden wir auch einen Kader «guter und ergebener Mitarbeiter für unsere Sache schaffen. Schon aus 'diesem Grunde allein, ergibt sich die Notwendigkeit, daß die Zionistische Landesorganisation sich mehr mit der Kulturarbeit beschäftigen soll. Dom Delegiertentag wäre ein entsprechendes Arbeitsprogramm auf diesem Gebiete vorzulogen. Veranstaltung von Vorträgen aus dem G.biete jüdischer Geschichte, Literatur, Hebräischku-rse für Erwachsene und Jugendliche, Wandervorträge in den einzelnen Provi-nzorteu, dies alles soll den allgemeinen Rahmen einer -Kulturtätigkeit unter Leibung eines spegiellen Reftmtes im Landeskornitee bilden. Auch auf dem Gebiete unserer politischen Betätigung, hauptsächlich, aber in der jüdischen Gemeinde, müssen wir uns mehr mit Fragen unseres Erzlehungswesens beschäftigen. Ich verweise nur aus eine analcgc Täti-g'k'it der zionistischen Mandabare in der Berliner jüdischen Gemeinde, wo es ihnen gelungen ist, die Gemeinde «dazu zu bringen, das gesamte Erziehungswesen, ja selbst die Führung moderner hebräischer Sprachkurse in eigene Verwaltung zu übr-rnehmen. Was den zionistischen Dkmda'tare.n in der Berliner Gemeinde gelingen konnte, wird auch unseren Mandataren hier gcEingon müssiM. Allerdings wird es notwendig sein, ein entsprechendes Programm auszuarbeiten, das von Voraussetzungen des Erreichbaren ausgehen soll. Aäußerst empfehlenswert wird es sein, endlich ein-; mal das Verhältnis des einzelner Zionisten zum Keren . Hajessod zu regeln. Wir zählen in Oesterreich zwar eine ansehnliche Anzahl von zionistischen Keren-Hajessod- Zahlern, aber der Standard ihrer Leistungen entspricht keineswegs den Verpflichtungen, denen ein Zionist für den Au'fba«u unserer Heimstätte nachOommen soll. Durch die Schaffung einer starke Organisation wird man auch der neuen Leibung die Möglichkeit geben, in dieser Hinsicht Remedur zu schaffen. Es gc'ht nicht an, daß Zionisten für den Keren Hajessod ebenso viÄ geben, wie für andere humanitäre Bereinigungen. Dieser Vorwurf trifft leider ««v««W«VVvv««t^v«WvvvVGWVvVvV»vV«WVV» Kennen Sie schon 4i« *r*»4UM« Wirkt»# 4«t DIANA- - FRANZBRANNTWEIN Jeder GESUND^ und jeder KRANKE wl*4 m Urnen 4*4 41« denkbu bttfe Wirksam 4txel Diana Franzbranntwein mit Menthol «Mleit wirf. ÜBERALL ERHAITKICH! Zionisten aller Schattierungen, nicht weniger aber auch jene, -die aus besonderer Anhänglichkeit für Palästina sogar jedwede landespolitische Betätigung unserer Ovganisation bekämpfen. Um eine erhöhte Leistung für den Keren Hajessod zu erzielen, bedarf es einer Aufklärungsarbeit, die die Zionisten dazu bringen soll, ihre inneren Deziehungon zum Palästina-Aufbau und dem Renaissanccwerk unseres Volkes zu intensivieren. Voraussetzung für all dies ist eine starke zionistische Organisation. Gelingt es dem Delegierbendag entsprechende Maßnahmen für den Aufbau unserer Organisation zu treffen, dann wird sich auch demgemäß die Sammeltätigkeit für P«allästina auswirkem Die in den letzten Jahren in so vielen zioiristifchen Kreisen beliebte Bagatellisierung der Organisation muß ein für allemal aushöven. Cs muß bei allen Zionisten das Bewußtsein rege werden, daß die Zionistische Organisation die Grundlage und die Seele jedweder zionistischen Arbeit ist. Ser Hammer-Fritsch verurteilt. Zu vier Monn en Gefängnis. Hamburg, 22. Oktober. Der Beleidigungsprozeß des Hamburger Bankiers Max Marburg gegen den Herausgeber der deutschvölkischen Zeitschrift „Der Hammers Theodor Fritsch, brachte heute nach dreitägiger Rsvisions-- verhan-dlung das Urteil der Strafkammer des Hamburger Landgerichtes. Fritsch hatte, wie ausführlich berichtet, in mehreren Artikeln behauptet, daß Marburg sich im Kriege ungewöhnlich bereichert, seine und die Mischen Interessen jenen Deutschlands vorangestellt und durch Verhinderung in Stockholm begonnener Friedensverhandlungerv und einer in Newhork geplanten Anleihe Landesverrat he-, gangen habe. Die Verhandlung ergab die völlige Nichtigkeit all dieser Beschuldigungen und das ©ex richt verurteilte Fritsch, in Abänderung der früheren Geldstrafe von 1000 Mark/ wegen fortgesetzter übler Nach-, rede zu v i e r M o n a t e n Gefängnis. eigenes Haus, in welchem seine Frau ein Lebensmittelgeschäft betrieb. Zuletzt, sah ich ihn bei .einer Hochzeit des Krinker Rabbi, ungefähr in dem Jahr, in welchem er, kaum zwei Monate später, im Alter von 63 Jahren starb. In Bobruisk wohnte der Badchan Pejsach Eli. Er war der. „Gaon" aller Badchan in der letzten Zeit, die uns überhaupt bekannt sind. Seine Kenntnis in den Schriften der Lehre samt allen Erklärungen war ungeheuer. Es genügte, ihm zwei Morte zu sagen, damit er den vorangehenden und den nachfolgenden Absatz aus dem Gedächtnisse ergänzte. Auch im Talmud und im Midrasch war er außerordentlich bervaiidert. Dazu kam seine schöne Aussprache und sein schönes Aeußeres. Gelehrte hatten vor ihm die größte Achtung. Znnser erzählte mir, daß er bei Eli einen Brief geschen hatte ^eine Einladung zu einer Hochzeit), der die Aufschrift trug; „An den hervorragenden Gelehrten". Sein« Gedankenschärfe, 'feine plötzlichen Einfälle, sein klarer, tiefer Blick bezauberten all« Zuhörer. Er ist die Quell«, aus der alle Badchanin schöpfen. Auch Zunser verdankte ihm den größten Teil seiner Texte. Tie GesangSkunst und die Verstellung der 'Melodie waren selbstverständlich ZunserS eigenes Werk. Eine Schwäche besaß Elt: er begann feinen Vortrag nicht früher, bis er nicht einen neunziggrädigon Schnaps bekam. Damals führte die Eisenbahn noch nicht überall hin, und deshalb besaß Pejsach Elt einen kleine« ztveirädrigvn .Wagen mit einem ausgezeichneten Pferd, das er selbst kutschierte und zu allen Fahrten benützte. Ich habe ihn vor ungefähr 85 Jahren, als ich mich in Bobruisk aufhtelt, besucht. Er war damatt schon ziemlich gealtert. Er führte mich in seinen Obstgarten, um mir seine Bienenstöcke, sein großes, schönes Haus und seine Kutsche zu zeigen. Die Pferde befaß er nicht mchr, da er seinen Beruf nicht mehr ausübte. In Minsk lebte der Badchan Sender. Sr schrieb bereits Lieder, war ein hervorragende -Musiker, spielt» ausgezeichnet Geig«. Bei einem Deutschen erlernte er die Zauberkunst, die er bei Hochzeiten verwendete. Sr \m ein ausgezeichnete« Sprecher mit» m bekannter Autor von Graoiuschnjten. Sem Sohn ist der bekannte Biottnkünstler Fi.delmcinn in Petersburg. In dm Z-iten Zunsers war auch Hillel Kle-- danow aus Vorisow bekannt. Er schriÄ das Werk „Der Korridoc", eine Liedersammlung, hatte einen ausgezeichl'.elcn Vortrag und war überhaupt kein ungebildeter Mensch. Er starb vor ungefähr 15 Jahren. Auch den berühmten Eliakum Zunser habe ich' persönlich gekannt und ihn seine eigmen Lieder und Musiktexte vortragen gehört. Er verstarb es, den Text seiner Lieder den Zeiiverhältnissen anzupasfen, wodurch er einen ungeheuren Erfolg beim. Publikum hatte. Seinen Lorbeerkranz hat er sich reichlich verdient, vor allem, tveil er au3 eigener Kraft schöpfte. Er hatte niemals «ine Jeschiwah besucht, weil seine Eltern 'zu unbemittelt waren, um sich dies leisten zu können. Mtt zwölf Jahren kam er zu einem Juwelier, mit 23 Jahren heiratet« er. Durch Zufall traf er in dem Orte, wo seine Achnüegereltern wohnten, den Badchan M o s e W a r s ch a u e r, der ihn zur Ergrnsmlg dieses neuen Berufs veranlaßt«. Schon als kleines Kind hatte Zunser nämlich Neigung zum Reimen, so daß er bei Mos« Warschauer in die „Lehre" ging. Bei ihm erlernte er das Fach des Badchan. Erst späte« wendete er seiner Bildung . Ausmerksamkait zu und eignes sich tatsächlich ein ziemlich großes Wissen an. Wenn er etwas schreiben wollte, durchdachte «r es oft die ganze Nacht, um dann früh morgens nach lvenigen Minuten Schlafes seine Arbeit sortzusetzen. Das habe ich selbst miterlebt. Seit eS Mod« wurde, Lieder vorzutragen (und dazu hatte Zuuser viel beigstragen), geriet die Badchanuch in eine Sackgasse. Mer nur ein wenig Stimm« und eine .gesund« Lunge besaß, lernte einige Lieder, erwarb von einem Badchan einige Borträge und war dann selbst Badchan. Ich selbst habe wiederholt, in der Regel gegen gutes Honorar, solche Borftäge für andere susgearbeiftt. Ich hatte auch solch« Schüler, denen ich die hebräischen Worte so niederschreiüen mußte, wie sie ge?' sprochen toerdsn, da si« nicht einmal hchräisch lesen konnten. Ueber solche Badchanim Pflegten andere